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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/2011

Glosse: Der Budget-Fänger

Cover

… mal wieder Pletsch

© mipan - Fotolia.comAnke stand in der Küchentür und kaute an einem Bleistift. „Ich arbeite jetzt in der Anzeigenabteilung und hätte mal eine Frage …“

Kürzlich hatte sie die letzten Prüfungen bestanden und ihre Lehre als Verlagskauffrau erfolgreich abgeschlossen. Natürlich wurde sie von unserem Verlag mit Handkuss übernommen. Jetzt galt es für sie, ihren Platz zu finden, so wie ich meinen in der Teeküche habe, in der ich als Redaktions-Geisha wirke. Meine Aufgabe besteht im Wecken schläfriger Geister, im Entwickeln von Visionen und mein stilles Wesen strahlt in alle Redaktionsräume aus. „Ich habe Tee“, wie man im alten China zu sagen pflegte, wenn man über Menschen sprach, die „heitere Gelassenheit“ verkörpern. Durch die trübe Brille des Alltags sieht mich unser Redaktionsteam leider etwas anders. Meine Kenntnisse als Marketing-Experte wurden bisher leider nur von unserem Ex-Azubi Anke entdeckt, aber damit kann ich leben, denn neben großer Weisheit habe ich auch die Tugend der Bescheidenheit so weit entwickelt, dass mir weder Lob noch Anerkennung irgendetwas bedeuten. Ich ruhe in mir selbst, wenn ich das so sagen darf, und werde nur dann unwirsch, wenn ich auf Menschen treffe, die bornierte Eitelkeit, Hochmut und spirituelle Wahnvorstellungen mit höherer Erkenntnis und Wesensentwicklung verwechseln.

Wie auch immer: Anke hatte Recht getan, sich an mich zu wenden, denn wer sonst in unserer Redaktion verfügt über solches Expertenwissen? Ich räusperte mich, stand auf und stellte den Wasserkocher an.

„Eine Zeitschrift müsste sehr viele Abonnenten haben, um ohne Anzeigen überleben zu können. Keine Anzeigen – keine Zeitschrift. Ganz einfach. Deshalb ist deine Aufgabe sehr wichtig. Also: Was genau möchtest du wissen?“

Anke ruckelte ihren Stuhl an den Tisch, blinzelte in die Mittagssonne und malte kleine Kreise auf ihren Notizblock.

„Ich habe einige Anrufe gemacht und dabei festgestellt, dass manche Firmen ziemlich abweisend waren. Einer sagte sogar, wir wären ihm zu ‚esoterisch’. Natürlich haben wir auch spirituelle Themen im Heft, aber das macht doch Sinn, wenn unsere Heilpraktiker den Menschen in seiner Ganzheit erfassen möchten, oder?“

„Hm.“

„Was heißt: Hm?“

„‚Hm’ heißt, dass ich überlege, welcher Tee für dich der richtige wäre. Ich denke ‚Wohlschmeckende Weisheit’ wäre passend.“

Ich stellte die Tee-Utensilien zurecht und setzte mich mit Anke an den Tisch.

„Sieh es mal so: Manche Gründer naturheilkundlicher Firmen waren zum Beispiel Apotheker, die ihrer Intuition folgten und etwas entdeckten, was sich für viele Kranke als heilsam erwies. Von Kollegen und Ärzteschaft verlacht und als Quacksalber verspottet, gründeten sie Unternehmen, die heute Heilmittel in alle Welt verkaufen. Aber manche dieser Unternehmen wurden an Leute verkauft, die nicht mehr wissen, aus welchen geistigen Quellen ihre Produkte einst sprudelten.“

„Aber was hat das mit uns zu tun?“

Anke zog die Stirn kraus und rührte etwas Honig in ihren Tee.

„Es geht um Abgrenzung, eine Art Waschzwang. Man buhlt um ‚naturwissenschaftliche’ Akzeptanz. Da die Wirkungsweise vieler naturheilkundlicher Präparate nicht im Laborversuch nachgewiesen werden kann, stehen sie von allen Seiten unter Beschuss.“

„Aber die meisten Menschen möchten Naturheilmittel verwenden …“

„Genau deshalb werden jetzt Zulassungsbestimmungen geändert, vollkommen absurde Labornachweise gefordert und die Hürden so hoch gelegt, dass Präparate und Verfahren, die sich viele Jahre bewährt haben, bald nicht mehr erhältlich sein werden.“

Verwirrt schüttelte Anke den Kopf: „Dann müssten die betroffenen Firmen doch noch mehr Werbung machen?“

„Nicht nur Naturheilmittel stehen unter Beschuss. Auch Fachmagazine, die eine Betrachtung des ganzen Menschen als Grundlage für eine dauerhafte Heilung ansehen, werden diskreditiert. Wer in naturheilkundlichen Präparaten mehr sieht als die Summe ihrer chemischen Bestandteile, ist bereits suspekt.“

Anke stöhnte: „Ich denke, der verrückte alte Apotheker wäre froh gewesen, wenn unsere Zeitschrift über seine Entdeckung berichtet hätte. Er hätte bestimmt in unserem Magazin geworben!“

Ich musste lachen: „Ich habe nicht ‚verrückter’ alter Apotheker gesagt! Im Gegenteil. Das waren Menschen mit einer besonders guten Beobachtungsgabe. Aber schon damals wurden sie von ‚Naturwissenschaftlern’ für verrückt erklärt, weil diese nicht verstanden, was zum Beispiel ‚Information’ in der Homöopathie bedeutet.“

„Und was sagt man solchen Leuten?“

„Den Naturwissenschaftlern? Denen könnte man das wohl gehütete Geheimnis offenbaren, dass auch der Nachrichtensprecher nicht im Fernseher wohnt …“

„Nein, ich meine: Was sage ich so einem Marketing-Manager?“

„Mach ihn mit unseren Inhalten und unseren Lesern vertraut.“

„Manche sagen, sie dürfen nicht mehr werben.“

„Oha! Die haben den ‚Verein für sozialen Wettbewerb’ am Hals und eine teure Abmahnung bekommen.“

„Ein Abmahnung?“

„Ja. Dieser ‚Verein für sozialen Wettbewerb’ terrorisiert die gesamte naturheilkundliche Branche. Firmen werden ins Ausland oder in die Pleite getrieben.“

„Was?“ Anke schluckte. „Dürfen die das?“

„Bis jetzt noch, weil es den naturheilkundlichen Firmen nicht gelingt, sich dagegen zu organisieren. Stattdessen zeigen sie sich lieber gegenseitig beim VSW an. Das Thema ist heikel. Darüber werde ich dir demnächst mehr erzählen.“

Anke nickte. „Manche sagen ganz klar: Das Budget ist weg.“

„Ach ja, das Budget ist eine seltsame Kreatur.“

Ich goss uns etwas „Wohlschmeckende Weisheit“ nach.

„Wie ein Drachen schwebt das Budget zwischen Himmel und Erde. Gerade noch da, ist es schon wieder weg; dringend erwartet, aber noch nicht aufgetaucht, narrt es alle, die sehnlichst hoffen, es einfangen zu können. Es ist wie das TAO, von dem Lao Tze sagte …“

Anke unterbrach mich, was sie nur selten macht: „Schön, schön“, sagte sie, „aber wie schnappe ich mir das Budget?“

Sie leckte sich die Lippen.

„Oh, Anke, Gier nach schnödem Mammon umwölkt dein Haupt! Hat die Chefin dir eine Provision für verkaufte Anzeigen angeboten?“

„Leider nur eine kleine, aber wie du schon sagtest: Keine Anzeigen – keine Zeitschrift!“

Sie rollte die Augen und wackelte mit dem Kopf wie eine Bollywood-Tänzerin.

„Also gut: Vor Jahren habe ich mal versucht, einen Budget-Fänger zu bauen. Der liegt noch bei mir im Keller. Vielleicht sollte ich daran weiterbasteln.“

„Einen Budget-Fänger? Du hast einen Budget- Fänger gebaut?“

Sie zappelte nervös. Nach den mageren Azubi-Jahren konnte ich sie gut verstehen.

„Ich habe es zumindest versucht …“

„Und wie funktioniert der?“

„Wie ein Drachenfänger. Wenn sich ein Drachen aus seiner Höhle wagt, um nach frischer Luft zu schnappen, dann greift der Drachen-Fänger augenblicklich zu. Man muss aber sehr schnell sein, fast schon hellsichtig, um zu wissen, wann das Budget beim Kunden auftaucht.“

„Also – ich weiß nicht“, Anke winkte ab. „Mir ist das alles zu esoterisch.“

„Genau: Marketing ist esoterisch, eine Geheimsprache für Eingeweihte! So wie die Ärztesprache. Ursprünglich wurde nur die geheime ‚innere Lehre’ einer Religion oder Philosophie als ‚esoterisch’ bezeichnet. Im Gegensatz zur Exoterik, dem Weg der breiten Masse, gingen die früheren Esoteriker ihren eigenen und oftmals geächteten Weg. Das esoterische Christentum von Tauler oder Meister Eckhart, das esoterische Wissen des Sufismus im Islam, die wortlose Übertragung des Dharma im ZEN, um nur einige Beispiele zu nennen, sind und waren die Essenz jeder Religion. Aber seit der ‚New Age’-Bewegung in den 1970er-Jahren ist der Begriff Esoterik zu einem Schimpfwort verkommen. Nebulöse Ansichten, durchgeknallte Offenbarungen, Überhitztes und Unverdautes wird mit traditionellen Erkenntniswegen in einen Topf geworfen.“

„Verstehe. Aber was mache ich jetzt?“

„Trink deinen Tee und dann setz dich ans Telefon. Verbinde dich mit deiner Intuition und versuche Kunden zu finden, die an unserer ‚Wohlschmeckenden Weisheit’ teilhaben wollen. Schaff ein energetisches Feld, in dem sich ein Budget wohl fühlt.“

„Klingt auch ziemlich esoterisch …“

„Alles wirkt durch den Geist, ich kann es nicht ändern.“

Ich stand auf und zog meine Jacke an.

„Wohin gehst du?“, fragte Anke.

„Nach Hause in meinen Keller. Ich schaue mal, ob ich den Budget-Fänger finde. Wenn der funktioniert, haben wir beide ausgesorgt.“

Eugen Pletsch

 

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