
Tierversuche: Wieviel Leid ist vertretbar?
Jeder kennt sie, die grauenhaften Bilder aus den Versuchslabors. Experten sagen: Tierexperimente sind nötig,
um die Medizin ans Licht zu führen - ohne sie gibt es keinen medizinischen Fortschritt.
Zahl der Tierversuche wieder im Steigen begriffen. (surfmed)
Im gleichen Atemzug sagen viele dieser Experten: Der Umfang der Tierexperimente kann verringert, die Bedingungen für
die Tiere deutlich verbessert werden. In der Praxis kann davon allerdings keine Rede sein. Die Zahlen des
Bundeslandwirtschaftsministeriums zu Tierversuchen in Deutschland sprechen eine deutliche Sprache: Nach Jahren des
kontinuierlichen Rückgangs ist die Zahl der Tiere, die bei verschiedenen Versuchen ihr Leben lassen müssen,
wieder im Steigen begriffen – um 60.000 im Vergleich zum Jahr davor auf insgesamt rund 1,6 Millionen.
Das ist freilich ein Bruchteil des weltweiten Bedarfs. Zwar können Zahlen nur geschätzt werden, da es in vielen
Staaten keine offiziellen Zählungen gibt, doch Experten halten einen "Verbrauch" von 250 bis 300 Millionen Tieren
jährlich für durchaus realistisch.
"In den USA etwa wurden erst vor wenigen Monaten Nager überhaupt als Tiere anerkannt", erzählt Helmut Appl,
stellvertretender Geschäftsführer am österreichischen Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen
(zet).
Mäuse und Ratten galten bis dahin als Labormaterial – und über Eprouvetten und Pinzetten muss keine Rechenschaft
abgelegt werden.
Tests mit allem, was kreucht und fleucht
Tierarten, an denen neue Medikamente und Behandlungsverfahren, Lebensmittel-Zusatzstoffe und Chemikalien, Salben im
Versuchs- und Shampoos im Endstadium ausprobiert werden, umfassen die ganze Palette an Vierbeinern aus dem
Streichel-Zoo: von Ratte und Maus bis zu Hund und Katz‘, von Schwein und Ziege bis zu Pferd und Affe.
Den Großteil – rund 85 Prozent – machen Nagetiere aus. Darüber hinaus steigen die Zahlen für so
genannte "niedrigere" Tierarten wie Fische, Vögel, Amphibien, Krebse und dergleichen.
"Es gibt kaum Produkte des täglichen Bedarfs, die nicht über den Tierversuch laufen", meint Appl. Doch damit
ist die Zunahme nicht zu erklären.
Auch die deutlich merkbare Steigerung bei der Substanzsuche hat die Tierversuchszahlen nicht hinauf geschraubt.
Gleichzeitig läuft die Suche nach Alternativmethoden auf Hochtouren – und weist durchaus Erfolge auf.
"Wir konnten die Gesamtzahl an Tierversuchen seit den achtziger Jahren halbieren", sagt Horst Spielmann, Leiter der
"Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen" (ZEBET), einer
Abteilung des deutschen Bundesgesundheitsamts.
Transgene Tiere – Basis für neue Entwicklungen?
Schuld am Steigen der Tierversuche in den letzten beiden Jahren ist die Genforschung, und hier vor allem die
"Herstellung" transgener Tiere, also von Lebewesen, denen ein artfremdes, meist menschliches Gen implantiert
wurde; das erklärt übrigens zum Teil, weshalb im nahezu genforschungsfreien Österreich nach wie vor ein
Rückgang bei Tierversuchen zu verzeichnen ist.
Eigens "designte" Tiere sollen die Grundlagenforschung über Entstehung und Ursachen von Krankheiten, aber auch
über die Wirkweisen von Medikamenten und Therapieverfahren erleichtern.
Die in den USA patentierte "Onko-Maus" etwa, über deren Zulassung in Europa nach wie vor gestritten wird, wurde
so manipuliert, dass sie besonders schnell an jeder Form von Krebs erkrankt.
Weitere Patente folgten: Fettsucht-, Alzheimer- und Mukoviszidose-Mäuse sollen dabei helfen, der Krankheiten Herr zu werden.
Bisher freilich mit mäßigem Erfolg. "Bisher wurde kein einziges Medikament auf Basis transgener Tiere entwickelt",
meint Spielmann. Gene, soviel wird selbst streitbaren Befürwortern immer klarer, wirken auf deutlich komplexere
Weise aufeinander ein als zu Beginn der Gentech-Euphorie vermutet.
"Bis heute ist nicht bekannt", so Spielmann, "ob mit menschlichen Genen manipulierte Mäuse nach denselben Mustern
funktionieren wie Menschen." Womit der Streit, so alt wie der Tierversuch selbst, neue Nahrung erhält: Sind Ergebnisse und Beobachtungen aus
Tierversuchen überhaupt auf den Menschen übertragbar?
Zweifel aus Wissenschaftskreisen
"Wenig Übertragbarkeit besteht da, wo sich der Mensch eindeutig von anderen Säugern unterscheidet", sagt Franz
Gruber, wissenschaftlicher Leiter des Fonds für versuchtstierfreie Forschung (FFVFF) aus Zürich.
Im Tierversuch beispielsweise wird oft versucht, antidepressiv wirkende Substanzen durch den so genannten ‚forced
swimming test‘ zu finden.
Ratten werden dabei in einen mit Wasser gefüllten Behälter gesetzt, aus dem sie nicht entkommen können.
Die Beobachter stoppen nun, nach welcher Zeit die Ratten aufhören, sich durch Schwimmen über Wasser zu halten.
Zögert eine Substanz diesen Zeitpunkt hinaus, gilt sie als potenziell antidepressiv.
In Wirklichkeit gibt es für eine Ratte jedoch viele Gründe, mit dem Schwimmen aufzuhören, etwa um Kraft zu sparen.
Menschen wiederum werden aus vielfältigen Gründen depressiv...
Vereinfachungen schaffen nicht immer Klärung
Die Forschung vernachlässigt hier Verhaltensaspekte und schließt aus stark vereinfachten Modellen auf komplizierte
Mechanismen. Selbst Beispiele für Tierversuchs-Erfolge hinken manchmal. So wurden viele Chemotherapie-Kombinationen
an Nacktmäusen auf ihre Wirsamkeit getestet. In die Mäuse hatte man menschliche Tumoren transplantiert. Auf die
Chemotherapie reagierten sie sehr ähnlich wie Menschen – also durchaus ein Erfolg des Tierversuchs.
"Was jedoch an diesem Modell nicht vorausgesagt werden kann, sind die Langzeitfolgen einer Therapie", meint Gruber.
Also ob und nach wievielen Jahren die behandelten Menschen wieder einen Tumor bekommen.
Ähnlich gelagert sind Zweifel über Ergebnisse aus der Genforschung. So genannte Knock-out-Mäuse zum Beispiel,
bei denen die Funktion bestimmter Gene ausgeschaltet wurde, sind zwar brauchbar, um herauszufinden, was dieses
Gen in der Maus steuert. Ob jedoch die Steuerung beim Menschen genauso abläuft, ist nicht gesagt.
Tierschützer protestieren heftig
Aus diesem Grund gehen Tierschützer seit Jahren auf die Barrikaden.
Neben dem moralischen Aspekt – dem prinzipiellen Recht des Tiers darauf, nicht gequält zu werden – argumentieren die
kühleren Köpfe unter ihnen mit Forschungsbehinderung durch die unterschiedlichen Ergebnisse, die bei Tier und Mensch
erzielt werden. So wurden die Warnungen von Ärzten, Raucher hätten ein höheres Lungenkrebsrisiko, jahrelang in den Wind geschlagen,
weil die Versuchstiere, die unfreiwillig zum Rauchen gezwungen worden waren, keinen Krebs entwickelten.
Auch die dramatischen Auswirkungen von Contergan hatte trotz umfangreicher Tests niemand voraus gesehen.
Für Norbert Bornatowicz, Bereichsleiter der Toxikologie im Forschungszentrum Seibersdorf, ein schwaches Argument.
"Die haben damals zwar Tests gemacht, aber nicht auf Fruchtschädigung. Seit Contergan wissen wir, dass das eben
auch nötig ist."
Keine unnötigen Belastungen
"Es kursieren viele veraltete Ansichten in der Bevölkerung", sagt Annemarie Treiber, Präsidentin der Gesellschaft
für Versuchstierkunde und Tierschutz-Beauftragte an der Uni Düsseldorf.
Sie musste schon Leute durch ihr Labor führen, weil sich in der Stadt das Gerücht hielt, die Universität hätte
einen eigenen Hundefänger angestellt.
Treibers Meinung nach werden Tierversuche immer so schonend wie möglich durchgeführt.
"Natürlich gibt es auch Experimente, die schmerzhaft sind. Doch niemals werden sinnlose Versuche gemacht."
Bei Versuchen, die starke Schmerzen verursachen könnten, müssen Tiere sachgerecht narkotisiert und später mit
Schmerzmitteln behandelt werden. Auch Stress und Angst würden nach Möglichkeit vermieden.
"Die Tiere haben oft jahrelang dieselben Pfleger, die ihnen dann auch beim Experiment wieder begegnen."
Hier hätten, so die Biologin, die Tierschützer unrecht. "Es ist natürlich einfacher, mit alten, plakativen
Beispielen zu arbeiten als sich mit dem Thema ausführlich zu beschäftigen."
Umfragen scheinen ihr recht zu geben. Auf die Frage, wie sie zu Tierversuchen stehen, sprachen sich aus dem
Bauch heraus achtzig Prozent der deutschen und 64 Prozent der in England Befragten dagegen aus.
Nach einem Hinweis auf "Fortschritte in der Medizin" waren sich die Leute jedoch nicht mehr so sicher. Eine
deutliche Mehrheit der Deutschen und eine knappe Mehrheit der Engländer stimmten den Versuchen nun doch zu.
Keine Tierversuche für Kosmetika
"Es ist nach derzeitigem Forschungsstand einfach nicht möglich, auf alle Tests zu verzichten", bestätigt
Spielmann. "Die Unbedenklichkeit neuer Substanzen kann nicht am Menschen ausprobiert werden – in wessen
Augen sollte man wohl neue Augentropfen träufeln?" Doch ans tierische Auge kämen heutzutage erst Substanzen,
die bereits vielfach vorgetestet und als relativ unbedenklich eingestuft wurden.
Norbert Bornatowicz, an dessen Institut Industriechemikalien vor der Zulassung geprüft werden, stimmt zu:
"Erst wenn in den Ersatz-Verfahren, zum Beispiel im Reagenzglas, keine Reaktionen mehr nachweisbar sind,
geht man aufs Tier."
Diese letzte Prüfung ist gesetzlich vorgeschrieben.
Nicht mehr so bei Kosmetika: Seit heuer dürfen Kosmetik-Endprodukte EU-weit nicht mehr an Tieren getestet werden.
Statt dessen arbeitet man an Zellkulturen und – relativ neu und bereits weithin verwendet – isolierten Kuh-Eutern:
Schlachthof-Überbleibseln, die ähnlich reagieren wie die menschliche Haut.
Mit einer Übergangsfrist gilt die Verordnung ab 2003 auch für Einzelsubstanzen, die in Kosmetika Verwendung
finden sollen.
Kleiner Schritt – großer Erfolg
Dies ist ein großer Erfolg im Kampf um Alternativen, der inzwischen von vielen Seiten – auch von den großen
Pharmafirmen – unterstützt wird: Denn weniger Tierversuche reduzieren die Kosten für die Firmen.
Außerdem erzielen manche der neuen Verfahren bessere Ergebnisse als Tests an Tieren.
Ein Beispiel dafür ist der Phototoxizitäts-Test, ein Zellkultur-Test, an dem mit hundertprozentiger
Übereinstimmung zur menschlichen Haut die Lichtempfindlichkeits-Wirkung von Substanzen untersucht werden kann.
"Die Zulassung dieses Tests auf EU-Ebene war ein wirklicher Durchbruch", freut sich Horst Spielmann, der
entscheidend zur Entwicklung beigetragen hat. Doch auch ohne gesetzliche Vorschriften ist das Verfahren
weltweit auf dem Vormarsch: Denn es ist billiger und aussagekräftiger als die Haut von Kaninchen. <
Und trotzdem: kein Ende in Sicht
Radikalen Gegnern geht das alles zu langsam. Sie sind bereit, für ihre Sache zu kämpfen – im wahrsten
Sinn des Wortes: In Extremfällen wurden auch schon mal Labors verwüstet, Autos angezündet, Wissenschaftler bedroht.
Ihrem Ziel kommen sie damit sicher nicht näher – zum Glück, wie auch besonnene Kritiker von Tierexperimenten
einräumen. Denn es wird noch Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis Tierversuche einigermaßen ersetzt werden können.
Würde man diese Versuche von heute auf morgen verbieten, würde die gesamte Medizin zum Erliegen kommen –
das ist der Tenor aller Experten.
"Wir sind im Moment auch pessimistisch, dass das besser wird", bedauert Spielmann. Denn die Genforschung,
Hoffnungsträger von Medizin und Wissenschaft, hat die Hoffnung auf weniger Tierleid bis auf Weiteres
zunichte gemacht. Tierversuche, sie bleiben die Erbsünde der Medizin.
Quelle: surfmed
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