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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 6/2013

Glosse: Das Zimmer im Weltall

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© 3star © womue © Yantra © Otto Durst - Fotolia.com… mal wieder Pletsch

Eines Morgens, ein paar Monate, nachdem Isis uns verlassen hatte, traf sich die gesamte Redaktion zu einem Brainstorming. Ich servierte eine Grünteemischung, die ich „Aufstieg zum Himmel“ nenne, weil dieser Tee den Geist klärt und zu Inspirationen führt.

Nach einer Minute angespannten Schweigens eröffnete die Chefin unsere Gesprächsrunde. „Um mehr Abonnenten zu gewinnen, brauchen wir neue und spannende Themen“, führte sie aus. „Eure Vorschläge sind herzlich willkommen.“

Es folgte knisterndes Schweigen, aber dank der Wirkung von „Aufstieg zum Himmel“ hob Anke die Hand.

„Bitte, Anke?“

„Ehrlich gesagt kommt die Idee von Isis, die mir einiges über die Problematik der Saatgut- Monopolisierung erzählt hat. Demnach kontrollieren die drei Marktführer bereits mehr als die Hälfte des Marktes und immer mehr Saatgut verschwindet. Andererseits wurde bekannt, dass die Bill-Gates-Stiftung auf Spitzbergen die weltweit größte Samenbank unterhält, in der mehr als drei Millionen verschiedene Saaten aus der ganzen Welt spezialverpackt gelagert werden. Unterstützt wird das Projekt durch die Rockefeller-Stiftung, die bereits Unsummen in die Genveränderung investiert hat, die Monsanto Corporation, die Syngenta Stiftung, DuPont/Pioneer Hi-Bred und andere Firmen, die Interesse haben, den Saatgutmarkt zu kontrollieren. Bald werden diese Firmen diktieren, was wir essen und wie wir leben.“

„Die sind alle ein Teil der Weltverschwörung!“, warf die schlaue Helene ein. Ihre Augen funkelten vor Begeisterung. Wir alle wussten, dass sie nächtelang über den „geheimen Plänen des Pentagons“ brütete und alles über die Illuminaten wusste.

Ute meldete sich zu Wort: „Kürzlich gab es in Kanada ein Hearing, bei dem der ehemalige Verteidigungsminister von Kanada aussagte, dass er mit Sicherheit von zwei Aliens wüsste, die seit Jahren die US-Regierung beraten. Versteht Ihr?! Der ehemalige Verteidigungsminister von Kanada!“

„Nur beraten?“, rutschte es mir raus, „Ich dachte, Aliens regieren die USA!“

Anke kicherte. Die Chefin warf mir einen strengen Blick zu und bat die Kolleginnen, mit dem Brainstorming fortzufahren. Das HAARPProjekt, Chemtrails, Tesla, Klimawandel und was unser Magazin am meisten betraf – die verkorkste Gesundheitsreform – alles kam zur Sprache.

„Diese Themen sind sowohl für spirituelle Menschen als auch für Naturheilkundler wichtig“, sagte Lisalotta, und Marianne, die selten mit uns sprach, da sie meist in höheren Welten weilt, deutete an, dass sie gerade die Botschaft empfangen habe: „Suchet in der Tiefe!“

Ich stutzte. Meinte sie damit den Verlagskeller?

„So, danke!“, schloss die Chefin. „Ich denke, wir haben fürs Erste genug Material.“

Sie schaute Anke an, die sich nochmal gemeldet hatte.

„Ja, Anke, noch eine Idee?“

„Ehrlich gesagt fühle ich mich nicht so ganz richtig verstanden. Saatgut-Monopolisierung betrifft nicht nur unsere Gesundheitsbranche, sondern jeden Menschen. Es ist ein ganz reales und aktuelles Thema. Wenn wir das jetzt mit teilweise sehr dubiosen und paranoiden Verschwörungstheorien vermischen, könnte das kontraproduktiv sein und dem Image unserer Zeitschrift schaden.“

„Dubiose Verschwörungstheorien?“, fuhr die schlaue Helene in unbekannter Heftigkeit dazwischen. „Kennst du denn die geheimen Pläne zur neuen Weltordnung?“

Anke holte tief Luft, um ruhig zu bleiben. „Ich möchte nur sagen, dass es auch andere Aspekte gibt.“

„Und welche?“, forschte die Chefin.

„Vor ein paar Wochen nahm ich in einer Projektwerkstatt an einem Seminar über Verschwörungstheorien teil. Es ging um die Frage: ‚Woher kommen sie, was bewirken sie und was ist von ihnen zu halten?‘“

„Sehr interessant“, sagte die Chefin. „Kannst du das Ergebnis zusammenfassen?“

„Nicht in einem Satz, das Thema ist zu komplex, aber ich kann mal aus meinen Workshop- Notizen zitieren.“

Anke kramte in ihren Papieren rum, während ihre Kolleginnen sie misstrauisch beäugten. „Ach ja, hier: ‚Wer immer die Entwicklung der Welt nicht mag, wer Ungerechtigkeiten spürt oder selbst in einer bedrückenden Lage ist, kann mit Verschwörungstheorien zwar keine Verbesserung erreichen, aber wenigstens die Schuldfrage klären. Verschwörungstheorien dienen meist der Kultivierung eigener Ohnmacht. In diese Richtung wird da gedacht …“

„Du meinst, Verschwörungstheorien bieten einfache Erklärungsmodelle für eine als unbefriedigend empfundene Lage?“, hakte die Chefin nach.

„Ich habe nur zitiert. Ich muss mich intensiver damit beschäftigen, aber unabhängiges kritisches Denken, Hinterfragen und Recherchieren wird dringend empfohlen. Wie Marianne sagte: ‚Suchet in der Tiefe!‘“

Die Mitarbeiterinnen schwiegen verstimmt. Die tolle Stimmung war futsch. Man hätte so viele gruselige Artikel abschreiben können.

„Wir werden darüber ein andermal weiter diskutieren“, beschloss die Chefin. „Und Anke …“

„Ja?“

„Könntest du damit beginnen, das Thema Saatgut-Monopolisierung auszuarbeiten?“

„Gerne!“

„Und Sie bleiben noch einen Moment.“

Ups. Damit meinte die Chefin mich. Hatte ich etwas ausgefressen? Nachdem alle den Raum verlassen hatten, ging die Chefin zu ihrem Schreibtisch und nahm ein Buch zur Hand.

„Ich habe es jetzt durch.“

„Was haben Sie durch?“

„Na, das erste Ihrer Bücher: ,Der Weg der weißen Kugel.’ Das haben Sie doch geschrieben?“

„Äh, ja.“

„Ich wollte Sie dazu etwas fragen.“

„Bitte?“

„Sie schreiben über die wirbelnden Golfderwische von Dao-Yin, einen Tibeter namens Ho Lin Wan, den Sie aus einem früheren Leben in Tibet kennen und über Golf auf anderen Planeten. Wie kommen Sie darauf? Für ein Golfbuch sind das doch recht ungewöhnliche Themen.“

„Da haben Sie recht, in einem Golfbuch hat das eigentlich nichts verloren. Aber ,Der Weg’ ist auch kein Golfbuch im klassischen Sinn. Manche Teile des Buches sind gechannelt.“

„Wie interessant. Und was für ein Wesen spricht zu Ihnen?“

„Beim Schreiben meiner Golfbücher ist es ein Tibeter, der sich Ho Lin Wan nennt. Aber seit ich bei Ihnen arbeite, kontaktiert mich ein Mann, der kurz nach dem 2. Weltkrieg verstarb. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte er viel Umgang mit Literaten wie Herman Hesse, Gusto Gräser und Erich Mühsam gehabt. Er lebte in einer Kommune im Tessin, am Monte Verità und dann wurde er Verleger in Deutschland.“ Ich beschrieb ihr den Mann in allen Einzelheiten und ihre Augen wurden immer größer.

„Das ist mein Urgroßvater!“

Es folgte fassungsloses Schweigen.

„Darf ich Sie auch etwas fragen?“, fragte ich.

„Ja, natürlich.“ Sie schien aus ihrer Schockstarre zu erwachen.

„Dieses Verlagsgebäude hat eine ungewöhnliche Form.“

„Oh ja, ich weiß. Ein hellsichtiger Besucher erzählte mir einmal, dieses Gebäude sei eigentlich eine Pyramide, dessen Spitze nur auf der astralen Ebene sichtbar ist. Das Gebäude ist seit Generationen in Familienbesitz. Im Keller hatte mein Urgroßvater einige Freunde vor den Nazis versteckt.“

„Der Keller muss riesig sein. Bis zur dritten Ebene habe ich ihn mittlerweile erforscht, aber da geht es noch weiter.“

„Ich gehe da nicht runter.“

„Sie waren nie in Ihrem Keller?“, fragte ich erstaunt.

„Ganz selten mal im Archiv, aber nicht tiefer. Mich gruselt es, seit mir mein Großvater erzählt hat, da läge eine Mumie.“

„Die Inschrift an einer vermauerten Tür besagt, dass dahinter der Maya-Gott Bolon Yokte‘ K‘uh liegt. Nach meinen Recherchen ein ziemlich ungemütlicher Geselle.“

„Sie waren da unten?!“

„Soll ich Ihnen die ganze Geschichte erzählen?“

„Welche Geschichte? Was kommt denn noch?“

Ich begann, ihr vom Weltuntergangsabend des 21. Dezembers und der wahren Ursache der Überschwemmung im Keller zu erzählen.

„… und ich würde gerne die Mauer aufbrechen, um zu sehen, ob da wirklich eine Mumie liegt. Ich vermute auch, dass man dann auf eine noch tiefere Ebene des Kellers gelangt, vielleicht sogar in eine andere Dimension.“

Die Chefin blickte starr auf den Boden. „Marianne sagte vorhin‚ dass wir in der Tiefe suchen sollen.“

Ich nickte: „Daran habe ich auch gedacht.“

„Und Sie wollen da wirklich runter?“

„Meine Expedition ist bereits vorbereitet. Was noch fehlt, ist Ihr Okay.“

„Aber wenn Ihnen etwas passiert?“

„Von einem Gurkenglas erschlagen zu werden, das vom Himmel fällt, ist wahrscheinlicher. Außerdem habe ich Vorkehrungen getroffen.“

Die Chefin schien unsicher, aber nach einer Weile sagte sie: „Meinetwegen. Vielleicht kann ich auf diese Weise die Kellergeister meiner Vergangenheit abschütteln.“

„Gut. Ich denke, in ein paar Tagen geht es los. Sie sollten das aber nicht an die große Glocke hängen …“

„Um Gottes Willen – nein!“

Wir verabschiedeten uns.

Der Mauerdurchbruch war relativ einfach, die Kammer dahinter eine herbe Enttäuschung. Es roch leicht nach Wodka, der Boden war von einer klebrigen Honig- und Staubmasse überzogen. In der Mitte des Raumes stand ein Sockel, auf dem ein Sarkophag Platz gehabt hätte, doch die Fläche war leer. An den Wänden fand ich ähnliche Gravuren wie am Türeingang, aber ich konnte sie nicht entziffern. Hinter der Tür am Ende des Raumes führte eine Treppe steil hinab. Ich trug eine Grubenlampe am Helm und eine Taschenlampe in der Rechten. Die Treppe mündete in einen tunnelartigen Korridor, der immer weiter in die Erde führte. Ich war bereits mehr als eine Stunde unterwegs, tiefer und tiefer.

Die Luft war gut. Hin und wieder sah ich Abzweigungen, doch ich versuchte, auf dem Pfad zu bleiben, der mir der Hauptweg zu sein schien. Schließlich endete der Gang an einer alten Holztür, die sich problemlos öffnen ließ. Etwa einen halben Meter dahinter war eine zweite Tür. Ich ruckelte am Griff, aber nichts geschah. Schließlich kam ich auf die Idee, die erste Tür zu schließen. Ich hörte ein Zischen und der Boden vibrierte. Die zweite Tür öffnete sich und ich stand in einem Zimmer mit großen Fenstern an zwei Seiten. Fenster? Das Zimmer war fast leer, nur in der Mitte stand ein verschlissener Ohrensessel, daneben ein kleiner Teetisch mit einem altertümlichen Telefon. Ich ging zum Fenster und sah den Weltraum! Ein unglaublicher Anblick. Das Zimmer flog durch das Weltall. Ich konnte mich nicht sattsehen, aber dann, plötzlich, sah ich sie mir entgegenkommen: Eine Europalette mit einem Kubikmeter Spreewaldgurken im Glas unter Folie eingeschweißt. Würde das Zimmer ausweichen können?

Nein, es krachte, aber das Zimmer schien keinen Schaden zu nehmen. Im Gegensatz zu den Spreewaldgurken. Scherben, Spreewaldgurken und zersplitterte Holzleisten trieben am Fenster vorbei. Vielleicht sollte ich den Schaden irgendwo melden? Ich ging zum Telefon. Es hatte keine Wählscheibe, nur einen Knopf, wie eine Haussprechanlage. Ich drückte den Knopf, es tutete. Anke war dran, Apparat Teeküche. Merkwürdig.

„Hey, wo steckst du? Die Chefin hat nach dir gefragt.“

„Ich fliege in einem Zimmer durch den Weltraum und bin gerade mit einer Palette Spreewaldgurken kollidiert.“

„Du wolltest doch nicht mehr trinken?“

„Ich habe nicht getrunken.“

„Okay, lass uns das ein andermal diskutieren, ich stell dich mal durch.“

„Hallo?“

„Ach, prima, dass Sie sich melden. Ich dachte, Sie wären bereits zu Ihrer Expedition aufgebrochen. Ich habe eine dringende Frage: Morgen spiele ich ein Turnier. Wenn ich den Ball zum Grün chippen will, sollte der Ball dann in der Mitte oder mehr rechts zwischen den Füßen liegen?“, fragte mich die Chefin.

„Etwas mehr rechts.“

„Prima, danke, Sie sind ein Schatz. Wann werden Sie wieder im Verlag sein?“

Ich schaute in die Unendlichkeit, sah Sterne und Gurkengläser vorbeiziehen.

„Das kann eine Weile dauern“, sagte ich und legte auf.

 

Eugen Pletsch

*Pletsch, Eugen: Golf Gaga – der Fluch der weißen Kugel. Franckh-Kosmos Verlag, 2007, ISBN 978-3440112601

 

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