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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 1/2011

Glosse: Die Tipp-Ex-Therapie

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… mal wieder Pletsch

© imageteam - Fotolia.comKarmische Zufälle brachten den Golfautor Eugen Pletsch in das Team eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht, wie er hoffte, als Marketing- Spezialist, sondern als Hausfaktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Indigo-Azubi Anke, die mittlerweile Assistentin der Geschäftsleitung ist. Trotzdem sind beide gute Freunde.

Redaktions-Azubi Anke saß am Fenster und starrte in die trostlose Kälte. Auf der anderen Seite der Scheibe bemühte sich eine fahl-blasse Sonne, den grauen Himmelsdunst zu durchdringen. Anke hatte einen dicken Schal um den Hals geschlungen. Sie fröstelte leicht. War eine Erkältung im Anmarsch?

„Ich glaube, mich hat‘s erwischt…“, seufzte sie, als ich ihr einen Pott Tee hinstellte.

„Was denn? Dich, den Inbegriff von stabilem Immun-System? Ich habe mir schon überlegt, wie wir deine gute Laune und deinen gesunden Menschenverstand zu einem Serum verarbeiten könnten, um die Verantwortlichen in Gesundheit und Politik per Impfung vor weiteren Pandemie-Halluzinationen zu schützen.“

Anke schaute nur müde. Das machte mir Sorgen.

„Vielleicht solltest du zum Arzt gehen?“

Ankes Blick verfinsterte sich.

„Um dann im überfüllten Wartezimmer eines Ärztezentrums zu sitzen, wo mir ein erschöpfter Arzt nach stundenlangem Warten irgendetwas aufschreibt, wovon ich Pickel bekomme?“

Hm. Was sollte ich sagen? Im Herbst konnte ich wegen einer akuten Arthrose im Knie nicht laufen, musste aber 2 schmerzhafte Monate auf ein MRT warten. Ich konnte Anke gut verstehen.

„Aber brauchst du nicht eine Krankmeldung?“

„Klar. Deshalb versuche ich ja zu vermeiden, dass ich krank werde!“

„Das nenne ich eine motivierte Mitarbeiterin. Da wird sich die Chefin freuen.“

„Was heißt motiviert? So, wie ich mich fühle, bin ich nicht unbedingt zur Arbeit motiviert. Aber beim Arzt bekomme ich doch nur die Tipp-Ex-Therapie!“

„Die was?“

„Die Tipp-Ex-Therapie! Stell dir vor: Auf dem Bildschirm deines PC siehst du ein rotes Signal, eine Viruswarnung. Was machst du, um den Virus loszuwerden?“

„Virenscanner? Antiviren-Software?“

„Falsch, viel zu aufwändig. Du besorgst dir eine Flasche Tipp-Ex. Kennst Du doch. Stammst du nicht aus dem vordigitalen Zeitalter?“

Endlich kicherte Anke. Wie sehr hatte ich das vermisst.

„Ja, Tipp-Ex kenne ich. Und dann?“

„Tipp-Ex, ein durch randomisierte Doppelblindstudien gesichertes Produkt evidenzbasierter Forschung hilft zuverlässig, damit jedwede Viruswarnung sofort verschwindet“, äffte Anke eine Werbesprecherin nach.

„Nehmen Sie den kleinen Pinsel und malen Sie so lange weiße Farbe auf den Bildschirm, bis die Viruswarnung verschwunden ist. Die Tipp-Ex-Therapie – macht unliebsame Meldungen sofort unsichtbar!“

„Du meinst, so arbeitet die moderne Medizin?“

„Nicht immer, aber immer öfter. Dr. Ivanovas meint übrigens, es wäre nur logisch, die orthodoxe Standardtherapie aus dem Leistungskatalog der Krankenkasse zu streichen, da sie schlechter abschneidet als eine Placebo-Therapie“.

„Also gut, aber was machst du denn jetzt, wo du dich erkältet fühlst?“

Anke dachte einen Moment nach und beobachtete dabei, wie eine Krähe auf der Straße vor dem Fenster versuchte, in einen Mülleimer zu klettern, was für den Fortgang der Geschichte bedeutungslos ist, aber doch erwähnt werden sollte.

„Ich bin etwas starrsinnig“, fuhr sie schließlich fort, „und glaube, wie die letzten Hinterwäldler immer noch daran, dass Warnsignale meines Körpers eine Ursache haben, der man nachgehen sollte. Um gesund zu bleiben, pflege ich mich mit Heilpflanzen und Tees, ich gehe viel an die Luft, genieße die Sonne, treibe Sport …“.

„Tja, aber jetzt hat es dich erwischt.“

„Man könnte sagen, ich habe die Nase voll, und ich ahne auch, warum.“

„So?“

„Ja, die letzten Wochen haben mich total aufgeregt. Ich habe schließlich hautnah mitbekommen, wie das ganze Gesundheitswesen und die Naturheilkunde in die Tonne getreten werden.“

„Du meinst diese Heilpflanzen-Petition? War das nicht ein Schuss in den Ofen? Jeder hat jeden angemailt und dann soll alles ein Irrtum gewesen sein.“

„Das kann man auch anders sehen. Über 100.000 Menschen haben sich für die Naturheilkunde ausgesprochen. Das ist doch eine tolle Botschaft. Ich meine: Was passiert denn gerade? Immer mehr bewährte Präparate verschwinden vom Markt. Naturheilmittelhersteller können sich keine Neuzulassungen mehr leisten. Wer Patienten über seine Produkte informiert, wird aufgrund eines vollkommen veralteten Heilmittelschutzgesetzes von Abmahnvereinen terrorisiert. Auf keiner Verpackung lässt sich ersehen, wozu ein Präparat nützlich ist. Die Medien polemisieren gegen die Homöopathie – und die Pharma-Multis lachen sich ins Fäustchen: In Brüssel und Berlin liefern ihre ,Experten‘ die Gesetzesvorlagen, um die Naturheilmittelhersteller in die Knie zu zwingen – dabei zahlen die großen Konzerne hierzulande so gut wie keine Steuern, wie Hanns Weiss in seinem Buch ,Korrupte Medizin‘ recherchiert hat.“

Langsam machte ich mir Sorgen um Anke. War meine feingeistige Indigo-Azubine nach einem zweitägigen Kururlaub in Gorleben zur Radikalinski mutiert? Hatte sie bereits Fieber und halluzinierte? Ich versuchte ihr an die Stirn zu fassen, aber das machte sie nur noch wütender.

„Genau! Sowie frau unbequeme Dinge ausspricht, wird sie als krank abgestempelt. Wusstest du, dass die Frankfurter Finanzbeamten, die bei Prüfungen von Großbanken Unregelmäßigkeiten entdeckten, von ihren Vorgesetzten zum Psychiater geschickt wurden? Sie wurden dann wegen paranoid-querulatorischer Entwicklung dienstunfähig geschrieben!“

„Nein, das wusste ich nicht“.

„Aber, dass die ,Gesundheits-Wirtschaft‘ mittlerweile die WHO, die EU-Gesetzgebung, Gesundheitsbehörden, Heilmittelkommissionen und politische Gremien fest im Griff hat, ist dir schon bekannt?“

„Nun – ich habe Renate Hartwigs Buch ,Krank in Deutschland‘ gelesen, aber ist das alles nicht etwas übertrieben?“

„Übertrieben? Du redest schon wie manche Funktionäre von Heilpraktiker-Verbänden, die auch nur abwiegeln und beschwichtigen, weil sie den Großangriff auf die Naturheilkunde nicht wahrhaben wollen.“

Solche Ansichten hatte ich von Anke noch nie gehört.

„Ach Anke“, versuchte ich die Spannung zu lockern, „komm, iss einen Apfel … .“

„Einen Apfel? Gutes Beispiel! Vielleicht werden Äpfel bald verboten sein, weil sie eine unzulässige Menge an Vitaminen, Ballaststoffen und Substanzen enthalten, die nach irgendeiner neuen EU-Heilmittelverordnung als pflanzliche Gesundheitsprodukte anzusehen sind. Dann werden alle Apfelsorten, die nicht zertifiziert sind, vernichtet. Nur die zertifizierten, genmanipulierten Äpfel von Syngenta und Monsanto, die nachweisen können, dass sie keinerlei Wirkung auf die Gesundheit haben, dürfen noch verzehrt werden. Wie wärs mit Apfelsinen? Aber dann bitte die neuen Züchtungen ohne Vitamin C! Bananen? Nur, wenn sie garantiert kaliumfrei sind!“

„Vielleicht werden die Bananenhändler von heute die Schwarzmarkt-Dealer von morgen sein?“

Das war witzig gemeint, aber Anke fand das gar nicht lustig.

„Siehst du nicht, was passiert? Weltweit werden landwirtschaftliche Flächen mit genmanipulierten Produkten kontaminiert, wovon auch unsere Heilpflanzen betroffen sind. Dabei wird die industrielle Ernährung immer wertloser, die medizinische Versorgung wird flächendeckend zerstört, die Naturheilmittel und Nahrungsergänzungsmittel werden in den Schwarzmarkt gedrängt. Der gesamte Verkehr von Lebensmittelstoffen soll kontrolliert, reguliert und kanalisiert werden. Man will den Menschen die Nahrung im Mund bürokratisieren. Die Reglementierung von Existenzgütern führt zu einer suboptimalen Ernährungslage, wie die Ernährungswissenschaft das nennt, und das führt automatisch zur Krankheit …“

„Wovon wiederum gewisse Interessengruppen profitieren.“

„Genau!“ Anke schniefte.

„Verstehst du jetzt, warum ich die Nase voll habe und sauer bin?“

Ich nickte. Wir schwiegen eine Weile. Anke starrte mürrisch aus dem Fenster, während ich mir Notizen machte. Nach einer Weile schaute sie neugierig auf.

„Was schreibst du denn da?“

„Ein paar Stichworte für meine neue Glosse.“

„Und worum geht es diesmal?“

„Eigentlich wollte ich darüber schreiben, wie mein Knie auf wundersame Weise geheilt wurde, aber jetzt schreibe ich das auf, was du mir erzählt hast.“

„Aber das ist nicht lustig.“

„Stimmt. Aber manchmal muss man auch etwas schreiben, was nicht lustig ist.“

„So einen Text wird die Chefin nie nehmen.“

„Warum nicht?“

„Zu undiplomatisch, sofern du auch nur eine meiner Formulierungen verwendest.“

„Na, das werden wir ja sehen.“

Anke lächelte weise, denn sie kannte ihre Chefin. Trotzdem schrieb ich weiter. Ich hätte sonst die alten Jahrgänge im Keller sortieren müssen, und im kalten Keller ist es noch viel weniger lustig.

 

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