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Prof. Dr.med. Axel W. Bauer, Institut für Geschichte der Medizin, Universitätsklinikum Heidelberg kommentiert:
Weshalb war der Hippokratische Eid in der Antike offenbar funktionsfähig?
Ein solcher Eid konnte nur dann sinnvoll und wirksam sein, wenn er die ethischen Maximen nicht in Widerspruch zu jenen praktischen Erfordernissen brachte, die der Arzt im wohlverstandenen Eigeninteresse berücksichtigen mußte. Die sittlichen Verpflichtungen konnten nur deshalb eingehalten werden, weil die berechtigten Ansprüche aller Beteiligten (Lehrer, Schüler, Arzt, Patient, Gesellschaft) in ein faires, pragmatisch begründbares Gleichgewicht gebracht wurden. Diese gelungene Balance erscheint als die eigentliche, historisch bemerkenswerte Leistung des Hippokratischen Eides. Als unmittelbar gültige normative Richtschnur für das konkrete Handeln des heutigen Arztes kann er vor dem gewandelten wissenschaftlichen und sozialen Kontext der Gegenwart allerdings nicht mehr dienen; die Geschichte entläßt uns nicht aus der Verantwortung für unsere eigene Zeit.
Ende des Zitats. |
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Interessant ist, dass – nach genauer Analyse – der Hippokratische Eid heute eher auf den Beruf des Heilpraktikers zutrifft als auf den des Arztes.
Der Heilpraktiker überweist seine Patienten an einen Spezialisten, wenn die Naturheilkunde keine Aussicht auf eine Gesundung bietet. Behandlungsfehler sind einem Heilpraktiker wesentlich abträglicher als einem Arzt.
Grundsätzlich wird der Heilpraktiker niemals an einer Selbsttötung oder sogar an der Tötung eines Menschen aktiv oder passiv beteiligt sein. Auch eine Abtreibung steht ausser Frage.
Das staatliche Medizin Studium ist frei, der angehende Heilpraktiker bezahlt für seine Ausbildung und sorgt dadurch, wie im Eid vorgeschrieben, für den Lebensunterhalt seiner Dozenten und seiner "Alma mater".
Der Heilpraktiker gibt in Form von Assistenzstellen, sein Wissen an jüngere, unerfahrene Kolleginnen und Kollegen weiter.
Fazit: Der Heilpraktiker könnte auch heute noch den Hippokratischen Eid mit gutem Gewissen ablegen, der Arzt nicht mehr.
Der Hippokratische Eid
Ich schwöre bei Apollon dem Arzt und bei Asklepios, Hygieia und Panakeia sowie unter Anrufung aller Götter und Göttinnen als Zeugen, daß ich nach Kräften und gemäß meinem Urteil diesen Eid und diesen Vertrag erfüllen werde:
Denjenigen, der mich diese Kunst gelehrt hat, werde ich meinen Eltern gleichstellen und das Leben mit ihm teilen; falls es nötig ist, werde ich ihn mitversorgen. Seine männlichen Nachkommen werde ich wie meine Brüder achten und sie ohne Honorar und ohne Vertrag diese Kunst lehren, wenn sie sie erlernen wollen. Mit Unterricht, Vorlesungen und allen übrigen Aspekten der Ausbildung werde ich meine eigenen Söhne, die Söhne meines Lehrers und diejenigen Schüler versorgen, die nach ärztlichem Brauch den Vertrag unterschrieben und den Eid abgelegt haben, aber sonst niemanden.
Die diätetischen Maßnahmen werde ich nach Kräften und gemäß meinem Urteil zum Nutzen der Kranken einsetzen, Schädigung und Unrecht aber ausschließen.
Ich werde niemandem, nicht einmal auf ausdrückliches Verlangen, ein tödliches Medikament geben, und ich werde auch keinen entsprechenden Rat erteilen; ebenso werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel aushändigen.
Lauter und gewissenhaft werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.
Auf keinen Fall werde ich Blasensteinkranke operieren, sondern ich werde hier den Handwerkschirurgen Platz machen, die darin erfahren sind.
In wieviele Häuser ich auch kommen werde, zum Nutzen der Kranken will ich eintreten und mich von jedem vorsätzlichen Unrecht und jeder anderen Sittenlosigkeit fernhalten, auch von sexuellen Handlungen mit Frauen und Männern, sowohl Freien als auch Sklaven.
Über alles, was ich während oder außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen sehe oder höre und das man nicht nach draußen tragen darf, werde ich schweigen und es geheimhalten.
Wenn ich diesen meinen Eid erfülle und ihn nicht antaste, so möge ich mein Leben und meine Kunst genießen, gerühmt bei allen Menschen für alle Zeiten; wenn ich ihn aber übertrete und meineidig werde, dann soll das Gegenteil davon geschehen.
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