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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/1998

Multiple Persönlichkeitsstörung / Dissoziative Identitätsstörung

Cover

In ihrer mit „sehr gut“ benoteten Abschlussarbeit zeigt Paracelsus-Absolventin Heike Felicitas Kühn, Celle, in überragender, höchst intelligenter und leicht lesbarer Form Antworten auf brennende Fragen der Psychoanalyse – hier besonders Freud – auf. Paracelsus Report veröffentlicht die umfangreiche Abschlussarbeit als Serie.

Gliederung

1. Vorbemerkung
2. Einleitende Gedanken
3. Fallbeispiel
4. Anamnese und Exploration
4.1 Verhaltensanalyse
4.2 Entwicklungspsychologische Betrachtung
5. Diagnose
6. Therapieziel
6.1 Therapieplanung
6.2 Maßnahmen und Methoden
6.2.1 Phase I: Herstellung der therapeutischen Beziehung
6.2.2 Phase II: Vorläufige Interventionen
6.2.3 Phase III: Versammlung und Erfassung der Helfer
6.2.4 Phase IV: Verträge schließen
6.2.5 Phase V: Arbeit Richtung Integration
6.2.6 Phase VI: Integration/Lösung
6.2.7 Phase 7-9 (Erlernen neuer Verarbeitungsmöglichkeiten; Stabilisierung des Erreichten; Nachsorge)
7. Nachwort
8. Anhang I: Diagnostische Kriterien
9. Anhang II: Glossar der DIS-spezifischen Terminologie
10. Anhang III: Fragebögen,Tests, formelle diagnostische Instrumente, standartisierte Interviews zu Dissoziations-Hypnoseerfahrungen
11. Anhang IV:Tips für Beraterinnen, Therapeutinnen und alle anderen, die mit Multiplen arbeiten
12. Anmerkungen
13. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung

Ich habe mich für dieses Thema entschieden, da selten eine Diagnose wie die der „Multiplen Persönlichkeitsstörung“ Psychiater und klinische Psychologen so in Rage versetzte und sie in Lager von Gegnern und Befürwortern spaltete. Weit über die Fachwelt hinaus provoziert das Thema Gereitztheiten. Es werden immer wieder folgende Frager kontrovers diskutiert:

  • Ist die Multiple Persönlichkeitsstörung ein eigenständiges, durch extreme Traumatisierung verursachtes Krankheitsbild, das jahrzehntelang von der Psychiatrie „unterdrückt wurde?
  • Oder ist sie eine Störung im Gefolge der Hysterie, deren Erscheinungsbild durch die Aufmerksamkeit der Therapeuten und der Medien erst erzeugt wird? (1)

Hier in Deutschland ist das Thema Multiple Persönlichkeitsstörung bzw. Dissoziative Identitätsstörung zu einer Art Glaubensfrage geworden. Ich selbst zähle mich zu den sog. „MPS-Gläubigen“ und hoffe, daß dieser unbefriedigende Zustand nicht mehr lange anhält. Eine Änderung läßt sich durch den großen Zuwachs an Mitgliedern der ISSDFachstudiengruppe (= International Society for the Study of Dissociation) erfreulicherweise erkennen.

Meines Erachtens liegt diese große Ablehnung gegenüber der MPS-Diagnose daran, daß die von multiplen Frauen erlebte Gewalt die Vorstellungskraft der meisten Menschen übersteigt. Es ist leichter, sich nicht eingestehen zu müssen, daß in unserer modernen Gesellschaft Kinder sexuell mißbraucht werden, daß sie physisch und psychisch aufs schrecklichste gequält und gefoltert werden, daß immer mehr Erwachsene ihre „Macht“ Kindern gegenüber ausspielen etc.

Um so intensiver ich mich mit diesem Thema befaßte, stieg zugleich meine Bewunderung gegenüber multiplen Frauen und ihren Überlebensstrategien. Eine gleichbedeutende Aussage trifft auch Michaela HUBER (2)
„Ich arbeite schon seit vielen Jahren mit Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Aber niemals wurde ich in der Erinnerungsarbeit mit den Betroffenen mit derart unerträglichen seelischen, körperlichen, sexuellen Grausamkeiten konfrontiert wie bei Multiplen. Und noch nie habe ich soviel staunende Hochachtung vor den psychischen Überlebensstrategien von Gewaltopfern bekommen wie durch sie.“

Abschließend möchte ich mich dem Vorwort von Michaela HUBER aus dem Handbuch „Multiple Persönlichkeiten – Überlebende extremer Gewalt“, anschließen. Diese paar Sätze treffen genau den Kern und regen zum Nachdenken an. Auch ich wünsche mir, daß multiple Persönlichkeiten mit Behutsamkeit und Respekt behandelt werden, wie es ihrem bewundernswert kreativen Überleben gebührt.
„In der Nacht hatte ein Sturm an der Küste gewütet. Am Morgen fand ich am Strand einen mächtigen schwarzen Stein, von der Wucht der Sturmflut in zwei Teile zerborsten. Dicht daneben lag eine kleine Muschel, halb geöffnet, doch noch in beiden Hälften zusammenhängend. Vorsichtig hob ich sie auf, spähte hinein – und fand eine noch kleinere Muschel darin, zartrosa schimmernd und völlig unversehrt. Auch Menschenkindern gelingt dieses Wunder manchmal. Vor der Wucht der erlittenen Gewalt beschützen sie ihren zarten Wesenskern, indem sie ihn durch die Schaffung neuer“Personen“ in sich umschließen.“

2. Einleitende Gedanken

Bevor ich das Fallbeispiel vorstellen werde, möchte ich noch auf die geschichtliche Entwicklung der multiplen Persönlichkeitsstörung eingehen, da sie meines Erachtens sehr bedeutend für die Entwicklung dieses Krankheitsbildes ist.
CHARCOT(3) entwickelte die Beschreibung der grande hystérie und dehnte 1878 sein Interesse auf den Hypnotismus aus. Er stellte die These auf, daß Besessenheitsphänomene, wie man aus Berichten über Hexenprozesse kennt, mit den hysterischen Symptomen seiner Patientinnen zu vergleichen seien.
Meines Erachtens können wir vermuten, daß viele Frauen, die im Mittelalter als „Hexen“ verbrannt wurden, weil sie mit einer „fremden Stimme“ sprachen oder vom Teufel besessen schienen, in Wirklichkeit multiple Persönlichkeiten waren. (Vergleiche M. HUBER „MPS“).
Michaela HUBER (4) schreibt in ihrem Buch sogar: „Seit Menschen Aufzeichnungen ihrer Erlebnisse hinterlassen haben, also seit den frühesten Höhlenzeichnungen, gibt es die Grundformen multipler Persönlichkeit, etwa indem sich Schamanen in andere Wesen wie Tiere verwandeln oder Geister verkörpern. (5) Und bis heute herrscht in vielen nicht-westlichen Kulturen die Vorstellung vor, Menschen könnten von Dämonen, Toten, Tieren etc.“besessen“ bzw. deren spirituelle „Medien“ sein.“(6)

Auch Henry F. Ellenberger (7) schreibt in seinem Buch „Die Entdeckung des Unbewußten“, daß das Phänomen der Besessenheit sehr wohl als eine Variante der MPS angesehen werden kann.

Nun zurück zu CHARCOT. Er zählte zu den hysterischen Symptomen Anästhesien der Haut, Lähmungserscheinungen, Kontrakturen, epileptoide Erscheinungen sowie hysterische Schlafanfälle. Da CHARCOT bei der Hysterie von einer Hirnschädigung ausging, lehnte er eine psychische Ursache ab. Die psychische Verfassung der Hysterikerinnen verglich er mit einem hypnotischen Zustand.

FREUD(8) besuchte 1886 CHARCOT und lernte von ihm Behandlungsmethoden“hysterischer“ Frauen kennen.1889 erweiterte er seine Kenntnisse über Hypnose bei einem Besuch von BERNHEIM(9) und LIÉBEAULT.(10) LIÉBEAULT behandelte seine Patientinnen mit „Magnetismus“ (= veraltete Bezeichnung für hypnotische Verfahren) und befreite sie damit von ihren Symptomen.
BERNHEIM stellte sich gegen CHARCOT und behauptete, der hysterische Anfall sei nur ein Kunstprodukt seinerseits. Dies begründete er mit seiner Theorie, daß nicht nur Hysterikerinnen hypnotisierbar seien, daß Hypnose und Hysterie nicht identisch seien und daß CHARCOT die Bedeutung der Suggestion nicht erkannt habe.
Für JANET(11), einem Schüler CHARCOT’s, hatte der Inhalt der traumatischen Szenen keine pathologische Bedeutung, ebenso führte er die Dissoziation auf organische Ursachen zurück. Er entdeckte den Zusammenhang zwischen biographischen Ereignissen und hysterischen Symptomen. JANET stellte diesen Zusammenhang sowohl zeitlich als auch inhaltlich her, arbeitete die erlebten Traumata als soziale und Beziehungstraumata heraus und begriff die Traumatisierung als Schädigung für die Persönlichkeitsstruktur.
FREUD hatte viel über Hypnose gelernt und wandte die Hypnosetechniken nun auch bei seinen Patientinnen an. Die Hypnose als Therapiemethode wurde damals immer beliebter. FREUD und sein Kollege und Freund BREUER02) arbeiteten gemeinsam an der Veröffentlichung der „Studien über Hysterie“.03) Allgemein wuchs in der Zeit von 1880-1920 das Interesse am Studium dissoziativer Störungen und multipler Persönlichkeitsstörungen. Etliche Studien wurden damals veröffentlicht, einige erwähnte ich bereits.
Für FREUD und BREUER bestand die Ursache der Störung in der inhaltlichen Besonderheit des Erlebten. Dies bewirkte, derer Meinung nach, die Bindung der Emotionen an das Ereignis und machte somit die Integration des Ereignisses in die Erinnerung unmöglich. Sie zählten zu den „hysterischen Phänomenen“ Anästhesien, Kontrakturen und Lähmungen, Neuralgien, Erbrechen und Anorexie, hysterische und epileptoide Anfälle, Sehstörungen und Halluzinationen. Laut FREUD konnten die traumatischen Erinnerungen unter Hypnose reproduziert werden und somit konnten die an das Ereignis gebundenen Emotionen abreagiert werden. Anschließend verschwanden die hysterischen Symptome. Nach FREUD und BREUER verursachte die Flucht der Patientinnen in autohypnotische oder dissoziative Zustände die Grundvoraussetzung dafür, daß das erlebte Trauma nicht abreagiert werden konnte. Die Reproduktion und Abreaktion des erlebten Traumata unter Hypnose führte zu einer Integration des traumatischen Ereignisses in die Erinnerung. Daraus ergab sich für FREUD und BREUER, daß die Spaltung des Bewußtseins in verschiedene Formen bei jeder Art der Hysterie auftrat. So sei das hypnoide Bewußtsein (oder auch zweites Bewußtsein genannt) ein in sich geschlossener Zustand. Danach würde während eines hysterischen Anfalls das zweite Bewußtsein die Kontrolle über die Psyche und den Körper der Patientinnen übernehmen.
Für BREUER stellten Amnesie und die Spaltung der Psyche wesentliche Charakteristika der „Großen Hysterie“ dar. Die vollständige Spaltung der Psyche würde sich dann vollziehen, wenn die koexistierenden Vorstellungen nicht den gleichen Inhalt aufweisen. Unter diesen sog.“bewußtseinsunfähigen“ Vorstellungen wurden jene verstanden, die wegen ihrer großen Affektbelastung verdrängt oder nur in autohypnotischen Zuständen reproduziert wurden. Nach BREUER kennzeichneten die Amnesie und Halluzinationen den pathologischen Charakter der Spaltung. Allerdings nahm auch er die Traumatisierung durch sexuelle Gewalt nicht wahr, er war schon mit einem Rückgang der“hysterischen Symptome“ zufrieden und beachtete die bleibende Spaltung nicht.

Die Ätiologie der Hysterie wurde von FREUD immer weiter entwickelt. Er bezeichnete die Symptome der Hysterie als Erinnerungssymbole traumatischer Erlebnisse. Die Ursache dieser Symptome muß durch die Analyse des Traumas bis zu seinem Ursprung aufzufinden sein. Für FREUD ergab sich durch die Patientinnen, die von Traumatisierungen durch sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit berichteten, die ätiologische Bedeutung sexueller Traumatisierung für die Ausbildung hysterischer Symptome. FREUD ging bei seinen Patientinnen bis in die Kindheit zurück und verfolgte so die Abfolge der traumatischen Erlebnisse. Er stellte fest, daß hysterische Symptomentwicklungen ihren Ursprung in der frühen Jugend durch sexuelle Gewalterfahrungen haben. Laut FREUD habe die vollständige Abwehr der unerträglichen Erlebnisse die Wandlung der Erinnerungen in unbewußte Erinnerungen zur Folge. So werden zuerst somatische Symptome und später hysterische Symptome hervorgerufen. Er führte körperliche hysterische Symptome immer wieder auf sexuelle Gewalterlebnisse zurück. Durch die Analyse hysterischer Symptome wurde erkannt, daß scheinbar unbedeutende äußere Reize Erinnerungen an das Trauma wecken konnten. Der so ausgelöste hysterische Anfall ergebe sich anscheinend ohne jeden Grund. FREUD schloß daraus, daß die traumatischen Erlebnisse deshalb so machtvoll blieben, weil sie unerledigt seien. Das Ziel der Therapie sei, die verdrängten traumatischen Erlebnisse nochmals zu erinnern und zu bearbeiten. Diese Theorie – reale, frühkindliche Traumata in Gestalt sexueller Gewalt als Ursache hysterischer Erkrankungen – nahm FREUD 1897 wieder zurück und erfand damit die „Verführungstheorie“. Nach dieser „Verführungstheorie“ wünschten die Patientinnen, vom Vater verführt zu werden.

Weiterhin entwickelte er komplizierte triebdynamische Modelle, wie z.B. den Ödipus-komplex, und versuchte damit die Störungen seiner Patientinnen alternativ und sozial verträglicher zu begründen. Dies bedeutet, meines Erachtens, für betroffene Mädchen und Frauen eine Mißachtung ihrer Gewalterfahrungen. Den Patientinnen wurde nicht mehr geglaubt und ihre Aussagen wurden in den Bereich der Phantasie und der inzestuösen Wünsche verbannt. Tragischerweise legte er damit einen Grundstein für eine fast 100- jährige Verleugnung des häufigen Vorkommens von Inzest und sexuellem Mißbrauch.

Warum FREUD kapitulierte, könnte daran gelegen haben, daß er Angst bekam und der Druck der Fachöffentlichkeit zu groß wurde. Die Hysterie war weit verbreitet und wenn seine Theorie gestimmt hätte, wäre das, was FREUD „Perversion gegen Kinder“ nannte, ebenso weit verbreitet gewesen. Auszuschließen ist auch nicht, daß einige Täter zu FREUDS Bekannten- und Kollegenkreis gehörten. Unter diesem Druck und der Erkenntnis, daß auch in seiner Familie sexuelle Übergriffe durch den Vater stattgefunden hatten, gab er auf und nahm offiziell die „Traumatheorie“ zurück.(04) Allgemein führte diese Situation dazu, daß das Interesse an dissoziativen Störungen und multiplen Persönlichkeitsstörungen sank. Bis in die 70er Jahre hinein wurde die Diagnose der MPS oder DIS nur sehr selten gestellt, geschweige denn therapiert. Statt dessen wurde die Diagnose der „Schizophrenie“ von BLEULER(15) immer beliebter. Unter den Schizophrenen findet man vermutlich ca.40% multiple Persönlichkeiten.

Dann stieg das Interesse an dem klinischen Krankheitsbild der MPS in den USA. Es begann eine Periode neuer Studien zur Dissoziation. Viele Psychiater und Forscher setzten sich für die Re-Etablierung von Diagnostik und Behandlungskonzepten für MPS/DIS ein, bis 1980 eine separate diagnostische Kategorie „Dissoziative Störung“ in das internationale Diagnostik-Handbuch für psychische Störungen aufgenommen wurde. Es wurden Testverfahren und Fragebögen entwickelt. 1984 wurde in den USA die International Society for the Study of Multiple Personality and Dissociation (ISSMP & D) gegründet. lm Mai 1994 wurde die Gesellschaft umbenannt in Internationl Society for the Study of Dissociation (ISSD)(16) . Diese Umbenennung wurde durchgeführt, um sich dem geänderten Terminus „Multiple Persönlichkeitsstörung“ in „Dissoziative Identitätsstörung“ im internationalen Diagnostikhandbuch DSM-IV (17) anzupassen.

In den USA und Kanada wurden etliche Therapieprogramme entwickelt. Stationen und Kliniken widmen sich speziell dieser Diagnostik und Behandlung von MPS. Vorbildlich sind ebenso die Niederlande, in der BRD wächst das Interesse eher zögernd. Multiple Patientinnen würden hier eher die Diagnose Borderline-Störung erhalten, als ungewöhnliche Psychopathinnen, als schizophren oder psychotisch bezeichnet werden.

In den letzten Jahren hat sich also dank der Frauenbewegung, Engagements von Kinderschutz-Organisationen und Fachfrauen- und -männer aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen vieles getan und verbessert. Trotzdem wollen viele Kritiker, die sich als Fachleute bezeichnen, und Teile aus der Bevölkerung nicht wahrhaben, wie viele physische und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen, vor allem innerfamiliär, existiert. Sie möchten in unserer patriarchalischen macht- und ausbeutungsorientierten Gesellschaft die Problematik als Modethema, Übertreibungen, hypnotische Induktion von „falschen Erinnerungen“ durch Therapeutin/en oder deren Überengagement etc. abtun. (18)

3. Fallbeispiel

Frau K. ist 23 Jahre alt und suchte auf eigene Initiative nach einer psychotherapeutischen Behandlung. Sie berichtet, daß sie bereits 2 Therapieversuche hinter sich habe. In der ersten Therapie wurde aufgrund einer „Rückführungstechnik“ der frühe sexuelle Mißbrauch erkannt und eine multiple Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. In der zweiten Therapie versuchte der Behandler auf esoterischer Ebene der Klientin Erleichterung zu verschaffen. In der letzten therapeutischen Begegnung hätte sie gemerkt, daß sich ihre Befindlichkeit nicht mehr bessert, und so habe man in beiderseitigem Einverständnis beschlossen, die Therapie zu beenden.
Frau K. schildert dann ihre Schwierigkeiten im alltäglichen Ablauf. So hat sie große Blockaden, die Ausbildung zur Ergotherapeutin kontinuierlich fortzusetzen. Oder sie hat oft keine Erinnerung, wie sie zur Schule (sie besucht die Abendschule, um das Abitur nachzumachen) oder nach Hause gekommen ist. Auch sitzt sie immer wieder hilflos vor ihren Schularbeiten und weiß nicht wer, was, wann und warum geschrieben hat. Das gleiche geschieht, wenn sie zum Musikunterricht geht. Sie befindet sich z.B. bei der Gitarrenlehrerin, erinnert sich aber nur daran, Klavier zu spielen. Es dauert dann oft sehr lange, bis ihre Erinnerung an das Gitarrenspielen wiederkehrt. Es fehlt ihr auch oft „Zeit“. Sie findet dann in ihrer Erinnerung keine Erklärung für die vergangenen Stunden oder Tage. Manchmal ist sie überrascht, daß sie an der Orgel einer Kirche sitzt und für den Gottesdienst spielt. Sie weiß dann nicht, wer diese Vereinbarung getroffen hat oder auch wie sie in die Kirche gekommen ist. Genauso überrascht ist sie, wenn eine Klausur in der Schule mit einer Eins benotet wurde und sie den „Teil“ in sich nicht finden kann, der diese gute Arbeit geschrieben hat. Sie leidet oft unter diesen“Wechseln“ und fühlt sich ihnen völlig ausgeliefert. So kommt sie in ihrem Alltagsleben oft in große Streßsituationen, die sich dann auch psychosomatisch bemerkbar machen können. Es ist ihr dann sehr schwindelig und übel oder sie hat starke Kopf- und Unterleibschmerzen. Sie erlebt Ängste, deren Herkunft sie nicht ergründen kann. Sie steht „neben sich“ und hat zu dem Teil von sich, den sie dann beobachten kann, oft keine Beziehung. Sie weiß,daß da „welche“ (Persönlichkeitsanteile) zu Hause sind und „andere“ in der Schule oder im Gitarrenunterricht.
Vor ca.2 1/2 Jahren wurde es Frau K. bewu ßt, daß sie vage Erinnerungen an sexuell übergreifendes Verhalten hat. Aufgrund der ersten beiden Therapien wurden die Erinnerungen für einige „Persönlichkeitsanteile“ immer deutlicher. So erinnert sie dann sehr deutlich den Mißbrauch durch den Schwager, sie war damals 5 Jahre alt. Ebenso erinnert sie den oralen Mißbrauch durch den Vater, wie alt sie war, kann Frau K. nicht sagen. Auch kann sie sich entsinnen, daß sie mit dem Vater oft „spazieren gehen“, sowie „Freunde“ von ihm „besuchen“ mußte. An den Inhalt der „Besuche“ hat sie keine Erinnerung. In diesem Zusammenhang meint sie auch eine mögliche Erklärung für die „unglaublich starken Schmerzen“ während der Periode zu haben. Diese starken Schmerzanfälle hat sie aber auch außerhalb der Mensis.
Sie erinnert sich daran, daß ihre Mutter mit ihren Launen nicht klar kam, sie für ein schwieriges Kind hielt und ihr leicht depressiv bis aggressives Verhalten nicht verstand. Außerdem gerät sie in Panik, wenn sich ihr jemand in sexueller Absicht nähert. Sie ist bis heute dem Versuch einer „Beziehung“ aus dem Weg gegangen. Frau K. erinnert sich auch an den Mißbrauch ihrer älteren Stiefschwestern. Weiterhin berichtet Frau K., daß ihre Mutter bei ihrer Geburt 39 Jahre und ihr Vater 52 Jahre alt waren. Die Mutter hatte bereits aus erster Ehe zwei Töchter (damals 11 und 15 Jahre) und der Vater drei erwachsene Kinder, die schon verheiratet waren. An die Kindergartenzeit und Einschulung kann sich Frau K. nicht erinnern. Der Vater verstarb letztes Jahr, seitdem kann sie langsam anfangen, über ihn zureden.

Fortsezung im nächsten Heft mit Punkt 4.

Anmerkungen der Autorin

  1. Psychologie Heute April 1996 „Die 100 Gesichter der Hysterie“
  2. Michaela HUBER, Multiple Persönlichkeiten – Überleben extremer Gewalt, Fischer Verlag 1995
  3. CHARCOT, Jean Martin 1825-1893, Chefarzt des Hospice de la Salpötriöre in Paris, beeinflußte die Weiterentwicklung der Hysterieforschung und Psychiatrie als Lehrer einer großen Zahl von Schülern, unter ihnen Freud, JANET, BABINSKI, Piörre Marie, Gilles de la TOURETTE, BRISSAUD u.a.
  4. Michaela HUBER, Multiple Persönlichkeiten,Fischer Verl. 1995, S.21
  5. Michaela Huber, beruft sich auf Putnam, F.W.: Diagnosis and Treatment of Multiple Personality Disorder, New York/London:The GUILFORD Press, 1989, in: Multiple Persönlichkeiten,S. 27
  6. Michaela Huber beruft sich in ihrem Buch“Multiple Persönlichkeiten“, auf: Ronquillo, E.B.: The influence of „Esperitismo“ an a case of multiple personality disorder, in: Dissociation, Vol. 4 (I), 1991, S.39-45; Richeport, M.M.: The interface between multiple personality, spirit mediumship, and hypnosis,in American Journal of Clinic Hypnosis,Vol.34 (3), 1992, S. 168-177; Mulhern,S.:Embodied alternative identities: Bearing witness to a world that might have been,in: Psychiatric Clinics of North America,Vol.14 (3),1991,5.769-786; Martinez-Taboas,A.:Multiple personality disorder as seen from a social constructionist viewpoint, in:Dissociation,Vol. 4 (3), 1991,5.129-133; Hankoff, L.D.:Religious healing in first – century Christianity, in: Journal of Psychohistory, Vol. 19 (4), 1992, 5.387-407; Akolkar, V.V.:Search for Sharada: Report of a case and ist investigation,in:Journal of the American Society for Psychical Research, Vol. 86 (3), 1992, 5.209-247; Krippner, 5.: Cross – cultural approaches to multiple personality disorder:Therapeutic practices in Brazilian spiritism, in: Humanistic Psychologist, Vol. 14 (3), 1986, S.176-193
  7. Ellenberger, H.F.: Die Entdeckung des Unbewußten,Zürich:Diogenes 1985,5.186f
  8. Freud, Sigmund 1856-1939, Nervenarzt in Wien, seit 1902 auch a.o. Prof. der Psychiatrie in Wien. Schöpfer der Psychoanalyse,die in ihrem Kern eine Methode zur Behandlung von Seelenstörungen ist.Stellte ein umfassendes theoretisches System auf, in dem die einzelnen psychischen Erscheinungen mit eigenen Bezeichnungen belegt sind. Als bedeutendste Leistung gilt die Entdeckung des Unbewußten und der darin herrschenden Gesetzmäßigkeiten. Seine Theorien reichen weit über die Psychiatrie und Psychologie hinaus und geben dem ganzen Zeitalter eine charakteristische Prägung.
  9. Bernheim, Hippolyte 1840-1919, Professor für innere Medizin in Straßburg und Nancy,ab 1879 Haupttheoretiker der Schule von Nancy, übernahm von LIEBAULT die Hypnose, die er jedoch nur bei guten Erfolgschancen anwandte.Wendete erstmalig Schlafkuren an.
  10. Liébault, Auguste Ambroise 1823-1904, Landarzt aus Lothringen, verwendete Hypnose als einziges Behandlungsmittel. Begründer der Schule von Nancy.
  11. JANET, Piérre 1859-1947,studierte Philosophie.Wandte sich nebenher der Medizin und unter dem Einfluß Charcots besonders der Hypnose und Suggestion zu und blieb darin stets Antipode zu Freud. Lehrte ab 1895 experimentelle und vergleichende Psychologie. 1902-1934 Professor am College de France. Stellte zwei Formen der Geistestätigkeit einander gegenüber: den psychologischen Automatismus und eine Kraft zur Synthese. Kernstück seiner Lehre ist eine Theorie über psychische Spannung, die er besonders in der Psychasthenie – Begriff wurde von JANET geprägt – erniedrigt glaubte.
  12. BREUER, Josef 1842-1925, praktischer Arzt der oberen Gesellschaftsschichten in Wien. Habilitierte sich 1875 für innere Medizin.Mitbegründer der Nach- Breuerschen Bogengangstheorie.Bekannt als eigentlicher Erfinder der kathartischen Methode zur Behandlung hysterischer Störungen, die er 1880 mit Hilfe der Patientin Anna 0. (Berta Pappenheim) entwickelte
  13. Freud,S.(1896):Zur Atiologie der Hysterie,in:den.(1895-1924): Schriften zur Krankheitslehre der Psychoanalyse,Fischer Taschenbuchverlag GmbH, Frankfurt/M.,1991, S.53-84
  14. Vergl. M. HUBER, Multiple Persönlichkeiten, S.23
  15. Bleuler, Eugen 1857-1939, Prof.für Psychiatrie in Zürich. Prägte den Ausdruck „Schizophrenie“,der seitdem anstelle von Kraeplins Bezeichnung“Dementia praecox“ verwendet wird. Die Schizophrenie wird als Krankheitsgruppe (Genus) verstanden.Von den Grundsymptomen (Dissoziation des Denkens und affektive Verblödung sowie Verlust des Gefühlsrapports, Ambivalenz,Autismus u.a.) werden die akzessorische Symptome (Sinnestäuschungen,WahnIdeen, Gedächtnisstörungen, Störungen der Person, Sprache, Schrift) unterschieden. Unterstützte auch die Psychoanalyse Freuds, der er dadurch Eingang verschaffte in die Universitätspsychiatrie.
  16. Internationale Fachstudiengruppe (Organisation) der beruflich mit Diagnose,Therapie und Erforschung dissoziativer Störungen befaßten Menschen – 4700 Lake Avenue, Glenview, IL 60025-1485; Deutscher Kontakt: Dr. Lucien Burckhard, Klinik Hohe Mark, Friedländer Str. 2, 61440 Oberursel,oder Michaela HUBER, Beethovenstr. 14, 34246 Vellmar.
  17. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, DSM-IV.
  18. Vergl. Lutz-Ulrich Besser,Skript:“Sexueller Mißbrauch und die Folgen für die Opfer, 5.2-3.

r9804_mp1 Heike Felicitas Kühn,
Jahrgang 1968, absolvierte nach der Realschule eine Krankenpflegeausbildung und danach eine Zusatzausbildung zur Fachkrankenschwester für Psychiatrie.
1994 machte sie einen Weiterbildungslehrgang zur Leitung einer Pflegeeinheit/ Funktionseinheit. Nach Positionen der Stationsleitung leitet Sie seit Anfang 1997 die Psychiatrische Tagesklinik Celle (als Außenstelle der Klinikum Wahrendorff GmbH). Ihr Abend-Studium zur Psychologischen Beraterin in Hannover beendete sie im April dieses Jahres mit der hier abgedruckten Abschlußarbeit.

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