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Erstellt: 29. Oktober 2024Aktualisiert: 10/20265 Minuten

Roemheld-Syndrom: Wenn der Magen aufs Herz drückt

Herzstolpern, Brustdruck und Atemnot nach dem Essen: Wie Magen und Darm Herzbeschwerden auslösen können, wie das abgeklärt wird und was hilft.

Auf einen Blick

  • Was es ist: Herzbeschwerden, die von Magen oder Darm ausgelöst werden – meist nach dem Essen und oft zusammen mit Blähungen. Beschrieben hat sie 1912 der Internist Ludwig Roemheld.
  • Typische Beschwerden: Druck oder Enge in der Brust, Herzstolpern, Herzrasen, Atemnot oder Schwindel, dazu Völlegefühl, Aufstoßen und Blähungen.
  • Wichtig zuerst: Brustschmerzen gehören immer ärztlich abgeklärt. Das Roemheld-Syndrom ist eine Ausschlussdiagnose – erst wenn das Herz untersucht und unauffällig ist.
  • Studienlage: Der Begriff ist umstritten, einheitliche Diagnosekriterien gibt es nicht. Die Belege stammen vor allem aus Fallberichten.
  • Was hilft: Ursachen wie Reflux oder einen Zwerchfellbruch behandeln und Blähungen vorbeugen: kleinere Mahlzeiten, langsam essen, wenig Kohlensäure, Bewegung nach dem Essen.
  • Naturheilkunde: Kümmel, Fenchel und Anis haben eine lange Tradition gegen Blähungen. Für eine Kombination aus Pfefferminz- und Kümmelöl gibt es Hinweise aus Studien bei funktionellen Magenbeschwerden.

Was ist das Roemheld-Syndrom?

Der Internist Ludwig Roemheld (1871–1938) beschrieb 1912 Patientinnen und Patienten, deren Herzbeschwerden nicht vom Herzen selbst ausgingen, sondern von Magen oder Darm. Er nannte das Bild „gastrokardialer Symptomenkomplex“. Heute spricht man vom Roemheld-Syndrom oder gastrokardialen Syndrom. 

Die Erklärung: Sammelt sich viel Luft im Magen oder im oberen Dickdarm, kann sie das Zwerchfell – vor allem auf der linken Seite – nach oben drücken. Direkt darüber liegt das Herz. Zusätzlich verbindet der Vagusnerv Magen, Darm und Herz: Wird der Magen stark gedehnt, kann das über diesen Nerv Herzschlag und Herzrhythmus beeinflussen. 

Wie diese Mechanismen genau zusammenwirken, ist nicht abschließend geklärt [1]. Der Begriff wird in der Medizin uneinheitlich verwendet und ist in den gängigen Leitlinien keine eigene Diagnose. 

Schematische Darstellung: links normaler Oberkörper mit flachem Zwerchfell, rechts geblähter Magen, der das Zwerchfell nach oben gegen das Herz drückt; gestrichelt der Vagusnerv zwischen Magen und Herz
Abbildung 1: Luft im Magen drückt das Zwerchfell nach oben, zusätzlich leitet der Vagusnerv Reize vom Magen zum Herzen. Vereinfachte Darstellung.

Brustschmerzen immer zuerst ärztlich abklären

Notruf 112

Wählen Sie sofort den Notruf 112 bei: 

  • starkem oder länger als wenige Minuten anhaltendem Druck oder Schmerz in der Brust 

  • Ausstrahlung in Arm, Hals, Kiefer, Rücken oder Oberbauch 

  • Atemnot, kaltem Schweiß, Blässe oder Übelkeit 

  • Ohnmacht oder anhaltendem Herzrasen 

Auch ein Herzinfarkt kann sich mit Oberbauchbeschwerden und Übelkeit zeigen – besonders bei Frauen, älteren Menschen und Menschen mit Diabetes. Dass Beschwerden nach dem Essen auftreten, schließt eine Herzerkrankung nicht aus [4]. 

Typische Beschwerden

Die Beschwerden betreffen zwei Bereiche gleichzeitig: 

Herz und Brustkorb 

  • Druck- oder Engegefühl in der Brust 

  • Herzstolpern (Extraschläge), Herzrasen oder ein verlangsamter Puls 

  • Atemnot, Beklemmung, Schwindel 

  • Unruhe und Angst 

Magen und Darm 

  • Völlegefühl und geblähter Oberbauch 

  • Aufstoßen, Sodbrennen 

  • Blähungen, Darmwinde 

Typisch ist der zeitliche Zusammenhang: Die Beschwerden treten nach größeren Mahlzeiten auf, im Liegen oder bei engem Hosenbund – und bessern sich, sobald Luft entweicht. 

Ursachen und Auslöser

  • Große, fettreiche Mahlzeiten, besonders spät am Abend 

  • Kohlensäurehaltige Getränke 

  • Luftschlucken durch hastiges Essen, viel Sprechen beim Essen oder Kaugummi 

  • Blähende Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Kohl oder Zwiebeln – je nach Empfindlichkeit 

  • Zwerchfellbruch (Hiatushernie) und Reflux – in Fallberichten besserten sich die Herzbeschwerden nach deren Behandlung [1] 

  • Reizdarmsyndrom und Verstopfung 

  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten, etwa gegen Milchzucker (Laktose) oder Fruchtzucker (Fruktose) 

  • Enge Kleidung und Hinlegen direkt nach dem Essen 

So wird abgeklärt

Das Roemheld-Syndrom ist eine Ausschlussdiagnose: Erst wenn eine Herzerkrankung ausgeschlossen ist, werden die Beschwerden dem Magen-Darm-Trakt zugeordnet. Die Reihenfolge ist dabei entscheidend. 

Ablauf der Abklärung in vier Schritten: Beschwerden, Herz prüfen mit EKG, Blutwerten und Herzultraschall, Bauch prüfen mit Ultraschall und Magenspiegelung, Einordnung als Roemheld-Syndrom; darüber Warnzeichen für den Notruf 112
Abbildung 2: Erst das Herz, dann der Bauch: So läuft die Abklärung typischerweise ab.

Herz: EKG und Blutwerte, je nach Befund Langzeit- oder Belastungs-EKG und ein Ultraschall des Herzens [4]. 

Magen und Darm: Ultraschall des Bauchs, bei Bedarf eine Magenspiegelung (etwa bei Verdacht auf Reflux oder Zwerchfellbruch) und Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten. 

Beschwerdetagebuch: Notieren Sie über zwei Wochen, was Sie gegessen haben und wann Beschwerden auftraten. Das hilft der Ärztin oder dem Arzt und Ihnen selbst, Auslöser zu erkennen. 

Was belegt ist – und was nicht

AussageMagen-Darm-Beschwerden können Herzbeschwerden auslösen
Hinweise
Anmerkung

Beschrieben in Fallberichten und Übersichten, Mechanismus über Zwerchfell und Vagusnerv plausibel, aber nicht abschließend geklärt [1]. 

AussageDas Roemheld-Syndrom ist eine klar definierte, eigenständige Diagnose
Nicht belegt
Anmerkung

Keine einheitlichen Diagnosekriterien, in den gängigen Leitlinien nicht als eigene Diagnose geführt. 

AussageBehandlung der Ursache (z. B. Zwerchfellbruch, Reflux) bessert die Herzbeschwerden
Hinweise
Anmerkung

In Fallberichten gezeigt, keine kontrollierten Studien [1]. 

AussagePfefferminz- und Kümmelöl lindern funktionelle Magen-Darm-Beschwerden
Hinweise
Anmerkung

Metaanalyse mit drei Studien bei funktioneller Dyspepsie [2]; Pfefferminzöl wird in der Leitlinie zum Reizdarmsyndrom genannt [3]. Für das Roemheld-Syndrom selbst nicht untersucht. 

AussageKleinere Mahlzeiten und weniger Kohlensäure beugen vor
Erfahrung
Anmerkung

Naheliegend und risikoarm, aber nicht in Studien zum Roemheld-Syndrom geprüft. 

AussageHomöosiniatrie und Akupunktur
Erfahrung
Anmerkung

Keine Studien, Anwendung beruht auf therapeutischer Erfahrung. 

Was Sie selbst tun können

  1. Kleinere Mahlzeiten. Lieber fünf kleine als drei große – die letzte zwei bis drei Stunden vor dem Schlafengehen. 

  2. Langsam essen. Gründlich kauen, nicht nebenbei und nicht im Gehen essen. 

  3. Kohlensäure meiden. Besser stilles Wasser oder Kräutertee. 

  4. Auslöser finden. Ein Ess- und Beschwerdetagebuch zeigt, welche Lebensmittel Sie schlecht vertragen. 

  5. Nach dem Essen bewegen. Ein kurzer Spaziergang statt Hinlegen hilft, Luft abzutransportieren. 

  6. Lockere Kleidung. Kein enger Gürtel oder Hosenbund. 

  7. Wärme und sanfte Bauchmassage. Eine Wärmflasche und kreisende Bewegungen im Uhrzeigersinn können Blähungen lösen. 

Naturheilkundliche Begleitung

Pflanzen gegen Blähungen

Hinweise aus Studien

Kümmel, Fenchel und Anis werden traditionell gegen Blähungen und Völlegefühl eingesetzt, zum Beispiel als Tee nach dem Essen. 

Für eine Kombination aus Pfefferminz- und Kümmelöl zeigt eine Metaanalyse eine Linderung funktioneller Magenbeschwerden [2]. Die Studien wurden vom Hersteller unterstützt. Die Leitlinie zum Reizdarmsyndrom nennt Pfefferminzöl als Behandlungsmöglichkeit [3]. 

Vorsicht: Pfefferminzöl kann Sodbrennen verstärken. Wer zu Reflux neigt, sollte es nur nach Rücksprache einnehmen. 

Homöosiniatrie und Akupunktur

Erfahrungsmedizin

In der Naturheilpraxis wird das Roemheld-Syndrom teils mit Homöosiniatrie begleitet: Dabei werden homöopathische Komplexmittel in Akupunkturpunkte injiziert, etwa in Punkte am Oberbauch und in den Punkt Pe6 am Unterarm, der traditionell bei Übelkeit genutzt wird. 

Für diese Behandlung gibt es keine Studien, sie beruht auf therapeutischer Erfahrung. Injektionen gehören ausschließlich in die Hände von Ärztinnen, Ärzten, Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern mit entsprechender Ausbildung – und erst, nachdem das Herz ärztlich abgeklärt ist. 

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Häufige Fragen

Die Beschwerden selbst gelten als harmlos, sind aber oft sehr beunruhigend. Gefährlich ist vor allem, eine echte Herzerkrankung zu übersehen. Deshalb muss das Herz immer zuerst ärztlich untersucht werden, bevor die Beschwerden dem Magen-Darm-Trakt zugeordnet werden. 

Selbst gar nicht sicher. Auch ein Herzinfarkt kann sich mit Oberbauchbeschwerden und Übelkeit zeigen. Bei starkem oder anhaltendem Brustschmerz, Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken, Atemnot, kaltem Schweiß oder Ohnmacht wählen Sie sofort den Notruf 112. 

Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Sie veranlasst je nach Befund eine kardiologische Untersuchung des Herzens und eine gastroenterologische Abklärung von Magen und Darm. 

In Fallberichten werden Herzstolpern, Herzrasen und auch ein verlangsamter Puls nach dem Essen beschrieben. Ob eine Rhythmusstörung vorliegt, lässt sich nur mit EKG oder Langzeit-EKG klären. 

Aufrecht hinsetzen oder aufstehen, enge Kleidung am Bauch lockern, ein paar Schritte gehen und in Ruhe weiteratmen. Viele empfinden einen warmen Fenchel-, Anis- oder Kümmeltee als wohltuend. Bessern sich die Beschwerden nicht rasch oder treten Warnzeichen auf, wählen Sie den Notruf 112. 

Indirekt ja: Unter Stress essen viele Menschen hastiger und schlucken mehr Luft. Außerdem hängen Verdauung und Herzschlag über das vegetative Nervensystem eng zusammen. Entspannung und regelmäßige Mahlzeiten in Ruhe können deshalb helfen, Beschwerden vorzubeugen. 

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Brustschmerzen, Atemnot oder anderen akuten Beschwerden wählen Sie den Notruf 112.  

Quellen und Änderungshistorie

  1. Resolution of Roemheld Syndrome After Hiatal Hernia Repair and LINX Placement: Case Review. Cureus 2023.

    Fallbericht mit Literaturübersicht

  2. Madisch A et al.: Menthacarin, a Proprietary Peppermint Oil and Caraway Oil Combination – Systematic Review and Meta-Analysis in Functional Gastrointestinal Disorders. Digestive Diseases 2023; 41(3): 522–532.

    Metaanalyse · 3 Studien zu funktioneller Dyspepsie · 249 Patientinnen und Patienten · vom Hersteller unterstützt

  3. DGVS/DGNM: Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Z Gastroenterol 2021; 59(12): 1323–1415.

    Leitlinie der Fachgesellschaften

  4. Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK, Version 7.0 (2024).

    Leitlinie zur Abklärung von Brustschmerz und koronarer Herzkrankheit

Änderungshistorie

  • 10/2026Vollständig überarbeitet: Warnzeichen, Abklärung und Studienlage ergänzt, neue Abbildungen, Selbsthilfe und naturheilkundliche Begleitung neu eingeordnet, Quellen aufgenommen

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