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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 2/2012

Glosse: Der Golfvirus

Cover

… mal wieder Pletsch

© Sergey Ilin - Fotolia.comNachdem Golfautor Eugen Pletsch drei satirische Erfolgstitel im KOSMOS-Verlag veröffentlicht hatte, wurde er durch karmische Zufälle Mitarbeiter eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht – wie geplant – als Marketing-Spezialist, sondern als Haus-Faktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Indigo-Azubi Anke, die mittlerweile Assistentin der Geschäftsleitung ist. Trotzdem sind beide gute Freunde.

Interne Mitarbeiterschulung, der ganze Tag ist futsch. Dabei hatte ich die leise Hoffnung gehabt, frühzeitig auf den Golfplatz verschwinden zu können. Aber nein – nichts zu machen. Alle waren da, sogar die Chefin. Ein Software-Experte versuchte, uns das neue Intranet zu erklären.

Intranet ist wie Internet, aber nur für eine geschlossene Benutzergruppe sichtbar, in unserem Fall die Mitarbeiter des Verlages. Intranet basiert auf der These: Wenn das Unternehmen wüsste, was das Unternehmen weiß, dann wüsste es mehr. An sich keine schlechte Sache, aber es würde mehr Arbeit bedeuten und Zeit kosten. Die Stimmung unter den Kolleginnen war deshalb gedämpft.

Quer über den Tisch lächelte mir die Assistentin der Geschäftsleitung Anke zu. Sie wusste, was in mir vorging. Vermutlich konnte sie in meiner Aura sehen, wie ich im Geiste die 4. Bahn herabschritt.

„Haben Sie das alle verstanden?“ schnitt mir die scharfe Frage unserer Chefin ins Ohr. Ich zuckte hoch und sah, dass ihr Blick auf mir ruhte.

Sie auch?“

Ich nickte. In meinem Alter hat man Innovationen kommen und gehen sehen: Work- Flow-Optimierungen, Umstrukturierungen, Kommunikations-Strategien … aber wenn man mich fragt: Die schnellste und effektivste Möglichkeit, sich über die Interna eines Unternehmens zu informieren, ist die Teeküche und der Kopierer. Hier reden die Leute miteinander, die sich, ganz archaisch betrachtet, gut riechen können. Würde ich mit Anke so oft ratschen, wenn wir uns nicht riechen könnten? Pheromone lassen Unternehmensberater leider gänzlich unbeeindruckt. Man mag mir Eifersucht gegenüber modernen Kommunikationsmitteln vorwerfen, aber ich glaube tatsächlich, dass Flurgespräche häufig effizienter sind, als endlose Konferenzen. Aber gut, lassen wir der Jugend ihren Lauf. Jede Redaktionsleitung muss ihre Erfahrungen machen. Also nickte ich eifrig und versuchte, meinen Augen ein begeistertes Funkeln abzuringen. Für den Golfplatz war es ohnehin zu spät.

„Im Fenster „AKTUELL“ können Sie beliebig eigene und fremde Informationen veröffentlichen, die dann von allen, die Zugriff auf unser Intranet haben, gelesen werden …“, summte der Experte.

Was? Wie bitte? Das wäre doch die Chance, dachte ich, um der Chefin ein paar längst fällige Informationen zukommen zu lassen! Zum Beispiel die Dringlichkeit, intensiver mit der Ärzteschaft zu kommunizieren. Das macht man sinnvollerweise mittwochs beim Herren-Golfturnier. Bekanntlich haben die meisten Praxen mittwochs geschlossen. Warum? Weil die Ärzte dann Golf spielen! Ich hatte gehofft, dass sich ein naturheilkundlicher Verlag den Gepflogenheiten unserer Branche anpassen würde und ich mittwochs freigestellt wäre – aber Pustekuchen, da biss ich bei der Chefin auf Granit. Na gut, dachte ich, wir werden sehen.

„Sag mal“, fragte ich Anke am nächsten Morgen, „kann man auch Nachrichten einstellen, ohne dass man den Absender sieht?“

Sie dachte einen Moment nach: „Wir beziehen Meldungen von einem medizinischen News- Server. Wenn es Dir gelingt, dort Meldungen mit bestimmten Keywords ins Netz einzuspeisen, werden die als Feeds direkt bei uns angezeigt“, sprach sie, packte ihre Tasche und verschwand zu einer Tagung. Ich hatte kein Wort verstanden, aber ich kenne da jemanden, der wusste, was zu tun wäre …

Zwei Tage später hatte die Chefin ihr Verhalten mir gegenüber komplett verändert. Wenn ich ihr bisher Tee brachte, war ein barsches „Danke“ das Höchste der Gefühle. Jetzt blickte sie mich freundlich an, versuchte zu lächeln und murmelte etwas wie:

„Danke, dass Sie Ihren Aufgaben trotz Ihres Handicaps so gut nachkommen können.“

Wenn sie in die Teeküche kam, klopfte sie neuerdings an! Wenn ich im Flur vorbei ging, sah ich, wie sie mit den Kolleginnen tuschelte, um mir dann aufmunternd zuzunicken. In ihren Augen lag das tief empfundene Mitleid und die liebevolle Zuneigung, die man Welpen entgegenbringt, die sich das Pfötchen in der Tür geklemmt haben.

„Sie können sich heute nach der Mittagspause ausschließlich dem Archiv widmen“, meinte die Chefin am nächsten Morgen in einer Freundlichkeit, die alles Bisherige übertraf. Im Keller hatte ich mir bereits den Fernseher vor meine Pritsche geschoben und alles vorbereitet, um die Ausstrahlung des ersten Major-Golfturniers des Jahres, das „Masters“ in Augusta, zu verfolgen. Wie würde der neue deutsche Golf-Star Martin Kaymer in diesem Jahr abschneiden? Jetzt hatte ich freie Bahn. Um das Maß voll zu machen, meinte Sie: „Übrigens sind Sie jetzt jeden Mittwoch freigestellt. Ich denke, Sie sollten mehr Zeit zur freien Kommunikation mit der Ärzteschaft haben, die sich naturheilkundlichen Themen immer mehr öffnet.“ Damit verschwand sie.

„Was ist denn mit der los?“ gluckste Anke, die hinter der Tür auf ihrem Stühlchen gehockt hatte, um mir zu erzählen, was sie die letzten drei Tage auf der Tagung erlebt hatte.

„Du warst wohl lange nicht im Intranet. Dort findest Du ab jetzt alle Informationen, die es bisher nur in der Teeküche gab.“

Anke verschwand. Nach 15 Minuten kam sie zurück.

„Hm. Die Meldung, dass die WHO den Golfvirus zur Pandemie erklärt hat, stammt die von Dir?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Und die Meldung, dass Golfsucht unheilbar ist und alle Betroffenen mit größter Umsicht zu behandeln wären, ebenfalls?“

„Yep.“

„Die Meldung, nach der Du als Präsident der Vereinigung anonymer Golfer zum Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wurdest, auch?“

„Könnte sein.“

„Dann könnte die Meldung, dass Golfsüchtige trotz ihrer Sucht hervorragende Leistungen im Beruf bringen, auch von Dir stammen.“

„Richtig.“

„Und die Eilmeldung, nach der Du Deiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Golftherapeutischen Pflegedienst Mittwochnachmittags auf Grund beruflicher Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kannst, was zu Elend und Verzweiflung unter den Betroffenen geführt hat?“

„Habe ich auch verfasst. Warum nicht? Wozu ist das Intranet sonst da?“

„Golftherapeutischer Pflegedienst … was ist das überhaupt?“

„Das ist schnell erklärt. Es geht um das Grundbedürfnis eines Golfers, sich nach der Runde auszuquatschen. Dieses Bedürfnis ist gelinde gesagt quälend, da beim Golfen Erwartung und Spielgeschick derart auf Kollisionskurs gehen, dass manche Spieler nach der Runde in einer Art Schockstarre verharren. Um diese unglücklichen Seelen in ihrem Jammertal zu trösten, habe ich den Golftherapeutischen Pflegedienst gegründet. Unser Motto heißt: Zuhören, trösten, Tränen trocknen.

„Und das hilft?“

„Natürlich: Seitdem wir in den Clubs arbeiten, haben alkoholische Exzesse sowie Sach- und Personenschäden beim Ausparken erheblich abgenommen.“

Es klopfte. Die Chefin stand in der Tür.

„Mein Lieber“, lächelte Sie „darf ich Sie einen Moment in mein Büro bemühen?“

„Mit oder ohne Tee?“

„Ohne.“

„Gerne.“

„Dann bis gleich.“

„Meinst Du, sie ist Dir auf die Schliche gekommen?“

Daran hatte ich gar nicht gedacht. Etwas unruhig ging ich zum Büro der Geschäftsführung.

„Setzen Sie sich.“ Die Chefin schaute mich freundlich an und wies auf ihren bequemsten Sessel, den ich nur dann für mein Nickerchen benutze, wenn sie garantiert im Ausland weilt.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Äh, ja …“ Sie schluckte.

„In der Tat könnten Sie etwas für mich tun … kann ich mich auf Ihre Diskretion verlassen?“

„Selbstverständlich“.

„Ich habe eine Einladung bekommen.“

„Schön für Sie.“

„Zu einem Golfturnier!“

„Oh! Ja … und?“

„Es ist sehr wichtig für mich. Unser größter Anzeigenkunde veranstaltet dieses Turnier in vier Wochen …“

„Ja, und?“

„Ich habe schreckliche Angst, mich an diesem Golfvirus zu infizieren! In letzter Zeit häufen sich die Meldungen darüber …“

Ihre Stimme zitterte.

„Die WHO hat den Golfvirus zur Pandemie erklärt. Millionen Menschen weltweit sind bereits infiziert.“

„Wie schrecklich. Das habe ich auch gelesen. Ich weiß, dass Sie Betroffener sind. Ehrlich gesagt bewundere ich Sie, wie tapfer Sie mit Ihrer Golfsucht umgehen. Und Ihr ehrenamtliches Engagement! Ich schäme mich, dass ich häufig so barsch zu Ihnen war. Ist Golf wirklich so gefährlich?“

Sie schluckte trocken.

„Golf macht süchtig, dann eine Weile blöde, dann depressiv und – Sie könnten schnell pleite sein!“

„Oh je, das habe ich befürchtet. Was mache ich nur? Ich kann diese Einladung nicht ausschlagen.“

Sie schien verzweifelt.

„Machen Sie sich keine Gedanken. In vier Wochen können Sie sowieso kein Golf lernen. Aber wir könnten zusammen hinfahren! Ich spiele und Sie machen die Honneurs.“

„Das würden Sie für mich tun?“

„Für mich persönlich würde es einen Rückschritt bedeuten, aber wenn es um den Verlag geht und unsere Arbeitsplätze …“

„Sie sind so tapfer! Können Sie gut spielen? Ich möchte nicht als Anfänger dastehen …“

„Das wird das Problem sein. Um gut zu spielen, erfordert das Golfspiel tägliche Übung.“

„Wie viel Zeit bräuchten Sie vor dem Turnier?“

„Vier Wochen sind knapp, aber es könnte gerade ausreichen, wenn ich sofort mit dem Training beginne.“

„Dann los. Machen Sie! Sie sind freigestellt. Oh, ich bin Ihnen so dankbar. Ich werde unsere Mitarbeiter morgen via Intranet informieren, wie Sie Ihre Gesundheit für uns aufs Spiel setzen.“

„Schon gut. Geistige Schau der höheren Welten macht das kleine Ich bereit, seinen Platz zu finden im großen Ganzen, das DAO genannt wird.“

Sie schaute irritiert. Dann nickte sie durchgeistigt, worauf ich in die Teeküche verschwand.

„Und?“ Anke saß auf heißen Kohlen.

„Tut mir Leid, keine Zeit, ich muss zum Training, aber morgen kannst Du alles im Intranet nachlesen.“

Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

 

 

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