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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 6/2010

Glosse: Der Kongress tanzt!

Cover

Fortsetzung der Glosse „WU WEI – HITZEFREI!“

© Paylessimages - Fotolia.comDurch karmische Zufälle wurde Golfautor Eugen Pletsch Mitarbeiter eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht, wie er hoffte, als Marketing-Spezialist, sondern als Hausfaktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Azubi Anke. Trotzdem sind beide gute Freunde.

In der letzten Folge sollte Pletsch seine Chefin bei der Abendveranstaltung eines Heilpraktiker-Kongresses vertreten, wonach er wochenlang verschollen war …

Als ich in unsere Verlags-Teeküche trat, saß dort Anke, und ihre Begrüßung klang nicht besonders herzlich: „Na? Endlich zurück, du treulose Tomate.“

„Ich hatte doch eine Karte geschickt, dass ich eine Weile wegbleiben würde.“

„Oh ja, die Karte. Die hängt hier: Bin zur Kur, melde mich. Liebe Grüße an alle. Schönen Dank auch“, muffelte Anke.

„Ach, komm schon, es ging alles so hopplahopp, was sollte ich machen.“

„Die Chefin meint, das wäre das Problem mit euch Freiberuflern. Ihr kommt und geht, wie ihr wollt.“

„Ist sie sehr sauer?“

„Ich glaube nicht. Ich vermute sogar, dass sie dein bitteres grünes Gebräu vermisst. Außerdem hat ihr die Kongressleitung mitgeteilt, dass dein Besuch ‚Beachtung fand’ und man das anschließende Missgeschick außerordentlich bedauern würde. Komm, erzähl, was ist passiert?“

Anke rollte mit den Augen. Jetzt war sie wieder ganz die alte. Ich dachte zurück an die Ruhe in meinem gemütlichen Zimmer der exklusiven Privatklinik mit Blick auf den Park. Der abendliche Gesang der Nachtigall, die auf einer uralten Eiche saß …

„Hey, dös nicht rum, erzähl!“, unterbrach Anke meine Träume.

„Ich war einige Zeit Gast einer Privatklinik“, begann ich, „was damit zusammenhängt, dass mir die gewichtige Eigentümerin dieser Klinik am Abend des Kongresses beim Tanzen derart auf den Fuß getreten ist, dass ich mir einen Bruch zuzog.“

„Wie, beim Tanzen den Fuß gebrochen? Erzähl weiter!“

„Also gut. Du entsinnst dich an den Tag, an dem die Klimaanlage ausgefallen war? Es war schrecklich heiß und … “

„… die Chefin gab uns hitzefrei, nachdem du dich als Freiwilliger für den Kongressabend gemeldet hattest.“

„Genau. Ich also hin und da stand ich nun und machte netten Smalltalk mit Leuten, die offensichtlich genauso schwitzten wie ich.“

Ich nahm einen Schluck Tee und genoss Ankes fiebrigen Blick.

„Das Abendessen war lecker, aber durch die Hitze im Saal begann der Tischwein bei manchen Leuten mehr als heftig zu wirken. Ich hatte mich auf feinsinnige Gespräche über das Seelenleben von Bachblüten eingestellt, aber – du liebe Güte – wie schnell kann Weingeist feinstoffliche Therapeuten in Poltergeister verwandeln … Aber immer der Reihe nach: Meine Nachbarin am Tisch war in jeder Hinsicht eine starke Frau, die mir beim Essen erzählte, sie würde eine eigene Privatklinik leiten. Zum Hauptgang tranken wir einen ordentlichen Merlot, und nachdem wir das Dessert mit einem guten Weißwein verabschiedet hatten, begann eine Combo zu spielen.

Meine mittlerweile angeschickerte Tischdame fackelte nicht lange und zerrte mich auf die Tanzfläche, wo sie mir nach kaum 5 Minuten Disco-Fox attestierte, dass ich eine ausgemachte Parkett-Sau wäre. Ich habe nämlich nie richtig tanzen gelernt. Als Hippies wedelten wir nur mit den Armen herum. Der kleine ‚Tipp‘-Zwischenschritt beim eins – zwei – tipp, den sie mir beizubringen versuchte, verknotete meine Hirnwindungen. Da sich bei der Dame alkoholbedingt Blockaden gelöst hatten, zog sie mich mit kräftigen Armen an sich, worauf ich ungeschickte Fluchtversuche unternahm. Sie kicherte, sie müsse meinen ‚Glücksschalter’ umlegen und grinste dabei wie ein hungriger Säbelzahntiger.

Ich hörte nur ‚umlegen’, worauf mein Reptilhirn in Panik geriet. Sie umklammerte mich immer enger. Ich spürte, wie mein Schiff in Atemnot geriet und – schwer mit Merlot beladen – zu sinken begann. Wir torkelten über das Parkett, wobei sie den Hersteller einer dubiosen Wundersalbe derart an den Knöchel trat, dass er wimmernd zu Boden ging und seine silberblonde Tanzpartnerin, eine Kölner Akupunktur-Spezialistin, mitriss. Der Heilmittelhersteller, keinesfalls ein Leichtgewicht, aber von den vielen bürokratischen Vorgaben der Arzneimittelzulassungskommissionen nervlich stark gebeutelt, rappelte sich auf und versuchte zurückzutreten, worauf er von meiner ekstatisch zuckenden Brunhilde (mit mir im Schlepptau) schlichtweg überrannt wurde. Schließlich lagen wir zu viert am Boden. Ich versuchte, dem Fabrikanten meine Visitenkarte zu überreichen und ihn auf eine Anzeigenschaltung in unserem Magazin ansprechen, aber er reagierte ziemlich trotzig.

Die Trommeln dröhnten, wogende Massen umspülten uns und mir wurde sehr komisch im Kopf. Über mir sah ich Geistheiler, die auf den Tischen tanzten und naturheilkundlich ambitionierte Landärztinnen aus den neuen Bundesländern, die die Kampfschreie befreiter Sachsenstämme ausstießen.

Selbst jene mageren, graubleichen Heilpraktiker, die einen Galaabend gewöhnlich in einer einsamen Ecke verbringen, mürrisch an einem natriumarmen Wässerchen nippen und dabei endlos auf einem Salatblatt kauen, waren nach der wilden Bühnenshow nacktbrüstiger Lido-Girls von ihren Sitzen hochgesprungen und erlebten vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben, wie es sich anfühlt, wenn das Chi durch alle Meridiane prasselt, die sich zu diesem lustvollen Anlass bereitwillig öffneten.

Das bekannte Medium eines Astralwesens aus Atlantis torkelte wie ein tibetisches Orakel über die Tanzfläche, während das Astralwesen selbst von Kronleuchter zu Kronleuchter schaukelte, was aber nur ich und die anderen 23 Hellsichtigen unter den Tagungsteilnehmern beobachten konnten.

Die Herstellerin eines homöopathischen Komplexmittels wirbelte derart schnell herum, dass sie sich im lila Schleier einer anthroposophischen Ärztin verwickelte, der daraufhin abriss und 2 Flügelstummel am Rücken freilegte, die nach Rudolf Steiners Aussage bei jenen sich bilden und zu wachsen vermögen, die den Kontakt zu höheren Welten pflegen.

Mittlerweile dachte ich nicht mehr über eins – zwei – tipp nach. Von erwachter Kundalini-Kraft erfüllt, schob ich meine Tanzpartnerin über das Parkett, wobei wir einen Zahnarzt derart schubsten, dass er sich vor Schreck im großmaschigen Spitzenbesatz über dem wogenden Busen seiner rüstigen Tanzpartnerin verbiss. Während sie versuchte, den Zahnarzt aus ihrem Spitzen-Dekolleté zu vertreiben, verschwanden beide im allgemeinen Tohuwabohu. Irgendwann, während ich zur „Dancing Queen“ epileptisch zuckte, schnappte sich meine Tischdame eine Rotweinflasche vom nächsten Tisch …“ Ich hielt inne. Anke starrte mich fassungslos an. „Und dann?“

„Tja, und dabei trat sie mir auf den Fuß. Irgendetwas knackte. Es tat fürchterlich weh. Ich hinkte jaulend von der Tanzfläche, irgendwer gab mir Notfalltropfen, dann wurde ich in eine Unfallklinik gefahren. Dort blieb ich. Am nächsten Morgen erschien meine zerknirschte Tanzpartnerin, lud mich zur Reha in ihre Klinik ein und gab mir einen Gutschein.“

„Einen Gutschein?“ Anke wurde langsam zappelig, denn irgendwann würde sie sich auch mal wieder ihrer Arbeit widmen müssen.

„Ja, aus der Tombola. Nach meinem Unfall gab es eine Verlosung unter den Visitenkarten, die wir vorher in ein Glas geworfen hatten. Meiner Karte wurde der Hauptgewinn zugelost, von einem spirituellen Reiseveranstalter gestiftet.“

„WOW!“, rief Anke. „Eine Reise! Und wohin?“

„Hmm, wie soll ich sagen, es ist ein Astralreise und man kann sich wünschen, wohin. Ich wollte schon immer mal nach Shambhala fahren, in das Land der wirbelnden Golfderwische von Tao Yin und … “

„Oh, schau mal einer an: Käpt’n Blaubär von hoher Fahrt zurück im heimatlichen Hafen“, unterbrach mich eine wohlbekannte energische Stimme.

„Herzlich willkommen! Wie wäre es, wenn du uns jetzt mal mit einer Runde Shambhala-Tee aufwartest, anstatt Anke weiter von der Arbeit abzuhalten?“

Die Chefin stand in der Küchentür und lächelte gütig. Anke und ich blickten uns an. Ich sah die Verzweiflung in ihren Augen, aber auf die Geschichte von den wirbelnden Golfderwischen von Tao Yin würde sie noch eine Weile warten müssen.

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