
MINI-PROBE, MAXI-INFORMATION
Die Harnschau war von der Antike bis weit in die frühe Neuzeit das wichtigste diagnostische Mittel der Medizin im Bereich der Humoralpathologie, der Säftelehre nach Hippokrates. Der Urin wurde mit allen Sinnen untersucht, hinsichtlich Konsistenz, Farbe, Beimengungen, Geruch und Geschmack. Heutzutage stehen uns moderne Methoden zur Verfügung, somit bleibt uns die „Geschmacksprobe“ erspart. Nach wie vor erhalten wir durch die traditionelle Harndiagnostik wertvolle Informationen.
Daneben stehen dem Heilpraktiker makroskopische Beurteilungen mit Dichtemessung, Urinstreifen-Schnelltests und Mikroskopie des Urinsediments zur Verfügung. Das Anlegen einer Urinkultur ist hingegen untersagt. In diesem Artikel gehe ich auf die vielfältigen Diagnostik-Möglichkeiten für die Heilpraktikerpraxis ein.
URSACHEN
Als Ursache für Veränderungen der Menge oder Beschaffenheit des Urins kommen Erkrankungen der Nieren, der ableitenden Harnwege, der Harnblase, möglicherweise auch der Sexualorgane in Frage.
Wichtig: Bitte beachten Sie bestehende Behandlungsverbote und überweisen Sie bei Verdacht zum Arzt!
ANAMNESE
In der Anamnese wird nach typischen Beschwerden gefragt, z. B. Schmerzen oder Brennen beim oder nach dem Wasserlassen. Ist die Urinmenge vermindert oder vermehrt? Muss der Patient häufiger zur Toilette? Bitte die Anzahl der Toilettengänge notieren, denn für den Patienten kann es normal sein, nur ein- oder zwölfmal täglich sein WC aufzusuchen. Wie verhält es sich mit Trinkmenge und körperlicher Aktivität? Geht beim Niesen, Husten oder spontan Urin ab? Sind dem Patienten Veränderungen von Urinfarbe oder Geruch aufgefallen? Bei Männern sollte erfragt werden, ob es eine Zeit lang dauert, bis man Wasser lassen kann und der Strahl immer schwächer wird (Hinweis auf Prostatavergrößerung).
DIAGNOSEINSTRUMENTE
Uringewinnung
Am häufigsten wird der Spontanurin untersucht. Hier ist es unbedeutend, ob der Patient nüchtern ist oder Medikamente eingenommen hat. Diese Entnahme kann zum beliebigen Zeitpunkt erfolgen. Wichtig ist, dass nur der Mittelstrahlurin berücksichtigt wird. Dabei wird zuerst ein wenig Urin in die Toilette abgelassen, dann der Harnstrahl unterbrochen, um mit dem Becher den nun folgenden „mittleren“ Urin aufzufangen (20-40 ml). Die Urinprobe sollte nun so schnell wie möglich untersucht werden, denn ihre Inhaltsstoffe beginnen sich schon nach 2 Stunden zu verändern.
Makroskopische Beurteilung
Mit bloßem Auge werden Geruch, Farbe, Klarheit und Schaumbildung der Probe beurteilt. Urin ist normalerweise hell- bis dunkelgelb gefärbt, bei Betrachtung gegen Tageslicht enthält er keine oder kaum sichtbare Bestandteile, der Schüttelschaum sollte klar sein. Eine sehr helle Farbe kann Anzeichen einer Polyurie sein, während eine sehr dunkle oder grelle Färbung auf eine Oligurie oder die Einnahme von Vitaminpräparaten hinweisen kann.
Normal ist Urin klar, kann aber durch enthaltene Zellen, Bakterien oder Kristalle trüb werden. Bei Anwesenheit von Erythrozyten oder Hämoglobin verfärbt er sich rötlich bis rot. Dunkelbrauner bis schwarzer Urin deutet auf eine massive Hämolyse hin. Bierbrauner Urin mit gelbem Schüttelschaum entsteht bei Leber- oder Gallenwegserkrankungen durch Bilirubin.
Bei eitrigen Prozessen im Harntrakt kann der Urin weiß sein, bei Ausscheidung von Magnesium- oder Kalziumphosphaten ist er weiß-milchig eingetrübt, bei Proteinurie kann er schaumig aussehen. Urin riecht leicht nach Ammoniak, ein fruchtiger Geruch kann ein Beleg für Ketonkörper sein (z. B. bei Diabetes mellitus).
Dichtemessung
Ein Refraktometer misst das spezifische Gewicht des Urins, indem es die Lichtbrechung der Probe nutzt, die von der Menge der gelösten Teilchen abhängt. Dazu wird ein kleiner Tropfen Urin auf das Prisma des Gerätes gegeben und das spezifische Gewicht der Probe anhand einer Skala abgelesen. Der Wert gibt Aufschluss über die Konzentrationsfähigkeit der Nieren. Ein hohes Gewicht belegt eine gute Konzentrationsleistung der Nieren, ein niedriges Gewicht kann auf eine eingeschränkte Nierenfunktion hindeuten.
Urinstreifen-Schnelltest
Urinsticks dienen einer schnellen primären Diagnostik und können Ausgangspunkt für folgende Untersuchungen sein. Auf dem Teststreifen befinden sich mehrere Reagenzfelder für verschiedene Parameter. Bei Kontakt mit Urin erfolgt ein der Substanzkonzentration entsprechender Farbumschlag. Dazu wird der Teststreifen kurz in frischen Urin eingetaucht, sofort wieder herausgenommen und überschüssiger Urin abgestreift. Das Ergebnis wird durch Vergleichen der Farben der Reagenzfelder mit einer Referenzfarbskala abgelesen.
Erfasst wird gerne der pH-Wert (Azidose oder Alkalose). Bei Entzündung verfärbt sich das Feld für die Leukozyten, bei Anwesenheit von Nitrit bildenden Bakterien schlägt der Bereich für Nitrit an. Das Urobilinogen-Feld wird sich bei Leber- und Darmerkrankungen, Anämie oder Herzinsuffizienz verfärben. Nachweis von Bilirubin im Urin deutet auf Lebererkrankungen, Gallenabflussstörungen oder schwere Hämolyse hin. Detektiert werden Protein (Nierenschädigung), Blut (Schädigung der Nieren oder ableitenden Harnwege), Dichte (spezifisches Gewicht), Ketone (Ketoazidose bei Diabetes mellitus) sowie Glukose (Glucosurie bei Diabetes mellitus).
Mikroskopie des Urinsediments
Zeigt der Teststreifen einen positiven Befund, empfiehlt sich die Analyse des Urinsediments, d.h. der festen Bestandteile des Urins. Diese Untersuchung kann in der Heilpraktikerpraxis durchgeführt werden. Man braucht ein Sedimentröhrchen, einen Objektträger, ein Abdeckglas, eine Zentrifuge und ein Mikroskop. Zunächst wird frischer Urin in ein Sedimentröhrchen eingefüllt und zentrifugiert. Danach wird der überstehende Urin in einem Zug abgekippt, ohne das Sediment aufzuwirbeln.
Der Rest wird vorsichtig aufgeschüttelt. Ein Tropfen wird auf den Objektträger gegeben und mit dem Deckglas abgedeckt. Man benutzt die kleinste Vergrößerung unter dem Mikroskop zur Auswertung des Sediments:
Erythrozyten und Leukozyten dürfen nur vereinzelt auftreten, bei Mikro- und Makrohämaturie bzw. Leukozyturie findet man sie massenhaft.
Vermehrtes Vorkommen von Epithelzellen deutet auf eine entzündliche Veränderung des Epithelgewebes der Nieren oder der ableitenden Harnwege hin.
Der Nachweis von Bakterien, Pilzen oder Parasiten, oft in Verbindung mit Leukozyturie, zeigt einen Harnwegsinfekt an.
Bei der mikroskopischen Untersuchung des Urinsedimentes können „Harnzylinder“ auftreten. Dies sind längliche Strukturelemente im Urin sowie Ausgüsse der Nierenkanälchen. Die Zylinder können aus reinen Proteinen bestehen (hyaline Zylinder) oder aus Proteinen mit eingelagerten Zellen (Erythrozyten- oder Leukozytenzylinder). Ihr Vorhandensein ist Hinweis auf eine Nierenerkrankung, wobei die Art des Zylinders Aufschluss über die Art der Nierenerkrankung gibt.
Des Weiteren enthält Urin gelöste Salze, die bei bestimmten Bedingungen, z. B. einem veränderten pH-Wert, zu Kristallen ausfallen können. Viele sind harmlos, aber einige Arten oder eine hohe Konzentration können auf Nierensteine oder Stoffwechselstörungen hindeuten.
TRADITIONELLE HARNDIAGNOSTIK
Diese ganzheitliche Methodik kann Stoffwechselvorgänge und funktionelle Störungen aufzeigen, die in der schulmedizinischen Diagnostik möglicherweise noch nicht sichtbar sind. Durch sie erhält man Informationen über die Organfunktion von Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse, Darm und Nieren. Nach einer ersten Beurteilung mit den bisher genannten Methoden wird der Urin in Reagenzgläser abgefüllt, wobei jedes Reagenzglas für ein Organ steht. Nun werden jedem Glas bestimmte Chemikalien zugesetzt, wonach es zu unterschiedlichen Reaktionen mit deutlich erkennbaren Veränderungen kommt, die zu dokumentieren sind. Danach erfolgt die Kochprobe durch Erhitzen des Urins, wobei sich die Stoffgemische erneut verändern und Färbungs- sowie Ausflockungsreaktionen zu beobachten sind. Zum Schluss werden alle Ergebnisse in einer Gesamtschau betrachtet, was Rückschlüsse auf die Stoffwechsellage des Patienten und etwaige Organschwächen zulässt. Diese Ergebnisse dienen als Grundlage für eine naturheilkundliche Therapie und zur Kontrolle des Therapieverlaufs.
FALLSTUDIE
Eine junge Frau (28 Jahre) kommt mit rezidivierender unkomplizierter Zystitis in meine Praxis. Sie wurde schon oft mit Antibiotika behandelt, hilft sich mittlerweile mit Wärme und Brennnesseltee. Sie berichtet von Brennen beim Wasserlassen sowie häufigem Toilettengang. Dabei kann sie nur geringe Mengen Urin absetzen, wobei dieser übel riecht und trüb ist. Aktuell liegen weder ein deutliches Krankheitsgefühl noch Fieber, Übelkeit oder Erbrechen vor. Die körperliche Untersuchung ergibt keinen Flankenschmerz, auch keinen Klopfschmerz der Nierenlager. Anamnestisch zeigen sich keine Hinweise auf einen Diabetes mellitus. Die Patientin ist zum Zeitpunkt der Konsultation nicht nüchtern, ihr Blutzucker ist postprandial normal.
Den frisch abgegebenen Mittelstrahlurin untersuche ich nach einer ersten makroskopischen Begutachtung wie beschrieben. Im Urinstreifen-Schnelltest zeigen sich erhöhte Leukozyten und Nitrit. Viele Bakterien, die eine Harnwegsinfektion verursachen (v. a. E. coli), wandeln Nitrat aus dem Urin in Nitrit um. Ein positiver Nitrit-Test ist ein starker Hinweis auf eine bakterielle Infektion.
Therapie
Ich kläre die Patientin auf, warum es v. a. bei Frauen zu häufigen Blasenentzündungen kommt. Nicht nur ist die weibliche Harnröhre kürzer als beim Mann, sie liegt auch in unmittelbarer Nähe zum Darmausgang, weswegen die richtige Wischtechnik nach dem Toilettengang zu beachten ist (von vorne nach hinten), um eine Schmierinfektion zu verhindern. Aus dem gleichen Grund (örtliche Nähe) sollte unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr die Blase entleert und anschließend der Intimbereich mit warmem Wasser oder einem milden, pHneutralen Intimwaschgel gereinigt werden. Weitere auslösende Faktoren sind Kälte, Nässe, Stress und eine zu geringe Trinkmenge.
Die Behandlung ihrer Zystitis erfolgt mit Cantharis D6. Die Patientin soll sich in der Apotheke Urinstreifen-Schnelltests kaufen, um den Verlauf selbst zu überwachen und die Ergebnisse für den nächsten Termin zu dokumentieren. Zusätzlich wird aufgrund der vorangegangenen häufigen Antibiotikatherapien eine Stuhluntersuchung in Auftrag gegeben.
Verlauf
Zum Kontrolltermin überreicht mir die Patientin ihre Dokumentation der Urinstreifen-Schnelltests. Nitrit bleibt erhöht, jedoch ist ein Rückgang der Leukozyten zu verzeichnen. Die Therapie wird individuell angepasst: Mithilfe der kompletten Anamnese habe ich inzwischen ein spezifisches homöopathisches Mittel repertorisiert, das auf die spezifische Situation der Patientin zugeschnitten ist (Staphisagria C30). Hiermit kommt es zur deutlichen Besserung der Beschwerden. Nachfolgend zu Hause durchgeführte Tests belegen eine Normalisierung von Nitrit und Leukozyten.
Wir besprechen den Laborbefund der Stuhlprobe: eine Dysbiose mit reduzierten milchsäurebildenden Bakterien, was zu einem alkalischen Milieu geführt und das Wachstum pathogener Keime gefördert hat. Ziel ist es, das Darmmilieu durch Probiotika und Milchsäurekulturen wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Dementsprechend leiten wir eine achtwöchige Darmsanierung ein. Ich verschreibe der Patientin dafür Remisyx® sowie ProBio-Cult® Pur 15 (beide Fa. Syxyl). Wenn zwischenzeitlich nichts Besonderes vorfällt, soll sie nach Abschluss der Darmsanierung in 2 Monaten wieder vorstellig werden.
FAZIT
Urindiagnostik hat mehrere Vorteile: Sie kann mit wenig Aufwand und in der Praxis durchgeführt werden. Es sind keine invasiven Maßnahmen nötig. Sie eignet sich gut zur Verlaufskontrolle. Wer auf Anschaffung von Mikroskop und anderen Gerätschaften verzichten möchte, kann mit den Urinstreifen-Tests schon viele wertvolle Informationen für eine fundierte Therapie sammeln.

