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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 2/2009

Wurzeln alternativer Tiermedizin

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Nutzvieh und Hausgenosse

Der Hufschmied passt dem Pferd ein Hufeisen an. Holzschnitt, aus: Jost Amman´s Kunstbüchlein, 16. Jahrhundert.Spricht man heutzutage von „alternativer Tiermedizin“ bzw. „Naturheilkunde für Tiere“, so meint dies stets die Behandlung von „Krankheiten“ i.w.S. in einem ganzheitlichen Kontext, bei dem der Behandler neben der reinen Symptomenbetrachtung immer auch den geistig-emotionalen Hintergrund des Tieres in seine Wahrnehmung einbeziehen muss, oftmals noch unter Hinzuziehung einer Analyse des Lebensumfeldes des Tieres (Stichworte hierzu wären etwa „Territorium/Territorialverhalten“, Position innerhalb des Rudels bzw. der Familie als Rudelersatz usw.).

Geradezu schlaglichtartig deutlich wird die ganzheitliche Herangehensweise der Naturheilkunde etwa bei der Bewertung und Behandlung von psychogen bedingten Verhaltensabnormitäten mittels der Blütentherapie nach Bach oder bei der Findung eines entsprechenden Konstitutions- bzw. Typmittels in der klassischen Homöopathie.

Verfolgt man die Geschichte der Tierheilkunde zurück, um an ihre Wurzeln zu gelangen, so verschwimmen jedoch die Begrifflichkeiten in den Tiefen der Zeit zusehends, je weiter man in die Vergangenheit eindringt. Der hilfreichste und gleichwohl wichtigste Leitfaden, gewissermaßen der „Faden der Ariadne“ aus der griechischen Mythologie, der bei der Einordnung alternativer Heilmethoden heran zu ziehen ist, ist das Verhältnis von Tier und Mensch im Wandel der Zeit. Hierbei fällt deutlich auf, welche Wandlung die menschliche Wahrnehmung der Tiere durch die Jahrhunderte durchlaufen hat; sprach man – wie von mir in Paracelsus 1/ 2009 auf den Seiten 34 ff ausgeführt – in früheren Zeiten von Tieren nicht anders als vom „Vieh“ im Sammelbegriff sowohl für Nutz- als auch Haustiere, so differenzierte sich diese Betrachtungsweise bis heute sehr weitgreifend aus. Das einzige „Relikt“ dieser Wahrnehmung aus vergangenen Zeiten spiegelt sich in der bis heute vorherrschenden begrifflichen Trennung von „Nutzvieh“ und „Haustier“.

Sehr einprägsam erlebte ich diese Polarität bei einem alten Schmied, der seinen Beruf  mit dem Ausbildungseintritt als Lehrling in diesen Beruf noch zu einer Zeit begann, als der Schmied nicht nur Pferde beschlug, sondern auch Kutschenräder mit Eisenreifen versah und selbst auch kleine chirurgische Eingriffe am Pferd durchzuführen gelernt hatte.

Wir unterhielten uns über die „richtige“ Behandlung eines Hufgeschwürs, und er beschrieb mir die Art und Weise der Therapie, mit der er dieser Erkrankung begegnete. Er führte aus, dass zunächst die Abszesseröffnung am Huf mit dem Hufmesser erfolgte, um den angesammelten Eiter auszuleiten, anschließend wurde die so entstandene Aushöhlung mit Werg aus Leinenfaser verfüllt und der Huf verbunden. Nach vierzehn Tagen bis drei Wochen unter lediglich leichter Bewegung bzw. Stallruhe war diese Entzündung i.d.R. ausgeheilt.

Leicht belustigt beschrieb er mir dagegen die moderne Herangehensweise, bei der aus Tierschutzgründen zunächst der Tierarzt eine leichte bis mäßige Sedation des Pferdes vorzunehmen hat, nach erfolgtem Eingriff durch den Schmied erfolgt eine Antibiose (wiederum durch den Tierarzt), die Wundversorgung mit häufig zu wechselnden sterilen Verbänden usw.. Er verwies dabei auch auf die heutzutage übliche sehr lange Boxenruhe, die bei diesem Verfahren einzuhalten ist, will man kein erneutes Aufflammen des Geschwürs riskieren.

Vom Gott zum Dämon – Katzen haben im Verlauf unserer abendländischen Kulturgeschichte viele Bewertungswandlungen durchlaufen, vom Glücks- und Heilsbringer der Antike über die schwarze Magie des Mittelalter zum beliebten Hausgenossen unserer Zeit.

Vom Gott zum Nutzvieh

Betrachtet man etwa die Bedeutung von Pferden zur Zeit der Kelten, so zeigt sich, dass dem Pferd neben seiner funktionellen Zuweisung als „Nutztier“ darüber hinaus eine große Bedeutung im spirituellen Leben vieler keltischer Stämme zugewiesen wurde, etwa als Schutzgott eines Stammes oder als Wächter und Schutzgeist der heiligen Heine und Wälder.

Auch andere Tierarten durchliefen eine gewisse „Metamorphose“ ihrer Bedeutung und Wertschätzung durch den Menschen, wie das folgende Beispiel der Katze zeigt:

2009-02-Tiermedizin2Im Alten Ägypten wurde die Katze als heiliges Tier und Gottheit verehrt. Archäologische Ausgrabungen belegen, dass Ägypten das erste Land war, in dem Katzen domestiziert wurden. So berichten etwa alte Papyrustexte, dass im antiken Ägypten die Menschen ihre Haustiere stets sehr aufmerksam pflegten und versorgten und auch darauf achteten, dass weibliche Katzen nur mit passenden Katern zusammen kamen.

Aus dieser Liebe und Hinwendung zu Katzen entwickelte sich in der Folge ein religiöser Kult. So wurde z.B. die katzenköpfigen Göttin Bastet mit Begriffen wie Fruchtbarkeit, Musik, Liebe und Vergnügen in Verbindung gebracht.

Auch in der Geisteswelt der Römer spielte die Katze eine gewisse Rolle; hier wurde dieses Tier mit der Göttin Diana in Verbindung gebracht, die je nach Darstellungszweck als jungfräuliche Jägerin, als Fruchtbarkeitsgöttin oder auch als Göttin der Hexen (!!!) auftrat.

Mit dem Zerfall der antiken Kulturen verlor auch die Katze ihre positive spirituelle Bedeutung. So ging man im Mittelalter dazu über, der Katze durchweg negative Eigenschaften zuzusprechen und brachte sie mit Hexen, Dämonen und anderen dunklen Mächten in Verbindung. In magischen Riten wie dem Verbrennen einer Katze bei lebendigem Leib oder dem Vergraben einer lebenden Katze versuchte man, die diesem Tier innewohnenden bösen Geister zu vertreiben, die für zahlreiche unerklärliche Erscheinungen (v.a. Naturkatastrophen) verantwortlich gemacht wurden.

In dieser Situation ist somit davon auszugehen, dass zu jener Zeit einer erkrankten Katze mit Sicherheit keinerlei medizinische/ naturheilkundliche Hilfe zuteil wurde. 

Erst mit dem Wandel der Sichtweise in eine positive Bewertung der Katze als Hausgenosse und „gleichwertigem“ Partner wird dem Leben und der Gesunderhaltung dieses Tieres wieder eine gewisse Bedeutung zugesprochen, sieht man von den negativen Auswüchsen der Kleintierhaltung in vielen Süd- und Südosteuropäischen Ländern einmal ab.

„Lebewesen“ contra „Nutztier“ in der Naturheilkunde

Ein weiteres „Relikt“, dass sich aus der frühen Zeit des Zusammenlebens von Mensch und Tier erhalten hat, findet sich im Bereich der landwirtschaftlichen Haltung und Nutzung von Großtieren, und hier besonders in der Bewertung von Milch- und Schlachtvieh.

Folgendes Beispiel soll diese Polarität von konventioneller und „alternativer“ Sichtweise näher beleuchten: Ich wurde zu einer Hochleistungs-Milchkuh (sieben Jahre alt) bestellt, die zwei Tage nach dem Abkalben unter einem sehr schlechten Allgemeinzustand litt.

Grundursache für diesen Zustand war zunächst scheinbar ein hoher Calciumverlust unter der Geburt, den der Tierarzt konventionell mit vorsichtigen Gaben von Calcium zur Substitution behandelte. Eine körperliche Schwächung dieser Art durch eine vorübergehende Hypocalziämie ist bei Hochleistungsmilchvieh eine durchaus häufig anzutreffende Erscheinung.

Vom Hafermotor zum Freizeitpartner. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier hat sich stark gewandelt.Im vorliegenden Fall stellte sich jedoch trotz mehrmaliger Gabe von Calzium keine Besserung ein, die Symptome (Apathie, Schwächung, Inappetenz) bestanden weiterhin.

Eine von mir durchgeführte genauere, naturheilkundlich orientierte Untersuchung stellte den Zustand des Tieres in einen ganzheitlichen Kontext mit der unmittelbaren Umwelt und der aktuell durchlebten Situation, in der sich die Kuh zum fraglichen Zeitpunkt befand. Zwar war dieses Tier überaus leistungsfähig bzw. „produktiv“ und hatte schon zahlreiche Kälber „geworfen“, jedoch stellt der Vorgang der Geburt m.E. für jedes weibliche Tier eine immer wieder besondere und einzigartige Situation dar.

Der Gesamtbestand in dem Stallgebäude betrug zum fraglichen Zeitpunkt ca. 75 Tiere. Die kalbenden bzw. kurz vor der Kalbung stehenden Kühe waren in einem großzügig abgetrennten Bereich mit deutlichem Sichtkontakt zu den übrigen Tieren untergebracht.

Trotz einer somit durchaus tierartgerechten Unterbringung und Haltungssituation erholte sich die Milchkuh zunächst nicht von den Folgen der Geburt. Erst der Einsatz von pulsierenden Magnetfeldern besserte dann sehr zügig und nachhaltig den Zustand des Tieres, so dass die Kuh bereits nach zwei weiteren Tagen wieder in den Gesamtbestand integriert werden konnte. Zusätzlich bekam das Tier eine Blütenmischung nach Dr. Bach mit dem Thema „Erschöpfung, Rekonvaleszenz“ (Olive, Oak, Elm, Gorse) über einen Zeitraum von ca. 10 Tagen.

Ich führe die rasche Genesung dieser Kuh – neben dem Einsatz pulsierender Magnetfelder – auch und gerade auf die (kurzzeitige) Gabe der Blütenmischung nach Dr. Bach zurück, da der pathogene Gesamtzustand, wie er sich mir bei der ersten Untersuchung des Tieres darstellte, eindeutig und in erster Linie auf eine ausgeprägte Erschöpfung körperlicher wie geistig-seelischer Art zurückzuführen war.

Dieses Beispiel zeigt also recht deutlich, dass ein naturheilkundlich orientierter Heilungsansatz stets ganzheitlich im Sinne der Integration auch des seelischen Befindens eines Tieres ausgerichtet sein sollte.

Genau hierbei stößt aber die wirtschaftliche Betrachtungsweise auf ein Nutztier an die Grenzen der Vereinbarkeit zwischen der „Reparatur“ gestörter Körperfunktionskreise im konventionellen Sinne und der Akzeptanz ganzheitlicher Methoden, die neben den rein biologischen Prozessen und Abfolgen auch beim Nutztier den feinstofflichen bzw. geistig-seelischen Aspekt berücksichtigen.

Oder mit anderen Worten:
Der pathogene Faktor der Haltungs- und Nutzungsbedingungen in der Nutztierhaltung (Massenhaltung, künstliche Besamungen, computergestützte Automatenfütterung, das maschinelle Abmelken der von Natur aus für das Kalb bestimmten Milch usw.) werden in der landwirtschaftlichen Praxis immer noch zu sehr ausgeblendet. „Krankheit“ wird hier immer noch zu sehr lediglich als der partielle Ausfall von Körperfunktionen gesehen und dementsprechend „behandelt“. Eine (jedoch rein utopische) Auflösung dieses Dilemmas bestünde zunächst in der ganzheitlichen Wahrnehmung, Akzeptanz und Wertschätzung auch von Nutztieren durch den Mensch.
Diese Wahrnehmungsänderung gegenüber Nutztieren im Sinne von „gleichwertigem Leben“ würde in der Folge auch eine gewisse Bewusstseinserweiterung (oder sagen wir besser „Bewusstseinsreifung“) des Menschen hinsichtlich seiner Haltung, Wahrnehmung und Einschätzung gegenüber seiner (gesamten) Umwelt nach sich ziehen.

Hieraus ergibt sich seitens des Landwirts jedoch das Problem der polarisierten Betrachtungsweise seiner Tiere; diese stellen auf der einen Seite lediglich ein Produktionsmittel zur weiteren „Veredelung“ von Grundprodukten (Getreide im Futtermittel etc.) dar, müssen aber im naturheilkundlichen Kontext als ganzheitliches, körperlich wie seelisch-geistig existentes Wesen angesehen werden.

„In der Nutztierhaltung stößt die Naturheilkunde an ihre Grenzen, sie wirkt nur im ganzheitlichen Ansatz. Andererseits: Auch das Produktionsmittel „Tier“ ist am produktivsten, wenn Körper, Geist und Seele im Einklang sind.“ Karsten Kulms

Sich aber – etwa in der Anamnese – in ein wirtschaftlich „genutztes“ Tier hinein versetzen zu können, setzt neben vielem anderem auch eine gewisse emotionale Bindung an das Tier voraus. Dies wiederum verbietet jedoch dessen „Funktion“ als ein Wirtschaftsgut, das – z.B. in Mastbetrieben – lediglich vorübergehend zur Aufzucht bis zum weiteren Verkauf an den Schlachthof für eine geraume Zeit auf dem Hof verbleibt.

Eine emotionale Bindung zu solch einem „Wirtschaftsgut“ einzugehen, ist weder auf der zeitlichen Ebene möglich, noch scheint es hinsichtlich des weiteren Verwendungszwecks des Tieres wenig sinnvoll, sich im täglichen Umgang auf eine engere, intensivere geistig-emotionale Ebene einzulassen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Gespräch mit einer Bäuerin, die mir ob meiner Verblüfftheit über das sehr rohe und grobe Verhalten ihres Sohnes den (Nutz-) Tieren gegenüber ausführte, dass sie sogar sehr darauf achtete, dass ihr Kind keine engere gefühlsmäßige Bindung an die zum Verkauf anstehenden Rinder entwickelte; dies geschehe allein zum Schutz der emotionalen Entwicklung des Kindes, dessen Erfahrungswelt im anderweitigen Falle sehr von den Themen „Verlust“ und „Enttäuschung“ geprägt wären.

„Wertigkeit“ von Leben

Greifen wir den oben ausgeführten Gedankengang weiter auf, so stellt sich bei eingehender Betrachtung der Situation nicht zuletzt die Frage, ob bei der Anwendung  naturheilkundlicher Verfahren im Tierproduktionsprozess die Ausrichtung des Behandlers auf den möglichst ungestörten Lebenserhalt bzw. die Gesunderhaltung eines Lebewesens – mit allen Vorgaben und Bedingungen der Naturheilkunde – nicht letztendlich die Naturheilkunde lediglich als „billiges Werkzeug“ Verwendung findet und als „Medizin zweiter Klasse“ zum Einsatz kommt.

Weiterhin stellt sich die Frage, ob  aufgrund des veränderten Blickwinkels der Betrachtungsweise eines Nutztieres naturheilkundliche Behandlungen den Ansprüchen der Naturheilkunde in ihrer Komplexität nach der Erlangung bzw. Wiederherstellung von „Gesundheit“ i.w.S. überhaupt gerecht werden können. Für die betroffenen Tiere wäre natürlich eine selbstbezogene und arrogante Einstellung nach dem Motto „lieber gar keine naturheilkundliche Behandlung als eine rein auf Reparatur und Funktionserhalt reduzierte Heilweise“ äußerst fatal.

Es liegt jedoch an uns Menschen, auf unserer eigenen Wahrnehmungsebene das Spannungsfeld von „Tierproduktion“ und „Futterveredelung“ einerseits und dem ganzheitlichen, von körperlicher wie geistig-seelischer Heilung durchdrungenen naturheilkundlichen Ansatz andererseits aufzulösen.

Ausblick

Die Tierheilkunde reicht mit ihren Wurzeln zwar weit in historische Zeiten zurück, weist aber in ihrer gegenwärtigen Form der Ausrichtung und Nutzung naturheilkundlicher Verfahren noch vergleichsweise junge Ansätze auf.

Ein wichtiger Aspekt bei der Anwendung naturheilkundlicher Verfahren und Therapien ist das Zugestehen eines individuellen „Bewusstseins“, also die Einbeziehung von Geist und Seele des Tierpatienten. Es dabei wenig hilfreich, das Tier auf eine menschliche Empfindungsebene zu projizieren, ebenso wenig hilft eine rein mechanistische Sichtweise der „Reparatur“ von Funktionsdefekten im Biosystem „Tier“.

Karsten Kulms
Ausgebildeter Tierheilpraktiker mit eigener Groß- und Kleintierpraxis in Kerken. Fachjournalist und Dozent für Tierheilkunde mit Arbeitsschwerpunkten Akupunktur, Homöopathie, pulsierende Magnetfelder. Betreuung der Rubrik „Tierheilkunde“ in PARACELSUS.
Kontakt: info@tierheilpraxis-kulms.de

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