
WIE DIE LEBENSQUALITÄT BETROFFENER KINDER NACHHALTIG VERBESSERT WERDEN KANN
Würde es Sie überraschen, zu erfahren, dass „ADHS“ (Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung) sowie ähnliche psychiatrische Beschwerden in vielen Fällen in einem direkten Zusammenhang mit der Atmung – oder besser gesagt: mit einer gestörten Atmung stehen? Tatsächlich häufen sich in jüngster Zeit Studien, die darauf hindeuten, dass Atmungsstörungen gerade bei Kindern ähnliche Verhaltensauffälligkeiten hervorrufen können. Diese Erkenntnisse können aus der atemtherapeutischen Praxis bestätigt werden. Positive Ergebnisse bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS sollten Anlass geben, ein neues Verständnis für diese, heute weitverbreitete Diagnose zu erlangen sowie innovative Behandlungsansätze näher zu erforschen.
ATMUNG UND PSYCHIATRISCHE BESCHWERDEN
Eine umfassende Studie, erst kürzlich veröffentlicht im Journal of Attention Disorders, zeigt einen gut belegten Zusammenhang zwischen ADHS und schlafbezogenen Atmungsstörungen. Zu diesen zählen die obstruktive Schlafapnoe sowie deren Vorstufe, das Schnarchen, und die Mundatmung. Sie können nicht nur zur Ausprägung und Verstärkung von ADHS-Symptomen beitragen, sondern auch kognitive Defizite verursachen, die ADHS-Symptome nachahmen können, so die Autoren der Studie.1)
In einigen Fällen werden ADHS-Symptome allerdings nicht mit einer Atemstörung in Verbindung gebracht und eventuell unnötigerweise medikamentös behandelt.
EFFEKTE SCHLAFBEZOGENER ATMUNGSSTÖRUNGEN
Schnarchen, Mundatmung oder Schlafapnoe sind bei Kindern nicht ungewöhnlich. Annähernd rund 20% der Kinder in Deutschland schnarchen, und etwa 3%, konservativ geschätzt, leiden an einer obstruktiven Schlafapnoe – also wiederkehrenden Atemaussetzern während des Schlafes.
Kinder mit Atmungsstörungen entwickeln bis zu 100-mal häufiger Verhaltensauffälligkeiten, die an ADHS erinnern. Studien zeigen auch, dass ADHS in bis zu 50% der Fälle zusammen mit Atemstörungen auftritt.2) Viele betroffene Patienten berichten, dass sie regelmäßig „vergessen zu atmen“ und unbewusst den Atem anhalten. Und ADHS-Kinder sind häufig laute Schläfer, sie schnarchen nachts und schlafen unruhig.
Es ist noch nicht vollständig geklärt, ob ADHS zwangsläufig mit schlafbezogenen Atemproblemen einhergeht. Sicher ist inzwischen jedoch, dass Atemstörungen ein ADHS oder ähnliche Symptome verstärken können.
WAS GENAU IST ADHS?
ADHS gilt als eine neurologische Entwicklungsstörung, deren Symptomatik sich bereits im Kleinkindalter zeigen kann und in vielen Fällen bis ins Erwachsenenalter anhält. Die Hauptmerkmale sind:
Aufmerksamkeitsprobleme (v. a. Konzentrationsschwierigkeiten)
Hyperaktivität (v. a. große Unruhe und hoher Bewegungsdrang)
Impulsivität (v. a.. emotionale Dysregulation und unüberlegtes Handeln)
ADHS kann das tägliche Leben erheblich beeinflussen, sowohl in der Schule oder am Arbeitsplatz als auch innerhalb der Familie und im Rahmen sozialer Interaktionen.
WAS BEWIRKEN ATEMSTÖRUNGEN?
Obwohl die genauen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind, gibt es einige plausible Erklärungen: Sauerstoffversorgung des Gehirns Atemstörungen können zu einer unzureichenden Sauerstoffversorgung führen, was sich negativ auf die Gehirnfunktion und das Verhalten auswirkt.
Stressreaktion
Atemstörungen lösen eine erhöhte Stressreaktion aus. Chronischer Stress beeinflusst die Regulation von Neurotransmittern sowie Hormonen, die mit psychiatrischen Störungen in Verbindung gebracht werden.
Schlafstörungen
Gestörter Schlaf aufgrund von Atemstörungen beeinträchtigt kognitive Funktionen, das Verhalten, die Stimmung, die Gedächtniskonsolidierung, das Lernen und den Abbau von Giftstoffen im Gehirn.
Entzündungsprozesse
Atemstörungen können Entzündungen im Körper auslösen, die auch das Gehirn beeinflussen und das Risiko für psychische Probleme erhöhen.
ROLLE VON NASEN- UND MUNDATMUNG
Nicht nur nachts bestehen bei vielen Kindern (und Erwachsenen) Atmungsstörungen, die sich auf die Gesundheit negativ auswirken können. Insbesondere die Mundatmung ist hervorzuheben. Sie wird durch verschiedene Faktoren ausgelöst, z. B. aufgrund von Allergien, Erkältungen, Nasennebenhöhlenentzündungen oder strukturellen Anomalien (z. B. vergrößerte Mandeln, die zur Verstopfung der Nasengänge führen). Während die Nasenatmung die korrekte Form ist, u. a. wird so die Atemluft erwärmt, gefiltert und gereinigt, kann chronische Mundatmung sowohl körperliche als auch geistige Entwicklungsprobleme verursachen. Die Nasenatmung ermöglicht eine leichtere Sauerstoffaufnahme, wohingegen die Mundatmung weniger effizient ist und die Sauerstoffaufnahme reduziert. Weitere Auswirkungen der Mundatmung können ein stärkeres Risiko für Zahnkrankheiten, Infektanfälligkeit, gestörten Schlaf, beeinträchtigte Leistungsfähigkeit und psychiatrische Symptome sein.

Wird dauerhaft durch den Mund geatmet, interpretiert das Stammhirn dies als Bedrohung und stimuliert die Freisetzung von Cortisol und Adrenalin. Das kann zu Reizüberforderung, einer Verschlechterung der Schlafqualität und Hyperaktivität führen. Speziell bei Kindern wird dies häufig mit einer ADHSSymptomatik in Verbindung gebracht.
FALLSTUDIE
Ein 10-jähriger Junge leidet unter sehr stark wiederkehrenden Infekten. Seit gut 2 Jahren ist er vom Herbst bis in den Frühsommer hinein nur selten vollständig gesund. Während dieser Zeit hat sich ein chronischer Husten entwickelt, der mit Hustenanfällen einhergeht, die den Jungen zum Erbrechen bringen. Aus diesem Grund kommen die Eltern mit ihrem Sohn in die Sprechstunde. Ich erfahre, dass der Junge meist unter einer verstopften Nase und nächtlichem Schnarchen leidet.
Tagsüber ist er entweder schlapp und unkonzentriert oder zappelig und nervös. Der Schulbesuch wird fast wöchentlich aufgrund von Verschlimmerungen der wiederkehrenden Infekte unterbrochen.
Therapie und Verlauf
In der Behandlung konzentrieren wir uns auf Übungen, welche die Nasenatmung möglichst schnell wieder ermöglichen und auch nachts normalisieren sollen. Während der Atemtherapie verbessert sich die Hustenproblematik innerhalb weniger Tage. Auch die nächtlichen Symptome können innerhalb von ca. 2 Wochen auf ein Minimum reduziert werden. Nach 2 Monaten ist der kleine Patient vollständig symptom- und größtenteils beschwerdefrei.
Status quo und Ausblick
Infekte bekommt der Junge mittlerweile – 1 Jahr nach der Behandlung – nur noch selten. Er besucht die Schule regelmäßig und hat keinerlei Schwierigkeiten mit seiner Konzentration, Aufmerksamkeit oder schulischen Leistungen.
Was mich enorm freut: Da ihm eine Atemübung großen Spaß gemacht hat, behält er diese bei und wendet sie täglich an. Oftmals gehen Kids spielerisch mit sich und ihrem Atem um, was die Atemtherapie zu einem großartigen Therapiekonzept für Kinder macht.
WARNSIGNALE UND PRÄVENTION
Eltern und Therapeuten sollten auf folgende Anzeichen bei Kindern achten:
Mundatmung: Atmet das Kind tagsüber oder im Schlaf mit offenem Mund?
Schnarchen: Lautes oder anhaltendes Schnarchen ist ein Hinweis auf Mundatmung.
Unruhiger Schlaf: Umherwälzen, Einschlafschwierigkeiten sowie häufiges Aufwachen können mit einer Atmungsstörung zusammenhängen.
Zähneknirschen: Nächtliches Zähneknirschen kann auf Mundatmung hindeuten.
Austrocknung: Trockener Mund oder Rachen, spröde Lippen am Morgen?
Tagesmüdigkeit: Anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung trotz ausreichenden Schlafes?
Verhaltensauffälligkeit: Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Stimmungsschwankungen?
Schiefe Zähne oder Karies: Zahnerkrankungen können mit Mundatmung im Zusammenhang stehen.
Artikulation: Fällt es dem Kind schwer, bestimmte Wörter oder Laute zu bilden?
Frühzeitige Intervention kann entscheidend sein, um langfristige gesundheitliche Probleme zu vermeiden. Informieren Sie betroffene Familien über Zusammenhänge und die Möglichkeiten einer atemtherapeutischen Behandlung.
ATEMTHERAPIE BEI ADHS
Kinder mit Atemstörungen oder ADHS sollten zunächst auf Mundatmung, Schnarchen, Schlafapnoe und Co. untersucht werden. Frühzeitige Erkennung und Therapie können dazu beitragen, Symptome zu lindern und u. U. unnötige medikamentöse Behandlungen zu vermeiden. In der Praxis führt die Atemtherapie als alternative Behandlungsform bei Kindern häufig zum Erfolg, wenn es darum geht, Schnarchen abzustellen, Mundatmung zu verhindern und damit einhergehenden Gesundheitsbeschwerden zu behandeln.
Atemübungen zur Förderung der Nasenatmung helfen u. a. dabei, die Schlafqualität zu verbessern und Stimmungsschwankungen auszugleichen. Zudem schärfen sie Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Studien zeigen, dass viele Atemtechniken das Potenzial haben, das autonome Nervensystem zu balancieren – mit anderen Worten: Wir werden ruhiger, entspannen uns, sind aufnahmefähiger und konzentrierter. Eine Verlangsamung der Atmung erzielt diesen Effekt am zuverlässigsten.
In einer aktuellen Forschungsarbeit von Virone3) wurde untersucht, wie sich ein 6-wöchiges Atemtraining auf die Emotionsregulation und Impulskontrolle von Mittelschülern mit ADHS auswirkt. Es zeigten sich signifikante Verbesserungen bei ADHS-Symptomen und ein verbessertes Meistern herausfordernder Situationen.
Atemübungen erhöhen zunächst typischerweise die Alphawellen- Aktivität im Gehirn. Der Herzschlag verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt. Alpha-Wellen gehen mit wohltuender Entspannung einher – gleichzeitig verbessern sich Konzentration und Aufmerksamkeit. Mehrere Atemübungen erhöhen zugleich die Freisetzung des Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure) sowie die Deltawellen-Aktivität im Gehirn. Diese werden mit Tiefschlaf in Verbindung gebracht – wenn sie vorhanden sind, befindet sich der Körper in einem Zustand tiefer Entspannung und Erholung. GABA wiederum ist ein Neurotransmitter, der dazu beiträgt, Ängste abzubauen und ein Gefühl der Gelassenheit zu vermitteln. ADHS-Patienten haben in der Regel einen niedrigeren GABA-Spiegel.
Übung: Kohärenzatmung
Eine Atemtechnik, mit der die positiven Effekte schnell genutzt werden können, ist die Kohärenzatmung. Es handelt sich um eine Methode, die auf die Kohärenz des Herzrhythmus abzielt und mit einem Zustand von innerer Ruhe und emotionaler Ausgeglichenheit verbunden ist.
Geatmet wird in einer bestimmten Frequenz – normalerweise 5-6 Atemzüge pro Minute. Dies entspricht einer langsamen und gleichmäßigen Atmung, bei der jede Ein- und Ausatmung etwa 5-6 Sekunden dauert.
So funktioniert die Technik:
Atmen Sie möglichst entspannt ein, während Sie dabei langsam (im Sekundentakt) von 1 bis 6 zählen.
Bei 6 angekommen, zählen Sie erneut von 1 bis 6, während Sie entspannt ausatmen.
Fahren Sie so fort, ohne Pausen zwischen Ein- und Ausatmung einzuhalten.
Versuchen Sie, mindestens 5 Minuten in diesem Rhythmus zu atmen.
Lassen Sie sich anschließend ein paar Augenblicke Zeit, um den Atem zu beobachten: Was passiert? Wie geht es Ihnen jetzt?
Natürlich sollten eine Atemtherapie und der Einsatz von Atemtechniken immer individuell gestaltet werden. Nicht zuletzt empfindet nicht jeder dieselbe Übung auf die gleiche Art und Weise entspannend oder wirksam. Ich kann erfahrungsgemäß festhalten, dass es seltener meditative Atemtechniken sind, die bei ADHS-Patienten schnellen Erfolg bedeuten. Häufig kommen ADHS-lern Techniken zugute, bei denen sie zählen und ihren Atem aktiv begleiten müssen oder mit Visualisierungstechniken arbeiten. Dies verhindert Abschweifen und den Verlust von Konzentration.
FAZIT
Mittlerweile deuten einige wissenschaftliche Studien auf einen engen Zusammenhang zwischen einer gestörten Atmung und ADHS oder ähnlichen psychiatrischen Beschwerden hin. In der atemtherapeutischen Praxis und der Arbeit mit Kindern ist diese Verbindung ebenfalls bekannt. Therapeuten sowie Eltern sollten aufmerksam beobachten, wie ein Kind atmet und schläft, um mögliche Atemprobleme frühzeitig erkennen und behandeln zu können.
Wird ein Zusammenhang mit der Atmung gefunden, so stellt die Atemtherapie eine geeignete Behandlungsoption dar. Sie ist nicht nur nebenwirkungsfrei und einfach durchzuführen; Kinder haben meist Freude daran, die Übungen zu erlernen und durchzuführen. Häufig lassen sich schnelle Erfolge erzielen, die es ermöglichen, die Lebensqualität von Kindern (und Erwachsenen) nachhaltig zu verbessern.
LITERATUR
1) Ivanov I et al.: Sleep Disordered Breathing and Risk for ADHD – Review of Supportive Evidence and Proposed Underlying Mechanisms. J Atten Disord. 2024 Mar;28(5):686-698.
2) Kalaskar R et al.: Sleep Difficulties and Symptoms of Attention-deficit Hyperactivity Disorder in Children with Mouth Breathing. Int J Clin Pediatr Dent. 2021 Sep-Oct;14(5): 604-609.
3) Virone ML: The Use of Mindfulness to Improve Emotional Regulation and Impulse Control among Adolescents with ADHD. Journal of Occupational Therapy, Schools, & Early Intervention; 2021, 16(1), 78-90.


