Khellin / Ammi visnaga


Khellin ist ein pflanzlicher Wirkstoff, der aus den Früchten der Umbellifere Ammi visnaga gewonnen wird. Diese ist eine im östlichen Mittelmeergebiet, in Vorderasien und Nordafrika wild wachsende Pflanze, die als Unkraut eingeschleppt auch in Europa und Amerika vorkam, zum Teil jedoch wieder verschwunden ist. Sie ist einjährig, die Durchschnittshöhe 40-90 cm, die Dolden ähneln denen der Möhre. Die Früchte sind eiförmig elliptisch, seitlich etwas abgeplattet und glatt, etwa 1 x 2 mm groß.

Galenische Zubereitungen der Ammi visnaga Frucht wurden schon im Altertum von den Ägyptern verwendet bei Krampfzuständen im Bereich der ableitenden Harnwege, bei Nieren, Harnleiter und Blasensteinen. Diese Verwendung hat. sich in der Volksmedizin in der Heimat der Ammi visnaga bis in die Gegenwart erhalten. Mustapha (1879) und Malosse (1881) haben aus dieser Pflanze eine kristalline Substanz isoliert, und ihr den Namen Khellin gegeben nach der arabischen Bezeichnung "Khella" fuer Ammi visnaga. 1930 gelang Fantel und Salem die Reindarstellung des Khellin.

Spaeth und Gruber legten 1936 dessen Konstitutionsformel fest, deren Richtigkeit durch die Synthese des Khellin durch Clark und Robertson 1949 endgültig bewiesen wurde. Danach handelt es sich um ein Menomethyldimethoxyfuranochromon. Samaan hat noch mehr Bestandteile aus der Ammi visnaga isoliert, die wichtigsten sind Visnagidin, Visnaginin Visamidin, Visnagan, Khellinin und Khellidin, die in geringfügiger Menge in der Pflanze vorhanden und pharmakologisch weniger bedeutend sind. 1934 wurde die 10%-ige Tinktur und das 2,5%-ige Dekokt in die ägyptische Pharmakopoe aufgenommen.

Seit dem Hinweis Anrep's 1946 auf die coronarerweiternde Wirkung des Khellins hat diese Substanz allgemein große Beachtung gefunden. Uhlenbrook und Mitarbeiter haben umfangreiche Anbauversuche mit Ammi visnaga in der Umgebung von Hamburg und in der Lüneburger Heide durchgeführt und den relativen und absoluten Gehalt der Pflanze an Khellin bestimmt. Sie kamen dabei zu dem Ergebnis, dass der absolute. Khellingehalt in den ausgereiften oder unmittelbar vor der Reife stehenden Früchten am höchsten ist. Der relative Khellingehalt nimmt jedoch mit zunehmender Reifung ab, da zur Samenbildung andere Stoffe in erhöhtem Maße eingelagert werden. Eine Anbauwürdigkeit zur Samengewinnung besteht in Norddeutschland nicht. Im Schwarzwald und in Stuttgart wurden von der Aum 0l- Fabrik ebenfalls Anbauversuche durchgeführt, die zu denselben Ergebnissen führten. Deshalb wird der Same der Ammi visnaga zur Verarbeitung aus den Mittelmeerländern eingeführt.

Die bisherigen pharmakologischen Untersuchungen haben ergeben, dass Khellin eine Erschlaffung der glatten Muskulatur hervorruft, insbesondere der Gefäße der ableitenden Harnwege, der Bronchien, des Magen-Darmtraktes und der Gallenblase. Angriffspunkt ist die glatte Muskelzelle selbst, die bei erhöhtem Tonus besonders gut auf Khellin anspricht. Wirkungen wurden schon bei einer Konzentration von 1:2.000.000 beobachtet. Da nach Anirep das Khellin außer in der glatten Muskulatur auch in anderen Geweben gespeichert wird, bleibt der Blutspiegel nach der Applikation über mehrere Stunden konstant, es kann auch zu einer Kumulierung kommen.

Eine Khellinausscheidung durch die Nieren lässt sich nicht nachweisen. Die Resorption im Magen-Darmkanal geht sehr rasch vor sich. Bei oraler Gabe steigt der Blutspiegel schon nach 10-15 Minuten, bei parenteraler Verabreichung nach 5-7 Minuten auf ein Maximum an. Nach Uhlenbrook ist das Khellin einem enterohepatischen Kreislauf unterworfen, so dass es nach der Resorption aus dem Darm teilweise durch die Leber in die Galle ausgeschieden wird und auf diesem Wege erneut im Darm zur Resorption gelangt. Daher sind auch nach hohen täglichen Khellindosen bei längerer Anwendung Unverträglichkeitserscheinungen aufgetreten, vor allem von Seiten der Verdauungswege. Bei intravenöser Injektion wird als Normaldosis 20-200 mg täglich angegeben, bei oraler Gabe 40-300 mg.

Seit der Entdeckung, dass Khellin besonders auf die Herzkranzgefäße eine starke und lang anhaltende erweiternde Wirkung ausübt, rückte es therapeutisch bei den koronaren Durchblutungsstörungen in den Vordergrund.
An den Coronarien tritt bereits eine nachweisbare erweiternde Wirkung ein, wenn sich im übrigen Gefäßsystem noch keine Tonusveränderungen feststellen lassen. übereinstimmend geben die verschiedenen Autoren an, dass die Khellinwirkung im Vergleich zu Euphyllin und den Nitritpräparaten zwar später einsetzt, jedoch wesentlich länger anhält (mehrere Stunden), was Khellin zur Dauerbehandlung der koronaren Durchblutungsstörungen besonders geeignet macht. Gadermann empfiehlt eine hohe Anfangsdosierung von 150-300 mg per os für einige Tage, und zwar nach dem Essen, um Unverträglichkeitserscheinungen zu vermeiden. Nach 3-7 Tagen erfolgt dann Einstellung auf eine Erhaltungsdosis von 50-100 mg täglich. Nach 1-2 tägiger Applikation wurde bereits Beschwerdefreiheit angegeben, nach mehrwöchiger Behandlung sind die Beschwerden bis zu drei Monaten nach Absetzen des Medikaments ausgeblieben. Gegenüber der koronarerweiternden Wirkung tritt der Einfluss des Khellins auf das übrige Gefäßsystem zurück. Es kommt zwar zu einem mäßigen Absinken des systolischen und diastolischen Blutdrucks, das nach intravenöser Injektion 10-25 mm Hg betragen kann und ein bis zwei Stunden anhält, besonders bei kreislauflabilen Personen. Auch das Schlag- und Minutenvolumen des Herzens nimmt nach der Injektion deutlich zu, wie Gadermann in elektrocardiographischen und kreislaufanalytischen Studien ausführlich dargetan hat. Die übliche Dosierung reicht jedoch nicht aus, um bei der essentiellen Hypertonie eine günstige Wirkung zu erreichen. Anrep, Bruegel und Henne, Dewar, Niel u.a. Haben in ausführlichen Arbeiten die Wirkung von Khellin bei koronaren Durchblutungsstörungen, Koronarthrombose und Herzinfarkt statistisch und kasuistisch dargestellt und sind durchweg zu günstigen Ergebnissen gekommen.

Aufgrund von tierexperimentellen Studien am Lungenpräparat, die eine Erschlaffung der Bronchialmuskulatur zeigten, wurde die therapeutische Wirkung des Khellin auch beim Asthma bronchiale geprüft. Nach Anrep, Derbes, Major und anderen haben 60-80% der behandelten Patienten gut auf Khellin angesprochen. Die Vitalkapazität hat sich um 600-1000 cc gesteigert, und die subjektiven Beschwerden ließen erheblich nach. Besonders indiziert ist Khellin nach diesen Autoren bei Asthmatikern mit Hypertonie da der Blutdruck nicht erhöht wird wie bei den Medikamenten der Adrenalinreihe. Gadermann wies auf die besonders günstige Wirkung bei Asthma hin das durch unspezifische peribronchiale und auch ausgedehntere Infiltration kompliziert ist. Vor allem wirkt sich auch hier der langanhaltende spasmolytische Effekt besonders vorteilhaft aus. Dabei erscheint auch ein zentraler Angriffspunkt möglich. Im Allgemeinen werden Dosierungen von 150 bis 300 mg benötigt, um eine prompte Wirkung zu erreichen. Schulze und Franke geben jedoch an, dass sie im akuten Anfall selbst mit intramuskulär Gaben, von 50 mg keine Sofortwirkung feststellen und auf Präparate der Adrenalinreihe nicht verzichten konnten. Bei Dauerbehandlung mit oralen Gaben von 200-300 mg täglich geben sie eine Besserung der Ateinfunktion vom 4. Tag ab an. Von 22 behandelten Fällen haben sie bei 4 ein therapeutisch unbefriedigendes Ergebnis gesehen. Bruegel und Henne stellten bei 11 von 22 Fällen deutliche Besserung fest. Khalil und Safwat veröffentlichten 1950 sehr gute Erfolge mit Khellin bei Pertussis der Kinder, besonders der Säuglinge. Hier kommt vorwiegend die orale Medikation in Frage. Wegen des bitteren Geschmacks wird die Verabreichung des Medikaments in Sirup empfohlen. Die optimale Dosierung liegt bei 7-8 mg pro kg Körpergewicht, verteilt in 3-4 Einzelgaben.

Über die Wirkung von Khellin auf die ableitenden Harnwege publizierte GADERMANN pyeloskopische, pyelographische und klinische Untersuchungen. Danach hat Khellin einen tonussenkenden bzw. spasmolytischen Effekt auf das Beckenkelchsystem, Ureter und Blase. Dieser setzt unmittelbar nach i.v. Injektion und etwa 10 Minuten nach oraler Gabe ein und hält mehrere Stunden an. Neben der Lösung der Spasmen kommt es zu einer vermehrten Harnausscheidung. Bei entsprechendem Verhältnis von Steingröße und Ureterlumen kann ein Steinabgang durch Weiterstellung von Beckenkelchsystem und Ureter erreicht werden, wenn gleichzeitig reichlich Flüssigkeit mit Glycerinzusatz gegeben wird. Nach diesen und anderen Beobachtungen erscheint Khellin bei allen Krampfzuständen und Tenesmen im Bereich der ableitenden Harnwege indiziert; die optimale Dosis liegt zwischen 100 und 250 mg oral und 60 200 mg i.v.

Auch der Tonus der Gallenblase und Gallenwege werden durch Khellin deutlich herabgesetzt. Wenn das Medikament auch nicht immer genügt, um einen Kolikanfall zu coupieren, so ist es doch besonders geeignet zur langdauernden Herabsetzung der Anfallsbereitschaft.
Desgleichen wurde eine tonusvermindernde Wirkung bei spastischen Zuständen im Bereich des Magen Darmtraktes beschrieben, die röntgenologisch kontrolliert wurde. Auch hier waren Dosen um 200 mg notwendig, um eine rasche deutliche Wirkung zu erzielen. Als Nebenwirkungen wurden Übelkeit und Erbrechen nach hohen oralen Dosen, die nüchtern genommen wurden, angegeben. Bei vegetativ labilen Personen wurden Schwindel, Kopfdruck, Kopfsausen und Schlaflosigkeit beobachtet, bei rascher i.v. Injektion auch ein Kollaps. Diese Nebenwirkungen (manche Autoren geben bis 60% der Behandelten an) hängen wohl vorwiegend mit der Dosierung zusammen, z.T. wurden auch keine hochgereinigten Präparate verwendet. Bruegel und Henne stellten nur bei 60% der Behandelten Nebenwirkungen fest.

Zusammenfassend verfügen wir also im Khellin über eine Substanz mit intensiver spasmolytischer Wirkung, besonders auf die erhöht tonisierte glatte Muskulatur. Ein wesentlicher Vorteil liegt in der rasch einsetzenden und sehr lange anhaltenden Wirkung. Das Hauptindikationsgebiet sind die koronaren Durchblutungsstörungen, Asthma bronchiale (besonders bei Hypertonikern), Keuchhusten, Spasmen des Magen-Darmkanals, der Gallen- und der ableitenden Harnwege.

In der Homöopathie ist Ammi visnaga in der Urtinktur zur oralen Gabe, per Injectionem in der D4 gebräuchlich.

Quelle: Dr, med, W. Brecht, Erfahrungsheilkunde, Karl F. Haug Verlag.


 

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