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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 2/2009

Glosse: Heilpraktiker auf den Mond?

Cover

Einen echten PR-Paukenschlag für den Berufsstand fordert Redaktions-Visionär Eugen Pletsch

Im Flur unseres Verlages lag ein bunter Haufen Bücher. Die Paracelsus-Redaktion war nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe mit einer Flut von Rezensions-Anfragen überschwemmt worden. Mittendrin saß ich auf dem Boden und blätterte. Meine Aufgabe war, die Bücher nach Themen zu sortieren. „Das werden Sie doch schaffen, oder?“ hatte meine Vorgesetzte gefragt. Eine gewisse Schärfe in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Sie war etwas ungehalten, nachdem mein Versuch, einen Cybermar der im Serverraum zu jagen, zu einem Absturz in der gesamten EDV geführt hatte. „Es ist doch interessant, was die Leute so schreiben“, dachte ich. Meine neue Aufgabe faszinierte mich mehr, als der Umgang mit ahrimanischer Technik.

Die meisten Bücher waren im Selbstverlag erschienen. Im Glauben, der Isis den Schleier abreißen zu müssen, hatten emsige Autoren weder Mühen noch Kosten gescheut, um die Menschheit mit ihren medizinischen, spirituellen oder philosophischen Erkenntnissen zu beglücken. Ich war gerade in die Broschüre eines Visionärs vertieft, der seine geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse in ein handliches Produkt zu einem einmalig günstigen Preis eingebracht hatte, für das er vehement naturwissenschaftliche Anerkennung einforderte, als unsere junge Vertriebsleiterin um die Ecke kam und kometenartig schnell auf mich und meine Bücherstapel zuschoss.
Beim Versuch, der jungen Dame mit einem eleganten Hüftschlenker den Weg frei zu machen, verschob sich mein Iliosakralgelenk. Ich stieß an meine sorgfältig geschichteten Bücherstapel, die, wie die Hoffnung der Autoren, einen Bestseller zu landen, langsam in sich zusammen rutschten. In Schonhaltung lehnte ich mich an die Wand, zog den Bauch ein und versuchte zu lächeln.
„Na?“ Illustration: Kai Kostrzewa
„Hallo!“
„Das neue Paracelsus-Heft ist schön geworden“, stammelte ich.
Sie schaute mich irritiert an: „Waren Sie nicht dieser Golfautor, der sich in unsere Redaktion verirrt hatte?“
„Verirrt? Ich wurde gebeten, mein Wissen als Marketing-Spezialist zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile agiere ich als Hausarchivar.“
„Oh, das wusste ich nicht, ich dachte, Sie schreiben die Glosse?“
„Äh, das ist dumm gelaufen. Mein interner Bericht, warum ich als Golfautor keine Glosse für ein medizinisches Fachblatt schreiben kann, wurde versehentlich als Glosse veröffentlicht.“
„Und Sie sind Marketing-Spezialist im Bereich Naturheilmedizin?“
Sie runzelte misstrauisch die Stirn.
„Nun – äh, ich habe jahrelang im Auftrag eines Herstellers für Medizintechnik mit Praxen telefoniert. Da erlebt man Einiges.“
„Das klingt interessant!“ sagte sie, aber ihre Aura signalisierte wenig Interesse.
„Wir planen in einer Auswahl von Praxen anzurufen. Wir wollen eine Umfrage über die 1. Ausgabe machen“, sagte sie beiläufig.
„Das wird nicht einfach werden.“
„Wieso?“ Jetzt schaute sie mich mit großen Augen an.
„Ich habe einige tausend Praxen angerufen, die sich wohlgemerkt auf Grund einer Anzeige schriftlich bei uns gemeldet hatten. Um einen Arzt zu erreichen, muss man zuerst an der Praxis-Domina vorbei, die wie ein Wachhund versucht, „ihren“  Herrn Doktor daran zu hindern, irgendeinen Unfug zu bestellen, den er dann doch nicht nutzt. Noch schlimmer ist es, wenn die Sprechstundenhilfe mittlerweile die Frau Doktor geworden ist. Wenn man den Arzt irgendwann tatsächlich an die Strippe bekommt, kann der sich meist nicht daran erinnern, was er warum auf dem Bestellzettel angekreuzt hatte. Die unzähligen Prospekte, die in jüngster Zeit eintrafen, wurden ohnehin längst entsorgt, oder sie stapeln sich unauffindbar auf dem Berg von Zeugs, dass er sich irgendwann mal zu Hause in Ruhe durchlesen möchte.“
„Wir wollen keine Ärzte anrufen, das ist nicht unsere Zielgruppe“, sagte die forsche junge Dame.
„Trotzdem. Einen ähnlichen Prospekte-Berg schiebt auch mancher Heilpraktiker vor sich her. Gewöhnlich ist es so, dass der Berg irgendwann, wenn er hoch genug ist, tot umfällt und dann in den Papierkorb geworfen wird, weil das Zeug sowieso schon veraltet ist. Dann werden wieder Bestell-Zettel angekreuzt, neue Prospekte angefordert und alles geht von vorne los. Die Druckindustrie hat ihre Freude an diesem System, während zumindest die kleinen Anbieter von Medizinprodukten nach und nach Pleite gehen.“
„Wir wollten eigentlich nur eine Umfrage machen, wie das neue Paracelsus-Heft gefällt und welche Anregungen es gibt.“ „Dann machen Sie die Umfrage im Heft, vielleicht mit einer Postkarte. Man muss etwas gewinnen können. Gerade kam die Meldung, dass die Deutschen zum Mond fliegen wollen.“ „Davon habe ich auch gelesen, aber es soll keine bemannte Raumfahrt sein, sondern nur eine Sonde. Aber was hat das mit unserer Umfrage zu tun?“
„Keine bemannte Raumfahrt? Das sagen die jetzt, weil sich die enormen Kosten mitten in der Krise nicht vermitteln lassen. Aber wer weiß, was später sein wird! Unsere modern aufgestellten, pfiffigen Heilpraktiker-Verbände müssen im gemeinsamen Schulterschluss mit unserer weitsichtigen Naturheilmittelindustrie dringend auf die Gefahren hinweisen, die uns allen durch den Codex Alimentarius drohen.

Gäbe es einen besseren Moment als den Tag, an dem der erste Deutsche den Mond betritt? Stellen Sie sich vor, wenn das ein Heilpraktiker wäre!

Außerdem könnte der die Crew schon während des Fluges vor Elektrosmog schützen und kosmische Strahlen auf dem Rückflug mit Bioresonanz behandeln.“
„Oder eine Heilpraktikerin!“ warf sie ein. „Genau! Das wäre der Durchbruch für die Naturheilmedizin, die offensichtlich auf der Abschussliste multinationaler Pharma-Interessen steht.“
„Und Sie meinen, diesen Flug zum Mond könnte man gewinnen, wenn man unsere Umfrage ausfüllt?“
Ich nickte besonnen: „Das wäre eine Kostenfrage. Jedenfalls hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Umfrage beantwortet und Heilpraktiker oder Heilpraktikerin auf dem Mond. Vielleicht kommt es bei diesem Projekt auch erstmals zu einer direkten Unterstützung von Seiten der Ärzte-Lobby. Beim Marburger Bund gibt es sicher einige Funktionäre, die alles tun würden, um einen Heilpraktiker auf den Mond zu schießen.“
„Oder eine Heilpraktikerin …“. Die Vertriebsleiterin nickte. In Gedanken vertieft ging sie weiter. „Eine Heilpraktikerin auf dem Mond …“, murmelte sie.
Ich richtete meine Bücherstapel neu auf und vertiefte mich dann in das Werk eines Psychoanalytikers, der seinen Patienten jahrzehntelang schweigend zugehört hatte. Irgendwann muss ihn ein – der Seitenzahl des Buches nach zu urteilen – geradezu drängendes Mitteilungsbedürfnis überwältigt haben. Sein Werk „Antworten“ behandelt auf 1780 Seiten alle ungelösten Fragen unserer Zeit. Die Essenz seiner Weisheit besteht in dem vernünftigen Vorschlag, regelmäßige Bewegung an der frischen Luft, gesunde, ausgeglichene Ernährung und einen Moment der inneren Stille zu einer wohltuenden Balance zu verbinden. Nur dadurch könne der moderne Mensch die Kraft finden, den täglichen Meldungen, Mahnungen, Steuerbescheiden und Kontoauszügen offen ins Auge zu blicken, ohne in Verzweiflung zu geraten. Ich schaute auf die Uhr. Es war Zeit für etwas gesunde, ausgeglichene Ernährung, um dann meine regelmäßige Bewegungsübung an der frischen Luft mit einem Moment der inneren Stille zu einer wohltuenden Balance zu verbinden. Ich schob die Bücherstapel an die Seite, packte meine Sachen und verschwand Richtung Golfplatz.

Eugen Pletsch
www.golfgaga.de

 

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