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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 2/1999

Craniosacrale Therapie

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Einführung und Literaturüberblick

Craniosacrale Therapie ist eine wissenschaftlich fundierte intensive Körperarbeit, die in den 30iger Jahren von dem Osteopathen William G. Sutherland entdeckt und seit Ende der 70er Jahre von Dr. John Upledger (Florida, USA) als eigenständige Therapieform weiterentwickelt wurde. In den letzen Jahren hat die Craniosacrale Therapie weltweite Anerkennung gefunden. Craniosacral heißt dieses Körpersystem und die damit arbeitende Therapieform, weil sich zwischen dem Schädel (lateinisch cranium) und dem Kreuzbein (lateinisch sacrum) die Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) befindet. Craniosacrale Therapie hat den Fokus auf die Beeinflussung der rhythmischen Bewegungen dieser Flüssigkeit, die das Zentralnervensystem des Menschen sozusagen “in Wasser bettet”. Weil es sich beim Craniosacralen System um ein grundlegendes vitales System handelt, wird es auch als “primärer respiratorischer Mechanismus”, also als Grundatem des Körpers bezeichnet.r9902_cr1

Dieser Grundatem bewegt am Kopf die einzelnen Schädelknochen an ihren Nähten. Die Dehnbarkeit der Knochennähte liegt unter einem Millimeter und kann dennoch – für den, der es gelernt hat – präzise gespürt und beeinflußt werden. Das klingt vielleicht zunächst unglaublich. Die Erfahrung in Ausbildungsgruppen zeigt jedoch, daß die Skepsis bezüglich der Erspürbarkeit dieses Rhythmus nach einigen Übungstagen verschwunden ist. Mit etwas Feingefühl und Unvoreingenommenheit kann jeder das Erspüren dieser Bewegungen und ihrer Beeinflussung erlernen. Nicht nur der Bereich zwischen Schädel und Kreuzbein, sondern der ganze Körper des Menschen befindet sich, bedingt durch den craniosacralen Rhythmus, in einer wellenförmigen Bewegung des Öffnens und Schließens. Wo das nicht so recht funktioniert, können therapeutisch durch bestimmte Handgriffe Korrekturimpulse gesetzt werden. Jedes Krankheitsbild und jede Energieblockade verursachen spezifische Abweichungsmuster von der rhythmischen Grundbewegung. Diese zu beheben ist Aufgabe Craniosacraler Therapie. Allgemein bewirken craniosacrale Behandlungen eine tiefe Entspannung und “Entstressung” auf körperlicher, geistiger und emotionaler Ebene.r9902_cr2

Bewährt hat sich diese Form der therapeutischen Arbeit besonders bei:

  • Schmerzen im unteren Rücken und im Ileosacralbereich
  • Halswirbelsäulen- und Schulter-Arm-Syndrom, Schleudertrauma
  • Migräne und vasomotorische Kopfschmerzen
  • stressbedingten vegetativen Störungen
  • psychosomatischen Beschwerden
  • emotionalen Problemen

Im Folgenden möchte ich einen Überblick bieten über die deutschsprachige Literatur über die Craniosacrale Therapie. Bitte lassen Sie sich durch die unterschiedlichen Schreibweisen von “craniosacral” nicht verwirren. Man hat sich im Deutschen einfach noch nicht auf eine einheitliche Schreibweise geeinigt:

Das wichtigste Einführungsbuch in die Craniosacrale Therapie ist und bleibt “Auf den inneren Arzt hören. Eine Einführung in die Kraniosakral-Arbeit” von John E. Upledger. Vormals im Sphinx Verlag erschienen und dort vergriffen, wurde es 1996 vom Hugendubel-Verlag in der Reihe Irisiana (DM 28,-) wieder aufgelegt. Die Arbeit mit dem craniosacralen System hat ihre Wurzeln zwar bereits am Anfang dieses Jahrhunderts, wirklich populär wurde sie aber erst durch die Forschungen und therapeutischen Anwendungen von John E. Upledger innerhalb der letzten 20 Jahre. Dieses Buch ist in einem erzählenden Stil gehalten. Es beginnt mit einer überaus spannenden Geschichte, in der Upledger, während er bei einer Operation an der Rückenmarkshaut der Halswirbelsäule assistiert, die rhythmische Bewegung der Rückenmarkshaut erlebt. Es folgen therapeutische Erfahrungsberichte, einfach zu verstehende anatomische und physiologische Erläuterungen und die Beantwortung häufig gestellter Fragen zur Craniosacralen Therapie. Das Buch ist ungemein informativ und liest sich spannend wie ein Krimi.r9902_cr3

Völlig anders aufgebaut ist das 1995 im Goldmann Taschenbuch-Verlag erschienene “Rhythmus und Berührung. Eine Einführung in die Cranio-Sacral-Arbeit” von Anthony Arnold (DM 17,90). Ganz gut gelungen ist die mit detaillierten Fotos ausgestattete Beschreibung des Ablaufs einer craniosacralen Standardbehandlung. Kaum lesbar dagegen ist der einführende theoretische Teil, der wahrscheinlich auch im Original etwas schwerfällig ist und wahrscheinlich durch die deutsche Übersetzung vollends verstümmelt wird. Ein Beispiel: “Zu Beginn dieses Jahrhunderts erlag William G. Sutherland, ein junger Osteopath aus dem mittleren Westen der USA, der Faszination der Schädelknochenstrukturen und -funktionen” So etwas sollte man der deutschen Sprache doch nicht antun.

Selbsthilfeübungen zur kranialen Integration von Mary Louise Muller (VAK DM 14,80) ist ein 46-seitiges Büchlein mit einer kurzen Einführung in das craniosacrale System und daran anschließend einigen sehr effektiven und leicht durchzuführenden Übungen, um Kopf, Liquor und Gehirn in Balance zu bringen. Die Autorin beschreibt – auf eine erfrischende Art methodenübergreifend – Übungen aus Polarity, Kinesiologie und Craniosacraler Therapie zur Selbstbehandlung.

r9902_cr4Bereits in der zweiten Auflage erschienen ist das von Joachim Buchmann und Klaus Weber herausgegebene “Weiche Techniken in der Manuellen Medizin” (Hippokrates Verlag, DM 64,-). Dieses kleine Sammelwerk trägt der Tatsache Rechnung, daß sich in den letzten Jahrzehnten die Situation in der Manuellen Medizin grundlegend verändert hat. Von schmerzhaften Manipulationen hin zu weicheren, sanfteren Techniken, die nicht nur als Ersatz für härtere Techniken verstanden werden, sondern auch die Bandbreite der manuellen therapeutischen Möglichkeiten entscheidend erweitern. Es finden sich darin gute Einführungen in die postisometrische Behandlung, die Ortho-Bionomie, die Traeger-Arbeit und natürlich die craniosacrale Therapie. Es handelt sich zwar ebenfalls um ein Einführungswerk, jedoch mehr für Personen, die bereits Grundkenntnisse in körpertherapeutischen Behandlungsmethoden haben. Besonders interessant ist die Beschreibung einer erweiterten Konzeption innerhalb der Craniosacralen Methode, nämlich der “Technik der Entfaltung (Unfolding)”. Dabei kann sich der Therapeut von der Idealvorstellung befreien, “er müsse etwas für den Patienten tun. Statt dessen richtet er seine ganze Aufmerksamkeit auf den Augenblick und verbindet sich mit dem Patienten, indem er mit den Fingern den cranialen Rhythmen oder anderen subtilen körperlichen Bewegungen folgt.”

Und nun zu den Fachbüchern im engeren Sinne: Das Standardwerk für Schüler und Praktizierende ist das “Lehrbuch der Craniosakral-Therapie” von John E. Upledger und Jon D. Vredevoogd, in Englisch 1983 erstmals veröffentlicht und in- zwischen in der zweiten Auflage im Karl F. Hang Verlag (DM 198,-) erschienen. Das Buch sollte am besten parallel zu einer Craniosacral-Ausbildung durchgearbeitet werden. Es finden sich ausführliche Darstellungen der grundlegenden Konzepte und Hypothesen über den craniosacralen Rhythmus sowie allen anatomisch und physiologisch wichtigen Grundlagen. Darüber hinaus vermittelt es ein umfassendes Verständnis der wichtigsten craniosacralen Techniken. Wenn der Aufbau auch etwas verwirrend erscheint, so lohnt sich eine genaue Lektüre auf jeden Fall. Im Anhang finden sich eine Fülle interessanter Forschungsergebnisse. Obwohl das Buch bereits Anfang der 80er Jahre entstand und in der Zwischenzeit einiges an neuen Ergebnissen vorliegt, hat es nichts von seinem grundlegenden Charakter verloren. 

r9902_cr5Die ideale Ergänzung für Therapeuten, die sich in einer Craniosacral-Ausbildung befinden oder diese bereits absolviert haben ist das im Hippokrates-Verlag erschienene “CSO. CranioSacralOsteopathie” von Norbert G. Rang und Stefan Höppner (DM 88.-). Dieses Buch ist ein hervorragender Praxisleitfaden, der die einzelnen Techniken sehr genau beschreibt und in Bildern darstellt. Es ist kein Lesebuch, sondern ein detailliertes Nachschlagewerk. Jede einzelne Technik ist mit Fotos für den Praktizierenden nachvollziehbar dargestellt. Dazu die jeweils zuzuordnenden Indikationen und Befunde sowie stichwortartige Anweisungen zur Ausführung der Techniken. Der Hauptteil des Buches ist der Systematik der Schädeltechniken gewidmet. Und auf diesem Gebiet haben die Autoren wirklich Pionierarbeit geleistet. Es finden sich neben den Techniken zur cranialen Regulation am Schädel und Kiefer nämlich erstmalig genaue Abbildungen von einzelnen Schädelteilen mit ihren Bewegungsebenen und den wichtigsten Abweichungen sowie deren Korrekturmöglichkeiten. Insbesondere die möglichen Läsionen an der Verbindung von Keilbein und Hinterhauptbein sind hervorragend dargestellt. Die wichtigsten Schädelabbildungen aus diesem Buch sind übrigens auch auf drei Wandtafeln mit je zwölf Abbildungen erhältlich (ebenfalls Hippokrates Verlag, alle drei Tafeln zusammen DM 48,-)

Das cranio-sakrale System von Alexander Rossaint, Johann Lechner und Raphael van Assche, erschienen im Hüthig-Verlag (DM 58,-) besteht aus drei unterschiedlichen Teilen. Der erste Text ist eine Einführung in das craniosacrale System und die Craniosacrale Therapie, leider sehr schwierig zu lesen und deshalb nur für Therapeuten geeignet, die sich mit osteopathischen Fachbegriffen auskennen. Der zweite Text handelt von der Verbindung der Cranio-sacralen Therapie mit der Kinesiologie und der Physioenergetik. Hier wird eine interessante Brücke geschlagen zwischen craniosacraler Arbeit und dem kinesiologischen Muskeltesten. Thema des dritten Textes ist die Anwendung der cranialen Osteopathie innerhalb der Zahnheilkunde. Interessant ebenfalls für fortgeschrittene Therapeuten, die sich intensiv mit der therapeutischen Arbeit am Kiefergelenk beschäftigen möchten.

Die craniosakrale Osteopathie bei Kindern von Nicette Sergueef, erschienen im Verlag für Osteopathie Dr. Erich Wühr (DM 78,-) ist meines Wissens die einzige deutsche Veröffentlichung, die sich mit den spezifischen Problemen der Craniosakralbehandlung bei Kindern beschäftigt. Hier finden wir eine gute Einführung in die möglichen cranialen Dysfunktionen, die vor, während und nach der Geburt entstehen können. Und man findet Basistechniken der Kinderbehandlung, die sich in einigen wichtigen Punkten von den Techniken der Erwachsenenbehandlung unterscheiden. Der kindliche Schädel hat bekanntlich noch eine weit weniger feste Form als der des Erwachsenen. Die Therapie am kindlichen Schädel entspricht daher mehr einem “Modellieren”, da es ja bis zu einem bestimmten Alter tatsächlich noch möglich ist, korrigierende Formungsimpulse zugeben. Der Therapeut arbeitet bei Kindern mehr mit dem Gesamtzusammenspiel der Schädelknochen, während er beim Erwachsenen gezielter auf die Aufhebung von Bewegungseinschränkungen an einzelnen Schädelknochen arbeitet.

Das neueste Buch zum Thema stammt von Torsten Liem. Es heißt “Kraniosakrale Osteopathie. Ein praktisches Lehrbuch” und ist 1998 im Hippokrates Verlag erschienen. Dieses mehr als fünfhundertseitige Werk ist mit Abstand die umfassendste deutschsprachige Arbeit über die Craniosakraltherapie im Kontext der Osteopathie. Der Verfasser hat die wichtigste englischsprachigen Literatur ausgewertet und übersichtlich dargestellt. Bei Themen, die nicht definitiv geklärt sind, wie zum Beispiel der Ursache für die rhythmische Bewegung des Liquors, entscheidet er sich nicht für eine Theorie sondern stellt die verschiedenen Erklärungsansätze nebeneinander. Das Buch vermittelt gute anatomische und physiologische Kenntnisse, es stellt systematisch die verschiedenen Diagnose- und Behandlungsprinzipien nebeneinander und es ist gleichfalls ein gutes Nachschlagewerk für die Praxis mit sehr guten Zeichnungen und Beschreibungen der einzelnen Techniken. Kurzum: Ein Muß für jeden, der mit solchen Techniken arbeitet.

Autor:

r9902_cr6HP Wolfgang Rühle, geboren am 20. 2. 1959 Studium Germanistik und Literaturwissenschaft (M.A.) 1989-1991: Ausbildung an der Deutschen Paracelsus Schule Berlin zum Heilpraktiker, gleichzeitig Ausbildungen in klassischer Homöopathie, Farbpunktur nach Peter Mandel, craniosacraler Therapie, viszeraler Massage und diversen anderen körpertherapeutischen Verfahren. Seit 1992 selbständig als Heilpraktiker in Berlin tätig. Seit 1993 Leitung von Ausbildungsgruppen und Seminaren an den Deutschen Paracelsus Schulen mit Schwerpunkt Craniosacrale Körpertherapie.

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