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Erstellt: 28. April 2026

Mit Qigong zu innerer Ruhe, Balance und Energie

Naturheilkunde 7 Minuten
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Qigong ist eine feste Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) – doch was steckt hinter den fließenden Bewegungen? Dieser Artikel erklärt, wie die Modelle der TCM (Wandlungsphasen, Akupunkturpunkte, Meridiane) dem Praktizierenden ein Werkzeug an die Hand geben, um gezielt und tiefenwirksam zu üben. Hierbei wird deutlich: Es ist weniger die Wahl der Übung, die über den energetischen Effekt entscheidet, sondern die Methodik, mit der sie ausgeführt wird. 

WURZELN IN DEUTSCHLAND

Wer hat sie nicht schon gesehen: Die Menschen, die sich in Parks in aller Frühe zur Ausübung langsamer, fließender Bewegungen versammeln. Ruhig, konzentriert, fast schwerelos und gleichzeitig fest verwurzelt. Selbst wer diese Praxis nur flüchtig beobachtet, spürt oft eine eigentümliche Faszination: Die Atmung wird tiefer, die innere Unruhe verschwindet. Qigong, sinngemäß übersetzt als „Kunst der Lebensenergie“, wurzelt in den Klöstern des vom Daoismus und Buddhismus geprägten China, wo es als spirituelle Praxis zur Verfeinerung des Bewusstseins und zur Pflege des Körpers weitergegeben wurde. Die meditative und die körperliche Dimension lassen sich dabei nicht trennen. 

Der Begriff „Qigong“ selbst ist erstaunlich jung – er entstand im Kontext der Kulturrevolution. Nach Jahren der Verfolgung wagten sich mutige Gelehrte an Sport- und Medizinuniversitäten vor: Sie retteten überlieferte Übungsformen, indem sie diese unter dem Deckmantel der „Volksgesundheit“ neu rahmten – nicht mehr als spirituelle Praxis, sondern als Methode der Gesundheitspflege. 

Heute gilt Qigong offiziell als eine Säule der TCM, gleichrangig mit Akupunktur, Arzneimitteltherapie, Tuina und Diätetik. Die deutschen Krankenversicherungen, vertreten durch die „Zentrale Prüfstelle Prävention“ (ZPP), fördern Qigong-Angebote jedoch ausschließlich im Bereich Stressprävention. Therapeutische Ausrichtungen fallen heraus, was in der Ausbildungslandschaft bis heute eine starke Konzentration auf Entspannung und Prävention bewirkt. 

WISSENSCHAFTLICHER STATUS QUO

Qigong gehört zu den gut untersuchten Bereichen der komplementären Medizin. Studien belegen positive Effekte auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, LDL-Cholesterin, Triglyzeride, depressive Symptome, chronisches Fatigue-Syndrom, COPD und mehr Lebensqualität bei Krebspatienten. Besonders belegt ist die sturzpräventive Wirkung bei älteren Menschen. 

Kritisch ist anzumerken: Was Studien messen, ist in der Regel der Nutzen sanfter, achtsamer Bewegung. Die eigentlichen energetischen und meditativen Aspekte des Qigong bleiben methodisch kaum erfassbar. 

QIGONG ALS REGULATIVES GESAMTSYSTEM

Ursprünglich war Qigong kein Therapieverfahren, sondern ein Weg zur Kultivierung des Lebens (Yǎngshēng 养生). Entspannung ist dabei als erste Schwelle zu verstehen. Wir begegnen hier einem ganzheitlichen System, das Qi meistern und innere Regulationskompetenz stärken will, jedoch nicht auf den gezielten Einsatz bei bestimmten Indikationen abstellt. 

Das westliche Denken sucht hingegen die „eine Übung“ für ein bestimmtes Beschwerdebild. Selbst das Medizinische Qigong, das TCM-Disharmoniemuster bestimmten Übungen zuordnet, kann irren – wenn die Übung im falschen Bewegungsstil ausgeführt oder ohne regulatives Wissen vermittelt wird. Es ist die Bewegungsqualität, die Absicht, die Methodik – nicht die Choreografie – welche über den energetischen Effekt entscheidet (Tab. 1). Hier dient das TCM-Verständnis als präziser Orientierungsrahmen. 

Das Modell beschreibt harmonische Zustände, macht aber auch Störungen lesbar. Wenn sich etwa unter wachsendem Bewegungsdruck die Muskulatur verhärtet – anstatt nachzugeben – liegt ein klassischer Holz-Metall-Konflikt vor: Die aufbauende Spannung findet kein Loslassen, das Gewebe bleibt unter Dauerlast. Sehnenreizungen sowie Gelenkverletzungen sind die häufigen Folgen. Fehlt die Erde-Qualität, also die Einbeziehung der Körpermasse und des Schwerpunktes, muss die Muskulatur Arbeit übernehmen, die eigentlich die Schwerkraft leisten könnte. Das ist ineffizient, ermüdend und auf Dauer schädlich. Wer ohne die stille Verwurzelung des Wassers ins Feuer springt, kennt das Phänomen des falschen Timings: Alle Energien verpuffen, weil die innere Ausrichtung fehlt, aus der heraus der Impuls erst Kraft erzeugt. Die Wandlungsphasen sind somit ein diagnostisches Werkzeug für die eigene Bewegungsanalyse. 

Eine „ausgewogene Qigongpraxis“ enthält alle Qualitäten – ähnlich wie ein schönes Musikstück nicht nur aus einer Dynamik besteht. Dennoch betonen bestimmte Übungen oder Sequenzen einen konkreten „Schwerpunkt“, um spezifische energetische Effekte zu erzeugen (Tab. 2). Dieselbe Übung kann je nach innerer Absicht völlig unterschiedlich wirken. Wer nur die Form kennt, der übt Bewegung. Wer die Absicht versteht, der übt Qigong. 

AKUPUNKTURPUNKTE IM QIGONG

Akupunkturpunkte spielen im Qigong eine bedeutende Rolle, selbst wenn keine Nadel gesetzt wird. Statt „punktgenauer Nadelung“ arbeitet Qigong mit Körperhaltung, Bewegung, Atem und innerer Absicht (Yì 意). Das Bewusstsein wird zur Nadel: Yì dào, Qì dào 意 到 气 到 – Wo die Absicht hingeht, folgt das Qi. 

Je nach Lokalisation erfüllen Punkte unterschiedliche Funktionen.  

Einige Beispiele: 

  • Du 20 – Bǎihuì am Scheitel richtet die gesamte Wirbelsäule auf, öffnet Dū Mài und Rèn Mài. 

  • Ni 1 – Yǒngquán an der Fußsohle erdet und verwurzelt. Wer diesen Punkt „öffnet“, spürt oft unmittelbar eine Absenkung des Schwerpunktes. 

  • Pc 8 – Láogōng in der Handfläche führt das Qi durch die Bewegung. 

  • Ex-HN 3 – Yìntáng und Ni 1 dienen als Tore zur Aufnahme und Abgabe von Qi. 

Das untere Dāntián (Ren 4-8, Du 4) ist der Energiespeicher, 

aktiviert durch Atem, Beckenbewegung und Vorstellungskraft. 

Die Aktivierungsmethoden variieren: 

  • Intention (Yì) richtet die Aufmerksamkeit ohne Kraftaufwand. 

  • Pulsation aktiviert den Punkt rhythmisch, ebenso die Atmung: Weiten bei der Einatmung, Verdichten bei der Ausatmung. 

  • Aufspannen durch Dehnung öffnet Láogōng/Du 14. 

  • Aus- und Aufrichtung aktivieren über die Körperachse. 

  • Klopfen und Reiben (Ānmó) stimulieren oberflächliche Punkte direkt. Die bekannteste Anwendung ist das „Ausklopfen der Meridiane“. 

LEITBAHNEN ALS BEWEGUNGSWEG

Während Akupunkturpunkte im Qigong eher als lokale Anker und Tore verstanden werden, denkt die Meridianarbeit in Fluss und Richtung. Eine Leitbahn ist kein Punkt, sondern ein Weg, der „geöffnet“ werden will. 

Die Methode dafür heißt Dǎoyǐn (Führen, Leiten). Gemeint ist, durch gezielte Streck- und Dehnbewegungen das Qi entlang eines Meridianverlaufs in Bewegung zu bringen. Das Prinzip ist einfach und zugleich präzise: Eine Dehnung, die entlang einer Leitbahn geführt wird, z. B. entlang der Rückseite des Beines beim Vorbeugen (Blasen-Meridian) oder entlang der Innenkante des Armes bei seitlicher Armstreckung (Lungen-Meridian), längt nicht nur jenen Muskel, sondern öffnet den energetischen Kanal. Dabei befruchten sich das Wissen über die Leitbahnen und die Fähigkeit, sie unmittelbar am eigenen Leib zu erfahren und zu beleben. 

Dieses Prinzip steht im Mittelpunkt des Meridian-Qigong – einer Übungsform, die mit dem Dǎoyǐn auf den Leitbahnen arbeitet und deren Sequenzen systematisch alle 12 Hauptmeridiane ansprechen. Anders als viele klassische Qigong-Formen, die Meridiane eher implizit durch Bewegungsführung aktivieren, macht Meridian-Qigong die Leitbahnarbeit zum ausdrücklichen Thema. 

© ulza I adobestock.com

Ergänzt wird diese „Dǎoyǐn-Praxis“ durch folgende weitere bewährte Methoden: Das Abklopfen der Meridiane (sanftes, rhythmisches Beklopfen entlang der Leitbahnverläufe an Armen, Beinen und Rumpf) wird häufig als Vorbereitung eingesetzt, um die Leitbahnen zu öffnen und die Qi-Zirkulationen anzuregen, bevor die eigentliche Übungssequenz beginnt. Es ist die direkteste und körperlichste Form der Meridianaktivierung. Sie ist besonders als Morgenritual nach dem Aufwachen geeignet. 

Die subtilste Methode ist die Pulsation: das rhythmische Füllen und Leeren eines Meridians durch gezielte Be- und Entlastung, geführt durch die Intention Yì. Diese Technik setzt ein gewisses Maß an innerer Körperwahrnehmung voraus. Sie ist weniger für den Beginn einer Praxis geeignet, dafür umso wirkungsvoller, wenn die Grundlagen der Qi-Wahrnehmung entwickelt sind. 

Die Methoden (Daoyin, Abklopfen, Pulsation) können kombiniert werden und ergänzen sich in ihrer Wirkung: Das Klopfen öffnet, das Dehnen leitet, die Pulsation vertieft. So entsteht eine Meridianarbeit, die vom Groben ins Feine führt und den Praktizierenden Schritt für Schritt mit dem inneren Netzwerk seines Körpers verbindet. 

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FAZIT

Qigong ist mehr als eine Sammlung von Bewegungsformen. Die Modelle der TCM (z. B. Wu Xing, Akupunkturpunkte, Meridiane) sind dabei praktische Werkzeuge: Sie machen sichtbar, was in der Bewegung geschieht. Die Übung selbst heilt nicht – es ist die Qualität, mit der sie geübt wird. Qigong zu praktizieren bedeutet, das Qi in der Tiefe zu führen, was in der äußeren Form sichtbar wird. Das vertiefte TCM-Verständnis ist somit eine Einladung, die eigene Bewegungspraxis tiefer zu verstehen. Entspannung bleibt der Anfang, aber eben nur der Anfang. 

 

LITERATUR 

Deutsches Ärzteblatt: Tai Chi, Qigong und Baduanjin verbessern kardiovaskuläre Gesundheit. aerzteblatt.de, 11.03.2016 (Abruf: April 2026) 

Rogers CE et al.: A review of clinical trials of tai chi and qigong in older adults. West J Nurs Res. 2009 Mar;31(2):245-279 

Ruppert M: Meridian Qigong – Übungen zur Gesunderhaltung nach der Chinesischen Medizin. Eigenverlag, 2022 

BUCH-TIPP Markus Ruppert: Die 18 Formen des Taiji- Qigong – Shíbã Shì. Eigenverlag

Markus Ruppert

Heilpraktiker in eigener Praxis in Bad Grönenbach mit Schwerpunkten Traumatherapie (Somatic Experiencing®), Traditionelle Chinesische Medizin, Spagyrik und PsychoSOMATIK, Buchautor

markus@naturheilpraxis-ruppert.de

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