
DIE APOTHEKE DER KNOCHENRICHTER, HOLZKNECHTE UND HEBAMMEN
Zahlreiche Redewendungen erzählen von der einstmals verbreiteten Anwendung von Baum- und Strauchrinden, z. B. „Rosenrinde für die Braut gibt ihr eine schöne Haut“ oder „Die Birke hat die größte Kraft, zu Lichtmess, wenn hochsteigt ihr Saft“. Rinden sind als Rohstoff jederzeit vorhanden, leicht zu verarbeiten und rasch hilfreich. In unserer modernen Zeit haben wir verlernt, die vielfältigen kostbaren Gaben der Natur zu nutzen. In diesem Artikel stelle ich Ihnen die Wirkungsweisen und therapeutischen Einsatzgebiete von Birken-, Weiden- und Lindenrinde näher vor.
ÜBER DIE RINDENMEDIZIN
In der Rindenmedizin verwendet man genau genommen die Rinde und das Kambium der Pflanze. Die Rinde schützt den Baum bzw. Strauch vor Einflüssen von außen, ähnlich unserer menschlichen Haut. Direkt darunter befindet sich das Kambium, eine dünne, teilungsaktive Wachstumsschicht, die nach außen Zellen für die Rindenentstehung (sekundäres Xylem) produziert, und nach innen solche für die Holzentstehung (sekundäres Phloem). Xylem und Phloem stellen die „Speise-Autobahnen“ des Baumes für Wasser und Mineralstoffe bzw. für Zucker, sodass das Kambium indirekt für die Versorgung der Pflanze mitverantwortlich ist. In frühen Zeiten war diese Pflanzenschicht während der kargen Wintermonate oder in Notphasen eine wichtige Nahrungs- und Sättigungsquelle sowie Zutat verschiedenster Hausmittel. Dies geriet später zunehmend in Vergessenheit. Am längsten hielt sich das Wissen über die Verwendung zur gesundheitlichen Unterstützung bei Holzfällern, Landhebammen und Knochenrichtern. Diese Vorgänger der heutigen Osteopathen haben die meisten Anwendungen und Rezepturen bewahrt.
ERNTE UND ZUBEREITUNG VON RINDEN
Es kann sowohl Ast- als auch Stammrinde verwendet werden. Erstere ist meist leichter verfügbar und einfacher zu verarbeiten. Durch Stürme abgebrochene Äste können ebenso genutzt werden wie solche, die im Frühling und Herbst beim Pflanzenrückschnitt entstehen. Sie können gleich verwendet oder in einem kühlen, trockenen Raum bis zur Nutzung 6-8 Monate gelagert werden.
Die Rinden kann man für Tees, Wickel, Tinkturen, Oxymele, Ölauszüge, Salben, Pulver, Auflagen, Inhalationen, ebenso Kompressen, als Mehl-, Pfeffer- oder Nussersatz sowie als Küchengewürze gebrauchen. „Buchenrinde, noch so klein, mahle dir zu Mehle fein; mache daraus gutes Brot, dann hast du Speise in der Not.“ Dieser Spruch aus früherer Zeit zeugt davon, dass Rinden tatsächlich auch in der alltäglichen Küche Verwendung fanden. Gerade das Thema „Nussersatz“ könnte für Menschen mit Nussallergien interessant sein.
Bei jungen Ästen braucht man die Rinde meist nicht herunternehmen, sondern man kann den ganzen Zweig mit einer Baumschere in kleine Stücke schneiden und verschiedenste Auszüge daraus herstellen.
VORSICHT BEI ALLERGIEN
Viele Menschen reagieren stark auf die Blütenpollen mancher Bäume, z. B. Birke oder Hasel. Deren Rinde kann jedoch auch von den meisten Allergikern verwendet werden. Hierin sind keine Allergene enthalten. Dennoch sollte stets, ehe größere Mengen genutzt werden, eine kleine Portion ausprobiert werden, um eine allergische Reaktion auszuschließen.
VERWENDBARE BÄUME UND STRÄUCHER
Genutzt werden können und wurden seit jeher Rinden von Bäumen und Sträuchern, deren Blätter und Früchte essbar sind. Dies sind v. a. Obstbäume (z. B. Apfel, Zwetschge), Obststräucher (z. B. Johannisbeere, Stachelbeere) und Rosen, die nicht künstlich mit Dünger oder Schädlingsbekämpfungsmitteln behandelt wurden. Auch Birke, Buche, Ahorn, Linde, Eiche, Weide und Hasel kommen zum Einsatz.
BIRKENRINDE
Insbesondere für Wundsalben, zur Heilung sowie Schmerzstillung ist Birkenrinde angezeigt. Innerlich wird sie bei hohen Cholesterinwerten als Tee oder bei Magen-Darm-Entzündungen pulverisiert als Küchengewürz eingenommen. Bei Problemen im Energiehaushalt, wenn die Körperkraft schwindet, hilft ein Wasserauszug mit Birkenrinde und Honig. Bei trockener, gereizter, geröteter und schuppiger Haut können Waschungen mit Birkenrindenwasser gute Dienste leisten. Bei Neigung zu Fieberblasen im Mund oder Mund-Rachenraum- Entzündung bereitet man einen Teeauszug aus Birkenrinde zu und gurgelt damit.
Inhaltsstoffe
Die Birkenrinde enthält v. a. Betulin, Vitamin C, Calcium, Magnesium und Phytosterine:
Betulin, das für die Namensgebung der Birke verantwortlich ist, wirkt entzündungshemmend, unterstützt bei viralen Infekten und fördert die Wundheilung.
Vitamin C, das in beachtlicher Menge enthalten ist, braucht unser Körper als Zellschutz. Es ist für ein gut funktionierendes Abwehrsystem notwendig, ebenso für den Kollagenaufbau und den Eisenhaushalt.
Calcium ist für den Aufbau und die Stabilität unserer Zähne und Knochen, die korrekte Funktion von Muskeln und Nerven, für die Signalübermittlung der Zellen sowie für die Blutgerinnung wesentlich. Unterstützend wirkt es z. B. bei Osteoporose, Muskelkrämpfen oder neurologischen Störungen.
Magnesium ist für zahlreiche Stoffwechselprozesse wichtig, für die Muskelfunktion und -entspannung, die Reizübertragung im Nervensystem und den Energiehaushalt.
Phytosterine dienen einem ausgeglichenen Cholesterinspiegel, da sie dessen Aufnahme im Darm verhindern können und zur Absenkung der LDL-Fraktion im Blut beitragen. So können sie cholesterinbedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen sogar deutlich reduzieren.
Rezept bei Neurodermitis oder Psoriasis
Ist die Haut trocken, aufgeraut, schuppig, gerötet und juckt, nimmt man frische, dünne Birkenzweige, schneidet sie mit der Baumschere in kleinere Stücke und gibt 5 EL davon in 3 Liter Wasser. Man kocht die Mischung auf und lässt sie anschließend zugedeckt bei mittlerer Hitze für 15-20 Minuten ziehen. Danach werden die Rindenstücke abgeseiht. Diese können getrocknet und 2- bis 3-mal wiederverwendet werden. In das abgekühlte Birkenrindenwasser taucht man ein Baumwolltuch und legt dieses für 15-20 Minuten auf die betroffenen Hautstellen auf. Sind größere Hautflächen betroffen, dürfen sie mit dem Tuch abgewaschen werden. Den Vorgang mehrmals wiederholen.
Wichtiger Hinweis: Innerliche Birkenrinden-Anwendungen können den Harndrang erhöhen. Nicht einnehmen, wenn ein späterer Toilettengang schwierig wäre oder länger andauern könnte. Auch vor dem Schlafengehen sollte keine innerliche Anwendung erfolgen.
WEIDENRINDE
Diese wird besonders bei Schmerzen innerlich und äußerlich angewandt, entweder als Salbe/Wickel bei Gelenk- und Muskelschmerzen oder als Tee/Tinktur bei Migräne, Kopf-, Rücken- und Unterleibsschmerzen. Auch ein Wickel gegen Fieber ist ein hilfreiches Mittel.
Inhaltsstoffe
Weidenrinde enthält v. a. Salicin, Flavonoide, Gerbstoffe und Kaffeesäure:
Salicin ist ein schmerzlindernder, entzündungshemmender, fiebersenkender und blutverdünnender Inhaltsstoff.
Flavonoide wirken blutdruckregulierend, entzündungshemmend, zellschützend und nervenunterstützend. Sie können Blutgerinnsel vorbeugen.
Gerbstoffe wurden, wie der Name vermuten lässt, aufgrund ihrer eiweißbindenden Eigenschaften einst zum Ledergerben verwendet. Sie sind blutstillend, zusammenziehend (gerbend), hautstraffend und entzündungshemmend. Bei bakteriellen Erkrankungen oder Pilzbefall können sie helfen.
Kaffeesäuren haben in kleinerer Dosis entzündungshemmende, zellschützende, abwehrkräfteanregende sowie das Herz-Kreislauf-System betreffend regulierende Effekte.
Rezept für Weidenrindensalbe
Weidenrinde kann ein wertvoller Helfer sein, wenn es um Verspannungs- und Überlastungsschmerzen, Beschwerden bei Sehnen- und Muskelverletzungen geht oder wenn man nach einer Verletzung Zeit bis zur OP überbrücken muss. Man nimmt junge Weidenzweige und schneidet sie mit der Baumschere in möglichst kleine Stücke. Hiervon gibt man 1 gehäuften EL mit 2 EL Johanniskrautblüten in 150 ml Oliven-, Mandel- oder Jojobaöl, erwärmt diese Mischung auf 40-45 °C und belässt sie unter ständigem Rühren für 30 Minuten am Herd, ehe man abseiht. Das verbliebene Öl erneut auf den Herd stellen, 15 g Bienenwachs hinzufügen und rühren, bis es sich aufgelöst hat. Die fertige Salbe nun rasch in einen Tiegel füllen, dann erkalten lassen. Die Körperstellen können sanft mit der Weidenrindensalbe massiert werden.
Wichtiger Hinweis: Bei innerlicher Verwendung ist zu bedenken, dass sie für Menschen, welche an akuten Magen-Darm-Entzündungen oder Sodbrennen leiden, aufgrund ihrer leicht schleimhautreizenden Eigenschaften nicht zu empfehlen ist. Menschen, die Blutverdünnungsmittel regelmäßig einnehmen, sollten aufgrund des enthaltenen Salicins keine Weidenrinde innerlich verwenden.

LINDENRINDE
Die Rinde kann von stressgeplagten Menschen als Tee getrunken oder als Tinktur eingenommen werden – denn sie hat eine beruhigende Wirkung. Als Tee kann sie Allergiker unterstützen. Als Salbe, Wickel oder Waschung harmonisiert sie gestresste, juckende Haut. In Salben und Cremes wird sie als Zellschutz- und Anti-Aging-Mittel in Ölauszügen gegeben.
Menschen mit Krampfadern können Lindenrinde als Tee oder Oxymel trinken, einen Ölauszug als Salbe verwenden, einen Alkoholauszug daraus zubereiten und betroffene Körperstellen damit besprühen. Bei Pilzerkrankungen legt man die Rinde direkt auf die Hautareale. Bei Erkältungen oder Grippe kann Lindenrinde in Milch gekocht werden. Diese wird abgeseiht, mit etwas Honig versetzt und getrunken.
Inhaltsstoffe
Lindenrinde enthält v. a. Quercetin, Rutin, Schleimstoffe, Saponine und Geraniol:
• Quercetin ist entzündungshemmend und zellschützend. Der Wirkstoff steigert die Abwehrkräfte und unterstützt bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem ist Quercetin für Allergiker wichtig, da es die Freisetzung von Histamin im Körper minimiert, wodurch allergische Reaktionen gedämpft werden können. Es senkt die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen, wodurch Entzündungsmarker im Blut reduziert werden.
• Rutin gilt als „Hochleistungsradikalfänger“, denn es schützt Zellen und Gewebe sehr gut vor Umwelteinflüssen. Es unterstützt die Kollagenproduktion, verbessert die Durchblutung, stabilisiert die Blutgefäßwände und macht sie elastisch. Rutin wird unterstützend gegen Krampfadern und chronische Entzündungen sowie bei Arthritis eingesetzt.
• Schleimstoffe wirken beruhigend auf die Schleimhäute und die Atemwege.
• Saponine unterstützen bei Pilzerkrankungen aller Art und sind entzündungshemmend.
• Das ätherische Öl Geraniol entspannt das Nervensystem.
Rezept für eine Tinktur
Von einem dünnen und jungen Lindenast die Rinde herunterziehen – davon 3 EL mit 250 ml mildem Apfelessig (max. 5% Säure) übergießen und 1 EL Honig hinzugeben. Diese Mischung lässt man zugedeckt 1-2 Wochen bei Zimmertemperatur unter täglichem Schütteln rasten. Danach seiht man den Ansatz ab und füllt ihn in ein Fläschchen mit Tropfverschluss. Von der Tinktur nimmt man täglich morgens nüchtern sowie abends – vor dem Zubettgehen – 10 Tropfen in 250 ml handwarmem Wasser ein.
Wichtiger Hinweis: Lindenrinde ist in der Regel sehr gut verträglich. Bei innerlicher Verwendung sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Rinde möglichst frisch ist. Die Rinden anderer Bäume und Sträucher können gut ein paar Monate gelagert werden, nur die Linde sollte max. 4 Wochen alt sein, damit ihre Inhaltsstoffe gut erhalten bleiben. Bei innerlicher Anwendung von Lindenrinde kann es zu leichtem Schwitzen kommen. Neigen Personen zu nächtlichem Schwitzen, könnte dies durch Lindenrinde gesteigert werden. In solchen Fällen verabreicht man sie in Essig.
FAZIT
Rindenmedizin liefert frische und gesunde Inhaltsstoffe, die wir zur Unterstützung unserer Gesundheit verwenden können. Dankenswerterweise ist dieses alte Wissen erhalten geblieben und darf nun wieder ihren Weg in die Naturheilkunde finden.



