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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/1998

Psychotherapeutisches Arbeiten in und mit der Natur

Cover

Wernher P. Sachon

Eine Einführung

„Krankheit ist nicht Leiden der unterliegenden, sondern heilkräftiges Streben der gegen Schädlichkeiten ankämpfenden Natur.“
Das schrieb K. W. Ideler in seinem „Grundriß der Seelenheilkunde“ im Jahre 1838. Heilkundliche Psychotherapie, Seelenheilkunde, ist so gesehen immer auch Naturheilkunde – ihre Aufgabe ist es, das heilkräftige Streben der Natur zu unterstützen. Immer ist es die lebendige Natur, die heilt, nicht ein Therapeut oder ein Verfahren.


Nun gehört es zu den fragwürdigen Errungenschaften unserer Zeit, die Natur des Menschen als etwas grundsätzlich Getrenntes von der Natur des nichtmenschlichen Lebens anzusehen. Damit haben wir den Grundstein gelegt für eine tiefe Störung der Beziehung des modernen Menschen zur natürlichen Welt und zu den natürlichen Prozessen des Lebens. Die moderne Psychologie folgt dieser Fiktion und macht sie zur Grundlage der Bestimmung ihres Arbeitsfeldes: die Psyche des Menschen endet danach an seiner Haut. Das, was wir mit dem Begriff „Subjekt“ oder „Subjektivität“ beschreiben, befindet sich innerhalb dieser Grenze, außerhalb liegt die „Welt der Objekte“, sie ist für eine psychologische Betrachtungsweise sekundär. Dem war jedoch nicht immer so.

Der ursprünglichere Mensch war und ist sich dessen gewiß: die Entfaltung des menschlichen Lebens ist ein Ausdruck der Entfaltung des Lebens insgesamt, die Natur des Menschen ist ein Ausdruck der Natur alles Lebendigen. Und: Alles Leben ist beseelt, wir Menschen sind nicht etwa beseelte Lebewesen in einer sonst unbeseelten Welt. Das Seelische des Menschen ruht in der Weltseele, der anima mundi – hier hat sie immer ihr Zuhause gehabt: Die Psyche ist nicht in uns, sondern wir sind in der Psyche (C. G. Jung).

Ich setze diese Überlegungen an den Anfang dieses Beitrags, um deutlich zu machen, daß das psychotherapeutische Arbeiten in und mit der Natur nicht nur instrumentellen Charakter hat. Dann würden wir die Natur zur bloßen Ressource, zum Gegenstand herabwürdigen und den Spielarten ihrer Ausbeutung nur eine weitere hinzuzufügen. Vielmehr liegt einer solchen Arbeitsweise ein Bild vom Menschen und seiner Beziehung zur natürlichen Welt zugrunde, das sich deutlich von der herrschenden Vorstellung unterscheidet. Gary Snyder, Poet, Philosoph und Wildnis-Experte in den USA, hat das einmal so formuliert: „Die Natur ist nicht ein Ort, den wir besuchen – es ist unser Zuhause.“ Und nichts benötigt der entfremdete Mensch unserer Zeit mehr, als endlich wieder zu Hause anzukommen.

Instrumente

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlichster Instrumente für ein naturnahes psychotherapeutisches Arbeiten. Ich habe sie der Übersicht halber in Gruppen zusammengefaßt, die sich in der Praxis natürlich überschneiden.
Da ist einmal die Arbeit mit Natursymbolen und Naturmetaphern. Mythen und Märchen aller Kulturen und Epochen sind voll mit Natursymbolen und -metaphern, auch in unseren Träumen erscheinen häufig Symbolbilder aus der Natur. Naturbilder sind seelennahe Bilder, unsere Seele versteht ganz offensichtlich die Natursymbolik und drückt sich gerne in ihr aus. Im katathymen Bilderleben werden deshalb ganz überwiegend Naturbilder für das therapeutische Tagtraumerleben gewählt. Jeanne Achterberg hat sich in ihrer Arbeit des Imagery in Healing ebenfalls die heilende Wirkung von Naturbildern im imaginativen Erleben zunutze gemacht. Sie knüpft damit an die schamanischen Traditionen, an die primitiven Wurzeln der Psychotherapie an.

Übungen in und mit der Natur sind ein zentrales Instrument naturnaher psychotherapeutischer Arbeit, sowohl in der Gruppentherapie wie auch in der Einzelarbeit („Hausaufgaben“). Das können Übungen der Wahrnehmung oder des Kontaktes sein, Übungen der Erdung, der Formgebung oder der Öffnung. Eine Spezialform ist die meditative Übung, das sog. „Exerzitium“. Es gehört eine gewisse Erfahrung dazu, herauszufinden, welche Übungen für den individuellen Klienten/Gruppenteilnehmer in seiner spezifischen Thematik im Augenblick geeignet sind. Erfahrene Psychotherapeuten und – therapeutinnen kreieren aus der Situation heraus neue Übungen und verhelfen so ihren Klienten zu den Erfahrungen, die sie jetzt einen Schritt weiterbringen können.

In der freien Naturerfahrung (Walkabouts) geht es darum, sich ohne Ziel und Wollen auf die Begegnung mit der Natur einzulassen. Wir folgen unserer Wahrnehmung, nicht unserer Vorstellung, sind ganz da und bleiben bei dem, was ist, nicht bei dem, was war oder sein könnte/sollte. Wir geben uns selbst ganz frei – niemand sagt mir, was zu tun ist, niemand hindert mich daran, der zu sein, der ich wirklich bin. Solche „Walkabouts“ sind Zeremonien des Kontakts, der Begegnung und Beziehung des Menschen mit der Natur.
Übergangs- und Initiationsriten in der Natur (z.B. Vision Quest – das einsame 4tägige Fasten in der Natur) sind in der Menschheitsgeschichte verwurzelte rituelle Hilfen zur Bewältigung von Übergangs- und Wandlungsprozessen. Besonders im sozialpädagogischen Bereich in der Jugendarbeit ist ein wachsendes Interesse für übergangsrituelle Instrumente festzustellen, aber auch in der Sozialpsychiatrie beginnt man, nicht bewältigte Übergänge in das pathogene Spektrum mit einzubeziehen. Übergangsriten in der Natur wie die Vision Quest (visio, das Gesicht; quaesitum, suchen) sind eine Spezialform der psychotherapeutischen Arbeit, die ganz besondere Kenntnisse und Fertigkeiten voraussetzt.

Erlebnistherapeutische Instrumente in der Natur sind in den USA insbesondere durch die Outward Bound-Schulen in das therapeutisch-pädagogische Feld integriert worden. Langzeitcamps in der Wildnis (z.B. das schweizerische BigTrail-Projekt in Kanada) werden erfolgreich in der Therapie drogenabhängiger Jugendlicher eingesetzt.

Die Begegnung mit Tieren hat in der Arbeit mit schwer gestörten Menschen, insbesondere auch mit Kindern, einen hohen Stellenwert. Es ist tief bewegend, mitzuerleben, wie etwa Delphine in einem Therapiezentrum in Eilat (Israel) autistische und Kinder im Wachkoma wieder ins Leben zurückholen. Der leitende Therapeut einer Institution in Augsburg, die mit mißbrauchten Kindern arbeitet, nannte in einem Interview die Ponys „unsere wichtigsten Mitarbeiter“. Kinder und Tiere schwingen noch in einem gemeinsamen psychischen Feld und es grenzt manchmal ans Wunderbare, welche heilsame Wirkung die Begegnung mit Tieren auf schwer beschädigte Menschenkinder hat.

Psychische Wirkungen

Therapeutisches Arbeiten in und mit der Natur ist Arbeit entlang von Wirkungen. Man sollte Freude am phänomenologischen Arbeiten haben und nicht so sehr an Konzepten und Verfahren.
Die psychische Wirkung einer Begegnung mit der Natur ist grundsätzlich supportiv. Die wenigsten Menschen erleben in der Natur allerdings das, was sie sich vorgestellt haben, eher schon das, was notwendig war. lmmer ist das Erleben der natürlichen Welt vom Erleben der eigenen Person nicht zu trennen – es erscheint als ein einheitlicher, zusammengehörender Erfahrungsprozeß.

Vor allem zwei psychische Bewegungen vollziehen sich im Kontakt mit der Natur bei vielen Menschen: Eine Bewegung von innen nach außen und eine Bewegung von oben nach unten: die Magie, der Zauber der Natur lockt unsere Wahrnehmung heraus aus der gewohnten Verhaftung mit unseren Vorstellungen, Phantasien und Gedanken. Wir gleiten mit unserer Wahrnehmung ganz von selbst nach außen, beginnen zu schauen, zu horchen und zu staunen: Die Welt ist voller Wunder.
Je inniger wir in Beziehung sind mit der Welt der Elemente, Pflanzen und Tiere, desto tiefer ist die körperlich-emotionale Entspannung, die gewohnten Neurotizismen und Dramen unseres Lebens treten zurück, unser Blickwinkel verändert sich, ein rechtes Maß stellt sich wieder ein. Eine solche Richtungsänderung der Wahrnehmung bewirkt bei vielen Menschen eine grundlegende Veränderungen ihres gesamten Zustandes. Ähnliches gilt für das psychische „Absinken“.
Irgendwann landet jeder einmal in der Natur auf der Erde. Es ist der Boden, der uns trägt, der gemeinsame Boden aller Lebewesen. Ein Mensch, der „unten“ nicht geerdet ist, der hält sich „oben“, weil er Angst hat, ins Bodenlose zu fallen, wenn er losläßt. Den Boden unter seinen Füßen zu spüren, das ist nicht nur ein körperlicher, sondern vor allem ein psychischer Zustand-das meint die „Erdmitte des Menschen“ (Dürckheim).

Eine der augenfälligsten Wirkungen von therapeutischen Naturerfahrungen ist die psychisch-energetische Nahrungszufuhr. Die meisten Menschen in unserer Zivilisation sind im psychisch-energetischen Sinne chronisch unterernährt. Wenn die Fassade zusammenbricht, fallen sie nicht in die Fülle des Lebendigen, sondern in ein inneres Vakuum, in einen Zustand von Leere. Für einen primitiven Menschen (primitivus, der erste seiner Art) ist es ganz selbstverständlich, daß die Natur unsere Nahrungsquelle nicht nur im physischen sondern auch im psychischen und emotionalen Sinn ist. Er nährt sich immer wieder in seinem Leben am „Busen der Mutter Erde“, legt sich in eine ihrer Hautritzen und läßt neue Lebenskraft in sich einströmen. Die Gesichter vieler Menschen sehen nach einem innigen Kontakt mit der Natur anders aus, runder, entspannter, nicht mehr so abgehärmt und ausgezehrt. In der Nacharbeit vertiefen wir das körperliche Erleben von Sattheit, damit sich dieser Geschmack in uns ausbreiten kann. Meist sieht auch die Welt anders aus, wenn ich satt bin (für einen Hungrigen sieht alles aus wie ein Laib Brot), vor allem weniger bedrohlich – die Einbildung sich schützen zu müssen, der gewohnte Reflex der Abwehr verliert an Einfluß. Es ist sehr lehrreich, der Frage nachzugehen: Wie machen wir es nur, uns in unserem Leben immer wieder von den nährenden Quellen abzuwenden?

Eine Vielzahl von Wirkungen kann man mit einer Ausweitung des seelischen Erlebens beschreiben. Viele Menschen berichten, daß in der Begegnung mit der Natur eine innere Weite entsteht: Die in unserer so seelenlosen modernen Zivilisation und Lebensweise geschrumpfte, zurückgezogene Seele reicht wieder in die Welt hinein, wir beginnen wieder mit unseren seelischen Augen und Ohren zu sehen und zu hören. Unsere Tierseele (engl. animal/Tier, lat. anima/Seele) löst sich in der Natur wieder aus ihrer Erstarrung. Wir sollten sie freundlich willkommen heißen und mit ihr in ein Gespräch eintreten – sie weiß mehr über das Leben auf der Erde, als wir ahnen. Unsere Kinderseele lugt wieder hervor und wenn wir mit ihren Augen in die Welt schauen, dann ist die Welt verzaubert. Wenn wir uns von ihr abwenden, dann wenden wir uns auch ab vom Zauber in unserem Leben.

Es gibt immer wieder neue und überraschende Wirkungen der Natur auf die menschliche Psyche. Besonders hervorheben möchte ich noch: In der Natur sind Seinsqualitäten noch unverhüllt präsent – Dasein, Einheit, Stille. Das steckt auch uns Menschen an: Wir erinnern uns an den, der einfach da ist und dazugehört und in der Stille der Natur wird es auch still in uns.

Der theoretische Ansatz

Die therapeutische Arbeit in und mit der Natur muß in ein allgemeines psychotherapeutisches Konzept eingebunden sein, es muß klar sein, welchen Platz, welche Funktion es dort hat. Eine therapeutische Naturerfahrung hat im analytisch orientierten Arbeiten eine ganz andere Funktion, einen anderen Stellenwert als etwa in den körpertherapeutischen oder transpersonalen Therapieformen. Besonders geeignet sind erfahrungsorientierte und ökologische Psychotherapieansätze.


Der theoretische Ausgangspunkt ist: Die Entfaltung des Lebens, unseres Lebens, ist ein natürlicher Prozeß. Das geschieht und ist nicht machbar. Dieser natürliche Prozeß hat jeden einzelnen von uns in seiner Individualität hervorgebracht, nicht unsere Anstrengung. Insbesondere die Gestalttherapie betrachtet diesen Prozeß der organismischen Selbstorganisation des Lebens als Dreh- und Angelpunkt des psychotherapeutischen Arbeitens. Dieses Psychotherapiemodell stellt die menschliche Natur nicht außerhalb des Lebens, sondern mitten hinein, sieht die im Menschen wirkenden psychischen Prozesse als Teil des Lebensganzen.

Noch deutlicher kommt dieses Menschenbild in den ökologischen Ansätzen zum Ausdruck. Der Erkenntnistheoretiker Gregory Bateson hat es einmal so beschrieben: „Die Überlebenseinheit ist nicht der sich fortpflanzende Organismus… die Überlebenseinheit ist ein flexibler Organismus-in-seiner-Umgebung.“ Wenn wir etwa von einen Baum sprechen, dann meinen wir ganz selbstverständlich einen Baum-in-der-Landschaft. Es gibt keinen nackten, getrennten lebendigen Baum. Es gibt auch kein nacktes, getrenntes lebendiges Selbst, das es zu entwickeln oder zu heilen gilt. Das ist eine Fiktion wie so viele Fiktionen der Psychologie, die uns manchmal nutzen, aber häufig auch schaden. Unsere Psyche ist immer eine Psyche-in-ihren-Beziehungen, das, was wir so gegenständlich abgegrenzt als „Seele“ bezeichnen ist eher ein „Inbegriff von Beziehung“ (C.G.Jung).

Die moderne Psychologie hat den Schnitt jedoch unmittelbar an unserer Haut angesetzt: Das Innere, das mit dem Psychischen gleichgesetzt wird, ist innerhalb unserer Haut, das was außerhalb davon liegt, ist in der psychologischen Betrachtungsweise sekundär. Das kontrastiert seltsam mit der Wirklichkeit: Jeden Tag erleben wir, wie die Bedingungen unserer Zivilisation, die Kälte und Hetze unserer Gesellschaft, Luft, Wasser und Landschaft eine genau so große Rolle für unseren Zustand spielen wie Stimmungen, Einstellungen und Erinnerungen. Wenn wir das „Innere“ weniger buchstäblich sehen könnten, dann könnte es überall sein – überall da, wo wir mit unseren seelischen Augen und Ohren schauen und horchen: die ganze Welt könnte dann zu unserem Therapiezimmer werden (James Hillman).

Kein geringerer als Goethe hat bereits vor gut 200 Jahren ein ökologisches Bild einer Psychotherapie entworfen: „Der Mensch kann sich nie selbst kennenlernen, sich nie rein als Objekt betrachten … nur meine Bezüge zur Außenwelt kann ich kennen und richtig würdigen lernen, darauf sollte man sich beschränken. Mit allem Streben nach Selbsterkenntnis, das die Priester, das die Moral uns predigen, kommen wir nicht weiter im Leben, gelangen weder zu Resultaten noch zu wahrer innerer Besserung.“
Heute sind es weniger die Priester, eher schon Psychologen und Psychotherapeuten, die uns einreden, dass psychische Nabelschau („wo Es ist, muß Ich werden.“) zu „wahrer innerer Besserung“ führt.

Die Natur ist ein ideales Feld, um unsere „Bezüge zur Außenwelt kennen und richtig würdigen lernen“, das entspricht einem tiefen Sehnen vieler Menschen unserer Zeit. Wir leisten damit auch einen Beitrag für die Gemeinschaft, einen Beitrag zur Lösung des wohl drängendsten Problems unserer Zeit – denn ein Mensch, der die natürliche Welt wieder als sein Zuhause erlebt, der fühlt sich aufgerufen, sie zu achten und zu ehren.

Therapeutische Grundstruktur

Die günstigen Wirkungen, die das Naturerleben auf den Menschen hat, gilt es, therapeutisch fruchtbar zu machen – ähnlich wie das Erleben des Menschen im künstlerischen Ausdruck, in der Bewegung, in Tanz, und Rhythmus therapeutisch genutzt wurde und zum Teil zu ganz eigenständigen Therapieschulen führte. Die Begegnung mit der Natur und mit sich selbst in der Natur ist vermutlich der ursprünglichste Weg der Selbsterkundung, Erneuerung und Heilung des Menschen. In dieser verbinden wir uns auch wieder mit den primitiven Wurzeln der Psychotherapie, was in Zeiten, in denen unsere Berufskunst immer mehr zu einer Technik, einer Anwendung von Verfahren verkommt, nicht nur unseren Klienten und Patienten, sondern auch uns Therapeuten gut tut.

Wenn Naturerfahrungen zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden, dann hat sich eine klare Differenzierung in eine 3-phasige Grundstruktur bewährt: die Phase der Vorbereitung, der Erfahrung selbst und die Phase der Integration. Es ist sehr ratsam , diese Stufen klar zu trennen, da ihnen ganz spezifische therapeutische Zielsetzungen und Aufgaben zugeordnet sind.
Die Prozeßrichtung ist häufig eine andere als in reinen Gesprächstherapien. Dort arbeitet sich der Klient in der Regel durch den Widerstand (Abwehr, Vermeidung) zur lösenden Erfahrung hin vor, das heißt: die eingefleischten Reflexe der Abwehr bestimmen erst einmal die Themen und Inhalte des therapeutischen Prozesses, ehe es zu einem befreienden neuen Erleben kommen kann. Wenn wir erfahrungsorientiert in und mit der Natur arbeiten, ist die lösende, befreiende, nährende oder integrierende Erfahrung ganz häufig einfach da.
Die Charakterdynamik, d.h. die neurotischen Muster der Abwehr treten dann meist im Nachhinein in Erscheinung, etwa in der typischen Art und Weise, wie sich Menschen abwenden vom eigenen Erleben, von einer guten Erfahrung. Hier kann der Klient mit Unterstützung des therapeutischen Gegenübers etwas über seine Muster der Abwendung lernen, darüber, wie er es anstellt, das „gute Leben“ (Hellinger) immer wieder zu vermeiden.

Die Vorbereitungsphase
Die meisten Menschen unserer Zeit sind fast ausschließlich in den artifiziellen Räumen unserer Zivilisation groß geworden. Sie neigen deshalb dazu, diese mit der Wirklichkeit des Lebendigen zu verwechseln. Solche Menschen sind in aller Regel nicht in der Lage, der natürlichen Welt zu begegnen. Sie müssen darauf vorbereitet werden.

Die Dichterin Ingeborg Bachmann hat unseren kollektiven Bewußtseinszustand der Entfremdung in einem Gedicht beschrieben:
In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen.
Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten.
Die Früchte sind süß, aber ohne Liebe.
Sie sättigen nicht einmal.
Was soll nur werden?
Vor meinen Augen flieht der Wald,
vor meinen Ohren schließen die Vögel den Mund,
für mich wird keine Wiese zum Bett.
Ich bin satt vor der Zeit und hungere nach ihr.
Was soll nur werden?
Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen.
Soll ich mich aufmachen, mich allem wieder nähern?

Menschen, die „in den Bäumen keine Bäume mehr sehen können“, betreten mit geschlossenen Augen die natürliche Welt. Ziel der Vorbereitungsphase ist es, sie zu befähigen, die Türe einen Spalt zu öffnen, damit die Welt der Natur, die vor der Türe ja auf sie wartet, in ihre Wahrnehmung einfließen kann. Wir haben nichts davon, wenn wir in der Natur lediglich die Erfüllung unserer Vorstellungen suchen. Wenn wir uns der Natur nicht offen und mit Interesse zuwenden, dann hat sie uns Menschen auch nichts zu offenbaren.

Zum Standardrepertoire der Vorbereitung gehören etwa: Übungen der sinnlichen Wahrnehmung (Dürckheim: „Die schlichten Qualitäten der Sinne sind dem Sinn näher als alle Gedanken und Bilder“), Differenzierung zwischen den Wahrnehmungsarten des „Beobachten“ (Eigenschaften einprägen), „Betrachten“ (zielloses Schauen) und „Innewerden“ (sich persönlich ansprechen lassen),
Übungen des Kontaktes, der Präsenz und Grounding-Übungen.

Im Zuge dieser vorbereitenden Übungen erhalten wir eine Fülle diagnostischer Informationen ,die uns dazu verhelfen, ein Urteil über mögliche Kontraindikationen (z.B. präpsychotische Zustände) und Gefährdungsmomente bei den einzelnen Teilnehmern abzugeben. Je weniger ein Teilnehmer sein eigenes Erleben wahrnehmen kann, je weniger er in der Gegenwart verwurzelt und je geringer seine Geerdetheit ist, desto intensivere Vorarbeit ist notwendig.

Die Integrationsphase
Der Kern der Integrationsphase ist: Die Naturerfahrung, das Erleben von mir selbst in der Natur wird in die Welt der menschlichen Beziehung gebracht. Auch eine tiefgehende neue Erfahrung führt alleine noch nicht zur Wandlung oder Heilung – sie muß in die Welt der menschlichen Beziehungen, in die Sphäre der eigenen Person integriert werden.

Die Praxis lehrt uns immer wieder: Nichts verflüchtigt sich für einen konditionierten Menschen schneller als eine neue, eine gute Erfahrung, die nicht ins Konzept, ins gewohnte Bild paßt. Es ist deshalb eine originäre therapeutische Aufgabe, unsere Klienten und Patienten dabei zu unterstützen, einer guten Erfahrung auch Raum zu geben, sie zu vertiefen, zu integrieren, damit sie gute Wirkungen haben kann in ihrem Leben. Dabei werden unweigerlich die gewohnten Muster der Abwendung, der Abwehr in Erscheinung treten. Integrationsarbeit ist deshalb immer eine Arbeit zwischen „Lust und Widerstand“, zwischen „Wesen und Charakter“, zwischen „Zuwendung und Abwendung“. Als Therapeut ist es unsere Aufgabe, mitzugehen mit diesen Bewegungen, wach und mit Interesse dabeizubleiben und die Wahrnehmung des Klienten konsequent bei dem zu halten, was gerade ist, was er tut und wie er es tut. So kann für ihn zunehmende Bewußtheit und wachsender Spielraum entstehen.

Für die Arbeit an und mit den charakterlichen Prägungen und Mechanismen haben die verschiedenen Psychotherapierichtungen eine Fülle an Konzeptionen und Instrumenten hervorgebracht. Dies braucht hier nicht repetiert zu werden. Wenn es jedoch darum geht, eine gute neue Erfahrung zu integrieren, so daß sie Wurzeln schlagen und wirken kann, dann sehen wir uns vergeblich um: Eine vorwiegend Symptom- und pathologieorientierte Psychotherapie läßt uns hier weitgehend im Stich. Die Kunst des supportiven Arbeitens ist in der Psychotherapie generell unterentwickelt. Viele Therapeuten sind derart mit einem aufdeckenden, konfliktorientierten psychodynamischen Ansatz identifiziert, daß ihnen supportives Arbeiten als unattraktiv erscheint. Dabei hat selbst der bekannte amerikanische Psychoanalytiker Otto Kernberg zugestanden, daß supportive Interventionstechniken mehr Erfahrung und Kompetenz auf Therapeutenseite verlangen, als die klassischen psychoanalytischen Interventionen.

Zum Kernbereich eines supportiven therapeutischen Arbeitens gehört: Gute neue Beziehungserfahrungen mit der Welt zu ermöglichen und diese in den Bereich der Person einzubauen, zu integrieren. Der „Weg zur Authentizität ist der Weg zur Integration“ von dissoziierten Aspekten des Selbst (Otto Kernberg). Es ist jedoch ein Irrtum der psychoanalytisch orientierten Therapieansätze, anzunehmen, daß dieser Integrationsvorgang sich ausschließlich auf innerpsychische Inhalte (Bilder, Phantasien, Träume, Emotionen, Selbst-Konzepte etc.) bezieht: Gerade in einer neuen Welterfahrung, die den gewohnten Rahmen psychischen Erlebens sprengt, eröffnet sich die Möglichkeit für Wachstum und Integration der Person.

Nützliche Instrumente der Integration lassen sich vor allem aus dem Methodenspektrum der Humanistischen Psychotherapien gewinnen, insbesondere der Gestalttherapie (Perls), der klientenzentrierten Gesprächstherapie (Rogers), der Körperpsychotherapien (Lowen, Keleman) und der Hypnotherapie (Milton Erickson). Entscheidender als alle Methoden ist dabei jedoch die Art und Weise, wie wir selbst da sind, dabei sind und mitgehen. Durch unsere eigene Präsenz entsteht ein Raum von Präsenz, durch unser eigenes Anwesend-sein entsteht ein Raum von Wesentlichkeit, in dem sein darf, was ist.

Eine Erfahrung, die nicht beachtet wird, verflüchtigt sich schnell ins Unwirkliche. Dies wußten unsere Vorfahren seit jeher und haben sich viel Zeit genommen, sich selbst und auch gegenseitig zu beachten. Beachten, bestätigen, bekräftigen (to confirm) – das sind wichtige Instrumente supportiven therapeutischen Arbeitens. Jeder Kulturkreis hat dafür sogar ganz spezielle Worte oder Laute entwickelt. Im Indianischen etwa geschieht das durch ein kräftiges „Ho!“ (den Karl May-Lesern bekannt als „Hugh“) der Zuhörer, wenn einer aus dem Kreis gesprochen hat. Unser „Amen“, das sich aus dem griechisch-hebräischen „aman“ (d.h. stärken) herleitet, meint dasselbe – nicht die Bekräftigung eines Wollens, sondern eine Bekräftigung der Wirklichkeit: So ist es!

Eine therapeutische Grundregel gilt in diesem Zusammenhang ganz besonders: Weniger ist mehr.
Eine tiefe Erfahrung kann auch kaputtherapiert werden. Therapeuten, die sich anmaßen, zu allem und jedem ihren Senf dazuzugeben, gibt es zuhauf. Ihnen ist gemeinsam: eine mangelnde Achtung vor dem Mysterium, dem Geheimnis des Lebens. Und vergessen wir nicht: Was wirkt, ist nicht, was wir sagen oder tun, sondern wie wir da sind und in Beziehung sind, nicht unsere Technik, sondern unsere Person.

Naturerleben in der Psychotherapie

Das psychotherapeutische Arbeiten in und mit der Natur ergänzt und bereichert die therapeutische Arbeit auf vielen Ebenen: Sie macht jede Psychotherapie sehr körperlich und irdisch. Auch kommen so Elemente aktiven Tuns in die eher handlungsarme Psychotherapie. Menschen, die in der Natur dem Wunder des Lebens wieder nahekommen, finden oft wieder zu einem religiösen Grunderleben zurück, was entscheidend dazu beitragen kann, daß sie wieder heil werden an Leib und Seele.

Übungen der Wahrnehmung, insbesondere der sinnlichen Wahrnehmung, der Verwurzelung in der Gegenwart und des Grounding sind sehr wirkungsvoll zu Beginn einer Psychotherapie – sie stärken den bestmöglichen Standort, den ein Klient im therapeutischen Prozeß einnehmen kann: den Standort der Präsenz. Nur von dort aus können wir schauen und horchen, Wirklichkeit wahrnehmen, nur in der Gegenwart können wir lernen. Erst wenn ein Klient genügend geerdet ist, wenn sein psychischer Boden trägt, sind aufdeckende und konfliktorientierte Interventionen überhaupt möglich,erst dann können es sich Menschen leisten, ihre Fassade zusammenzubrechen zu lassen, loszulassen und zuzulassen, was ist.

In allen erfahrungsorientierten Therapieansätzen stellt die Natur einen wertvollen zusätzlichen Erfahrungsraum zur Verfügung. Im eher analytisch geprägten Arbeiten liefert das Erleben in der Natur eine Fülle an unbewußtem Material: Das Erleben in der Natur führt uns tief in die Symbolebene unserer Psyche, wir kommen in Kontakt mit der Welt der Symbole und Archetypen, mit Traumprozessen.
Natur ist für Menschen immer auch ein ritueller, ein heiliger Raum. Die Ahnen sind uns hier ganz nah, das familiäre System. Der rituelle Vollzug systemischer Sätze – eine Würdigung, ein Nehmen wirkt im Feld der Natur besonders kraftvoll.

Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen haben durchwegs erhebliche Schwierigkeiten, sich auf eine Arbeit in und mit der Natur einzulassen. Zusehr sind sie identifiziert mit einem bestimmten Setting, mit bestimmten Verfahren, vor allem aber mit einem bestimmten Bild von ihrer Rolle. Wir sind im Umfeld der Naturtatsächlich anders in Beziehung mit unseren Klienten als im Therapiezimmer oder Gruppenraum. In der Natur können wir uns nicht mehr so gut verstecken hinter unserer professionellen Fassade. Unsere Fähigkeit zur Kongruenz (Rogers) wird auf eine harte Probe gestellt, da geht viel Lack ab. Das Gefälle Klient-Therapeut verringert sich, die therapeutische Arbeit wird eher zu einem gemeinsamen Prozeß mit unterschiedlichen Aufgaben.

Wer die Natur in sein psychotherapeutisches Arbeiten integrieren will,der sollte kundig sein in dieser Welt, denn es gehört zu seiner Aufgabe, den Menschen den Zugang zur natürlichen Welt wieder zu eröffnen. Martin Buber hat dies einmal für seine Rolle als Lehrer so beschrieben: „Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus.“

Eine unabdingbare persönliche Voraussetzung für diese Arbeit ist, daß uns Therapeuten und Therapeutinnen selbst das Herz aufgeht in der Natur, das Herz aufgeht beim Anblick eines Dachses, der uns neugierig anschaut, beim Krächzen des roten Milans, der hoch über uns majestätisch seine Kreise zieht oder beim Anblick eines zarten Buschwindröschens am Waldrand. Seelen-Arbeit in und mit der Natur ist immer auch poetische Arbeit, Arbeit mit poetischen Bildern.

Henry David Thoreau, amerikanischer Schriftsteller und Naturphilosoph, hat 1837 in seinem Tagebuch folgendes notiert: Diese wunderbare Welt, in der wir leben, ist eher erstaunlich als bequem, eher schön als nützlich, eher ein Gegenstand der Andacht als der Ausbeutung. Die Ordnung der Dinge sollte daher geändert werden: der siebte Tag sollte der Tag der Arbeit sein, der Tag, an dem wir unseren Lebensunterhalt im Schweiße unseres Angesichts verdienen. Die übrigen sechs Tage aber sollten festliche Tage der Liebe und der Seele werden – eine Zeit, in der wir durch diesen weiten Garten streifen, um uns den sanften Einflüssen und subtilen Eingebungen der Natur zu überlassen.“


Dr. Wernher P. Sachon, Psychotherapeut (HPG) in eigener Praxis in Bad Wörishofen (Allgäu). Ausbildung in Initiatischer Therapie (Dürckheim/Hippius, Schule für Initiatische Therapie/Rütte), in Tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapie (Wolf Büntig/ZIST) und in den USA in Ökologischer Psychologie (Ecopsychology) und Übergangstherapie (Transition Therapy). Fortbildungsangebote in den Bereichen Ökologische Psychotherapie, Übergangsriten (Rites of Passage) und Sterbebegleitung.

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