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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 2/1999

Psychotherapeutische Diagnostik

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r9903_pbSerie: PSYCHOLOGISCHE BERATUNG – Teil 2
Dr. Hartmut Gutsche, Psychotherapeut (HPG) ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Verbandes Freier Psychotherapeuten und Psychologischen Berater e.V. (VFP) und gibt in unserer Serie Ratschläge für die psychologische Praxis:

 

Zur Psychotherapie geht man, wenn man den Eindruck hat, irgend etwas sei nicht in Ordnung. Immer ist Heilung, Besserung oder zumindest Linderung der Beschwerden das Ziel. Die meisten Menschen haben ein konkretes Problem und möchten sich von ihrer Seelenlast befreien. Für den psychotherapeutisch Tätigen ist das Idealziel der psychotherapeutischen Untersuchung in diagnostischer Hinsicht die Ermittlung eines möglichst klar umschriebenen Störungsbildes, die eine direkte Therapie ermöglicht. Bei der Diagnostik psychischer Krankheitszustände ist dieses Ziel jedoch in den seltensten Fällen sofort zu erreichen. Vielmehr haben wir es in der Psychotherapie in der Regel mit verschiedenen Ausprägungen eines aktuellen Zustandes zu tun.

Dabei verflechten sich Ursachengefüge, die Entwicklung der Störung und Zweitreaktionen der Umwelt auf den anpassungsgestörten Menschen sowie dessen Reaktionen auf die veränderte Umwelt oftmals, zumindest im Erstgespräch (Untersuchung), in schwer überschaubarer Weise. Daher empfiehlt sich in bezug auf die Diagnostik von vornherein ein mehrschichtiges Herangehen an den aktuellen Zustand des Klienten, das auch unterschiedliche Ebenen des Störungsgefüges erfaßt und auch ein therapeutisches Vorgehen auf unterschiedlicher Ebene erfaßt.

Oft wird eine sichere Zuordnung eines psychopathologischen Syndroms zu einer psychischen Störung dadurch erschwert, daß Anamnese, Daten und Befunde dem heilpraktischen Therapeuten nicht bekannt sind. Vielfach kann dann eine sichere Diagnose erst nach längerer Verlaufsbeobachtung und Erhebung zusätzlicher Daten gestellt werden. Der exakten Feststellung der Störung kommt nicht zuletzt deshalb die größte Bedeutung zu, weil die ersten therapeutischen Malnahmen vom Erstgespräch bis zur Therapie auf Zielsyndrome bzw.- syndromgruppen ausgerichtet sind.

Schon bei körperlichen Beschwerden ist es nicht ganz leicht, zwischen normal, gestört oder krank zu unterscheiden. Was ist nun normal? Normal kann für jeden Menschen etwas anderes bedeuten. Jeder hat ein Bild von dem, was man als normal, richtig und ungestört bezeichnet und was mit diesem Bild nicht übereinstimmt, nennt man eben krank. Es beginnt demzufolge immer mit einem Vergleich. Deshalb ist Norm auch eine Verhaltenserwartung bzw. ein Maßstab, an dem das Verhalten des Menschen gemessen wird. So wird die Bezeichnung “psychische Störung”, “Neurosen” oder abweichendes Verhalten durch die Begriffe Verhaltensstörung und Verhaltensauffälligkeit ersetzt. Von einer Verhaltensstörung oder -auffälligkeit geht man dann aus, wenn das Gesamtverhalten oder einzelne Verhaltensbereiche erheblich oder auch dauerhaft von der Norm abweichen, Es kommt dabei zu Schwierigkeiten zwischen den Ansprüchen, die die Umwelt an den Betreffenden stellt, und der Unfähigkeit des einzelnen, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Normansprüche der Umwelt und die individuelle Unfähigkeit, diesen Ansprüchen gerecht zu werden, diagnostiziert die Verhaltensstörung oder –auffälligkeit.

Psychische Störungen als Abweichung von der Norm

Psychische Störungen liegen dann vor, wenn der Mensch von den gültig gehaltenen Normen abweicht und diese Abweichung für ihn und seine Umwelt Beeinträchtigungen zur Folge hat. So kann z. B. ein Alkoholiker die Norm brechen, wenn er seine Frau unter Einfluß von Alkohol schlägt. Die Formen, die psychische Störungen annehmen können, sind sehr vielfältig und unterschiedlich – wie sie sich vor allem für die Menschen und seine Umwelt auswirken. Damit werden alle Erlebnis- und Verhaltensweisen bezeichnet, die von der Norm abweichen und Beeinträchtigungen der verschiedensten Art und des verschiedensten Ausmaßes hervorrufen.

Wege zur Diagnostik

Die psychotherapeutische Diagnostik berücksichtigt, daß es allgemein anerkannt, Vorstellungen davon gibt, was seelisches Leid bedeutet, womit man selbst zurechtkommen sollte und was behandlungsbedürftig ist. Viele Menschen fürchten sich davor, daß sie im Rahmen einer Psychotherapie in eine Schublade gesteckt, ohne daß ihre persönlichen Eigenarten ausreichend berücksichtigt werden. Die Zuordnung der Symptome zu bestimmten Störungen hat in erster Linie das Ziel, sich untereinander verständigen zu können und damit auch einen Therapieplan erstellen zu können. Zuhören und Hinschauen sind die Grundtechniken des Psychotherapeuten. Sigmund Freud nannte es einen “Zustand gleichschwebender Aufmerksamkeit”, den Therapeuten herstellen sollten, um allen Äußerungen der Patienten gleichgewichtig zu folgen. Auch in scheinbar nebensächlichen Kleinigkeiten verbergen sich oft Aussagen des Unbewußten, die es zu hören und zu bewerten gilt.

Zum methodischen Vorgehen

Die psychotherapeutischen Behandlerinnen

  • schaffen die äußeren Bedingungen für ein ungestörtes Zusammenkommen in einem festen Rahmen
  • fragen nach dem aktuellen Grund des Kommens und was für Erwartungen damit verbunden werden
  • beachten und hören aufmerksam zu
  • lassen den Klientinnen Zeit, ihre Probleme und Geschichten darzustellen und fragen zu wichtigen Ereignissen nach
  • achten auf die Gefühle, die die Klientinnen mit Worten (verbal) oder ihrem Körper (nonverbal) ausdrücken, Mimik, Gestik und Körperhaltung sowie Hemmungen oder Auffälligkeiten werden gleichermaßen einbezogen
  • fragen nach, wann das Problem zum ersten Mal aufgetreten ist, wann es verstärkt auftritt und wodurch es unerträglich wird
  • achten was den Klientinnen besonders wichtig oder unwichtig erscheint, fragen nach den inneren Einstellungen, dem inneren Dialog und dem Lebenskonzept
  • bewerten die Gefühle, die der Kontakt der Klientinnen mit ihnen selbst auslöst, versuchen zu unterscheiden, ob diese Gefühle eigene Probleme anrühren oder ob sie ausschließlich von den Klientinnen selbst erzeugt werden
  • achten, ob das beschriebene Verhalten und die Gefühle nach bestimmten Mustern ablaufen und diese Verhaltensweisen den Klientinnen eventuell bewußt sind
  • entwickeln Verständnis für die inneren Zusammenhänge des Problems und fassen Ihre Vermutungen in einer Arbeitshypothese zusammen und besprechen das mit den Klientinnen.

Die psychotherapeutische Diagnostik erwächst also anders als die medizinische daraus, daß die TherapeutInnen Äußerungen, Gefühle, Erscheinungs- und Verhaltensweisen der Klientinnen beobachten, beschreiben und einordnen. Um eine genaue Diagnose zu erstellen, sollten immer mehrere für die Störung charakteristische Symptome beobachtet werden. Dabei beschreibt z. B. die Psychoanalyse die Störung eher nach dem Auslöser und den Ursachen, die Verhaltenstherapie mehr nach den Symptomen, dem Erscheinungsbild der Klientinnen.

Die wichtigsten Diagnosebezeichnungen sind

  • Psychosomatische Störungen (seelisch-körperliche Leiden)
  • Persönlichkeitsstörungen (ein von der Norm abweichendes Verhalten, das ernsthafte Leidenszustände bzw. Konflikte auslöst)
  • Neurosen (ein von der Norm abweichendes Verhalten, das nicht auf organische Störungen zurück geht und durch Angst gekennzeichnet ist)
  • Psychosen (starkes von der Norm abweichendes Verhalten, das mit einem Abbau der Persönlichkeit [bis zum Persönlichkeitszerfall] und zu einem extremen Realitätsverlust führt)
  • Schock (abnorme, verzerrte oder übermäßig intensive Auffälligkeit im Erleben und Verhalten, auch Erlebnisreaktion)
  • Entwicklungsstörungen bei Kindern (Defizite bei: Sprechen, Lesen, Rechnen, Schreiben, körperlichen Fertigkeiten, Gefühlsbereich)
  • Verhaltensstörungen bei Kindern (oft vorübergehend nach seelischer Belastung)
  • sexueller Mißbrauch (Rückzug, stiller, ängstlicher, anders, durcheinander)

In den folgenden Beiträgen werden im “report” auf die einzelnen psychischen Störungen, auf Diagnostik und Therapie näher eingegangen.

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