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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/2013

Glosse: Möhren aus Hawaii

Cover

© Alena Kovalenko - Fotolia.com… mal wieder Pletsch

Durch karmische Zufälle wurde Golfautor Eugen Pletsch Mitarbeiter eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht, wie er hoffte, als Marketing-Spezialist, sonsern als Hausfaktotum und Redaktionsgeisha.

Kein Leser ahnt, wie hart unsere Redakteurinnen mit Themen ringen, wie lange es dauert, bis mühselige Recherchen zu fesselnden Storys werden und wie schwer es ist, neue innovative Impulse in unserem Magazin zu implementieren. Ein guter Grund, finde ich, einmal von einem Montagmorgen- Meeting aus der Redaktion zu berichten …

Sabine, Lisalotta, Ute, Marianne, die schlaue Helene und die Chefin saßen um den großen Tisch herum, während ich, um der Sommergrippewelle vorzubeugen, Zistrosentee (auch Cystustee genannt) ausschenkte. Anke wurde dieser Tage von ihrer Hawaii-Reise zurückerwartet, aber sonst war ein ganz normaler Montagmorgen.

„Was liegt an?“, fragte die Chefin und schaute in die Runde, während sich der Rauch eines dünnen Stäbchens USUZUMI SAKURA mit dem zarten Duft feinster Kirschblüten (dezent und leicht auf Sandelholzbasis) ins Oberlicht schlängelte.

Die Damen berichteten nacheinander von ihrer Arbeit und schließlich wandte sich die Aufmerksamkeit der schlauen Helene zu.

„Ich arbeite derzeit an meiner neuen Serie: ‚Das war das New Age‘. Einige Kapitel sind bereits fertig.“

Die Chefin schaute sie auffordernd an, während Helene in ihren Unterlagen kramte.

„Ach ja, hier“, begann sie: „1. Kapitel: Der Wassermann und seine Wassernixen.“

Die Chefin nickte: „Um was geht es da?“

„Um das parasitäre Machoverhalten der Männer in New-Age-Organisationen. Sexistische Gurus, Unterdrückung jeder Form von Weiblichkeit.“

„Und die anderen Themen?“

„Die Verwässerung geistiger Entwicklung im Wassermannzeitalter.“

„Hm, ja?“

„Darin geht es um die Wasserköpfe des New Age.“

„Aha.“

„Dann beschreibe ich die Irrwege des New Age. Das Kapitel heißt: ‚Erleuchtung schützt nicht vor eitler Dummheit‘.“

„Klingt interessant. Sie zeigen mir die Texte noch mal?“

„Natürlich“, stammelte Helene. Sie war geknickt, denn sie wusste, was das bedeutete. Ich wusste es auch. Nicht immer war unsere Chefin so, wie sie heute war. Von ihrer heißen Zeit in Poona und bei der AAO-Kommune, in der sie ihre Weiblichkeit in jeder Form exzessiv auszuleben wusste, hatte ich im Keller einige Fotos und Postkarten gefunden, die ich sehr schnell in der hintersten Ecke des Verlags-Giftschrankes deponierte. Durch mich würde niemand erfahren, welchen ‚Weg aus dem Sumpf‘ die Chefin einst gegangen war, um den reinen Lotos ihres Geistes in seiner heutigen Form erblühen zu lassen. (Na gut, auf dem Golfplatz hat das weiße Strahlen ihrer Aura nach intensivem Fluchen wegen Ballverlust ein paar Flecken bekommen, aber das ist nur natürlich, oder?)

Nein, die Chefin würde sich die Erinnerungen an die tollste Zeit ihres Lebens nicht von einer sauertöpfischen Mitarbeiterin madigmachen lassen. Diese Serie, das war mir und jetzt auch Helene klar, würde anders heißen und andere Inhalte haben, zumal die einstigen Wasserköpfe des New Age die Dampfplauderern des „Neuen Bewusstseins“ wurden, die unser Magazin mit Artikeln füllen und mit ihren Seminarangeboten für fette Anzeigen sorgen. Sie würde doch nicht an dem Ast sägen, auf dem sie sitzt!

Ich konnte förmlich hören, wie es in der Chefin knisterte. Dabei versuchte sie, ruhig zu bleiben. Helene war sehr empfindlich. Vermutlich überlegte die Chefin, ob sie Helene den Zahn ihrer New-Age-Serie in gewaltfreier Kommunikation oder mit einem scharfen Ruck ziehen sollte, aber dazu kam sie nicht. Eine junge Dame, die ich bisher nicht erwähnt hatte, weil ich hoffte, dass sie sich bei ihrer ersten Redaktionssitzung bedeckt halten würde, meldete sich. Es handelte sich um unsere neue Praktikantin Isis, die sich bereits in jungen Jahren einen Ruf als Aktivistin erworben hatte. Da saß sie mit roten Bio-Backen und verfilzten Dreadlocks, eine 19-jährige voll vegane Widerständlerin in dritter Generation, aufgeweachsen in einer Welt frei von Milch und Zucker. Ihr hellwacher kritischer Geist hatte keine drei Tage gebraucht, um unsere Redaktion in ihrer gesamten widersprüchlichen Verlogenheit zu entlarven: Auch wir huldigten dem Wachstumswahn und waren Knechte des Kapitals. Dass sich unsere Anzeigenkunden, die Naturheilmittelhersteller, scheinheilig mit dem Mäntelchen einer besseren Medizin umgaben, konnte Isis nicht beeindrucken. „Diese Eso-Fuzzis sind keinen Deut besser als Pharma-Multis und kriminelle Genmanipulanten“, schimpfte Isis bereits an ihrem zweiten Tag im Verlag und um dann ein Terrain zu betreten, bei dem unser Handtuch zerriss: Sie meinte ernsthaft, mein Job als Redaktionsgeisha wäre unwürdig – und was noch schlimmer war: Sie wollte mit der Chefin reden, damit auch ich endlich an einem produktiven Arbeitsprozess teilnehmen könnte. Der Gedanke an produktive Arbeitsprozesse versetzte mich in Panik, worauf ich zitternd zu meinen Rescue-Tropfen greifen musste.

„Was schluckst du denn für einen gequirlten Blödsinn?“, spottete Isis und was immer ich ihr im nachfolgenden Gespräch erwiderte, bezeichnete sie als „spirituellen Schwachsinn und Eso-Mist“. Wer sich jetzt fragt, ob Isis unsere Redaktionsetage über die Feuerleiter gekapert hatte, dem sei gesagt, dass es sich bei ihr um die „schwierige Nichte“ unserer Chefin handelt. Kurz nach ihrem Abitur war sie erstmals bei einer Genfeld-Befreiung verhaftet worden. Der Strafvollzug war jedoch unter Auflage einer geregelten Tätigkeit ausgesetzt worden. Also wurde sie unsere Praktikantin und da saß sie nun und hob die Hand.

„Ja, Isis?“, fragte die Chefin so vorsichtig, als würde sie mit dem Zünder einer Handgranate hantieren.

„Ich finde Themen über verkorkste 68er langweilig.“

„So? Und was fändest du interessant?“

„Wir sollten uns aktiv gegen die EU-Politik einsetzen, nach der Landwirte z.B. nur noch amtlich zugelassenes Saatgut verkaufen dürfen!“

„Nun, wir bemühen uns seit Jahren um unseren Beitrag zur Bewusstseinsentwicklung …“

„Das Saatgut bestimmt das Leben und damit das Bewusstsein!“, fiel ihr Isis ins Wort. Wir alle hielten den Atem an, denn niemand hatte bisher gewagt, die Chefin bei ihren Ausführungen zu unterbrechen.

„Bald kommt die EU-Vorschrift, nach der auch Landwirte im Nebenerwerb, Kleingärtner und Hobbygärtner nur noch amtlich zugelassenes Saatgut verwenden dürfen. Selbst das private Tauschen und Verschenken von Samen soll verboten und mit empfindlichen Strafen belegt werden. Wer dahintersteckt, ist klar: Es sind Konzerne wie Bayer, BASF, Dupont, Monsanto, Sygenta und Pioneer! Dagegen müssen wir uns wehren!“ Sie sprang auf und rief: „Bauer, Dein Saatgut wird Dir gestohlen, komm, wir werden es wiederholen!“

Sie schaute auffordernd in die Runde, dann setzte sie sich wieder, während ich mir meine Kolleginnen betrachtete. Die Vorstellung, dass Sabine, Lisalotta, Ute, Marianne und die schlaue Helene an einen Traktor gekettet im Schlamm hockten, amüsierte mich ehrlich gesagt. Das würde ihnen nicht schaden. Ob jedoch auch die Chefin bereit wäre, ein zweites Mal den Weg durch den Sumpf zu gehen, wagte ich zu bezweifeln.

Tante Chefin lächelte bemüht, um eine Eskalation zu vermeiden.

„Das ist eine sehr interessante Anregung, liebe Isis“, sagte sie gequält. „Wir sollten das Thema jedoch zuerst mit sanfteren Tönen anmoderieren. Hattest du nicht früher Naturgedichte geschrieben?“

Isis zuckte. Ihre aggressive Miene entspannte sich sofort.

„Das weißt du noch?“

„Aber natürlich. Ich glaube, du warst zwölf, als du mir deine ‚Ballade von der Roten Liste‘ vorgetragen hast.“

Gedichte! Mir schauderte. Aber wenn es dem Verlagsfrieden dienen würde, bitte sehr. Isis wirkte verwandelt. „Die Ballade … richtig … wie ging die noch …? Ah ja:
Ausgerissen seid ihr, feinblättrige Wicke, Hügelveilchen und Wimpernfarn, vergiftet, verbrannt, entwässert, gerodet, Hainsalbei, Mastkraut und kleinblättrige Rose …“

„Wie schön“, entfuhr es Lisalotta, der falschen Schleimerin. Auch ich stöhnte in der Hoffnung, dass das Leid bald ein Ende haben würde, was Isis jedoch als Ansporn zu interpretieren schien:
„Vielleicht seid ihr schlau und haltet euch verborgen,
Ferkelkraut, Eichenfarn, einspelsige Sumpfsimse,
haltet noch aus, Flockenblume, Sumpfkresse, bald schon wird Platz sein, oh schneidiger Goldstern!“

Auch die Chefin rang um Luft, aber Isis, die mittlerweile stehend rezitierte, ließ sich nicht beirren:
„Nichts ist so bescheuert, oh Mauerfelsenblümchen,
wie der Mensch, der Mensch, du schlanker Augentrost,
so höre Kronwicke und lausche Knollenkümmel,
nicht mehr lange und es rappelt, du Goldaster, dann Kichertragant kommt deine Stunde,
und eure, ihr Malven und Minzen, Perlgras, Heimsimse.“

Einen Moment herrschte Stille, dann räusperten sich die Kolleginnen und klopften verhalten Beifall. Auch ich nickte zustimmend. Immerhin hatte Isis dieses Gedicht mit 12 geschrieben und ihre Zeilen waren durchaus mit dem Niveau gewisser Manuskripte vergleichbar, die uns gewisse Mediziner im Ruhestand zukommen lassen. Auch die können es sich manchmal nicht verkneifen, rustikale Verse zu schmieden. Jetzt richteten sich alle Augen auf die Chefin.

„Der, äh, fragende Blick auf eine aussterbende Pflanzenwelt ist das Recht der Jugend, äh … schon in Steiners Koberwitzer Kurs … äh …“

Hier stockte sie. Befürchtete sie eine Redaktionsbesetzung und die Zwangsverpflichtung ihrer Mitarbeiterinnen zur Feldarbeit auf einem Bio-Bauernhof, wenn die Grünen Garden unter der Führung ihrer Nichte dereinst die Macht übernähmen? Oder überlegte sie, was die Folgen wären, wenn der Eroberungsfeldzug des Saatgut-Kartells voranschreitet? Die drei Marktführer Monsanto, Syngenta und Dupont kontrollieren bereits mehr als die Hälfte des Marktes. Wäre es nicht längst an der Zeit, sich diesen Themen zuzuwenden? Die Chefin dachte nach und wir schwiegen, bis plötzlich Anke in der Tür stand und „Aloha!“ rief.

„Anke, wie schön, dass du zurück bist!“ Die Chefin wirkte erleichtert. „Wir diskutieren gerade die Problematik der Saatgut-Monopolisierung. Was meinst Du dazu?“

„Power to the Bauer“, rief Anke und holte etliche Samentüten aus ihrem Korb. „Schaut mal, was ich geschmuggelt habe! Feinste Ware! Hier zum Beispiel: Möhren aus Hawaii!“

Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

*Pletsch, Eugen: Golf Gaga – der Fluch der weißen Kugel. Franckh-Kosmos Verlag, 2007, ISBN 978-3440112601

 

 

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