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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 1/2011

Das „Asperger Kind“ in der Schule

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Das Asperger-Syndrom ist eine autistische Störung, die durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie von eingeschränkten und stereotypen Aktivitäten und Interessen bestimmt wird. Beeinträchtigt ist insbesondere die Fähigkeit, nonverbale und parasprachliche Signale bei anderen Personen intuitiv zu erkennen und selbst auszusenden. Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Asperger- Autisten erscheint dadurch „merkwürdig“ und ungeschickt, wie eine milde Variante des frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom). Da ihre Intelligenz in den meisten Fällen normal ausgeprägt ist, werden sie von ihrer Umwelt jedoch nicht als Autisten, sondern höchstens als „wunderlich“ wahrgenommen. Gelegentlich fällt das Asperger-Syndrom mit einer Hochbegabung zusammen. Das Syndrom, das als angeboren und nicht heilbar angesehen wird, macht sich etwa vom 4. Lebensjahr an bemerkbar.

© eyezoom1000 - Fotolia.comSchulberater, Therapeuten, Psychologen und staatliche Beratungsstellen erhalten vermehrt Hilferufe von Eltern, deren Kinder in der Schule durch schwieriges Sozialverhalten auffallen. Obwohl die Kinder ausreichende Intelligenz und ausgeprägte Sonderbegabung aufweisen, sind sie nur schwer in den Unterricht zu integrieren und stören damit den Ablauf des Schulbetriebs. Die Folge ist oftmals die Androhung eines Schulausschlusses. Dies ist meistens der Zeitpunkt, zu dem sich Eltern an Fachleute wenden.

Die Lehrkräfte neigen zu der Überzeugung, dass sich das Asperger-Kind anpassen soll, wenn es an einer Regelschule bleiben möchte, anstatt es mit einer Integration zu versuchen. Das betroffene Kind soll sein Verhalten ändern, damit es im Klassenverband bestehen kann. Oftmals wird gerade die Uniformität der Klasse als Vorbild herangezogen, in der Hoffnung, das Asperger-Kind würde diesem Vorbild nacheifern wollen. Möglicherweise schreckt aber gerade dieser Gruppenzwang eher ab.

Asperger Syndrom = Autismus mit hohem Entwicklungsniveau

Die Unterscheidung zwischen frühkindlichem Autismus und dem Asperger-Syndrom fällt vielen nicht leicht. Das wesentliche Kriterium zur Abgrenzung ist die Intelligenz. So wird das Asperger-Syndrom auch als „high functioning autism“ oder „Autismus mit hohem Entwicklungsniveau“ bezeichnet, da die Betroffenen meist leicht überdurchschnittliche Intelligenz aufweisen.

Triade der Behinderungen

Kinder mit Asperger-Syndrom weisen insbesondere Schwierigkeiten in 3 Bereichen auf:

  • soziale Interaktion
  • Kommunikation
  • Spielen und Denken

Sie lieben Wiederholungen und Routinen, haben oft besondere Interessen, die sehr intensiv sein können. Die Phantasie ist häufig eingeschränkt.

Wenn in allen 3 Gebieten Schwierigkeiten auftreten, liegt die Diagnose „Asperger-Syndrom“ nahe. Die Art der Ausprägung bzw. die Schwere der Probleme, aber auch große Variationen, die vorliegen können, machen die Diagnosestellung nicht immer einfach. Zwar hat das Asperger-Syndrom organische Ursachen, genauso wie der Autismus, doch die tatsächlichen physiologischen Ursachen sind noch nicht geklärt. Im Unterschied zum Autismus ist die Sprachentwicklung weniger problematisch und Lehrern fällt es schwer, das Kind in die Kategorie „Autismus“ einzustufen, da es äußerlich nicht so sehr dem Bild des Kindes „unter der Käseglocke“ entspricht, wie man es häufig von „Autisten“ im allgemeinen Sprachgebrauch kennt.

Im Gegensatz dazu wirkt ein Asperger-Kind zunächst einmal völlig „normal“ und man neigt dazu, das Kind einfach nur als schwer erziehbar, begriffsstutzig oder oppositionell einzustufen.

Soziale Beziehungen und Interaktion

© LVDESIGN - Fotolia.comKinder mit Asperger-Syndrom sind sehr engagiert, um soziale Beziehungen zu knüpfen. Wenn es dann aber zur Kontaktaufnahme kommt, wirken sie unbeholfen und ecken bei den Mitschülern an. Das kann z.B. dadurch entstehen, dass sie sogenannte „falsche Signale“ aussenden, die von den anderen nicht verstanden werden, beispielsweise sehen sie weg, während sie einen Kontakt knüpfen, verstehen aber auch im Gegenzug die Signale ihres Gegenübers nicht, da sie Gesichtsausdrücke und Gestiken, die die sprachliche Ebene begleiten, nicht interpretieren können. So entsteht oft der irrige Eindruck, dass sie doch lieber für sich allein bleiben möchten.

Kinder mit Asperger-Syndrom haben ganz konkrete Vorstellungen von ihrem eigenen Raum und bestehen auf deren Einhaltung. Sie wissen sehr genau, welchen Abstand zu anderen Menschen, sowohl räumlich als auch unterschwellig, sie benötigen, und reagieren mit Abwehrhandlungen, um ihn zu verteidigen. Häufig haben Kinder im Laufe der Zeit gelernt, diese Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen durch extreme Formalität oder Konkretismus auszugleichen.

Sie reduzieren den Kontakt unter Umständen auf das Wörtlichnehmen des gesprochenen Wortes. Fragen mit Aufforderungscharakter, die versteckte Appelle beinhalten, wie z.B. „Weißt du, wie viel Uhr es ist?“, beantworten sie dann ganz bewusst mit „ja“ oder „nein“, ohne daran zu denken, dass eigentlich nach der Uhrzeit gefragt wurde. Generell werden offene und geschlossene Fragen gerne getrennt.

Kommunikation

Bei der Kommunikation ist es wichtig zu wissen, dass Kinder mit Asperger-Syndrom die technische Anwendung der Sprache zwar beherrschen, Grammatik und Wortschatz sehr gut entwickelt sein können, jedoch beim Inhalt des Gesprächs oftmals nicht wissen, worum es geht (insbesondere wenn es sich um „geflügelte Worte“ handelt).

Beispiel:
„Kannst du mir mal die Butter herüberreichen?“ Antwort: „Ja“ – ohne es zu tun.

Andererseits möchte ein Kind mit Asperger- Syndrom nicht wissen, ob man ihm die Butter geben kann, sondern wird Sie direkt auffordern: „Gib mir die Butter!“, möglicherweise noch mit einem „bitte“ dazu. Doch kommt so eine Aufforderung einem Befehl gleich und stößt den Gesprächspartnern unangenehm auf.

Die Schwierigkeit, auf seinem Recht zu bestehen oder zu beharren, kompensieren Kinder mit Asperger-Syndrom gerne mit monotonen Wiederholungen, ohne Wechsel der Intonation der Stimme oder Zuhilfenahme von Gestik und Mimik.

Beispiel:
„Gib mir die Butter!“
„Kannst du nicht höflich danach fragen?“
„Doch, aber ich will nicht fragen, sondern dir sagen, dass ich Butter will.“
„Dann sag es höflich und du bekommst sie.“
„Ich will aber nur die Butter, warum soll ich höflich sein?“
„Du musst doch jetzt kein großes Thema daraus machen, man ist einfach höflich zueinander.“
„Du machst ein großes Thema daraus, ich will nur die Butter, gib sie mir!“
„…“

Es ist schwierig, dem Kind zu vermitteln, welche Botschaft auf der Beziehungsebene mit dem gesprochenen Wort – neben dem Informationsgehalt einer Nachricht – zusätzlich transportiert oder auch erwartet wird: Nämlich eine Mitteilung, wie man zueinander steht.

Schwierigkeiten bei der Einstellung der Lautstärke lässt die Stimme pedantisch und zwanghaft wirken, so dass man leicht den Eindruck erhält, ein Konkretist würde auf einem Thema „herumreiten“. Besonders wenn es um Lieblingsthemen geht, die sie sehr ausführlich erörtern mögen, sind sie nicht zu stoppen bzw. von ihrem Vortrag abzulenken.

Obwohl sie Sinn für Humor haben, erkennen sie Sprachwitz nur schwer, ebenso wie Redewendungen oder Metaphern. Das Sprichwort „aus einer Mücke einen Elefanten machen“ kann für ein Kind mit Asperger-Syndrom höchst befremdlich sein. Jedoch verbessert auch die Erklärung von Redewendungen zumeist nicht deren Verständnis für das Kind.

Mangelnde Phantasie und unflexibles Denken

Beim Spielen bevorzugen Kinder mit Asperger-Syndrom mechanische Tätigkeiten, die sich mit Analyse und Synthese beschäftigen. Gerne wird die Funktionsweise eines Gerätes analysiert und bis ins Detail durchdacht. Anschließend kann eine ausführliche Berichterstattung darüber erfolgen, die durchaus täglich Zuhörer fordert.

Auch das Sammeln, Zusammenlegen, Ordnen und Aneinanderreihen von Dingen, Gedanken, Ereignissen oder Meinungen nach Wertigkeit, Häufigkeit oder sonst einem Kriterium kann scheinbar unbegrenzt oft erfolgen und rezitiert werden.

Wegen der Schwierigkeiten in der Interaktion und Kommunikation meiden sie gerne Rollenspiele. Veränderungen im Tagesablauf sind unerwünscht, bevorzugt wird ein immer gleicher Ablauf. Dem Durchbrechen von Routinen begegnen sie mit Gereiztheit, Ablehnung oder anderen Verhaltensweisen, die für die Umwelt nicht nachvollziehbar sind.

Die Pausenzeit ist für Schulkinder mit Asperger- Syndrom oft sehr schwierig, weil die Schulpause nicht geordnet ist, keine konkreten Aufgaben oder Rituale beinhaltet und allerlei Unvorhergesehenes passiert.

Fallbeispiel: Asperger-Kind mit sozialen Beziehungsschwierigkeiten

Peters Lehrerin bemerkte, dass er sich sehr bemühte, Freunde zu finden, dass er aber bei anderen Kindern auf Ablehnung stieß und bald isoliert war. Es fiel ihm sehr schwer, die Hinweise zu verstehen, mit denen andere Kinder ihn zum Mitmachen motivieren wollten, wie z.B. fragende Blicke, hochgezogene Augenbrauen oder das auffordernde Schwenken des Kopfes, um ihn zum Herankommen zu bewegen. Sämtliche Konventionen, mit denen die Klassenkameraden anzeigten, was für sie interessant und bedeutsam ist, waren ihm nicht bekannt. Wenn ein Kontakt zu einem Mitschüler entstand, „quälte“ Peter die Zuhörer oft mit seinen eigenen Vorstellungen zu einem bestimmten Thema, wollte ihnen ganz ausführlich Dinge zeigen, die er dabei hatte, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob es die anderen so lange interessierte oder nicht. Wenn er etwas dem einen zeigte, wollte er es den anderen auch zeigen und verstand nicht, warum es den einen interessierte, die anderen aber nicht, obwohl es sich doch um dieselbe Sache handelte. Wieso sollte ein Thema, das zunächst als interessant galt, plötzlich uninteressant werden? Dass er es dabei mit unterschiedlichen Gesprächspartnern zu tun hatte, war für Peter nicht von Bedeutung.

Im Gegenzug dazu konnte er auch keine klaren, für andere verständlichen Grenzen setzen, wenn ihn wiederum ein Thema nicht interessierte, was dazu führte, dass sich seine Kameraden zunehmend von ihm abwandten. Seine Distanzlosigkeit verschreckte viele, wenn er im Gespräch ganz dicht an Mitschüler herantrat. Um Peter zu helfen, wurden ihm zunächst die Regeln und Verhaltensweisen des zwischenmenschlichen Umgangs bewusst und technisch beigebracht. Während die meisten Menschen diese Regeln und Umgangsformen durch Beobachtung ihrer Umwelt und Erziehung übernehmen, musste man ihm konkret theoretisch beibringen und anschließend auch praktisch einüben, wie genau es abläuft, wenn man jemanden begrüßt, oder wie man im Gespräch seinem Gegenüber das Wort gewährt, wie man erkennt, ob der Gesprächspartner überhaupt Interesse hat, und wie ein Gespräch beendet wird, ohne den anderen zu kränken.

Dazu gehörten immer wiederkehrende, regelmäßige Übungen, deren Wiederholung dazu führte, dass Peter wusste, was man in solchen Situationen tun muss, auch wenn ihm zunächst der Sinn nicht einleuchtete. Aber es erleichterte ihm den Umgang. Dadurch hatte er Erfolgserlebnisse im sozialen Kontakt und konnte sich in jeder neuen Situation wieder an diese erlernten Verhaltensweisen erinnern und sie nach Bedarf anwenden. Insbesondere lag der Schwerpunkt der Arbeit darin, Peter zu verdeutlichen, dass der didaktische Unterrichtsstil der Lehrerin kein Vorbild ist für ein soziales Gespräch. Schließlich war Peter jeden Vormittag damit konfrontiert, ein Vorbild zu haben, das überwiegend Monologe hält, Einwände rigoros unterbindet, weil sie den Unterrichtsablauf stören, etc.

Es ist einer der schwierigsten Punkte, einem Kind mit Asperger-Syndrom klar zu machen, dass die Lehrkraft im Bereich Gesprächsführung und sozialer Umgang kein Vorbild ist. Ebenso verhält es sich mit dem Problem, dass Peter seine Mitschüler mit seinen Interessen sehr okkupierte und von ihnen verlangte, dass sie ihm zuhörten. Peter wurde durch Training beigebracht, Gestik und Mimik sowie ablehnende Äußerungen der Gesprächsteilnehmer richtig zu deuten und mithilfe eines Schlusssatzes oder Schlussgedankens das Gespräch zu beenden, wenn er merkt, dass das Thema erledigt ist.

Dabei war es wichtig, die Klassenkameraden mit einzubeziehen und das Verständnis sowie die Toleranz für Peter zu fördern. Die Mitschüler wurden ermutigt, Peter gezielt anzusprechen und nahmen auch an strukturierten Aktivitäten teil. Peter wurde in den freien Zeiten, die für ihn so stressig waren, mit konkret auf ihn zugeschnittenen Aufträgen beschäftigt.

2 Jahre später war Peter schließlich völlig im Klassenverband seiner Regelschule integriert.

Monica Barcan
Monica Barcan
Heilpraktikerin, Ergotherapeutin
und Dozentin an den Paracelsus Schulen

 

Dr. Brando Barcan Dr. Brando Barcan
Sozialpsychologe, Forschungsschwerpunkte Asperger-Syndrom und Persönlichkeitsstörungen

info@IKEMAS.de

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