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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 2/2010

Entgiftung in der Chinesischen Medizin

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Der Entgiftung in der modernen westlichen Naturheilkunde liegt ein analytischer Ansatz zugrunde. Man identifiziert eine toxische Substanz, die in bestimmten Geweben oder im ganzen Organismus schädigende Wirkungen entfaltet, z. B. Quecksilber. Um seine Existenz zu beweisen und damit die Notwendigkeit der Behandlung zu rechtfertigen, benutzt man laboranalytische Verfahren. Dann setzt man phytotherapeutische, orthomolekulare oder homöopathische Mittel ein, um diesen Stoff aus dem Organismus zu entfernen, was im Regelfall eine deutliche Linderung der Beschwerden nach sich zieht.

Foto: ©kalou1927 - Fotolia.comDie Chinesische Medizin verfügt über keine analytische Diagnostik. Es ist ihr mit ihren Methoden der Zungen- und Pulsdiagnostik oder der Befragung nicht möglich, toxische Einzelstoffe im Organismus zu identifizieren. Die Befragung könnte lediglich ergeben, dass jemand vermutlich giftige Pilze oder nicht mehr frische Nahrungsmittel zu sich genommen hat.

Die daraufhin angewandte Behandlung würde sich aber nicht gegen einen einzelnen Stoff, wie z. B. ein bestimmtes Pilzgift oder dergleichen richten, sondern man würde durch therapeutisches Erbrechen die Giftquelle ausscheiden und allgemein entgiftende Kräuter verabreichen, um die im Organismus zirkulierenden Toxine „herauszulösen“.

Chronische Toxinbelastung durch bestimmte Giftstoffe kann die Chinesische Medizin lediglich durch deren Manifestationen erkennen. Ein bestimmter Giftstoff im Körper wird nicht auf analytische Weise identifiziert und gezielt ausgeleitet, sondern seine Manifestation wird behandelt, wobei im Idealfall der verursachende Stoff mit ausgeschieden wird. In der TCM gilt die Aufmerksamkeit mehr den Reaktionen des Organismus auf den toxischen Stoff als den Toxinen selbst.

Neben Erkrankungen, die mit Eiterbildung einhergehen, werden in der Chinesischen Medizin besonders schwer verlaufende oder schnell voranschreitende Erkrankungen als „toxisch“ bezeichnet. Etwa zu Beginn unserer Zeitrechnung wurden im „Inneren Klassiker des Gelben Kaisers“ (Huang Di Nei Jing) verschiedene Arten von Toxinen beschrieben, z. B. Feuchtigkeit-Toxine oder Kälte-Toxine. Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte man das Konzept von Wärme- und Hitze-Toxinen. Epidemisch auftretende, rasch um sich greifende, auch sonst gesunde und kräftige Menschen befallende Erkrankungen gelten als durch Wärme- oder Hitze-Toxine verursacht. Viele dieser Erkrankungen entsprechen, aus moderner Sicht betrachtet, viralen Epidemien. Auch SARS und Schweinegrippe zählen zu dieser Gruppe. Das Kraut Lonicerae Flos ist bspw. ein typisches Arzneimittel zur Behandlung solcher durch Hitze-Toxine verursachten akuten viralen Erkrankungen.

Andererseits versteht man auch Krebs und andere chronische Leiden als toxinbedingte Krankheiten. Dabei müssen nicht unbedingt äußerlich zugezogene Toxine für die Entstehung dieser Krankheiten verantwortlich sein. Auch innerlich entstehende Gifte, z. B. durch ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Verdauungsschwäche, Mangel an Bewegung etc. können solche Leiden bedingen. Derartige Überlegungen haben chinesische Ärzte dahin geführt, Krebs und andere schwer zu behandelnde chronische Krankheiten mit Kräutern, die Toxine herauslösen (jie du), zu therapieren – mit großem Erfolg. Die zeitgenössische klinische Praxis und die moderne pharmakologische Forschung in China haben für viele Kräuter aus der Gruppe der Toxine herauslösenden Arzneimittel krebswidrige Wirkungen belegen können. Bei hoch dosierter, intensiver phytotherapeutischer Behandlung hat man Krebsgeschwulste zurückbilden können, während man das Immunsystem und die Lebensenergie der geschwächten Patienten durch die gleichzeitige Gabe von kräftigenden Kräutern stärkte.

Es bestehen verschiedene Toxin-Konzepte in der Chinesischen Medizin, die sich im Laufe ihrer langen Geschichte aufeinander aufbauend entwickelt haben. Doch während sich diagnostische und behandlungsstrategische Konzepte gewandelt haben, sind die Kräuter, mit denen man Toxine behandelt, dieselben geblieben. Ein Kraut, das praktisch alle Arten von toxischen Erkrankungen zu behandeln vermag, ist die asiatische Geißblattblüte – Lonicerae Flos (Jin yin hua).

Lonicerae Flos kann sowohl bei akuten oder chronischen eitrigen Entzündungen sowie bei vielen viralen Erkrankungen, aber auch unterstützend bei Krebs angewandt werden. Jedoch sollte es niemals ohne genügende Sachkenntnis als Einzelmittel angewendet werden.

Wie Lonicera bei Abszessen, Mastitis, Halsschmerzen, febrilen Erkrankungen, Vergiftungen etc. angewendet werden kann, finden Sie in klassischen Zitaten und Kräuterlegenden unterhaltsam im folgenden Pflanzenportrait beschrieben.Von der Pflanze Lonicera werden in der Chinesischen Medizin zwei unterschiedliche Teile verwendet, zum einen die Blüten (Lonicerae Flos), zum anderen die Stängel (Lonicerae Caulis).

Jin yin hua PflanzeLonicerae Flos et Caulis

Pharmazeutische Bezeichnung: Lonicerae Flos
Botanischer Name: Lonicera japonica
Familie: Caprifoliaceae (Geißblattgewächse)
Deutscher Name: Japanische Geißblattblüte, Asiatische Geißblattblüte
Deutsche Übersetzung des chinesischen Namens: „Gold-Silber-Blüte“
Beinamen: Yin hua („Silber-Blüte“), Shuang hua („Doppelblüte“), Er hua („Zweierblüte“), Er bao hua („Zwei-Schätze-Blüte“), Ren dong hua („Blüte der den Winter überdauernden Kletterpflanze“).

Namen und Signaturen

Der Name und die Beinamen der Geißblattblüte lassen sich eigentlich auf prosaische Weise von ihrer äußeren Erscheinung ableiten. Sie blühen anfangs silbrig-weiß, weswegen man sie als Yin hua („Silber-Blüte“) bezeichnet. Später blühen sie gemischt goldgelb und silbrig-weiß, was ihren gebräuchlichsten Namen Jin yin hua („Gold-Silber-Blüte“) erklärt. Er hua („Zweierblüte“) und Er bao hua („Zwei-Schätze-Blüte“) beziehen sich darauf, dass typischerweise immer zwei Blüten aus einem Ansatz herauswachsen. Gold und Silber sind zwei Schätze, und diese Kletterpflanze bietet diese beiden Schätze auf. Ren dong hua bedeutet, dass die Blüten zu der winterharten Kletterpflanze Lonicera japonica (Ren dong) gehören, dessen Stängel Caulis Lonicerae ebenfalls in der Chinesischen Medizin verwendet wird.

Li Shizhen schrieb über das Erscheinungsbild dieser Pflanze: „Ren dong wächst (rankend) auf anderen Bäumen. Seine Stängel sind blass violett, seine Blätter sind grün und haben feine Härchen.Aus einem Kelch entspringen zwei Blüten, eine große und eine kleine. Zu Beginn der Blütezeit sind alle Blütenblätter weiß. Nach zwei, drei Tagen werden sie dann gelb. Deswegen nennt man sie „Gold-Silber-Blüte“. Sie duften sehr intensiv.“

So lässt sich vermuten, dass Jin yin hua den Namen nach ihrer Blütenfarbe bekam und die im Folgenden angeführten Legenden erst nachträglich hinzugedichtet wurden. Es war wahrscheinlich die bezaubernde Schönheit dieser Blüten, die die Phantasie des chinesischen Volkes zu verschiedenen Legenden beflügelt hat.

Als Signaturen sind vor allem die Blütenfarben, aber auch der Duft von Interesse. Die silbrig-weiße Farbe der Blüten zu Beginn der Blütezeit weist auf den Bezug dieser Droge zur Wandlungsphase Metall mit den beiden Organen Lunge und Dickdarm hin, die goldgelbe Blütenfarbe in der späteren Blütezeit, der süße Geschmack und ihr honigsüßer Duft auf den Bezug zur Wandlungsphase Erde und somit zum Magen.

Eigenschaften und Anwendungsgebiete

Jin yin hua ist süß und kalt; es tritt in die Leitbahnen von Lunge, Dickdarm und Magen ein. Manche Autoren nennen noch einen Herz-Bezug. Chen Shiduo meinte sogar, dass Jin yin hua in alle Leitbahnen eintrete, vor allem in die Leitbahnen von Magen und Niere. Die Hauptfunktionen von Jin yin hua sind, Hitze zu klären, Toxine herauszulösen und Wind-Hitze zu zerstreuen.

Die Anwendung bei Furunkeln, Karbunkeln und Abszessen

Jin yin hua ist eines der wichtigsten Arzneimittel der Wundmedizin und wird erfolgreich bei Furunkeln, Karbunkeln,Abszessen, Mastitis oder eitrigen Geschwüren angewandt.

Chen Shiduo pries die Wirkung von Jin yin hua, Toxine zu zerstreuen, in den höchsten Tönen. Er meinte, dass es schmerzlindernd wirke und bei bereits aufgebrochenen Abszessen bzw. eitrigen Geschwüren den toxischen Eiter beseitige. Doch er wies auch darauf hin, dass man es sehr hoch dosieren muss, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Außerdem empfahl er hierbei die Kombination mit Süßholz (Gan cao) und Angelica sinensis (Dang gui). Chen meinte, dass kein Kraut so gut Toxine attackiere wie Jin yin hua. Mit Toxinen ist hier Eiter gemeint.Weiterhin betonte er, dass Jin yin hua nicht nur zerstreuend, sondern auch supplementierend wirke, was in der Gruppe der Toxine herauslösenden Arzneimittel eine Besonderheit darstellt. Ob es stärker supplementierend oder stärker zerstreuend wirkt, hänge laut Chen Shiduo von der Dosis ab. Gering dosiert könne es Qi und Yin supplementieren, in höherer Dosis Toxine attackieren.

Dass Jin yin hua auch ein nährendes Potenzial besitzt, beruht auf seinem süßen Geschmack und feinen Aroma. Daher neigt es nicht – wie die meisten anderen Hitze klärenden Mittel – dazu, die Mitte zu schädigen. In dem Werk „Die Ergründung der Ursprünge der Materia Medica des Göttlichen Landmannes“ vertrat auch Zhang Lu diese Ansicht: „Jin yin hua löst Toxine heraus und beseitigt Eiter.Während es drainiert, wirkt es auch supplementierend. Es ist ein heiliges Mittel (zur Behandlung von) Furunkeln, Karbunkeln und Abszessen, nachdem sie aufgebrochen sind“. Bei diesen Indikationen kann Jin yin hua entweder allein oder in Kombination mit synergistischen Kräutern angewandt werden. Neben der innerlichen Anwendung empfiehlt sich auch die äußerliche Anwendung in Form von Auflagen oder Spülungen.

Die Anwendung bei Wind-Hitze und Wärme-Erkrankungen

Neben seiner wundmedizinischen Anwendung wird Jin yin hua auch häufig zur Behandlung von Wind-Hitze-Syndromen und im Anfangsstadium von Wärme-Erkrankungen (wen bing) mit Symptomen wie Halsschmerzen, Halsschwellung und -rötung, Fieber, Kopfschmerzen und einer Empfindlichkeit gegen Luftzug und Wind angewendet. Hierbei verwendet man Jin yin hua meistens in der Rezeptur Yin Qiao San.

Ren dong teng PflanzeLonicerae Caulis

Pharmazeutische Bezeichnung: Lonicerae Caulis
Deutscher Name: Japanische Geißblattstängel
Deutsche Übersetzung des chinesischen Namens: „Den Winter überdauernde Kletterpflanze“
Beinamen: Jon yin teng („Gold-Silber-Kletterpflanze“), Yuan yang teng („Enten-Kletterpflanze“), Ren dong („Den Winter überdauernd“)

Bis in die Ming-Dynastie hinein wurden die Blüten, Blätter und Stängel dieser Kletterpflanze nicht sehr streng voneinander unterschieden. Man ging davon aus, dass die-se drei Pflanzenteile gleichsinnig wirken. Li Shizhen schrieb, dass die Wirkungen der Stängel, Blätter und Blüten einander gleichen. Meist wurde der Name Ren dong als übergreifender Name für diese drei Teile verwendet. Auch heute noch werden die Stängel bei denselben Indikationen wie die Blüten angewendet, wobei die Blüten seit der Qing-Dynastie offenbar häufiger benutzt werden. Der Unterschied zwischen beiden Drogen lässt sich leicht von ihren Signaturen ableiten. Beide behandeln Furunkel, Karbunkel, Abszesse und andere Entzündungen aufgrund von toxischer Hitze. Die Blüten sind von leichter Natur und wirken aufsteigend und schwebend, sie haben eine Tendenz nach oben und außen. Somit eignen sie sich besonders gut zur Behandlung von Entzündungen der Haut, des Halses und der Augen. Die Stängel (Ren dong teng) sind vergleichsweise schwer. Durch ihre längliche, strangartige Form klären sie insbesondere Hitze,Wind und Feuchtigkeit in den Leitbahnen. Ihre rötlich-violette Färbung zeigt eine Beziehung zur Blut-Ebene an. Somit behandeln sie neben Abszessen auch rheumatische Erkrankungen und innerliche Entzündungen. Li Shizhen schrieb unter anderem, dass Lonicera japonica (Ren dong) bei allen Arten von Wind-Feuchtigkeit-Erkrankungen, bei eitrigen Erkrankungen, Furunkeln, Karbunkeln, Abszessen, Krätze, Flechten, Syphilis und bei schlecht heilenden Geschwüren indiziert sei.

Kontraindikationen

Für alle Teile von Lonicera gilt, dass sie aufgrund ihrer kalten Natur bei Patienten mit Leere-Kälte von Milz und Magen nur mit Vorsicht angewandt werden dürfen. Bei chronischen Geschwüren, die lediglich ein klares Sekret absondern, sind sie nicht indiziert.

Andreas KalgAndreas Kalg
Studium der Chinesischen Medzin und Sinologie in Deutschland, Taiwan und China.
Heilpraktiker seit 1993.
Autor und Übersetzer von Fachbüchern über Chinesische Medizin.

Literaturempfehlungen:

  • Andreas Kalg, Chinesische Arzneipflanzen: Wesensmerkmale und klinische Anwendung Elsevier, Urban & Fischer, München, 2009
  • Andreas Kalg, TCM PHYTOMAGISTER, Computerprogramm für Chinesische Heilkräuter, Erstveröffentlichung 2000, seitdem jährliche Updates, Kaufhold Software, Deutschland

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