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Erstellt: 28. April 2026

Vitalität im Frühjahr kultivieren

Naturheilkunde 8 Minuten
© Waratchada I adobestock.com

IMMUNITÄT AUS SICHT DER CHINESISCHEN MEDIZIN

Als „Immunität“ kann man die Summe aller Regulations- und Abwehrmechanismen verstehen, die es unserem System ermöglichen, sich gegenüber krankmachenden Einflüssen zu behaupten. Den Grundpfeiler für ein widerstandsfähiges und vitales Immunsystem legen wir laut Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) v. a. im Frühjahr und in der Küche.  

DAS FRÜHJAHR ALS TURBO

Die Natur entwickelte sich in den letzten Wochen, zuerst zart und unscheinbar, dann mit farbenfroher Intensität und fast schon atemberaubender Geschwindigkeit. Anstatt ebenfalls aufzublühen und sich stark und lebendig zu fühlen, erfahren jedoch viele Menschen Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder innerliche Gereiztheit. Manche kämpfen mit Frühjahrserkältungen, andere mit Allergien oder diffuser Abgeschlagenheit. Die Traditionelle Chinesische Medizin orientiert sich mit ihrer Philosophie der „Fünf Elemente“ eng am Rhythmus der Natur und sieht die aktuelle Übergangszeit so: 

Der Wechsel vom Winter auf das Frühjahr bedeutet v. a. ein kräftiges Hin- und Herbewegen von Energie. Das Neue will das Alte und Liegengebliebene verbannen. Das geht nicht ohne Reibung. Dies merkt man außen u. a. am Wetter. Auch in uns selbst kann man diese Kräfte nachvollziehen: So ist der Organismus im Winter auf Ruhe und Regeneration gepolt. Es geht darum, Energie zu bewahren und sich zu sammeln. Die Rädchen unserer inneren Systeme drehen sich nur langsam. 

Durch den Einfluss von Licht und Wärme werden sie plötzlich stark beschleunigt, aber das Unverarbeitete und vom Winter Übriggebliebene wirkt wie Sand im Getriebe. Das zu ändern, kostet Energie. Doch hier liegt auch eine Chance, denn das Frühjahr ist nicht nur eine wechselhafte Phase – es gilt als Aufbauzeit für Vitalität und Immunität. 

DIE SACHE MIT DEM QI

Beschäftigt man sich mit asiatischen Heilweisen oder Körperkünsten, stolpert man unweigerlich über den Begriff „Qi“. Dieser wird gemeinhin mit Energie oder Lebensenergie übersetzt, hat aber viele Gesichter und ist nicht so abstrakt und mystisch, wie zunächst zu vermuten ist. So wird der Terminus oftmals verwendet, um Dynamiken und Zusammenhänge im Körper zu beschreiben. Spricht die TCM über Immunität, dann ist das „Wei Qi“ gemeint, auch Abwehrenergie genannt. Diese Bezeichnung umfasst mehrere Prozesse, die dazu beitragen, den Körper gesund und vital – also abwehrstark – zu halten. 

Dazu zählen Aspekte der Ernährung, des Stressmanagements und der Bewegung. In unserem Kulturkreis würden wir diesbezüglich den Ausdruck „Vitalität“ ins Spiel bringen. Die westliche Medizin versteht darunter die übergreifende physische und psychische Systemleistung eines Menschen, und entspricht damit der TCM: Wie gut funktioniert das Kunstwerk Mensch? Arbeiten Organe, Nervensystem und Muskulatur optimal? Aber auch: Wie zufriedenstellend ist der emotionale Status? Wie sieht es mit dem allgemeinen Wohlbefinden aus? All diese Faktoren haben einen Einfluss auf unsere Vitalität bzw. unser Qi und natürlich auch auf die Immunität. Ihr Zustand wird im Frühjahr neu justiert. 

WENN ENERGIE AUFSTEIGT

In der TCM ist das Frühjahr der Wandlungsphase Holz zugeordnet. Diese steht für Wachstum, Planung, Kreativität und Bewegung. Nach der Ruhezeit des Winters beginnt nun eine Periode der Entfaltung. Die Natur macht es uns vor: Knospen brechen auf, Blüten zeigen ihre Farbenpracht, Zweige greifen in Richtung Himmel. Alles strebt nach außen und oben. Diese Dynamik spiegelt sich auch im Menschen wider, der Teil dieser Natur ist. 

Jetzt ist die Zeit für Bewegung von innen nach außen. Bleibt diese aus oder wird sie blockiert, dann staut sich der natürliche Fluss von Qi im Organismus und kreiert entsprechende Symptome – ob innere Anspannung, Gereiztheit, Druckgefühle, Kopfschmerzen, Verdauungsunregelmäßigkeiten oder erhöhte Infektanfälligkeit. 

Vitalität im Frühjahr kultivieren bedeutet: Energie ins Fließen bringen. Sonst steht man schon zum Jahresstart mit einem Fuß auf der Bremse, und diese unterschwellige Reibung kann uns bis in den Herbst begleiten, wenn das Immunsystem gestärkt funktionieren sollte. Dass dem nicht immer so ist, merkt man daran, dass sich die erste Erkältungswelle im September oft ungebremst ausbreiten kann. Legen wir daher lieber jetzt den Grundstein für mehr Widerstandskraft. 

FRÜHLING BEDEUTET LEICHTIGKEIT

Laut TCM machen insbesondere drei Aspekte die frühlingshafte „Holz-Qualität“ in uns mürbe und den korrespondierenden Organen Leber und Gallenblase zu schaffen: Druck, Trockenheit und Hitze. Druck bedeutet in diesem Kontext „zu viel Ballast“ für den Stoffwechsel. Dieser entsteht v. a. durch üppiges Essen, ein Übermaß an gesättigten Fettsäuren, aber auch großen Mengen schnell ins Blut gelangender Kohlenhydrate (z. B. aus Zucker oder Weißmehl). Das fördert die Einlagerung von Fett in der Leber und schwächt diese in ihrer Funktionsweise. Daher „Hände weg“ von Süßem, Frittiertem, Paniertem oder Gegrilltem. Besonders belastend sind fette Käsesorten, Wurst sowie Speck. Noch schlimmer: Transfette (chemisch gehärtete Fette) in Chips, Pommes Frites, Fertigsuppen, Blätterteig, Müsliriegeln und Frühstücksflocken. Die Leber trägt als Entgiftungszentrale schwer an jeglicher Form von Zusatzstoffen in unserer Ernährung, ob Konservierungsmittel, Farbstoffe, Geschmacksverstärker oder Stabilisatoren. 

Wer dem Holz-Element Gutes tun will, streicht Fertigprodukte und denaturierte Nahrung vom Speiseplan. Oder man lässt für einen bestimmten Zeitraum einmal all das weg. 

FASTEN FÜR DIE LEBER

Die Leber ist die größte Drüse im menschlichen Körper und ein mächtiges Kraftwerk, das täglich allerhand zu tun hat. Ob Entgiftung, Stoffwechsel, Blutbildung oder Immunsystem – die Leber arbeitet viel und freut sich über eine gelegentliche Pause. Am besten mithilfe von Fasten – einem einfachen wie effizienten Mittel, dessen gesundheitsfördernde Wirkung in mehreren Kulturen verankert ist. Besonders im Frühling bietet es sich an, um den Stoffwechsel nach dem Winter wieder in Schwung zu bringen. Ob ein bewusster Fastentag pro Woche oder eine längere Kur – Methoden und Praktiken gibt es viele. Merke: Jede vernünftige Reduktion über einen gewissen Zeitraum entlastet die Leber. 

Wer nicht fasten möchte, dem empfiehlt die TCM, die Leber feucht und warm zu halten – wie den Boden im Garten, aus dem die ersten Pflanzen sprießen.  

FRÜHLING BRAUCHT FEUCHTE UND WÄRME

Trockenheit und Hitze entstehen in der Küche durch Zubereitungsmethode, Geschmacksrichtung und thermische Wirkung. Laut TCM belastet v. a. Scharfes das Holz-Element und seine Organe. Scharf erhitzt und trocknet aus. So treibt ein gutes Chili den Schweiß aus den Poren, und ein stark gewürztes Lammfleisch macht durstig. Scharf ist gut, um einzuheizen. Scharf sowie heiß eignen sich im Herbst und Winter. Zu viel Sonne und Trockenheit im Frühling setzen der Natur jedoch zu. Das betriff auch unsere innere Ökologie. Zu viele heiße Lebensmittel mit scharfem Geschmack machen aus der saftig grünen Frühlingsenergie in unserem Bauchraum sinngemäß eine Steppe mit Brandherden, anders ausgedrückt: Sie fördern einen suboptimalen Verdauungsprozess mit vielen Mikroentzündungen. 

Da der Verdauungstrakt der Sitz unserer Lebens- und Immunkraft ist, erleben wir das dicke Ende im darauffolgenden Herbst und Winter, wenn sich der Jahreskreislauf schließt. 

Scharfe Lebensmittel sind z. B. Nelken, Curry, Ingwer, Knoblauch, Zwiebel oder Lauch, aber auch beliebte Gewürztees und alle Formen scharfer alkoholischer Getränke. Hitze entsteht ebenso durch Zubereitungsmethoden (Grillen oder scharfes Anbraten). Austrocknend wirken Lebensmittel mit geringem Wassergehalt (z. B. Toast-/Knäckebrot, salziges Knabbergebäck). 

Wer sich wie ein frischer Frühlingstag fühlen will, sollte all das vermeiden. Was dürfen wir dann vermehrt zu uns nehmen? 

Sauer macht lustig 

Sauer ist der dem Holz-Element und somit dem Frühjahr zugeordnete Geschmack. Dieser schützt die Leber, weil Saures in der TCM die Feuchtigkeit im Körper bewahrt. Sauer zieht zusammen, verschließt die Oberfläche des Körpers und leitet die Energie nach innen. Diese spezielle Wirkung schützt vor dem Austrocknen. Das Holz-Element bleibt dadurch flexibel sowie geschmeidig. Das macht fröhlich und zufrieden. Wie immer gilt: Zu viel des Guten ist selten gut. Denn übertreibt man es mit dem sauren Geschmack, kann dieser zu Feuchtigkeitsproblemen und Stagnation führen. 

Info: Bei Feuchtigkeitsproblemen (z. B. Ödemen, Übergewicht mit Flüssigkeitsansammlungen, Verschleimung, Nebenhöhlenproblemen, häufigem Schnupfen, entzündlichen Übersäuerungszuständen oder Gastritis) sollten saure Lebensmittel wegen ihrer bewahrenden Wirkung gemieden werden. Dasselbe gilt für akute und chronische Krankheiten. 

Das Gute am Bitteren 

Bitterstoffe sind im Frühling ebenfalls zu empfehlen, sie haben positive Effekte auf Leber und Gallenblase. Dabei stimulieren sie die Verdauungsorgane: Gallenflüssigkeit, Magensäfte und Insulin werden freigesetzt. Zusätzlich werden Leber und Stoffwechsel angeregt, belastendes Fett wird besser aufgeschlüsselt, Nährstoffe besser assimiliert, Blutmenge und Blutqualität nehmen zu. Zudem sorgen Bitterstoffe dafür, dass Säureüberschuss im Körper abgebaut sowie ausgeschieden werden kann, da sie nicht nur Basen liefern, sondern auch deren Produktion unterstützen. 

Fazit für die Küche: Viele Frühlingskr.uter schmecken leicht sauer oder bitter und dürfen einen gro.en Anteil am Speiseplan haben. 

Dünsten, Blanchieren, Fermentieren 

Frische im Essen bewahren, ist meine Devise. Sanfte Zubereitungsverfahren mit geringer Hitze unter Erhalt der Flüssigkeiten und Inhaltsstoffe stehen im Mittelpunkt: Dünsten, Kochen und Blanchieren. Besonders zu empfehlen ist „kaltes Kochen“ – wie die Fermentation mit Mikroorganismen genannt wird. 

Fermentierte Lebensmittel enthalten zahlreiche natürliche Enzyme und aktive Milchsäurebakterien. Daher kommt auch der saure Geschmack. Wir erinnern uns: Sauer bewahrt. Das saure Milieu sorgt zudem für eine lange Haltbarkeit. Der positive, probiotische Einfluss auf den Verdauungstrakt ist enorm. 

Die Milchsäurebakterien unterstützen v. a. die Darmflora. Der Darm verwertet, verarbeitet und scheidet aus. Je besser er seine Arbeit macht, desto geringer wird die Leber belastet, da sie sich um weniger „Abfall“ kümmern muss. Das ist pure Frühlingsenergie. Bewegung in unser System bringt auch das große Angebot an saisonalen Lebensmitteln. Die Frische macht‘s. Frühlingskräuter, Blattgemüse, Löwenzahn, Spinat, Salat, Radieschen und Konsorten sind hervorragend geeignet, um den Stoffwechsel in Schwung zu befördern. 

FAZIT

Mit bewusster Ernährung können wir den schweren Wintermantel ablegen und uns auf die Zeit in luftig-leichten Badesachen vorbereiten. Es gilt, Ballast abzuwerfen, das System zu reaktivieren und geschmeidig zu machen. Eine rigide Diät ist dazu nicht erforderlich, dafür eine freudvolle Anpassung des Speiseplans unter Berücksichtigung der vorgeschlagenen Empfehlungen. Das ist in meinen Augen das Schönste und Praktische an der Ernährungsweise nach TCM-Kriterien: Sie ist immer flexibel unter Beachtung der jahreszeitlichen Qualitäten. Leiten wir den Prozess der Vitalisierung im Frühjahr ein, dann dürfen wir uns auf ein stabiles Immunsystem im Herbst freuen. 

BUCH-TIPP Mike Mandl: Karma á la Carte – Die Ernährungsformel der TCM für deinen Typ. Bacopa Verlag

MIKE MANDL

Praktiziert seit 30 Jahren TCM und Shiatsu in Wien, Schwerpunkte: Burnout und Bewegungsapparat, Autor und Vortragender

mikemandl@me.com

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