
BEWEGUNGEN, DIE KÖRPER, GEIST UND SEELE ERFÜLLEN
Tiefgreifende Berührung kann Menschen Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen und einen Raum schenken, bei sich anzukommen. Die Körpermethode „Holistic Pulsing“ bietet mit ihren sanften Bewegungen viel mehr als reine Entspannung, sondern kann durch ihre achtsame Grundhaltung die Körperwahrnehmung verfeinern und dessen Signale wieder verständlich machen. Welche Möglichkeiten sowie Chancen die Technik für die Praxis bereithält, erläutere ich in diesem Artikel.
URSPRÜNGE
Holistic Pulsing (HP) ist weder ein rein manuelles noch ein primär energetisches Verfahren, sondern eine körperorientierte Energiemethode, deren zugrunde liegende Philosophie viel über den Menschen, den Blick/Fokus auf sein Wohlbefinden und die natürliche Wahrnehmung aussagt. Wenn es um die Entstehung des Ansatzes geht, ist der amerikanische Arzt Dr. Milton Trager (1908-1997) zu nennen, der Zirkusartisten durch sanftes Schütteln und Wiegen half, ihre angespannten sowie belasteten Muskeln wieder locker und geschmeidig werden zu lassen. Sein Gedanke dahinter war, dass das Gewebe nicht durch intensive Bearbeitung, sondern durch kleinere Impulse ins Gleichgewicht gebracht werden sollte. Inspirationen für sein Vorgehen bezog er aus traditionellen Bräuchen der australischen Aborigines, die sich durch ein solches Pulsieren in Einklang mit der von ihnen verehrten Natur bringen. Sie imitieren damit einerseits die Frequenz der Erde und andererseits den Herzschlag des Kindes im Mutterleib. Durch die Pulsbewegungen am Körper soll ein tiefer Ruhezustand – v. a. des Nervensystems – ermöglicht werden. Das moderne Holistic Pulsing möchte diese „Urschwingung“ in uns reaktivieren.
Der englische Arzt Dr. Curtis Turchin beschäftigte sich mit den Erkenntnissen von Dr. Trager und nannte dessen Entspannungstechnik „Pulsing“. Die neuseeländische Osteopathin Tovi Browning nahm in den 1980er-Jahren an Seminaren von Dr. Trager in England teil und münzte die dort gelehrten Griffe auf sehr feine, klein-anatomische Bewegungen um, die sie in ihrem Buch „Gentle Miracles“ beschrieb. Der Methode gab sie den Namen „Holistic Pulsing“. Nochmals weiterentwickelt wurde der Ansatz vom renommierten holländischen Psychotherapeuten Jan Vonk und aktuell von der psychosomatischen Körpertherapeutin Claudia Löw.
ANWENDUNG
Holistic Pulsing zeichnet sich durch sehr sanfte Bewegungen aus, die in einer Frequenz von 120-160 Schlägen pro Minute durchgeführt werden und das Gewebe wie Mikroimpulse erreichen. Manchmal fühlt es sich an wie ein Wiegen – ein anderes Mal wie ein Durchkneten, doch meist sind die gegebenen Impulse ganz fein. Da sich mindestens eine Hand des Anwenders (Pulser) ständig am Körper des Empfangenden (Pulsee) befindet, ist dieser dauernd „im Puls“, wodurch die Körperflüssigkeiten und -rhythmen in Bewegung kommen können und etwaige Blockaden „unterspült“ werden, bis die Energie an dieser Stelle fließen kann. Ein Puls kann in diesem Sinne auch im Körper gespeicherte Emotionen erreichen und im Wortsinn wachrütteln.
Die Anwendung selbst ist frei von Müssen und Sollen. Es gibt eine Vielzahl an Griffen, die durchgeführt werden können. Welche genau zum Einsatz kommen, wird vom Körper des Klienten vorgegeben. Der Pulser vertraut dem, was sich zeigt, und geht mit diesem Fluss mit. Die einzige Intention, wenn es überhaupt eine geben muss, ist, der empfangenden Person Halt und Raum zu geben, sich fallen zu lassen. Holistic Pulsing ist ein ganzheitliches System, das verschiedene Arten des Pulsings mit ihren verschiedenen Bewegungen und Griffen in einem Gesamtkonzept vereint.
Körperpulsing
Die hier gelernten Griffe werden an Körpervorder- und -rückseite angewandt, speziell an den Armen, Beinen, Füßen, Schultern, Rücken, Nacken und Hüften. Es geht darum, den Pulsee wieder tief in seine Körperlichkeit eintauchen zu lassen und ihm ein intensives Spüren zu ermöglichen.
Organpulsing
Im Sinne der Ganzheitlichkeit geht man im Holistic Pulsing davon aus, dass einzelne Organe neben ihren körperlichen Funktionen mit emotionalen sowie mentalen Themen (z. B. Leber mit Wut, Niere mit Kummer) im Zusammenhang stehen. Laut der Definition aus der Chinesischen Medizin haben die Organe eine umfassendere Bedeutung, der man mit Pulsen Rechnung tragen möchte. Es geht weniger darum, ein belastetes Organ zu bearbeiten – vielmehr sollen die übergeordneten Themen angesprochen werden.
Chakra- und Aurapulsing
Man geht von 7 Hauptenergiezentren (Chakren) aus, die sich an unterschiedlichen Stellen der Körpervorder- und -rückseite befinden. Jedes Chakra hat eine eigene Bedeutung und steht mit spezifischen körperlichen und geistigen Themen in Verbindung. Beim Chakrapulsing können diese direkt am Körper oder durch bestimmte Zusatzgriffe angeregt werden.
Auch ein Pulsen der Chakren über das Energiefeld (Aura) ist möglich. Dabei pulst eine Hand am Körper – die andere bewegt sich in gewissem Abstand über der jeweiligen Position des Energiezentrums.
GRUNDHALTUNG ALS KERNKOMPETENZ
Sehr wesentlich für das Verständnis von Holistic Pulsing sind sog. Grundhaltungen, die den gesamten Prozess tragen sollen. Erst durch sie wird Wohlbefinden möglich, und falsche Vorstellungen können gar nicht erst aufkommen.
Die folgenden Grundhaltungen werden von Anwender und Pulsee als gegeben verstanden:
Verantwortlichkeit
Holistic Pulsing distanziert sich davon, als Diagnose- oder Heilmethode verstanden zu werden. Entscheidend ist, den Klient in seinen Prozessen zu begleiten und ihm seine Eigenverantwortung zu verdeutlichen. Dies soll auch den Druck und die Eigenansprüche des Anwenders reduzieren, weil es nicht darum geht, die Erwartungen des Gegenübers zu erfüllen oder für eine Verbesserung des eigenen Befindens verantwortlich zu sein. Vielmehr stellt der Pulser den Rahmen zur Verfügung, damit Holistic Pulsing gelingen kann.
Die hohe Achtsamkeit und Aufmerksamkeit des Pulsers sind die Grundvoraussetzung, doch er übernimmt nicht die Verantwortung für Entwicklungsprozesse des Empfangenden. Vielmehr darf dieser in seiner eigenen Kraft gestärkt werden und neues Vertrauen in seinen Körper entwickeln.
Bewusstsein
Die sanften Bewegungen können den Pulsee bewusster zu sich und seiner Selbsterfahrung zurückbringen. Dies wird oft als Entspannung und Genießen des aktuellen Zustandes wahrgenommen. Gedanken treten in den Hintergrund und Signale des Körpers können wieder bewusster wahrgenommen werden. So wird es möglich, dass sich Emotionen, Erinnerungen oder Empfindungen zeigen, die vielleicht lange verborgen oder nicht mehr präsent waren. Die Methode kann diese an die Oberfläche bringen – manchmal sanft und unterschwellig, ein anderes Mal plötzlich und intensiv – jedoch legt es der Pulser nicht darauf an. Durch die absichtslose Berührung wird es aber möglich, dass wir innere Widerstände erkennen und loslassen können.
Akzeptanz
Mit der Methode soll das Bewusstsein dafür gestärkt werden, dass wir gut sind, wie wir gerade sind, und dass wir dies annehmen dürfen. Der Klient wird von Anfang an aufgeklärt, dass es während der Anwendung z. B. zu Tränen, einem veränderten Temperaturempfinden oder anderen Erscheinungen kommen kann. Dies wird akzeptiert und nicht analysiert oder hinterfragt. Selbstverständlich bleibt der Pulser achtsam und reagiert, sobald sich der Klient nicht wohlfühlen sollte – dies liegt selbstverständlich in seiner Verantwortung. Doch der Pulsee darf lernen, dass auch während der Anwendung Gedanken oder Körperreaktionen geschehen dürfen. Akzeptanz unterstützt beim Loslassen.
ABLAUF
Vorgespräch
Ist die Methode dem Klienten unbekannt, erfolgen im Rahmen des Vorgespräches eine Einführung und eine genaue Abklärung der persönlichen Situation. Im Gegensatz zu anderen Verfahren wird nicht tiefgreifend auf mögliche Ursachen und Hintergründe eingegangen. Es geht darum, dem Gegenüber Sicherheit sowie Verständnis zu vermitteln. Gleichsam wird abgefragt, ob es Körperstellen gibt, die nicht berührt werden dürfen. Auch mögliche Schmerzen und Wirbelsäulenthematiken sollten abgeklärt werden.
Unser Vorgespräch dient auch dazu, herauszufinden, ob die Methode angezeigt ist oder ein anderes Verfahren bzw. Vorgehen gerade notwendiger ist.
Gut gebettet
Es ist elementar, den Klienten gut zu betten: Die Liege sollte optimal eingestellt sein. Kissen, Decken und Knierolle bereitliegen. Wenn die Position angenehm ist für Anwender und Klient, wird begonnen.
Einstimmung
Dieser kurze Zeitraum vor der eigentlichen Anwendung dient dem Klienten dazu, anzukommen. Dem Pulser bietet sich die Gelegenheit, durch Atmung und Beruhigung der Gedanken in optimale Präsenz zu gelangen. Energetisch kann er eventuell noch einen „schützenden Raum“ für sich und den Klienten eröffnen. Dann beginnt die Hauptphase.
Hauptphase
Eine obligatorische Dauer für eine Anwendung ist nicht festgelegt. Deshalb ist es wichtig, zu erspüren, wenn der Prozess zu Ende ist. Dies kann zu jedem Zeitpunkt zwischen 30 und 60 Minuten der Fall sein. Geht man von durchschnittlich 45 Minuten aus, dann sollten die ersten 10-15 Minuten dem „Körperpulsing“ gewidmet werden. Anschließend kann ebenso lange ein Organ- und Chakrapulsing durchgeführt werden. Die Sitzung kann folgend mit 10-15 Minuten Körperpulsing beendet werden.
Erster und letzter Griff ist stets der Hüftpuls: Dabei wird der Körper an den Hüftknochen berührt, sanft ins Wiegen und dann mehr und mehr ins Pulsen gebracht. Wechselt man vom Ober- zum Unterkörper oder umgekehrt, wird dazwischen immer wieder der Hüftpuls eingebunden.
Wie lange man an einem Punkt bzw. bei einem Griff verweilt, hängt vom jeweiligen Körper und den hierbei ablaufenden Prozessen ab.
Abschluss und Nachruhe
An der Hüfte wird am Ende sanft ausgeschwungen und der Körper von oben nach unten ausgestrichen, damit der Pulsee zurückkehren kann. Der energetische Schutzraum wird aufgehoben und der Klient darf nachruhen. Empfehlenswert ist, ein Glas Wasser anzubieten und sicherzustellen, dass der Kreislauf des Klienten stabil genug zum Aufstehen ist.
Nachgespräch
Vor dem Abschied wird kurz nachreflektiert. Der Klient kann Fragen stellen oder seine Erfahrungen teilen. Auch hier gilt: Alles darf, nichts muss.


INTERDISZIPLINARITÄT
Holistic Pulsing ist eine körperorientierte Energiemethode. Um im Sinne des Klientenwohls handeln zu können, empfiehlt es sich, interdisziplinär zu arbeiten. Zwar setzt die angesprochene Grundhaltung bereits eine hohe Achtsamkeit des Anwenders voraus, jedoch sollte z. B. bei Beschwerden am Bewegungsapparat im Zweifelsfall an Physio- und Manualtherapeuten, Masseure, Osteopathen oder Fachärzte verwiesen werden.
Gleiches gilt für psychische Symptomatiken – hier sollte an Heilpraktiker (für Psychotherapie) oder Psychotherapeuten gedacht werden. Liegt keine Heilerlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz vor, müssen bei umfassenden Beschwerdebildern ohnehin Ärzte oder Heilpraktiker konsultiert werden.
KONTRAINDIKATIONEN
Ausbilder von Holistic Pulsing nennen im Sinne von Kontraindikationen u. a. Herzbeschwerden, v. a. wenn ein Herzschrittmacher vorhanden ist. Auch bei ansteckenden Erkrankungen, Drogenabhängigkeit, der Einnahme starker Beruhigungsmittel, psychotischen und neurotischen Zuständen sollte das Pulsen unterlassen werden.
FALLSTUDIE
In meine Praxis kommt eine 40-jährige Masseurin, die sich mehr Ruhe wünscht. Ihr Alltag ist berufsbedingt geprägt von vielen Terminen und der Arbeit mit Menschen sowie deren Beschwerden. Begleitend absolviert sie zurzeit eine Fachausbildung, für die sie an den Wochenenden 80 km bis zum Ausbildungsort fährt. Da sie bezüglich der Abschlussprüfung hohe Erwartungen aus ihrem familiären und sozialen Umfeld spürt, fühlt sie starken inneren Druck.
Ansätze aus der Entspannungspraxis
Nach einer Bioresonanz-Anwendung empfehle ich der Klientin das Gemmomazerat Silberlinde (2x30 Tropfen, Fa. Dr. Koll Biopharm) und das Präparat Ginkgosan® (Fa. Spenglersan), welche sie in ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit beim Lernen unterstützen sollen.
Zufällig kommen wir bei einem Folgetermin auf Holistic Pulsing zu sprechen. Aufgrund ihres Berufes ist sie daran interessiert. Nach kurzer Erklärung/Einführung starten wir mit einer 45-minütigen Anwendung. Lange Zeit halte ich mich an den Beinen mit entsprechenden Griffen auf und wechsle dann zum Oberkörper, wo ich in die „Stellvertreterhaltung“ gehe: Hier wird die Hand des Klienten auf den Herz- oder Lungenbereich gelegt und diese mit der eigenen Hand gepulst.
Die Hand des Anwenders liegt nicht direkt am Körper. Mit der anderen Hand pulse ich gleichzeitig den Ellenbogen. Ich schließe mit Griffen im Bereich der Stirn und Schläfen sowie des Hinterkopfes ab. Als Hausaufgabe rate ich der Klientin, Herz- und Lungenbereich selbst zuhause zu pulsen, weil sie dies als sehr angenehm empfunden hat.
Verlauf
Zum nächsten Termin 4 Wochen später erscheint sie glücklich. Sie berichtet, dass ihre linke Schulter seit der HP-Anwendung nicht mehr schmerze. Diese bereits lange bestehenden Beschwerden habe sie währenddessen noch einmal sehr auffällig wahrgenommen, aber ein paar Tage später seien diese verschwunden gewesen.
Sie wünscht sich noch einmal Holistic Pulsing, weil sie sich dabei „so gut erholen“ könne. Ich arbeite nicht nur an ihren Beinen, sondern wende auch das energetische Chakrapulsing an (v. a. Nabel-, Solarplexus-, Herz- und Hals-Energiezentrum). Den Abschluss bilden Kopfgriffe und Hüftpuls.
Ausblick
Auch nach dieser Sitzung ist sie entspannt und fühlt sich in ihrem Alltag stabil und leistungsfähig. Mit den Erwartungen aus ihrem Umfeld kann sie inzwischen gut umgehen. Am Arbeitsplatz achtet sie mehr auf sich. Sie freut sich auf weitere Termine, da sie merkt, dass ihr die Auszeit auf der Liege die Ruhe schenkt, welche sie sich wünscht. Die Holistic-Pulsing- Anwendung hat einiges in Bewegung gebracht.
FAZIT
Holistic Pulsing wirkt zu Beginn einer Anwendung sehr unscheinbar, und doch können die Bewegungen Körper, Geist und Seele nach kurzer Zeit tief entspannen. Dies gilt jedoch nicht zwingend, da sich auch Abwehrreaktionen oder emotionale Entladungen zeigen können. Für die Praxis empfinde ich die Methode als bereichernde Möglichkeit, meine Klienten hin zu einer tieferen Körperwahrnehmung zu begleiten. Gleichsam lässt sich dieser sanfte Ansatz mit vielen anderen Verfahren kombinieren und kann in ein ganzheitliches Praxiskonzept eingewoben werden. Eine achtsame Grundhaltung sowie die hohe Klientenzentrierung gestatten es auch Anwendern, ihre Sensibilität entscheidend zu erhöhen und den Rapport zum Gegenüber zu steigern.


