Übersicht dieser Ausgabe    Alle Paracelsus Magazine

aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 3/2011

Glosse: Hygienevorschriften

Cover

… mal wieder Pletsch

© rupbilder I © scorpmad - Fotolia.comDurch karmische Zufälle wurde Golfautor Eugen Pletsch Mitarbeiter eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht, wie er hoffte, als Marketing-Spezialist, sondern als Hausfaktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Indigo-Azubi Anke, die mittlerweile Assistentin der Geschäftsleitung ist. Trotzdem sind beide gute Freunde.

Anke stand in der Kellertür und blickte sich forschend um. „Hallo, huhu – wo steckst du?“

„Hier hinten … ich habe das Wasser für die Teeküche abgestellt. Ich hoffe zumindest, dass ich am richtige Rad gedreht habe.“

„Hä? Warum denn das?“

„Schutzmaßnahmen. Hygienevorschriften sind eine meiner Kernkompetenzen. Komm, wir gehen nach oben. Ich erklär’s dir.“

In der Teeküche schenkte ich uns eine Tasse „Frühlingswonne“ ein.

„Wird unsere Teeküche neuerdings vom Gesundheitsamt überwacht?“, fragte Anke.

„Nein, das nicht“, erwiderte ich, „aber es ist ein Akt der Solidarität mit unseren Lesern, wenn das Infektionsschutzgesetz für Heilberufe auch in unserer Redaktion Anwendung findet.“

„Aus Solidarität?“

„Nicht nur. Ich habe mich gründlich in die Informationsmedizin eingelesen und befürchte seitdem, dass über das morphische Feld, das uns mit unseren Lesern verbindet, nicht nur gute Schwingungen, sondern auch Infektionen zu uns gelangen könnten.“

„Eine Infektion auf der Informationsebene durch Leserbriefe?“ Anke kratzte sich am Kopf. „Davon habe ich noch nie gehört.“

„Ich auch nicht, aber warum nicht? Infektionen sind eine komplizierte Angelegenheit. Denk mal an dieses Krankenhaus, in dem Flugrost auf dem OP-Geschirr gefunden wurde.“

„Ja, und?“

Ein mir bekannter Therapeut, der dort in der Nähe lebt, behauptet steif, er habe auf manchen Glaubenssätzen, die er mit seinen Patienten erarbeitete, Flugrost entdeckt.“

„Flugrost auf Glaubenssätzen?“

„Ja. Hat er kinesiologisch ausgetestet. Deshalb bin ich vorsichtig geworden. Ein Hygieneplan gemäß der Unfallverhütungsvorschrift BGR 250/TRBA 250 der Berufsgenossenschaft sowie die Infektionshygieneverordnung sind das Mindeste, das wir beachten müssen!“

„Wie? Wozu denn das?“

„Die Einhaltung sinnvoller Hygienevorschriften dient dem allgemeinen Schutz einer Praxis.“

„Aber wir haben hier doch keine Praxis, wir sind eine Redaktion! Oder habe ich da in meiner Lehrzeit etwas nicht mitbekommen?“

„Shunryu Suzuki sagt sinngemäß, dass alles im Leben Praxis ist“, erwiderte ich geduldig. „Je mehr Praxis wir haben, umso wichtiger ist die Hygiene. Wusstest du, dass sich Laien und Mönche in einem Zen-Kloster in einer Praxiswoche nicht waschen?“

Anke stutzte.

„Aber was hat unser Verlag mit Hygienevorschriften für Heilpraktiker zu tun?“

„Wie gesagt: Einmal ist es die Solidarität mit unseren Abonnenten und gleichzeitig die Sorge wegen möglicher Legionellen-Infektionen.“

„Und wie kommst du auf die Idee?“

Ich goss Tee nach und setze mich an den Küchentisch. „Das will ich dir gerne erzählen.“ Anke zog ihren Lieblingsschemel unter dem Tisch hervor und schaute für eine Weile aus dem Fenster, hinter dem die grüne Pracht trotz aller weltweiten Fiasken unbeirrt Entfaltung suchte. Dann schaute sie mich fragend an.

„Ich fand einen Eintrag in unserem Forum. Eine Heilpraktikerin in Niedersachsen, die eine kleine Praxis in einem Raum ihres Privathauses betreibt, beschreibt darin ihre Erfahrungen mit einem Kontrolleur.“

„Die übliche Untersuchung durch das Gesundheitsamt?“

„Ja, vermutlich, aber es klingt merkwürdig. Der Hygienebeauftragte hatte sich für eine Praxisbegehung angemeldet. Zum Termin erschien ein freundlicher Herr, der einige Paragrafen erklärte, auf die sich eine Praxisbegehung stützt. Dann merkte er an, dass die Amtsärztin sehr darauf bedacht sei, dass besonders die Heilpraktiker-Praxen ,besucht werden‘. Bei seinem Rundgang monierte er, dass es in der Ein-Zimmer-Praxis keinen ,Schwarz-Weiß-Spind‘ für normale Kleidung und die weiße Kleidung gibt. Er machte auch darauf aufmerksam, dass die Praxiskittel nicht in der privaten Waschmaschine gewaschen werden dürfen, sondern nur in einer gesonderten Waschmaschine und für die Putzlappen wäre eine dritte Waschmaschine nötig.

„Drei Waschmaschinen für eine nebenberufliche Ein-Zimmer-Praxis?“

„Eigentlich nur zwei, eine ist ja privat. Dann stellte der Herr eine Menge Fragen, zum Beispiel nach einer Sonnenmarkise an den Fenstern, wischbaren Böden und einem Verbandskasten.“

„Einem Verbandskasten?“, unterbrach Anke. „In einer medizinischen Praxis?“

„Ein Verbandskasten muss überall stehen. In unserem Verlag habe ich mittlerweile sieben Verbandskästen versteckt.“

„Wieso versteckt?“

„Damit die nicht benutzt werden und noch vollständig sind, falls man sie mal braucht.“

Anke rollte mit den Augen.

„Und wie ging es mit dem Hygienebeauftragten weiter?“

„Ach so, ja – der meinte, dass das Praxis- Waschbecken, an dem sich Patienten die Hände waschen können, somit der Öffentlichkeit zur Verfügung stände. Deshalb müsse die Heilpraktikerin eine Wasserprobe durch ein zertifiziertes Labor vornehmen lassen. Das wäre zu ihrem Schutz, falls in der Umgebung Legionellen auftreten würden.“

„Legionellen?“

Anke wackelte ungeduldig auf ihrem Hocker hin und her.

„Ein Labor schickte der Dame daraufhin einen Kostenvoranschlag in Höhe von 640,- Euro!“

„Das ist heftig.“

„Stimmt. Die Kaltwasserprobe darf übrigens nur ein akkreditierter Wasserentnahmebeauftragter entnehmen.“

„Ein akkreditierter Wasserentnahmebeauftragter …“, stammelte Anke.

„Yep. Der prüft den pH-Wert, untersucht den Ammonium-Gehalt, kontrolliert auf Bakterien, Farbe, Geruch, Aussehen, das wird alles geprüft. Jeder, der Wasser öffentlich zur Verfügung stellt, muss regelmäßig kontrolliert werden.“

„Aber ist das nicht der Job vom Wasserwerk, Wasserqualität zu kontrollieren?“

„Das hat sich die Heilpraktikerin auch gedacht. Also rief sie das Wasserwerk an. Der Mann vom Wasserwerk habe sich kaputtgelacht, erzählte sie.“

„Aber was hat das Gesundheitsamt davon?“

„Keine Ahnung – Beschäftigungstherapie? Ich habe versucht mich schlau zu machen. Eigentlich müsste in einer Praxis, die an das allgemeine Versorgungsnetz angeschlossen ist, das Wasser nicht speziell geprüft werden. Das ist nur nötig, wenn die Praxis Wasser aus einem eigenen Brunnen bezieht, was hier nicht der Fall ist.“

„Musste die Dame trotzdem das Wasser untersuchen lassen?“

„Ja, warum, ist unklar. Aber nicht nur die Wasseruntersuchung kostet Geld. Auch der Besuch des Hygienebeauftragten kostet pro Stunde 45,- Euro. Der Dame wurde eine Rechnung von 157,- Euro gestellt. Dabei habe sie noch Glück gehabt, sagte der Kontrolleur, weil er allein gekommen wäre. Man würde von Amtsseite überlegen, jedem Kontrolleur künftig noch einen übergeordneten Zweitkontrolleur mitzuschicken, einen Dipl.-Ing. für 65,- Euro die Stunde.“

„Vielleicht müssen sich die armen Leute vom Gesundheitsamt wie italienische Polizisten selbst finanzieren?“, überlegte Anke.

„Wer weiß. Beim TÜV musst du auch eine Gebühr zahlen.“

„Und wie ist die Sache ausgegangen?“

„Die Dame hat die Heißwasseruntersuchung verweigert und das heiße Wasser in ihrem Praxisraum abgeklemmt.“

„Das heißt, sie kann sich nach einem Patientenbesuch die Hände nicht mehr heiß waschen?“

„Richtig.“

„Und sonst?“

„Sonst hat der Kontrolleur nichts gefunden. Die Heilpraktikerin hat die Rechnung bezahlt, damit man sie in Ruhe lässt.“

„Gibt es Statistiken, wie viele Patienten sich in Heilpraktiker-Praxen infizieren? Ich dachte immer, die Krankenhäuser wären dafür die Experten“, sagte Anke bissig.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass Hygienebeauftragte Praxen kontrollieren, aber ich frage mich, ob die sich nicht ganz andere Sorgen haben sollten: In unserer Landwirtschaft werden Pestizide eingesetzt, die in der Mehrzahl krebserzeugend sind. Und dann die Nitrate! Beim Trinkwasser wird angeblich nur ein Bruchteil bedenklicher Stoffe geprüft. Und was ist mit Medikamenten, Fungiziden, Herbiziden, Tensiden, PCBs, Asbest und etlichen anderen Stoffen?“

Anke wollte gerade antworten, als ein durchdringender Schrei aus der Toilette am anderen Ende des Flurs zu hören war: „WIESO HABEN WIR KEIN WASSER AUF DEM KLO!“

„Oh, die Chefin …“, stöhnte Anke.

„Dann habe ich im Keller doch die falsche Wasserleitung abgedreht!“

Schnellstens verkrümelte ich mich in den Keller, um das Wasser wieder anzustellen und ließ mich vor Feierabend nicht mehr blicken.

Eugen Pletsch

 

zurück zur Übersicht dieser Ausgabe
Paracelsus SchulenWir beraten Sie gerne
Hier geht's zur Paracelsus Schule Ihrer Wahl.
Menü