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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 6/2010

Fallstudien aus der Tierheilpraktiker-Praxis

Cover

Revierkampf

Patienten: Kater Mike und Kätzin Minnie

© Diana - Fotolia.comEin Ehepaar konsultiert mich wegen ihres Katers Mike, der die neu aufgenommene Kätzin Minnie ständig attackiert.

Das Ehepaar wohnt im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses mit Garten. Der Garten ist für Katzen derzeit nicht zugänglich (Autobahnnähe), soll jedoch zukünftig gesicherten Freilauf bieten. Die obere Wohnung des Hauses wurde bis vor kurzem von der Mutter des Ehemannes bewohnt, die jedoch in ein Seniorenstift umgezogen ist. Die beiden Katzen der Mutter, mit denen sich der Kater gut verstanden hat, sind mit ihr weggezogen.

Derzeit ist das Obergeschoss „gesperrt“, weil das Ehepaar diese Wohnung zu eigenen Wohnzwecken umbaut.

Damit Mike nicht so allein ist, hat das Ehepaar eine Katze aus dem Tierheim aufgenommen. Der Kater greift diese aber regelmäßig an. Sie versteckt sich dann hinter zwischengelagerten Möbelstücken oder im Keller und leidet sichtlich, weil sie sich nicht frei bewegen kann.

Die einzige Kontaktaufnahme der Katzen geschieht beim Fressen – hier toleriert Mike Minnie neben sich. Allerdings muss sie sofort weichen, sobald die Näpfe leer sind.

Wir müssen nun eine Strategie entwickeln, wie beide Katzen sich ungezwungen in ihrem Lebensraum bewegen können.

Da der Kater die Nacht freiwillig in einem „Katzenzimmer“ verbringt, kann die Katzendame nachts im Erdgeschoss bei den Menschen sein. Tagsüber wird ihr vorübergehend ein Zimmer mit allem, was sie benötigt, im Obergeschoss eingerichtet, das der Kater wiederum nicht betreten darf.

Zwischen den „Katzenreichen“ werden Spielzeug, Decken, Körbe und Kratzbäume wöchentlich getauscht, damit beide Katzen den Geruch der jeweils anderen übernehmen.

Nach einigen Wochen haben sich beide Katzen an die neue Situation gewöhnt. Das Weibchen hat nun ihr eigenes Revier und pendelt zwischen Obergeschoss tagsüber und Erdgeschoss nachts hin und her.

Der Kater hingegen sitzt tagsüber öfter vor der Tür des Obergeschosses. Die beiden Katzen nehmen durch den Türspalt Kontakt auf, dieser Kontakt wird nach und nach freundlicher, bis sie schließlich spielerisch pföteln.

Der nächste Schritt ist, dass Kätzin und Kater tagsüber bei den Umbauarbeiten dabei sein dürfen. Anfangs ist Minnie in ihrem Zimmer noch durch eine Gittertür abgetrennt, aber unter Aufsicht dürfen sich die beiden Tiere nun auch begegnen. Wenn der Kater „stänkert“, kann sie in ihr Zimmer flüchten. Dies ist aber immer seltener der Fall, da Mike ihr Revier akzeptiert.

Nun soll die Zusammenführung auch im Erdgeschoss erfolgen. Das Ehepaar besorgt auf mein Anraten einen Feliway-Zerstäuber („Wohlfühl- Pheromon“ für Katzen), der im Hauptraum des Erdgeschosses in die Steckdose gesteckt wird.

Circa eine Stunde vor dem „Schlafengehen“ werden die Türen geöffnet und Minnie darf ins Erdgeschoss kommen, während Mike noch dort ist. Auch hier kommt es anfangs noch zu etwas Gefauche. Da aber die Kätzin jederzeit nach oben flüchten kann, wird sie selbstbewusster. Der Kater akzeptiert immer mehr ihre Anwesenheit, scheint sie immer öfter zu „erwarten“.

Als dieser Zustand erreicht ist, bleiben die Türen offen. Mike geht zwar auch weiterhin zum Nachtschlaf in sein „Katzenzimmer“, aber ansonsten bewegen sich beide Katzen frei im Haus.

Nach ca. 6 Monaten ist die Zusammenführung so gelungen, dass beide Katzen sogar miteinander kuscheln und sich gegenseitig pflegen.

Der Fall zeigt, dass Verhaltenstherapie häufig nicht in Tagen gemessen werden kann. Wochen- und monatelanges Management mit regelmäßigem Zuspruch an die Tierhalter kann erforderlich sein, um das Ziel zu erreichen.

Andrea Schäfer
Andrea Schäfer
Tierheilpraktikerin und Tierpsychologin

info@thp-schaefer.de

Erblich bedingte Gerinnungsstörungen

Das Wissen um Rassedispostionen kann Leben retten!

Patient: 3-jähriger Rhodesian-Ridgeback-Mischling

Ein tragischer Fall nach einem Lege-artis-Routineeingriff.

Anamnese

Ein 3-jähriger Rhodesian-Ridgeback- Mischling wurde in der Praxis vorgestellt. Die Besitzer wünschten eine Kastration des Rüden, da dieser aufgrund der vielen unkastrierten Hündinnen in der Nachbarschaft hypersexuelles Verhalten zeigte und kaum noch kontrollierbar war. Laut Besitzerangabe sei der Hund seit Welpenalter in deren Besitz und erfreue sich seitdem bester Gesundheit, er werde zudem regelmäßig entwurmt und geimpft.

Die klinische Allgemeinuntersuchung sowie die spezielle Untersuchung des Herz-Kreislaufapparates und der Hoden waren ohne besonderen Befund. Die operative Entfernung beider Hoden wurde lege artis durchgeführt. Nach dem Erwachen aus der Narkose wurde der Hund den Besitzern mit nach Hause gegeben.

8 Stunden später stellten die Besitzer den Rüden mit einem gänseeigroßem Skrotum erneut vor. Das Allgemeinfinden des Hundes war ungestört. Aus der Schwellung wurde ca. 20 ml blutähnliche Flüssigkeit punktiert. Der Rüde wurde mit der Diagnose „Nachblutung nach Kastration“ zur weiteren Diagnostik und ggf. erneuter chirurgischer Versorgung in eine Tierklinik überwiesen. Es bestand der Verdacht, dass eine Ligatur abgerutscht war.

In der stationären Einrichtung wurde der Rüde nachoperiert, die sitzenden Ligaturen an den Kastrationsstümpfen verstärkt, und das Skrotum total entfernt. Währenddessen fiel in der Tierarztpraxis auf, dass das blutig wirkende Punktat nach 2 Stunden keinerlei Anzeichen von Gerinnung zeigte. In der Tierklinik wurde dann die Diagnose „Hämophilie B“ gestellt. Der Patient konnte trotz intensivmedizinischer Betreuung nicht mehr gerettet werden, die Blutverluste waren zu groß. Die Besitzerin hielt wegen der Erkrankung Rücksprache mit der Züchterin des Rüden und erfuhr, dass bereits alle weiteren Wurfgeschwister ihres Hundes verstorben seien, einer davon nach einer Zahnextraktion.

Pathologie

Hämophilie B ist eine erblich bedingte Gerinnungsstörung, welche beim Rhodesian Ridgeback gehäuft auftritt. Bei dieser Erkrankung besteht ein Mangel oder eine verminderte Aktivität des Gerinnungsfaktors IX. Hämophilie B wird X-chromosomal rezessiv vererbt, was bedeutet, dass die männlichen Tiere wesentlich häufiger erkranken als die weiblichen. Hämophilie A kommt vermehrt beim Deutschen Schäferhund vor. Zur Erkrankung an Hämophilie C neigen z.B. der Weimeraner, der Pyrenäenhund und der Springer Spaniel.

Eine weitere wichtige, erblich bedingte Gerinnungsstörung ist die Von-Willebrand-Erkrankung, bei der der Von-Willebrand-Faktor nicht ausreichend vorliegt. Beide Geschlechter sind zu gleichen Anteilen betroffen. Diese Erkrankung tritt gehäuft beim Dobermann, Pudel, Sheltie, Deutschen Schäferhund, Golden Retriever, Labrador-Retriever und Zwergschnauzer auf. Auch bei bestimmten Katzenrassen gibt es die von Willebrand‘sche Erkrankung, z.B. bei der Siamkatze, der Amerikanisch Kurzhaar und der Britisch Kurzhaar. Andere erblich bedingte Gerinnungsstörungen sind bei der Katze, verglichen mit dem Hund, eher selten.

Das Fallbeispiel zeigt, wie wichtig es ist, solche erblich bedingten Erkrankungen zu kennen und einen Verdacht zu äußern.

Fazit

Auch wenn ein Tierheilpraktiker nur gering invasiv arbeitet, könnte z.B. eine Blutegeltherapie bei einem „Bluter“ unter Umständen tödlich enden. Bei belasteten Rassen bzw. deren Mischlingen sollte in der Anamnese immer nach verlängertem Nachbluten aus Wunden oder einer Neigung zur Hämatombildung gefragt werden. Durch Einblutungen in Gelenke können Lahmheiten entstehen. Auch längere Blutungen beim Zahnwechsel können hinweisgebend sein. Petechien in Schleimhäuten und der Haut deuten ebenfalls auf bestimmte Formen von Gerinnungsstörungen hin.

Sollten bei Geschwistern oder Elterntieren ähnliche Symptome bekannt sein, ist ein erblicher Krankheitsverlauf anzunehmen. Dem Patientenbesitzer ist anzuraten, eine Gerinnungsstörung labordiagnostisch ausschließen zu lassen – egal ob angeboren oder erworben. Für einige Rassen sind auch Gentests möglich. Sollte das Tier erkrankt sein, kann die Prophylaxe lebensrettend sein.

Dr. med. vet. Gabriele Volker
Dr. med. vet. Gabriele Volker
Tierärztin und Heilpraktikerin

info@tvht-volker.de

Literaturempfehlungen:

  • G. Staudacher, Anämie und Gerinnungsstörungen bei Hund und Katze, Sonderausgabe 2009 des VetPunkt Aachen
  • A. Gough/A. Thomas, Rassedisposition bei Hund und Katze, Elsevier GmbH, Urban und Fischer Verlag, 2009
  • www.laboklin.de (Übersicht wichtiger Erbkrankheiten bei verschiedenen Tierarten und Gentests)

www.paracelsus-bookshop.de

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