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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 6/2011

Glosse: TIEFENENTSPANNUNG (oder: Das Nickerchen)

Cover

… mal wieder Pletsch

© KoMa - Fotolia.comDurch karmische Zufälle wurde Golfautor Eugen Pletsch Mitarbeiter eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht, wie er hoffte, als Marketing-Spezialist, sondern als Hausfaktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Indigo-Azubi Anke, die mittlerweile Assistentin der Geschäftsleitung ist. Trotzdem sind beide gute Freunde.

An manchen neblig-trüben Tagen sind unsere Verlagsmitarbeiterinnen so konzentriert mit ihrer Arbeit verschmolzen, dass es meiner Wenigkeit als Redaktionsgeisha kaum noch bedarf. Dann gieße ich eine letzte Runde „Harmonie und Gesundheit“ nach, einen ganz besonderen Tee, den mir unser Hausschamane zusammenmischt. Mit diesem Tee halte ich Grippewellen fern, lindere sporadische PMSLeiden und versetze das ganze Team in einen Zustand arbeitsamer Zufriedenheit. Wenn alles summt und schwingt, suche ich die Couch in der Redaktions-Bibliothek auf, um eine, meinem Alter angemessene, Tiefenentspannungsübung zu pflegen. Zumindest versuche ich das, bis mich unsere Ex-Azubine Anke aufspürt und vollquasselt.

Nach ihrer Zeit im Vertrieb war sie zur Redaktion gewechselt, wo sie sich das Thema „Gesundheitspolitik“ als Schwerpunkt ausgesucht hatte. Leider bestand ihre Arbeitsmethode seit einiger Zeit darin, mir alles zu erzählen, was sie beschäftigte, um aus meinen Reaktionen Schlüsse zu ziehen. Meine offensichtliche Müdigkeit erinnere sie an das allgemeine gesundheitspolitische Desinteresse vieler Bürger, meinte sie kürzlich. Wenn sie mich mit einem Thema wachrütteln könnte, dann hätte die Sache Substanz.

Ich möchte mich dem nicht entziehen, denn wo gibt es in der heutigen Zeit noch Menschen, die tief und still wie ein Bergsee in sich ruhen, um den Betrachter in seinem ganzen Wesen zu spiegeln. Natürlich höre ich gerne zu, aber nicht gerade dann, wenn Körper und Geist ihre Auszeit fordern. Aber es kam, wie es kommen musste: Gerade hatte ich meine Füße hochgelegt, als es klopfte.

„Hm“, grummelte ich, denn wer konnte das schon sein.

Da stand sie, Anke, mit glitzernden Augen, den SPIEGEL Nr. 33/2011 in der Hand: „Hast du schon ,Überdosis Medizin‘ gelesen?“

Ich nickte müde.

„Das ist ja wohl der Offenbarungseid! Ich glaube es einfach nicht: ,nutzlose Pillen, unnötige Operationen, riskante Therapien‘.“

„Was glaubst du nicht? Das ist doch schon lange bekannt, oder?“

„Klar, uns schon, aber doch nicht dem SPIEGEL!“

Anke hatte jenen Tremolo in der Stimme, der befürchten ließ, dass mein Nickerchen mal wieder ausfallen würde.

„Ich meine: DER SPIEGEL! Das Kampfblatt der Naturheilkundegegner!“

„Na ja, ganz so kann man das nicht sagen.“

Jetzt gingen die Rotlichter in Ankes Aura an: „Wie – kann man so nicht sagen? Zuerst wird die Homöopathie zum Aberglauben gemacht, Naturheilkundler werden in die rechte Ecke gestellt und dann …“

Kleine Drachenfeuer umzüngelten ihre Zungenspitze, als ich sie unterbrach:

„Das liegt doch nur daran, dass Informationsmedizin von SPIEGEL-Autoren genauso wenig verstanden wird wie von vielen konservativ denkenden Ärzten. Ein Globuli ist ein Informationsträger, nicht die Information … wie soll man das erklären? Das ist nicht so einfach zu verstehen …“

„Wohnt der Nachrichtensprecher im Fernseher? Was ist daran so schwer zu verstehen?“, bemerkte Anke in einem pampigen Ton.

„Anke! Man muss erst mal bereit sein, etwas Neues verstehen zu wollen. In alte Schläuche voll saurem Wein …“

„… passt nix mehr rein …“, dichtete Anke fertig. Sie wedelte mit dem Magazin: „Deshalb finde ich diesen SPIEGEL-Artikel auch so erstaunlich. Darin steht tatsächlich, dass sich Chefärzte gegenüber Klinikbetreibern zu Umsatzzielen verpflichten lassen. Das heißt doch im Klartext: Es wird zu viel und vollkommen unnötig operiert. Jetzt warnen selbst Ärzte, vor den Gefahren der Übertherapie und fordern ein radikales Umdenken: Weniger Medizin sei gesünder‘. Sie schreiben: ,Es werden Operationen gemacht, die dem Patienten nichts bringen, sondern nur dem Arzt nutzen‘. Ist das denn zu glauben? Wo sind wir denn?“

Ich konnte nur mit den Schultern zucken: „Das gilt doch auch für die häufig vollkommen unnötige und unkoordinierte Medikamentenvergabe.“

„Wäre das nicht Körperverletzung aus Gewinnsucht? Ich meine: Wenn Strukturen gebildet werden, unter denen Menschen zu Schaden kommen, wird das doch üblicherweise als organisiertes Verbrechen bezeichnet, oder? Die Frage ist also: Ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Klinikbetreiber und Pharmakonzerne?“

„Vermutlich nicht.“

Anke kam in Fahrt. Kein gutes Zeichen, dachte mein Nickerchen.

„Ich denke darüber nach, einen Artikel über diesen Nimbus des Arztes als ethisch höheres Wesens zu schreiben, über diesen Halbgott in Weiß, der sich angeblich nur dem Wohl des Patienten verpflichtet fühlt, aber in vielen Fällen tatsächlich nur noch von finanziellen Interessen geleitet wird. Dazu kommt die Arroganz des Wissenschaftsanspruches. Dieses angeblich durch ,wissenschaftliche Forschung‘ abgesicherte Wissen … dabei kann das Wissen von heute höchstens in dem Wissen bestehen, dass viele ,wissenschaftliche Erkenntnisse‘ auf gefälschten Studien basieren oder Wissen von gestern sind.“

„Was mir daran nicht gefällt, ist dein Schwarz-Weiß-Denken, Anke. Viele Ärzte, gerade in den neuen ,Medizinfabriken‘, stehen unter einem unglaublichen Druck, sind total erschöpft und werden miserabel bezahlt.“

Anke nickte. „Genau! Und dann passieren die Fehler! Damit kämen wir zu einer anderen Meldung. Darin werden die Patienten kritisiert, die sich selbst helfen wollen. Medikamentöse Selbstbehandlung habe fatale Folgen. Aber HALLO? Daran versuchen sich Patienten doch wohl nur, weil Ärzte keine Zeit für sie haben oder sofort zum Facharzt überweisen, wo man monatelang auf einen Termin warten muss? Schon mal gehört, dass sich Patienten das falsche Bein abschneiden? Immer mehr frustrierte Patienten wenden sich der Naturheilkunde zu. Natürlich kann man dabei auch Unfug anstellen. Aber alle diese ,Selbstversuche‘ werden im Jahr kaum den Schaden anrichten, den ,moderne Apparatemedizin‘ und Medikamentenvergiftungen an einem Tag verursachen!“

Anke starrte die hohe Bücherwand an, als würde sie einen bestimmten Titel suchen.

„Warum lassen wir das alles mit uns machen?“, sagte sie leise.

„Darüber ließe sich viel diskutieren“, dachte ich, „aber nicht jetzt!“

Trotzdem nickte ich bedeutungsschwer, während ich vor mich hindämmerte.

„Angeblich ist der Mensch nicht bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen – aber wenn er es versucht, dann ist es auch nicht genehm.“ Sie schaute mich fragend an.

„Es ist schrecklich“, stimmte ich ihr zu. „Dabei sind viele Menschen nur müde und erschöpft. Statt aufwändiger Behandlungen würde es manchmal auch helfen, wenn man sie nur mal zur Ruhe kommen ließe …“

Diesen zarten Hinweis nahm Anke leider nicht auf. Sie trommelte mit dem Bleistift an den Türrahmen, was zeigte, dass sie mit ihrem Thema noch nicht fertig war.

„Wie lange wird sich der Mensch noch unzertifiziert und frei vermehren dürfen?“

„Oder an so etwas Übersinnliches und Absurdes wie Gott glauben?“

„Stimmt! Irgendwo habe ich gelesen: Menschsein basiert auf dem zweifach unbewiesenen Irrsinn, dass wir von Gott geschaffen wurden und eine Seele haben. Aber selbst die modernsten Methoden der Labordiagnostik haben es nicht möglich gemacht, Gott und Seele zu synthetisieren. Woraus der Schluss gezogen werden muss, dass es sich um Wahnvorstellungen oder esoterischen Blödsinn handelt.“

„Immerhin gründet sich der religiöse Wahn des Westens auf einen ,Geistheiler‘, der die Menschen mit Handauflegen heilte“, murmelte ich.

Ich konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Ein Reiki-Meister ohne naturwissenschaftliche Ausbildung, über den es keinerlei haltbaren Studien gibt, nur vage Aussagen von Zeitgenossen. Bekannt ist aber, dass auch dieser Heiler von Wahnvorstellungen heimgesucht wurde: Er sprach angeblich mit Gott, den er als seinen Vater bezeichnete.“

Jetzt setzte sich Anke, die immer noch an der Tür gestanden hatte, zu mir an den Couchtisch. Meine Chance auf eine kurze Tiefenentspannung sank gen null.

„Glaube ist Humbug, unwissenschaftlicher Placebo, Opium fürs Volk“, polemisierte sie weiter. „Selbst ,positives Denken‘ ist demnach ,esoterisch‘.“ Psyche, Seele und Gott oder was auch immer in uns heilt, kann es nicht geben, weil es naturwissenschaftlich nicht erklärbar, messbar und dosierbar ist. Nur Präparate, die Pickel machen und die Leber schädigen, sind ,echte Medikamente‘, da ihre Wirkung durch die Nebenwirkung bewiesen wird. Das wird dann auch von der Kasse bezahlt. GWUP! sagte der Frosch, bevor er platzte.“

„Wie bitte?“

Mit letzter Kraft versuchte ich, Interesse zu signalisieren.

„Ach nichts, ist schon gut. Ich dachte an das Beispiel von Greenpeace, nach dem ein Frosch nicht aus dem Wasser springt, wenn es langsam erhitzt wird. Der Frosch verkocht. Ist es bei den Menschen nicht ähnlich? Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir vergiftet werden. Amalgam, Elektrosmog, Nahrungsmittelzusätze, Medikamente, Gentechnik – die ganze Palette.“

„Wo wird das alles nur enden?“, stöhnte ich und dachte dabei auch an meinen verpatzten Mittagsschlaf.

„Ich könnte meinen Freund fragen“, sagte Anke. „Mein Freund ist hellsichtig!“

„Du hast einen Freund?“

„Wusstest du das nicht?

„Bin ich hellsichtig? Vielleicht fast allwissend, aber nicht hellsichtig“, sagte ich auf meine bescheidene Art.

„Und du meinst, er hat eine Antwort auf die Frage: Wo wird das alles nur enden??“

„Keine Ahnung.“ Anke zuckte mit den Schultern. „Er ist auf eine so merkwürdige Art hellsichtig, wie es Bruno Gröning war: Der konnte die Schulnote sehen, die er bekam, aber nicht die Matheaufgabe … oh je …“ Sie sprang auf.

„Was ist los?“

„Ich hab ganz vergessen, dass ich ihn heute Abend zum Essen eingeladen habe. Aber ich weiß noch nicht, was ich kochen soll.“

„Ruf ihn an“, sagte ich mit letzter Kraft „und frag ihn. Wenn er hellsichtig ist, wird er wissen, was es zu Essen gibt.“

 „Gute Idee!“

Schwupps – war Anke auf und davon – und endlich war Ruhe im Salon.

Eugen PletschEugen Pletsch

 

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