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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 5/1999

Psychologische Homöopathie – Leistungsdruck, Stress, Imagepflege

Cover

Zeiterscheinungen auf Kosten der Menschlichen Gefühlswelt, Typische Homöopathische Konstitutionsmittel für Gegenwartsprobleme

r9905_ph2Streß, Hektik, Leistungsdruck, Mobbing und ein weitgehendes Zurückstellen persönlicher Bedürfnisse kennzeichnen die heutige Arbeitswelt. Nicht nur ist die Arbeitsintensität in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegen. Gleichzeitig hat der psychische Druck am Arbeitsplatz seit Anfang der 90er Jahre erheblich zugenommen: Konkurrenzdruck, Mobbing, Mehrarbeit und Mehrbelastung, größere Schnelligkeit, weniger angenehme Kommunikation mit Arbeitskollegen und zugleich eine latente Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes sind symptomatisch für die gegenwärtige Situation. Zunehmend mehr Menschen klagen über mangelnde Zeit und Energie für Privatleben und persönliche Bedürfnisse, der berufliche Streß und die mit ihm verbundenen Konflikte wirken oft weit bis in die Freizeit hinein. Um so mehr wird hierdurch das seelische und körperliche Gleichgewicht erheblich beeinträchtigt: nicht nur konnte in den letzten Jahrzehnten statistisch eine erhebliche Zunahme von Herz und Kreislauf Krankheiten festgestellt werden, psychische und psychosomatische Beschwerden nehmen vor allem auch unter den Patienten einer HP-Praxis einen deutlich höheren Stellenwert ein.

Ich möchte mich im folgenden mit typischen homöopathischen Konstitutionsmitteln beschäftigen, die signifikant für diese Zeiterscheinungen stehen: Nux vomica beschreibt den hektischen, von Reizüberflutung und Streß überforderten Menschen in der heutigen Arbeitswelt. Lycopodium beschäftigt sich mit Kompensations-Mechanismen, der immer stärkeren Beeinträchtigung von Selbstvertrauen am Arbeitsplatz, nämlich mit dem Aufbau eines äußeren Images, das allein durch den Habitus und die Wortwahl im alltäglichen Machtkampf Stärke aufbaut, die innerlich nicht empfunden wird (Der „Bluff“). Natrium chloratum hat zum Thema: Die Wunde des ungeliebten Kindes, die sorgsam nach außen abgeschottet wird, aus Angst, den alten Schmerz wiederholt zu spüren. Die Rolle des fürsorglichen Gebers ist der Ausgleich. Unter den heutigen Bedingungen in der Arbeitswelt werden diese alten Wunden wieder stärker aufgerissen, trotz großer Kontrollmechanismen der Betroffenen.

Im Persönlichkeitsbild von

Nux vomica

r9905_ph3finden wir den hektischen und gestreßten Menschen, der ehrgeizig und leistungsorientiert seine Ziele verfolgt. Er ist ständig von Eile getrieben, verarbeitet mehrere Sinnes-Eindrücke und Wahrnehmungen gleichzeitig und mutet sich in seinen Arbeits- Aufgaben sehr viel zu. Er reagiert sehr impulsiv und zeigt seine aktuellen Stimmungen in teilweise aggressiver Form. Er ist der Dynamiker, der seine hohen Leistungs-Ansprüche tatkräftig und mit großer Geschwindigkeit umsetzt. Nux vomica setzt Maßstäbe, gibt den Ton an und reagiert auf Widerspruch sehr gereizt. Er kämpft um seine Position und ist wettbewerbsorientiert.

Nux hat sehr perfektionistische Ansprüche an seine Arbeitsleistung, und er erarbeitet sich mit großer Intensität und großem Pflichtbewußtsein eine natürliche Fachautorität. Seine hohen Ansprüche treiben ihn dazu an, ständig mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu wollen. Hierbei ist er innerlich rastlos und voller Ungeduld; die Arbeitsaufgaben müssen möglichst gut und möglichst schnell erledigt werden. Nux hat wenig Neigung, zu delegieren: denn häufig erfüllen andere Menschen weder vom Tempo noch der Qualität seine selbstgesetzten Ansprüche, zumindest aus seiner subjektiven Sicht. Und so kann Nux vomica langsameres Arbeitstempo, langsamere oder auch andersartige Herangehensweise und Denkungs-Art kaum ertragen. „Das Pflichtbewußtsein des Nux vomica-Patienten ufert über alle Maße aus. Ein innerer Zwang treibt ihn zu ständiger Arbeit. Nux vomica gehört zu den Mitteln, die im Repertorium unter dem Stichwort WÄHLERISCH, ANSPRUCHSVOLL aufgeführt sind. Bei Nux vomica bezieht sich der hohe Anspruch vor allem auf die erreichte Leistung“.

In der Arbeit ist Nux pragmatisch in seiner Vorgehensweise. Nux vomica ist der „König“: er möchte leiten und führen, vor allem derjenige sein, der Maßstäbe und Impulse in Bewegung setzt und hierbei die Verantwortung übernimmt. Er hat einen starken Willen zur Macht: sein großes Selbstvertrauen und seine starke Willenskraft helfen ihm, für ihren Erhalt und Ausbau mit großer Stärke auch zu kämpfen. Selbstvertrauen und Selbstdurchsetzung sind dominantes Wesenselement. Das Thema Gewinnen oder Verlieren ist für ihn wesentlicher Antrieb, seine Position zu verteidigen und auszubauen. Nux vomica ist sowohl überreizt von seinen Sinneseindrücken und dem selbstgesetzten Streß als auch von dem ständigen Kampf um seine Machtstellung, vor allem die mit ihm verbundenen beruflichen Konflikte. Da er zudem (ähnlich wie der astrologische Tierkreiszeichen – Archetyp Widder) eigentlich innerlich unsicher ist – trotz seiner nach außen gezeigten Stärke, ohne die er wohl kaum einen Machtkampf bestehen könnte – reagiert er sehr gereizt, ärgerlich, mißmutig und zornig auf jeden Widerspruch, ferner auch auf jede Kleinigkeit, die nicht nach seinen Vorstellungen abläuft. Nux ist eigentlich auf der rastlosen Suche nach seiner Identität: Beruf und Arbeit sind die Arbeitsfelder, die ihm Selbstfindung ermöglichen sollen. Jede Unebenheit löst insofern tief im Unbewußten eine gewisse Verunsicherung in ihm aus, denn sein eigentliches Problem ist es, daß er „durch Überaktivität seine wirklichen Gefühle (zu R.M.) verstecken, überlagern“ sucht. Arbeit ist „Ablenkungsmanöver“, denn seine „Gefühle zu offenbaren, könnte Verletzungen nach sich ziehen“.

Seine große Identifikation mit der Arbeit verdeckt tief innen liegende psychische Konflikte. Das Funktionieren in der Arbeit verleiht scheinbare Stabilität, und Nux vomica tut alles, um seine Funktionalität sicher zustellen. So ist das Aufputschen mit Genußgiften, die nur scheinbar streßreduzierend sind (Kaffee, Nikotin), eines dieser Mittel, um sich in seiner Leistungsfähigkeit zu erhalten. Es dient aber auch zusammen mit fülliger, teilweise sehr ungesunder Ernährung und Alkohol dazu, den erlebten Streß scheinbar auszugleichen und zu reduzieren: jeder HP weiß, daß hierdurch innerer Streß noch erhöht und eine Prädisposition für zahlreiche Zivilisations- Erkrankungen geschaffen wird.

Nux kann gedanklich kaum noch von seiner Arbeit abschalten. Dies führt zu verschiedenen Varianten von (vor allem durch) Schlafstörungen. Eine der bekanntesten ist, daß Nux vomica nach einem kurzen Schlaf morgens gegen 5 Uhr erwacht und trotz großer Müdigkeit nicht mehr einschlafen kann – auf Grund seines schnellen inneren Tempos und seiner Aufgedrehtheit und Impulsivität. Es fällt ihm schwer, auf eine ruhigere Gangart zurückzuschalten.

Nux vomica verharrt häufig auf einer überwiegend sitzenden Lebensweise; er hat keinen körperlichen Ausgleich.
Nux ist sehr kälteempfindlich (was symbolisch der Kälte der Arbeitswelt und der beruflichen Konflikte entspricht, die er verdrängt). Seine Symptome werden besser durch Wärme und Ruhe: sowohl menschliche Wärme und Spüren von Geborgenheit als auch innere Ruhe helfen ihm.

Nux ist ein typisches Mittel für Kopfschmerzen und gleichzeitige Magenbeschwerden. Zusätzlich ist das Nervensystem überreizt. Kopfschmerzen haben organsprachlich mit Überforderung, Leistungsdruck und übermäßigem Streß zu tun. Die große mentale Kontrolle, die über die eigenen Gefühle ausgeübt wird, „staut“ sich im wahrsten Sinne des Wortes „im Kopf“.

Magenbeschwerden symbolisieren häufig mangelnde gefühlsmäßige Geborgenheit und emotionales Selbstvertrauen. Wenn ich entgegen meinen innersten Gefühlen handele oder nicht gefühlsmäßig authentisch bin, indem ich eine Rolle spiele oder aber einen Teil meiner Persönlichkeit erst gar nicht zulasse, werden emotional wesentliche Wünsche und Bedürfnisse unterdrückt. Indessen sind Konflikte und Verhaltensweisen, die meine innere Harmonie und (Selbst-) Geborgenheit zum Teil erheblich stören, schwer verdaulich. Sie sind, weil sie nicht zur eigentlichen Persönlichkeit gehören, sondern einem nach außen gezeigten Rollenspiel entstammen, schwer zu verarbeiten.

Typische Ängste von Nux vomica:

  • Angst wegen betrieblicher Angelegenheiten
  • Angst vor unkalkulierbaren Geschehnissen
  • Angst vor Unglück
  • Angst vor der Meinung anderer
  • Angst, Geld auszugeben, aus Sorge um die Zukunft
  • Furcht in einer Menschenmenge
  • Furcht, berührt zu werden
  • Furcht zu erblinden

Die Ängste von Nux vomica beziehen sich vor allem auf sein Bedürfnis nach Funktionalität in der Arbeitswelt und Sicherheit. Nux hat große Angst, entweder den bisher geschaffenen Besitzstand und seine Macht zu verlieren, oder seiner Fähigkeit beraubt zu sein, zu funktionieren und seine Ansprüche zu erfüllen. Dahinter steckt eine große Angst vor seinen tiefen Gefühlen („Furcht, berührt zu werden“ = Furcht, auch emotional berührt zu werden), die durch unkalkierbare Veränderungen seiner Situation ausgelöst werden könnten: gefühlsmäßige Bewegung gefährdet somit die erarbeitete Position, von der nicht losgelassen werden kann.

Typische Träume
von Nux vomica sind: Streit, Ärger, von Hunden oder Katzen verfolgt werden, Fall-Träume.

Streit deutet in der Traumsymbolik auf sich widersprechende Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen hin. Verfolgungs-Träume weisen in der Regel daraufhin, daß unbewußte Inhalte in das Bewußtsein drängen. Der Hund gilt als Schutz gegen Angriffe, steht aber symbolisch auch für Aggressionen. Die Katze verweist auf das gefühlsmäßige Streben nach Individualität, ggf. wird sie auch mit egozentrischen Bestrebungen in Verbindung gebracht. Fall-Träume haben mit Zweifel, Unsicherheit, mangelndem Selbstvertrauen, aber auch mit dem Verlust an Macht und Ansehen zu tun.

Nux vomica läßt mit seiner Tendenz zu Hektik, Eile, Leistung und Dominanz in den Außenaktivitäten seine innersten Gefühle (z.B. die innere Unsicherheit, die Angst vor Versagen und Verlust von Macht) nur sehr bedingt zu. Er ist ichbezogen und deutet Widerspruch und andere Positionen als Bedrohung seiner Macht und Freiheit. In seinen Traum-Motiven wird die Ambivalenz zwischen seinem Streben nach Individualität, Macht, Konkurrenz und Selbstbehauptung einerseits sowie seinen Zweifeln und seiner Verunsicherung andererseits deutlich. Diese „schwachen“ Gefühle kompensiert er mit großer Aggressivität, weil er sich von ihnen in seinem Selbstbewußtsein bedroht fühlt.

Die hauptsächliche tageszeitliche Verschlimmerungs-Zeit von Nux vomica ist 8 Uhr, zuweilen wird auch 5 Uhr morgens genannt. Die jahreszeitliche Entsprechung ist der Winter. Im Winter ist die geistige und arbeitsmäßige Aktivität stärker betont, gleichzeitig ist die Kälteempfindlichkeit besonders stark.

Lycopodium

Der Bärlapp hat als Pflanze eine Evolutionsgeschichte hinter sich, die ihn von einem hohen, mächtigen, in den Himmel ragenden Baum zu einem heute kleinen Strauch mutieren ließ. Gemäß dem Ähnlichkeits-Prinzip kennzeichnet sich hierdurch in sehr charakteristischer Weise sein Persönlichkeits-Typ: Lycopodium mangelt es an Selbstvertrauen, er hat das Gefühl, für kleiner gehalten zu werden als er sich in Wirklichkeit fühlt. Nunmehr versucht er dieses Minderwertigkeits-Gefühl zu kompensieren, indem er sich nach außen stärker darstellt, als er sich innerlich fühlt. Aus Angst vor Versagen zeigt Lycopodium nach außen eine „Bluff-Mentalität“, er macht Wind, plustert sich auf, übertreibt gerne und spiegelt Tatsachen vor. Lycopodium hat die Tendenz zur Selbsttäuschung, rückt sich in teilweise diktatorischer Weise in den Mittelpunkt und möchte immer Recht haben. Er legt sogar moralischen Wert darauf, daß ihm das Rechthaben zusteht. Seine Familie und Kindheitsgeschichte zeichnet sich häufig dadurch aus, daß „ein Elternteil, gewöhnlich der Vater, das Selbstvertrauen des Kindes untergräbt“ und zwar durch „eine Beschreibung seiner großartigen Leistungen als Kind“. Hierdurch werden Versagensängste und eine Schwächung der eigenen Leistungsfähigkeit hervorgerufen.

Eine weitere Variante ist die unbewußte Übertragung des mangelnden Selbstvertrauens eines Elternteils auf das Kind. Eine Strategie von Lycopodium, diesen Mangel auszugleichen, ist seine Suche nach Popularität und Gefallen. Er versucht sich die Gunst von Freunden, Bekannten und Vorgesetzten durch das Anbieten von Gefälligkeiten und ggf. auch lockeren Kontakt anzudienen. Hierdurch erwartet er sich Image, Ansehen und eigene Vorteile. Vor allem ist dies ein wichtiger Wesenszug gegenüber Menschen, von denen er sich abhängig fühlt. Durch freundliches und schmeichelndes Verhalten möchte er in deren Ansehen steigen und Wohlwollen und Förderung erhalten.

Lycopodium ist der typische Aufsteiger in einem hierarchischen Betrieb, den seine Untergegebenen als Vorgesetzten fachlich nicht sonderlich qualifiziert halten, der aber mit großem Elan die Leiter der Hierarchie emporklimmt; seine vielfältigen Kontakte, seine Gefälligkeiten und sein Drang und seine Fähigkeit, zu glänzen, fördern dies in nicht unerheblichem Maße. Zudem hat Lycopodium die nicht zu unterschätzende Fähigkeit, sich an wechselnde Umstände und unterschiedliche Positionen intuitiv anzupassen. Er beherrscht das Spiel der wortreichen und eindrucksvollen Selbstdarstellung und auch das persönliche Spiel mit der Macht. Ersteres wurde bereits in den siebziger Jahren in Bezug auf das Verhalten von Studenten in den ersten Semestern geisteswissenschaftlicher Disziplinen beschrieben: Da die akademische Fachsprache abstrakt, kompliziert und für den Anfänger kaum verstehbar ist, der Student aber bei Diskussionen in Seminaren mithalten möchte, bedient er sich dieser Sprache zumindest sehr wortreich, auch wenn er deren Inhalte noch nicht zulänglich verstanden hat. Jeder Student tut dies, und jeder hofft, in seinem „Bluff“ vom anderen nicht durchschaut zu werden. Eine ständige Angst vor Bloßstellung und Versagen kursiert eine typisch lycopodische Art der Kommunikation. Überwiegend jedoch handelt es sich bei Lycopodium um Menschen, die sich Sorgen um ihre Fähigkeiten und um ihre Beliebtheit vor allem im Arbeitsbereich machen. Sie leugnen oder spielen ihre Schwächen herunter und zeigen sich zuweilen stärker, als sie wirklich sind.

„Emotional wird der durchschnittliche Lycopodium-Mann nie richtig erwachsen. In seinen Beziehungen ist er entweder angenehm, aber reserviert, oder abhängig. In einer engen Beziehung ist er meist auf der Suche nach einer Mutterfigur, denn er will geliebt werden, ohne allzuviel zurückgeben zu müssen. Die meisten Lycopodium-Männer hatten als Kinder eine sehr enge Beziehung zu ihrer Mutter, und das mag sie daran hindern, sich später eng an andere Frauen zu binden“. Eine weitere Variante ist die Distanz-Beziehung, denn sie bietet die Chance, in seinen innersten Gefühlen und seinem mangelnden Selbstvertrauen nicht durchschaut zu werden.
Lycopodium-Menschen „fühlen sich schwach und nicht in der Lage, ihren Verpflichtungen im Leben nachzukommen und so meiden sie Verantwortung, wo immer es geht. Nach außen hin zeigen sie sich jedoch gern als tüchtige Menschen, freundlich, extrovertiert, mit einer guten Portion Mut“.

Lycopodium bleibt in Beziehungen häufig sehr unverbindlich, ihm geht es vornehmlich um Zufrieden-Stellen seiner Sexualität. Im Zuge seiner Psycho-Pathogenese wird dieses Verlangen zunehmend durch einen Drang zu Macht ersetzt. Hier sucht Lycopodium bei höhergestellten Menschen, von denen er sich abhängig fühlt, ein gefälliges Verhalten an den Tag zu legen; von ihm abhängige Menschen behandelt er tyrannisch, diktatorisch und abwertend, zumal er sich keine Vorteile von ihnen verspricht.

Generell betrachtet Lycopodium die Dinge von einer höheren Warte, er übt „Distanz von oben“. Zugleich führt er aber auch oberflächlichen Small Talk. Körperlich bezieht sich Lycopodium auf Leber, Verdauungstrakt und den Urogenital-Bereich. Die Leber hat (ebenso wie der ihm astrologisch zugeordnete Jupiter) sehr viel mit dem Thema des persönlichen Wachstums zu tun. Lycopodium leidet unter einer grundsätzlichen Angst, als klein angesehen zu werden. Der Magen hat mit der inneren (Selbst-) Geborgenheit zu tun und damit einem Zusammenhang, wie ich emotionale Nahrung von außen herangetragen verdauen kann: Angst vor negativem Feedback und Entdeckung der eigenen Schwächen ist Thema. Der Urogenital- Bereich thematisiert das Loslassen alter Muster und die innere gefühlsmäßige Transformation und Wandlung, was der eher intellektuelle Lycopodium oftmals aus Angst vor seinen Gefühlen verweigert.

Typische Ängste von Lycopodium:

  • Angst vor Allein-Sein
  • Angst vor Dunkelheit
  • Angst vor Geistern
  • Angst vor fremden Hunden
  • Angst vor Enttarnung
  • Angst vor Frauen
  • Angst vor Impotenz
  • Angst vor Verantwortung
  • Angst, daß die Hose rutscht
  • Angst vor Blamage
  • Angst, ausgeliefert zu sein

Deutlich wird einerseits die Angst, verlassen zu werden, andererseits ganz generell die Angst vor unbestimmten, unheimlich erscheinenden Einflüssen. Fremde Hunde stehen für Angriffe anderer auf die eigene Persönlichkeit. Seine Symbiose zur eigenen Mutter macht es Lycopodium schwer, frei mit Frauen und Sexualität umzugehen. Er muß erst diese Mutter-Bindung und seine Abhängigkeiten von Frauen lösen, um in einer gegengeschlechtlichen Beziehung Selbstbewußtsein entwickeln zu können. Die Angst vor Verantwortung und Verdeutlichung seiner innerlich empfundenen Unfähigkeit wird in mehreren Varianten deutlich.

Typische Träume von Lycopodium:

Unglück, hohe Bäume, Riesen, Treppe, Schußwaffe, Wasser, sinkendes Boot; Ertrinken, ggf. auf einem untergehenden Boot; Lorbeeren, Heldentod.

Unglück oder Unfall deutet auf bevorstehende Problem-Situationen hin, deren Schwierigkeiten sich der Betroffene nicht gewachsen fühlt. Bäume offenbaren einen Bezug zum persönlichen Wachstum und auf ein Generationen übergreifendes Thema, hier geht es um die dominante Angst-Thematik von Lycopodium, sich als zu klein angesehen zu fühlen. Der Riese symbolisiert eine übermächtige, archetypische Vaterfigur. Eine Treppe verweist auf Übergangs-Situationen, die mit dem Thema Aufstieg oder Abstieg zu tun haben. Schußwaffen thematisieren Aggressionstendenzen. Das sinkende Boot verweist auf Zweifel, Verunsicherung, mangelndes Selbstvertrauen durch hochkommende Gefühle (Wasser) und die Angst, hierdurch unterzugehen und sich nicht mehr stabilisieren zu können. Ertrinken verweist noch einmal auf das stark beeinträchtigte Selbstvertrauen. Lorbeeren machen den Wunsch nach Ruhm, Anerkennung, Erfolg deutlich. Der Heldentod (als Überkompensation mangelnden Selbstvertrauens) deutet auf übermäßges Geltungsstreben und weniger erwachsene Männlichkeit hin.

Deutlicher als durch diese Traum-Symbolik können die obigen Ausführungen zu Lycopodium nicht beschrieben werden. Sein generelles Thema ist, daß seine „innere Stimme … vom Erfolg oder Äußerlichkeiten überlagert ist“ und daß Lycopodium in Form des „faulen Kompromisses …lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“ nimmt. Er muß lernen, sein wesentliches inneres Seelen-Anliegen zu verstehen und zu leben.
Tagesrhythmisch ist die Nachmittags-Zeit von 16-20 Uhr kennzeichnend für die Verschlimmerungs-Symptomatik von Lycopodium. Lycopodium ist ein rechtsseitiges Mittel. Jahreszeitlich verschlimmert das Frühjahr: es ist mit dem Loslassen geistiger und kontrollierender Kräfte und dem Zulassender unbewußten Gefühlsebenen verbunden.

Natrium chloratum

(das verdünnte Kochsalz), auch unter dem Namen Natrium muriaticum bekannt, hat thematisch mit der Wunde des ungeliebten und verlassenen Kindes zu tun. Um diesen tiefen Schmerz des Alleingelassen-Werdens in einer Situation größtmöglicher Geborgenheits- Bedürfnisse nicht wieder aufbrechen zu lassen, verkapselt Natrium chloratum ihn nach außen. Hilfsbereitschaft und Eintreten für andere nach außen hin, korrespondiert eine innere Verhärtung und tiefen und zugleich stillen Kummer über die erlittene Verletzung, der nicht losgelassen werden kann. Der Persönlichkeits-Typ von Natrium chloratum ist somit in der Außendarstellung von großer Ernsthaftigkeit und sensibler Fürsorge für die Probleme anderer Menschen geprägt. Aber über seine eigene innere Befindlichkeit bekommt das Gegenüber wenig zu hören. Natrium chloratum hat tiefe emotionale Verletzungen in seiner Kindheit erlitten, die mit dem Gefühl mangelnder Geborgenheit und mütterlicher Zuwendung sowie der Empfindung des Verlassen-Seins und des Ausgeschlossen-Seins verbunden sind. Sein emotionaler Schmerz hängt hauptsächlich mit dem subjektiv erfahrenen Mangel an bedingungsloser Liebe in der frühen Kindheit zusammen. „Das Kind spürt den Mangel an Liebe genau, und diese Erfahrung ist so schmerzlich, daß es bald lernt, sein Herz bis zu einem gewissen Grad zu verschließen, um es weniger empfindlich zu machen. Je mehr das Kind emotional verhungert, desto dichter wird der Schutzwall um das Herz, und desto weniger fühlt das heranwachsende Kind emotional“. Natrium chloratum vergräbt seinen emotionalen Schmerz tief in sich, kann ihn aber im Grunde nicht vergessen. Alter Kummer, alte Kränkungen, alte Demütigungen wirken in ihm sehr tief nach und können jederzeit durch ein aktuelles Erlebnis erneut aufgebrochen werden. Er trägt die „Wunde der Ungeliebten“ in sich, das Gefühl des Ausgeschlossen- und Ausgestoßen- Seins. Hierbei macht „das Gefühl, ungeliebt zu sein, den springenden Punkt in der Lebenshemmung“ aus, denn Selbstkontrolle, Verschlossenheit, Ernsthaftigkeit, Perfektionismus in gefühlsmäßigen Angelegenheiten und Schuldgefühle sind die Reaktionen von Natrium, zu häßlich zu empfinden.

Chiron entwickelt im Laufe seines Lebens aus dem Spüren dieser Verwundung eine große Lebens-Weisheit, anderen zu helfen, kann seine eigene Wunde aber nicht selbst heilen. Immer wieder bricht sie unwillkürlich auf und löst einen tiefen Schmerz aus.
Natrium chloratum vergräbt diesen Schmerz sehr tief in sich und schottet ihn nach außen ab, damit diese Wunde nicht wieder aufbrechen kann. Jedes Gespräch, jedes Nachdenken über diese Verletzung macht ihm verstärkt seine Gefühle des Alleingelassen- Werdens bewußt. Deshalb ist auch ein Leitsymptom von Natrium „Trost verschlechtert“. Er trägt seinen Schmerz lieber in tiefem inneren Kummer aus, und seine Gedanken kreisen immer um altes Leid, alte Kränkungen, alte Verletzungen, die er nicht vergessen kann. Durch diese Zurückhaltung seiner eigenen inneren Verletzungen und Zuwendungs-Bedürfnisse erfährt Natrium eine innere Verhärtung, weil er sich gar nicht mehr die Chance gibt, von anderen Menschen die erwünschte liebevolle Zuwendung zu erhalten. Denn Natrium erwartet von der Zukunft die gleichen Negativ-Erlebnisse, wie er sie in der Vergangenheit erlitten hat. Im Gegenzug dazu sucht er jene Stabilität, die ihm so sehr von seiner weichen Seite fehlt, durch großen Perfektionismus, durch großes Pflichtbewußtsein und Korrektheit zu finden. Hierbei geht es weniger um Anerkennung durch Leistung (wie bei Arsenicum album), sondern stärker noch um die persönliche Verpflichtung für die anderen.

Durch seine große innere Verletztheit und Verletzbarkeit kann Natrium andere Menschen in ihren emotionalen Problemen sehr gut verstehen. Er ist der typische Geber, der sich hilfsbereit, einfühlsam, mitfühlend, verstehend und teilweise aufopfernd für andere engagiert. Er möchte den anderen das Maß an Zuwendung und Angenommen-Sein geben, das er selbst so sehr in seinem Leben vermißt. Aber seine eigenen Probleme mag er nicht spüren. Natrium hat hohe moralische Ansprüche an sich selbst, die er auch sehr rigide und genau einhält. Dieses Werte-System hat einerseits einen stabilisierenden Einfluß auf ihn. Andererseits überkommen ihn Schuldgefühle, wenn er sich an diese Normen nicht selbst hält. Natrium hat die Tendenz, vornehmlich Distanz-Beziehungen zu pflegen, denn sie ermöglichen es ihm, niemanden an seine verletzliche Seite zu nahe heranzulassen. Natrium schützt sich zusätzlich hiermit gegen das Losbrechen alten Kummers. Enttäuschte Liebe ist sein Zentral-Motiv: wenn er diese grundlegende Situation seiner Kindheit in einem unbewußten Wiederholungs-Zwang immer wieder erfährt, zeigt er entweder nach außen überhaupt keine Reaktion oder er unterdrückt seine Gefühle und verhärtet nach innen stetig weiter. Natrium chloratum wirkt körperlich vorzugsweise bei Kopfschmerzen und Migräne: Mentale Überforderung durch die ständige kopfmäßige Kontrolle der eigenen Gefühlsäußerungen führt dazu, daß die eigenen Gefühle „im Kopf gestaut“ werden.

Typische Ängste von Natrium chloratum:

  • Furcht, gesehen zu werden
  • Furcht nachts und bei Dunkelheit
  • Furcht vor Gewitter
  • Furcht vor Räubern
  • Furcht vor Menschen
  • Furcht in einer Menschenmenge
  • Lampenfieber
  • Angst vor Glück
  • Nicht nur Natriums Angst vor Menschen, die sein Innerstes erkennen können, wird deutlich. Natrium kann sich schwerlich eine Erlösung seiner tiefen Verletzung vorstellen („Angst vor Glück“). Zu tief sitzt seine Wunde, zu tief hat er sich in seinem Schmerz bereits vergraben, als daß er einen positiven, befreiten Zustand aushalten könnte. Dieser erinnert an den tragischen Romantiker im Enneagramm, der sein tiefes Leid und seine Depression kultiviert und sehr ärgerlich reagiert, wenn man ihm diese negativen Gefühlszustände durch Trost „wegnehmen“ möchte. Natrium kann sehr gereizt auf Trost reagieren. Auf der anderen Seite hat Natrium Furcht davor, daß noch tiefere Gefühle sein Thema emotional intensiver und deutlicher machen könnten, er mag sich mit seinen Schattenthemen nicht auseinandersetzen.

    Typische Träume:

    Wüste, Salzwüste, Einbrecher, Räuber, zu voll gepackte Koffer, großes Durst-Gefühl, gefangengenommen werden, Feuer.

    Die Wüste signalisiert das Gefühl seelischer Vereinsamung und die Tendenz geistig seelischen Stillstands bei Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Situation. Salz ist die geistige Würze des Lebens. Insofern deutet der Traum von der Salzwüste auf das Bedürfnis nach lebendiger Veränderung einer stagnativen und vereinsamten Gefühlssituation hin. Räuber oder Einbrecher haben mit drohendem oder eingetretenem Verlust zu tun. Durst deutet auf einen Mangel-Zustand hin. Vollgepackte Koffer bezeichnen übermäßige Belastungen und Probleme, die der Betreffende sich selbst aufgeladen hat. Gefangenschaft verweist auf eine Diskrepanz von Bewußtseinsvorstellungen, in denen der Träumende gefangen ist und seiner Lebens-Wirklichkeit, genauer: auf eine Einengung seiner Möglichkeiten durch sich selbst hin. Feuer weist einen Zusammenhang mit grundlegenden Veränderungs-Prozessen auf.

    Die Traum-Sprache macht die grundlegende Problematik von Natrium chloratum in signifikanter Weise deutlich. Auf der einen Seite kann ähnlich wie im Chiron-Mythos Natrium seine tiefe Verletzung nur heilen, indem er anderen das an Fürsorge und Sensitivität angedeihen läßt, was er selbst so sehr an Mangel spürt. Auf der anderen Seite ist wesentlich, das eigene Bewußtsein im Hinblick auf die positiven Möglichkeiten der tatsächlichen Erfahrung von Liebe und Zuwendung zu erweitern und diese auch zur Stärkung des eigenen Selbstbewußtseins zu nutzen.
    Tageszeitlich ist der Vormittag, vor allem von 10-11 Uhr kennzeichnend für die Verschlimmerungs-Symptomatik. Natrium-Beschwerden nehmen mit Sonnenaufgang zu und bei Sonnenuntergang ab; ebenso ist der Sommer jene Jahreszeit, die verstärkte Beschwerden bereitet. Die Sonne bringt die Dinge an das Licht und insofern zu Bewußtsein: Natrium kontrolliert das zu starke Hineintreten von Gefühls-Inhalten in das Bewußtsein sehr stark.

    Je mehr Leistungs- und Konkurrenzdruck (Nux vomica) sowie hiermit verbundene Rollenspiele (Lycopodium) in der heutigen Zeit als äußere Rahmenbedingungen und Verhaltensanforderungen dem Menschen der heutigen Arbeitswelt zugemutet werden, desto mehr steigt auf der anderen Seite das unmittelbare Erleben der Wunde des ungeliebten Kindes, aktualisiert durch Arbeitsbedingungen, die menschliche Gefühle grundsätzlich ablehnen, sowie daraus resultierend innere Verkapselung und Verhärtung, aus Angst vor weiterer Verletzung (Natrium chloratum). Genau deshalb sind Nux vomica, Lycopodium und Natrium chloratum Mittel, um die Leiden unserer Zeit von ihrer Wurzel her zu bearbeiten und zu heilen. In der nächsten Folge unserer Serie werde ich mich mit den typischen Konstitutionsmitteln für das Geschlechter-Rollen-Verhältnis der älteren Generation beschäftigen, wie es vor allem in den 50er und 60er Jahren noch als dominante Wertvorstellung vorherrschte: Sulfur und Sepia. Der Ich-bezogene, dominante, im Mittelpunkt stehende Mann und die Frau, die ihre Pflichten als Hausfrau und in der Kindererziehung nahezu übererfüllt und hierfür keine Anerkennung erhält. Auch heute erleben wir dieses Rollenverhalten vor allem bei älteren Patienten in unserer HP- Praxis.

    r9905_ph4DR. PHIL. REINHARD MÜLLER

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