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Erstellt: 5. März 2026 Aktualisiert: 10. März 2026

Stellschrauben für ein stabiles Immunsystem

Osteopathie 9 Minuten
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UNTERSTÜTZUNG UND ANREGUNGEN AUS DER OSTEOPATHIE

Wenn Ihre Patienten verkünden, dass sie ihr Immunsystem „stärken“ möchten, steckt dahinter meist ein ganz konkreter Wunsch: Sie wollen seltener krank werden und nach Infekten schneller wieder zu Kräften kommen. Die Osteopathie kann sinnvoll begleitend unterstützen, und zwar indem Rahmenbedingungen verbessert werden, die für eine gute Immunfunktion wichtig sind. Es gibt gleich mehrere „osteopathische Stellschrauben“, die mit dem Immunsystem indirekt in Verbindung stehen. 

EINFLUSSBEREICH DER OSTEOPATHIE

Unser Immunsystem arbeitet nicht isoliert. Folgende Aspekte sind für die osteopathische Praxis besonders relevant:  

Lymphfluss und venöser Rückstrom

Immunzellen und entzündungsrelevante Botenstoffe werden über Blut- und Lymphsystem im Körper transportiert. Damit die Lymphe gut fließen kann, braucht sie v. a. Druckwechsel (z. B. durch Atmung). Bewegung sowie Engstellen dürfen den Fluss nicht blockieren. Kompressionen im Bereich der oberen Thoraxapertur (Thoracic Inlet), zwischen 1. Rippe und Schlüsselbein sowie durch erhöhte Spannung der Mm. scaleni und M. subclavius, können diese Drainage beeinträchtigen. Ebenso bremsen ein starres Zwerchfell oder eine eingeschränkte Thoraxbeweglichkeit die Pumpmechanik, die Lymphfluss und venösen Rückstrom unterstützt. 

Atemmechanik

Das Zwerchfell ist unsere Hauptpumpe. Bei flacher Atmung, Rippenblockaden sowie hoher faszialer Spannung sinkt die Effizienz der Druckwechsel. Durch diese mechanischen Bewegungseinschränkungen kann sich die Drainage der Körperflüssigkeiten verschlechtern. 

Autonomes Nervensystem

Chronischer Stress beeinflusst Schlaf, Regeneration und die Entzündungsregulation oft. Osteopathisch lässt sich unterstützend ansetzen, z. B. über eine Verbesserung der Atemmechanik sowie manuelle Techniken im cervicothorakalen und suboccipitalen Bereich. Auch viszerale Behandlungsansätze können sinnvoll sein, wenn sie zur Befundsituation passen. Darauf gehe ich später ein. 

Wichtig: Bei Fieber, Infekten, unklaren vergrößerten Lymphknoten, starkem Krankheitsgefühl, Atemnot, Brustschmerz, Thromboseverdacht etc. gehört die Abklärung in ärztliche Hände. Osteopathie ist dann höchstens unterstützend und nur nach Freigabe zu sehen. 

INDIKATIONEN FÜR OSTEOPATHIE

In folgenden Fällen können Sie Ihre Patienten gut osteopathisch unterstützen: 

Infektanfälligkeit ohne akuten Infekt

Ihre Patienten berichten, dass sie „jede Erkältung mitnehmen“ oder nach Belastungsphasen schnell krank werden. Hier sollten wir auch einen Blick auf Stressniveau, Schlafqualität und Atemmuster werfen. Die Suche nach den bereits beschriebenen Engstellen im cervicothorakalen Bereich sind in der körperlichen Untersuchung obligatorisch. 

Rekonvaleszenz

Nach überstandenen Infekten bleiben manche Patienten länger erschöpft, kurzatmig und nicht richtig belastbar. In stabilen Phasen kann Osteopathie helfen, Thorax- und Zwerchfellmechanik zu normalisieren, Spannung im cervicothorakalen Übergang zu reduzieren und das vegetative Nervensystem wieder in bessere Balance zu bringen. 

Stress und Erschöpfung

Chronischer Stress und flache, schnelle Atmung hängen oft zusammen. Das Ziel ist hier weniger „Immunsystem stärken“, sondern „Regeneration ermöglichen“. Es geht darum, die parasympathische Aktivität zu fördern und das Atemvolumen zu verbessern. Spannungsmuster werden reduziert, damit Schlaf und Erholung wieder greifen können. Meiner Erfahrung nach lohnt sich die Zusammenarbeit mit qualifizierten Coaches, wenn Stress auf übergeordnete Ursachen zurückzuführen ist. 

Eingeschränkte Atemmechanik

Bei verringerter Rippenbeweglichkeit, BWS-Rigidität oder zu hohem Zwerchfelltonus sinkt oftmals die Effizienz der physiologischen „Pumpe“ (Druckwechsel). Hier sind Techniken am Thoracic Inlet und Zwerchfell, an den Rippen sowie an der BWS zentrale Bausteine. 

Verdauungsdysbalance

Verdauungsprobleme, Blähungen, Reizdarm-ähnliche Symptome oder ein „Stressbauch“ können mit erhöhter viszeraler Spannung sowie dysregulierter Atmung einhergehen. Hier stehen die viszeralen Organe im Fokus. Ergänzend ist eine ernährungsmedizinische Abklärung sinnvoll (Stichwort: Darmbarrierefunktion). 

KONTRAINDIKATIONEN

Bei den nun beschriebenen Symptomen ist Vorsicht geboten:  

Bestehender Infekt/Fieber, akute kardiale oder respiratorische Instabilität: Bei Fieber, starkem Krankheitsgefühl, akuter Atemnot, Brustschmerzen, Kreislaufinstabilität oder Verdacht auf eine ernsthafte Infektion ist von einer osteopathischen „Immunbehandlung“ vorerst abzuraten, solange keine medizinische Abklärung erfolgt ist. 

Unklare Schwellungen an Lymphknoten, Tumorverdacht, Thrombose: Vergrößerte Lymphknoten, unklare Schwellungen, ungewollter Gewichtsverlust, Nachtschweiß oder Thrombosezeichen sind Red Flags. Hier muss eine vorgeschaltete medizinische Abklärung erfolgen. Pump- und Drainagetechniken sind zunächst untersagt. 

Frische OPs/Traumata ohne Freigabe: Nach Operationen oder akuten Verletzungen immer die ärztliche Freigabe abwarten. Wundheilungsphase sowie Belastungsgrenzen des Patienten sind zu berücksichtigen. Gerade thorakale Pumptechniken oder eine kräftige Faszientherapie können, zu früh angewandt, zu viel sein. 

Pumptechniken: Besondere Sorgfalt angesagt. Lymphatische Pumptechniken können sehr wirksam sein – aber nicht für jeden. Sie erfordern eine stabile Gesamtverfassung. Wenn Sie sich unsicher sind, verlegen Sie sich lieber auf sanfte Techniken (Zwerchfell, Rib Raising, suboccipitale Techniken) und setzen Pumpen nur gezielt und niedrig dosiert ein. 

BEHANDLUNGSROUTINE

Für die Praxis hat sich eine klare, gut wiederholbare Reihenfolge bewährt. Diese hilft, den Körper „durchlässig“ zu machen, die physiologischen Pumpmechanismen zu verbessern, das vegetative Nervensystem zu beruhigen und am Ende alles in den Alltag zu übertragen: 

Öffnen: Thoraxapertur und cervicothorakalen Übergang lösen (Abflussbedingungen verbessern) 

Pumpen: Zwerchfell mobilisieren und Thoraxmechanik verbessern (Rippen- und BWS-Beweglichkeit) 

Regulieren: Autonomes Nervensystem ausbalancieren (z. B. Rib Raising, suboccipital/OA, ruhige craniale Techniken) 

Viszerales System: Spannungsmuster im Bauchraum berücksichtigen (Leber- und Darmspannung, Bauchdecke) 

Integrieren: Kurze Atem- und Bewegungsimpulse als Hausaufgabe mitgeben, damit der Effekt nachhaltig wird 

TECHNIKEN IM ÜBERBLICK

Nachfolgend stelle ich einige Techniken vor: 

Thoracic Inlet Release

Ziel: Den „Flaschenhals“ für venös-lymphatischen Rückfluss entlasten  

Position: Patient in Rückenlage, Therapeut am Kopfende  

Kontakt: Regio supraclavicularis, Clavicula, 1. Rippe, cervikale Faszie (flächiger Kontakt)  

Vorgehen: Das Gewebe sanft in Richtung der größten Leichtigkeit führen und den entstehenden Balancepunkt halten  

Dosierung: 60-90 Sekunden halten und den Atem als natürlichen Rhythmusgeber mitlaufen lassen  

Fehler: Zu punktuell drücken, „gegen“ die Schutzspannung arbeiten 

Fasziale Mobilisation der Clavicula

Position: Patient in Rückenlage, Therapeut an der behandelnden Seite 

Vorgehen: Die Zeigefinger beider Hände werden an die posteriore Seite der Clavicula gelegt, sodass diese über ihre gesamte Länge gut palpierbar ist. Die Daumen werden entsprechend an der anterioren Seite positioniert. So entsteht ein sicherer, breitflächiger Kontakt, der eine differenzierte Wahrnehmung des faszialen Gewebes ermöglicht. 

Behandlung: Bereiche mit erhöhter Anspannung werden je nach Befund indirekt oder direkt (Dehnung in die Restriktion) behandelt. Alternativ kann eine rhythmische Mobilisation durchgeführt werden, um Gleitfähigkeit und Gewebetonus schrittweise zu normalisieren. 

• Behandlung der sympathischen Halsganglien

Position: Patient in Rückenlage, Therapeut steht seitlich 

Vorgehen: Die craniale Hand stabilisiert den Kopf in einer neutralen Position. Die kaudale Hand setzt je nach Zielregion den Kontakt: 

- Kontakt Ganglion cervicale superius: an den beiden lateralen Enden des Os hyoideum 

- Kontakt Ganglion cervicale medium: beidseits am unteren lateralen Rand des Schildknorpels 

Behandlung: Die kaudale Hand wird nach posterior-medial geführt und translatorisch nach rechts oder links „eingestellt“, bis der Bereich der größten Gewebespannung erreicht ist. Diese Position wird gehalten, bis ein deutlicher Release spürbar wird. Dann wird neu eingestellt und der Vorgang wiederholt, bis sich der Gewebetonus in der Region ausgeglichener anfühlt. 

Hinweis: Die craniale Hand bleibt stabilisierend am Kopf, um unnötige Kompensation über die HWS zu vermeiden. 

• Zwerchfell-Release (atemgeführt)

Ziel: Atemexkursion vertiefen und den physiologischen Druckwechsel verbessern 

Kontakt: Beidseits am Rippenbogen, Thenar oder Fingerkuppen breitflächig unter dem costalen Rand 

Vorgehen: In der Ausatmung sanft mit dem Gewebe „mitgehen“, in der Einatmung Raum lassen und keine Gegenkraft aufbauen 

Optionen: Indirekt oder sehr dosiert direkt („Schmelzen“ in die Restriktion) 

Dosierung: 1-3 Minuten, bis die Atmung tiefer, ruhiger und gleichmäßiger wird 

Fehler: Oft wird zu schnell oder zu kräftig gearbeitet. Wenn der Patient die Luft anhält oder gegenhält, sollte Druck reduziert, Tempo herausgenommen und ggf. auf eine indirekte Führung gewechselt werden. 

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• Rib Raising (BWS und autonomes Nervensystem)

Ziel: Thoraxmobilität verbessern, Reduktion des sympathischen Tonus unterstützen 

Kontakt: Fingerkuppen (oder Thenarflächen) an den Rippenwinkeln, je nach Befund beidseits oder einseitig 

Vorgehen: Rippen sanft anheben und das Gewebe in Richtung Extension führen 

Dosierung: Pro Segment- oder Regionabschnitt 30-60 Sekunden im ruhigen, gleichmäßigen Rhythmus arbeiten 

Häufiger Fehler: Anstatt mechanisch zu „heben“, ist es besser, dosiert zu führen und zu warten, bis das Gewebe nachgibt, und erst dann weiterzugehen 

• Suboccipital-Release

Ziel: System „runterfahren“, parasympathische Regulation unterstützen, besseres Schlaf- und Regulationsfenster eröffnen (v. a. wichtig bei Patienten mit hohem Stresslevel) 

Kontakt: Beidseits suboccipital, Kopf liegt in neutraler Position und wird sicher gehalten 

Vorgehen: Zunächst leichte Traktion aufbauen, ohne in Flexion oder Extension zu gehen. Anschließend den entstehenden Stillpoint bzw. Balancepunkt halten und die Gewebeantwort abwarten. 

Dosierung: 2-5 Minuten, mit minimaler Kraft und möglichst wenig „Tun“ 

Fehler: Zu viel Flexion/Extension oder zu aktives „Korrigieren“. Lieber neutral bleiben und dem Gewebe Zeit geben. 

• Pumptechnik (nur bei passender Indikation)

Beispiel: Pedal Pump 

Ziel: Einen globalen Flüssigkeitsimpuls setzen und die Drainage anregen 

Vorgehen: Füße des Patienten fassen und mit gleichmäßigem Rhythmus Impulse geben, die sich wellenförmig durch den Körper fortsetzen – ohne Kraft, ohne „Schütteln“ 

Dosierung: 30-60 Sekunden, niedrig dosiert (bei sensiblen Patienten mit noch kürzerem Intervall starten) 

Kontraindikationen: Akuter Infekt, Fieber, instabile kardiopulmonale Situation, frische Thrombose 

• Eigeninitiative

Wichtig ist, dass wir die Patienten in ihrer Selbstwirksamkeit stärken, z. B. mit: Atemübungen (15 Minuten): 4 Sekunden durch die Nase einatmen, 6-8 Sekunden ruhig ausatmen. Ziel soll sein, die Atmung zu beruhigen und die Ausatmung zu verlängern. 

Tägliche Bewegung: Ein 10-minütiger zügiger Spaziergang ist als sanfter Bewegungs- und „Lymph“-Impuls zu sehen 

Schlafanker: Morgens sollte möglichst früh Tageslicht getankt und abends die Bildschirmzeit reduziert werden (Licht dimmen, Ruhephase einleiten) 

FALLSTUDIE

Marion (52 Jahre) hat permanent das Gefühl, „etwas auszubrüten“. Sie berichtet über wiederkehrende Erkältungen, die sich v. a. nach stressigen Wochen häufen. Außerdem brauche sie nach Infekten lange, bis sie sich wieder fit fühle. Sie beschreibt Ein- und Durchschlafprobleme, die in Phasen mit viel Druck im Job vermehrt vorkämen. 

In der osteopathischen Untersuchung zeigt sich, dass Brustkorb und Thoraxapertur sehr fest sind. Es besteht Spannung zwischen 1. Rippe, Clavicula und Mm. scaleni. Das Zwerchfell ist hypomobil mit eingeschränkter Atemexkursion. Feststellbar sind eine reduzierte Rippen- und BWS-Beweglichkeit sowie ein erhöhter Tonus suboccipital.  

Behandlung

Das Vorgehen orientiert sich an der erläuterten Behandlungslogik: Öffnen – Pumpen – Regulieren – Integrieren. Zunächst erfolgen eine fasziale Mobilisation der Clavicula und ein Thoracic- Inlet-Release, um Abfluss- und Drainagebedingungen zu verbessern. Anschließend wird die Atemmechanik über ein atemgeführtes Zwerchfell-Release unterstützt und die thorakale Beweglichkeit mit Rib Raising ergänzt. Zur vegetativen Down-Regulation folgt ein Suboccipital-Release. Bei Marion ergänze ich dies durch eine Behandlung der sympathischen Halsganglien. Da keine Kontraindikationen vorliegen, kann abschließend (niedrig dosiert) ein „Pedal Pump“ eingesetzt werden, um einen globalen Impuls zu setzen. 

Marion erhält kurze, aber efektive Übungen für zu Hause, um die Behandlung im Alltag zu verankern: 15 Minuten nasale Atmung mit verlängerter Ausatmung (4 Sekunden ein, 6-8 Sekunden aus) sowie täglich 10 Minuten zügiges Spazierengehen als Bewegungsimpuls. 

Nach einigen Sitzungen berichtet sie über ruhigeren Schlaf, tiefere, langsamere Atmung und mehr „Puffer“ in Stressphasen. 

FAZIT

Die Osteopathie kann sinnvolle Impulse setzen, die ein gut funktionierendes Immunsystem indirekt unterstützen. Dabei geht es nicht um eine unmittelbare „Immunwirkung“, sondern v. a. darum, mechanische und regulatorische Voraussetzungen zu verbessern. Ebenso entscheidend sind das sichere Erkennen von Red Flags und, wenn erforderlich, eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. 

BUCH-TIPP Sascha Bade: Der Arthrose-Kompass. Wie Sie Schmerzen lindern, Gelenke stärken und aktiv bleiben. Schirner Verlag

Sascha Bade

Osteopath D.O., Heilpraktiker, Autor und Keynote-Speaker, Gründer und Inhaber des Osteoversum mit zwei Standorten in Hamburg

praxis@osteoversum.de

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