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Erstellt: 20. Oktober 2026Aktualisiert: 10/202612 Minuten

Flavonoide: Wirkung, Lebensmittel und was Studien wirklich zeigen

Flavonoide färben Heidelbeeren blau und Zwiebelschalen goldbraun. Welche Lebensmittel am meisten davon enthalten, was sie im Körper bewirken und wann Nahrungsergänzungsmittel riskant werden.

Wer im Sommer Heidelbeeren pflückt, kennt das: Finger, Lippen und Zunge sind danach blau. Dahinter stecken Anthocyane, eine Untergruppe der Flavonoide. Ihre Verwandten färben Zwiebelschalen goldbraun und Blutorangen rot, und sie geben grünem Tee seinen leicht herben Geschmack. 

Flavonoide stecken in fast allem, was pflanzlich auf unserem Teller landet. Oft sitzen sie genau dort, wo wir das Messer ansetzen: in der Schale, in den äußeren Blättern, in der weißen Haut unter der Orangenschale. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Lebensmittel besonders viel davon enthalten, was die Forschung über ihre Wirkung tatsächlich weiß und warum Kapseln keine gute Abkürzung sind. 

Auf einen Blick

  • Was: Mehr als 6.000 Pflanzenstoffe aus der Gruppe der Polyphenole. Pflanzen schützen sich damit vor UV-Licht und Fraßfeinden.
  • Wo: Viel davon steckt in Beeren, Kakao, Tee, Zwiebeln, Petersilie, Zitrusfrüchten und Äpfeln mit Schale.
  • Wirkung: In großen Beobachtungsstudien geht eine Aufnahme von rund 500 mg am Tag mit einer geringeren Sterblichkeit einher. Ob die Flavonoide selbst die Ursache sind, ist nicht bewiesen.
  • Antioxidantien? Im Körper kaum. Sie wirken eher über Signalwege in den Zellen und über die Darmbakterien.
  • Kapseln: Hoch dosiert nicht harmlos, etwa Grüntee-Extrakt oder Isoflavone. Lebensmittel sind die bessere Quelle.
Eine weiße Schüssel voller frischer Heidelbeeren
Abbildung 1: Heidelbeeren verdanken ihre Farbe den Anthocyanen, einer Untergruppe der Flavonoide. Foto: Wikimedia Commons (CC0)

Was sind Flavonoide?

Flavonoide sind sekundäre Pflanzenstoffe. Die Pflanze braucht sie nicht zum Wachsen, aber zum Überleben: Sie filtern UV-Strahlung, halten Fraßfeinde und Pilze fern und locken mit ihren Farben Insekten an. Bekannt sind mehr als 6.000 verschiedene Verbindungen [15]. Chemisch gehören sie zu den Polyphenolen. 

Der Name kommt vom lateinischen flavus für gelb, denn viele Flavonoide sind in reiner Form gelblich. Die große Ausnahme sind die Anthocyane, die je nach Säuregrad rot, violett oder blau färben. 

Weil Flavonoide vor allem ein Schutzschild sind, sitzen sie dort, wo die Pflanze am stärksten der Umwelt ausgesetzt ist: in Schalen, Randschichten und äußeren Blättern. Ein Apfel mit Schale enthält etwa viermal so viel Quercetin wie ein geschälter [1]. 

Die wichtigsten Gruppen

Gruppe

Flavonole 

Bekannte Vertreter

Quercetin, Kaempferol 

Typische Quellen

Zwiebeln, Grünkohl, Apfelschale 

Gruppe

Flavone 

Bekannte Vertreter

Apigenin, Luteolin 

Typische Quellen

Petersilie, Sellerie, Paprika 

Gruppe

Flavanone 

Bekannte Vertreter

Hesperetin, Naringenin 

Typische Quellen

Orangen, Zitronen, Grapefruit 

Gruppe

Flavan-3-ole (Catechine) 

Bekannte Vertreter

Epicatechin, EGCG 

Typische Quellen

Tee, Kakao, Äpfel 

Gruppe

Anthocyane 

Bekannte Vertreter

Cyanidin, Delphinidin 

Typische Quellen

Holunder, Heidelbeeren, Johannisbeeren 

Gruppe

Isoflavone 

Bekannte Vertreter

Genistein, Daidzein 

Typische Quellen

Soja, Rotklee 

Lebensmittel mit besonders vielen Flavonoiden

Die folgende Tabelle beruht auf der Flavonoid-Datenbank des US-Landwirtschaftsministeriums, der umfangreichsten frei zugänglichen Sammlung solcher Messwerte [1][2]. Die Zahlen sind gerundete Mittelwerte. In der Praxis schwanken sie stark, je nach Sorte, Reife, Anbau und Lagerung. Bei Holunderbeeren reicht allein der Anthocyangehalt in den Messungen von etwa 130 bis über 1.000 mg. 

Lebensmittel

Holunderbeeren 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

520 mg 

Hauptvertreter

Anthocyane 

Lebensmittel

Kakaopulver, nicht alkalisiert 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

270 mg 

Hauptvertreter

Epicatechin, Catechin 

Lebensmittel

Petersilie, frisch 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

230 mg 

Hauptvertreter

Apigenin 

Lebensmittel

Heidelbeeren 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

180 mg 

Hauptvertreter

Anthocyane 

Lebensmittel

Schwarze Johannisbeeren 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

170 mg 

Hauptvertreter

Anthocyane 

Lebensmittel

Sojabohnen, getrocknet 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

155 mg 

Hauptvertreter

Isoflavone 

Lebensmittel

Schwarzer Tee (pro 100 ml) 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

120 mg 

Hauptvertreter

Thearubigine, Catechine 

Lebensmittel

Grünkohl 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

90 mg 

Hauptvertreter

Kaempferol, Quercetin 

Lebensmittel

Grüner Tee (pro 100 ml) 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

75 mg 

Hauptvertreter

Catechine (EGCG) 

Lebensmittel

Rote Zwiebel 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

55 mg 

Hauptvertreter

Quercetin 

Lebensmittel

Orange 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

45 mg 

Hauptvertreter

Hesperidin 

Lebensmittel

Rotwein (pro 100 ml) 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

35 mg 

Hauptvertreter

Catechine, Anthocyane 

Lebensmittel

Apfel mit Schale 

Flavonoide pro 100 g (ca.)

15 mg 

Hauptvertreter

Epicatechin, Quercetin 

Werte umgerechnet auf die Grundmoleküle ohne Zuckerrest (Aglykone), polymere Gerbstoffe nicht eingerechnet. Tee: 1 g Teeblätter auf 100 ml Wasser. 

Kakao: auf die Verarbeitung kommt es an

Kakao ist eine der reichsten Quellen für Flavan-3-ole. Allerdings gehen beim sogenannten Alkalisieren, das Kakao milder und dunkler macht, zwei Drittel davon verloren: Naturbelassenes Kakaopulver liefert rund 270 mg pro 100 g, alkalisiertes nur noch knapp 100 mg [1]. Ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich, dort steht dann „mit Säureregulator“ oder „alkalisiert“. 

Dunkle Schokolade und Kakaobohnen auf einem Holztisch
Abbildung 2: Kakao und dunkle Schokolade enthalten viele Flavan-3-ole, vor allem Epicatechin. Foto: Nikowsk / Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0

Tee: die Menge zählt mehr als die Ziehzeit

Für viele Menschen in Deutschland ist Tee die wichtigste Flavonoidquelle überhaupt. Schwarzer und grüner Tee unterscheiden sich weniger in der Menge als in der Art: Grüntee enthält vor allem Catechine wie EGCG, beim Fermentieren von Schwarztee entstehen daraus größere Moleküle, die Thearubigine. Der größte Teil der Flavonoide geht schon in den ersten Minuten in den Aufguss über. Entscheidender als langes Ziehen ist, wie viel Tee Sie in die Kanne geben [1]. 

Eine weiße Teeschale mit hellgrünem japanischem Sencha-Tee
Abbildung 3: Grüner Tee (Sencha) liefert vor allem Catechine wie EGCG. Foto: Difference engine / Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0

Zwiebeln: rot schlägt gelb

Zwiebeln sind die wichtigste Quercetinquelle in unserer Ernährung. Rote Zwiebeln enthalten mehr als gelbe, weil zu Quercetin noch Anthocyane hinzukommen. Die Werte schwanken allerdings beträchtlich: Bei gelben Zwiebeln reichen die Messungen von 1,5 bis über 90 mg Quercetin pro 100 g [1]. Am meisten sitzt in den äußeren, fleischigen Schichten direkt unter der trockenen Haut. 

Rote Zwiebeln auf einem Marktstand
Abbildung 4: Rote Zwiebeln enthalten neben Quercetin auch Anthocyane. Foto: Wikimedia Commons (CC0)

Zitrusfrüchte: das Beste steckt im Weißen

Orangen, Zitronen und Grapefruits liefern Flavanone wie Hesperidin und Naringin. Diese sitzen vor allem in der weißen Haut und den Trennwänden der Fruchtsegmente. Wer eine Orange isst, statt sie zu pressen, nimmt deshalb mehr davon auf. Blutorangen bringen zusätzlich Anthocyane mit, daher ihre Farbe. 

Ein Korb mit Orangen, eine aufgeschnittene Blutorange zeigt das dunkelrote Fruchtfleisch
Abbildung 5: Blutorangen enthalten Flavanone wie Hesperidin und zusätzlich rote Anthocyane. Foto: Wikimedia Commons (CC0)

Wie wirken Flavonoide? Was belegt ist und was nicht

Lange galten Flavonoide vor allem als Antioxidantien, also als Radikalfänger. Im Reagenzglas stimmt das auch. Im Körper sieht es anders aus: Nur ein kleiner Teil gelangt überhaupt ins Blut, und die Konzentrationen liegen meist unter einem Mikromol pro Liter. Das ist viel zu wenig, um nennenswert Radikale abzufangen [15]. Die US-Behörde USDA hat ihre Datenbank zur „antioxidativen Kapazität“ von Lebensmitteln (ORAC) deshalb schon 2012 zurückgezogen, und die EFSA hat Werbeaussagen zur antioxidativen Wirkung abgelehnt [9]. 

Heute geht die Forschung davon aus, dass Flavonoide eher als Signalstoffe wirken: Sie beeinflussen Enzyme und Botenstoffe in Zellen und Gefäßwänden. Außerdem werden viele von ihnen erst im Dickdarm von Bakterien aufgeschlossen. Wie gut das klappt, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Das erklärt vermutlich, warum Studien oft so widersprüchliche Ergebnisse liefern. 

Die bisher größte Studie dazu kommt aus Dänemark. Forschende begleiteten über 56.000 Menschen 23 Jahre lang [4]. Wer rund 500 mg Flavonoide am Tag zu sich nahm, starb in dieser Zeit seltener, vor allem an Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen, als Menschen mit sehr geringer Aufnahme. Mehr brachte kaum zusätzlichen Nutzen. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Raucherinnen und Rauchern und bei Menschen, die viel Alkohol tranken. Eine Beobachtungsstudie kann aber nicht beweisen, dass die Flavonoide selbst die Ursache sind. Wer viel Obst, Gemüse und Tee zu sich nimmt, lebt oft auch sonst gesünder. 

Was die Forschung zu Flavonoiden sagt

AussageEine flavonoidreiche Ernährung geht mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und frühen Tod einher
Hinweise
Anmerkung

Große Kohortenstudien und Metaanalysen mit über 1,5 Millionen Menschen [4][5]. Beobachtungsdaten, keine Beweise für Ursache und Wirkung. 

AussageKakaoflavanole tragen zur Elastizität der Blutgefäße bei
Gesichert
Anmerkung

Von der EU zugelassene Gesundheitsangabe, gilt ab 200 mg Kakaoflavanolen täglich [8]. Normale Schokolade erreicht das kaum, gemeint sind flavanolreiche Spezialprodukte. 

AussageKakaoextrakt-Kapseln senken das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
Nicht belegt
Anmerkung

In der großen COSMOS-Studie mit über 21.000 Teilnehmenden wurde das Hauptziel verfehlt. Es gab aber weniger Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein Hinweis, der weiter untersucht wird [6]. 

AussageFlavonoide schützen vor dem geistigen Abbau im Alter
Hinweise
Anmerkung

In einer US-Kohorte mit über 77.000 Menschen berichteten Personen mit hoher Aufnahme seltener über Gedächtnisprobleme [7]. Gemessen wurde die eigene Einschätzung, keine Tests. 

AussageFlavonoide wirken im Körper als Antioxidantien
Nicht belegt
Anmerkung

Die Blutspiegel sind dafür zu niedrig [15]. Die EFSA hat entsprechende Werbeaussagen abgelehnt [9]. 

AussageFlavonoide wirken antiviral, entzündungshemmend oder krebshemmend
Nicht belegt
Anmerkung

Solche Effekte sind im Labor und im Tierversuch beschrieben, meist mit Konzentrationen, die über die Nahrung nicht erreicht werden. Studien am Menschen fehlen. 

AussageFlavonoidhaltige Heilpflanzen wie Weißdorn oder Holunderblüten lindern leichte Beschwerden
Erfahrung
Anmerkung

Von der Europäischen Arzneimittel-Agentur als traditionelle Arzneimittel anerkannt, auf Grundlage langjähriger Anwendung [17][20]. 

Wie viel Flavonoide sind sinnvoll?

Eine offizielle Empfehlung gibt es nicht, weil Flavonoide nicht lebensnotwendig sind wie Vitamine. In Europa liegt die durchschnittliche Aufnahme bei gut 400 mg am Tag [3]. Der Durchschnitt täuscht allerdings: Wenige Menschen, oft Vielteetrinker, nehmen sehr viel auf, viele andere nur sehr wenig. In Deutschland ist diese Schieflage besonders ausgeprägt. 

Als Orientierung bieten sich die rund 500 mg an, bei denen der Zusammenhang in der dänischen Studie seine volle Stärke erreichte [4]. Das klingt nach viel, ist aber mit ganz normalen Lebensmitteln gut zu schaffen. 

So kommen Sie auf rund 500 mg am Tag

Praxis-Tipp
  • Eine große Tasse schwarzer oder grüner Tee (ca. 250 ml): etwa 200 bis 300 mg 

  • Eine Handvoll Heidelbeeren (ca. 100 g): etwa 180 mg 

  • Ein Apfel mit Schale (ca. 150 g): etwa 25 mg 

  • Eine Orange (ca. 150 g): etwa 65 mg 

Alternativ zu Tee: ein Kakao aus naturbelassenem Kakaopulver oder eine Portion Rotkohl mit roter Zwiebel. Es geht nicht darum, Milligramm zu zählen, sondern bunt zu essen. Jede Farbe steht für andere Flavonoide. 

Tipps für den Alltag

  • Schale dranlassen. Bei Äpfeln, Birnen und Gurken steckt ein großer Teil der Flavonoide in der Schale. Gut waschen genügt. 

  • Zwiebeln sparsam schälen. Nur die trockene Haut entfernen, nicht noch eine Schicht mehr. Gerade dort sitzt viel Quercetin. 

  • Lieber dünsten als kochen. Flavonoide sind wasserlöslich und wandern ins Kochwasser. Beim Braten und Dünsten gehen weniger verloren als beim Kochen in viel Wasser [16]. Wer Gemüse kocht, verwendet das Wasser am besten für Suppe oder Soße weiter. 

  • Ganze Früchte statt Saft. Vor allem bei Zitrusfrüchten, wo die weiße Haut viele Flavanone liefert. 

  • Naturbelassenen Kakao wählen. Alkalisierter Kakao hat deutlich weniger Flavanole. 

  • Frische Kräuter großzügig verwenden. Schon eine Handvoll Petersilie bringt eine beachtliche Menge Apigenin mit. 

Ob Milch im Tee oder Kakao die Aufnahme der Flavonoide bremst, ist umstritten. Die Studien dazu widersprechen sich, ein großer Effekt ist eher unwahrscheinlich. 

Frischer krauser Grünkohl in einer Schale auf einem Leinentuch
Abbildung 6: Grünkohl gehört zu den flavonoidreichsten Gemüsesorten, vor allem durch Kaempferol und Quercetin. Foto: Wikimedia Commons (CC0)

Flavonoide als Nahrungsergänzungsmittel

Quercetin-Kapseln, Grüntee-Extrakt, Isoflavone gegen Wechseljahresbeschwerden: Das Angebot ist groß. Isolierte Flavonoide in hoher Dosis sind aber etwas anderes als ein Apfel oder eine Tasse Tee. Ihre Langzeitsicherheit ist oft kaum untersucht, und sie können mit Medikamenten in Wechselwirkung treten. 

Wann Sie bei Präparaten vorsichtig sein sollten

  • Grüntee-Extrakt: Ab etwa 800 mg EGCG am Tag steigen die Leberwerte. In der EU muss eine Tagesportion deshalb unter dieser Menge bleiben, und Schwangere, Stillende und Jugendliche sollen solche Produkte nicht einnehmen [10]. Normaler Tee gilt als unbedenklich. 

  • Isoflavone aus Soja oder Rotklee: Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät, höchstens 100 mg Soja-Isoflavone am Tag über maximal zehn Monate einzunehmen, bei Rotklee höchstens 43,5 mg über drei Monate. Bei Brustkrebs oder anderen hormonabhängigen Erkrankungen sind sie nicht geeignet [11]. 

  • Quercetin: Präparate enthalten oft 1.000 mg am Tag. Für eine Einnahme über mehr als zwölf Wochen fehlen Sicherheitsdaten, außerdem kann Quercetin die Wirkung von Medikamenten verändern [12]. 

  • Wechselwirkungen: Grüner Tee kann in größeren Mengen die Aufnahme bestimmter Blutdruckmittel stark verringern [14]. Wer regelmäßig Medikamente nimmt, sollte Präparate deshalb ärztlich oder in der Apotheke abklären lassen. 

Übrigens: Bei der bekannten Wechselwirkung von Grapefruitsaft mit Medikamenten sind nicht die Flavonoide die Hauptursache, sondern andere Inhaltsstoffe, die Furanocumarine [13]. 

Flavonoide in der Naturheilkunde

In der Pflanzenheilkunde spielen Flavonoide eine wichtige Rolle. Bei einigen Arzneipflanzen gelten sie als maßgeblich für die Wirkung. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) bewertet solche Pflanzen in eigenen Monographien. Dabei unterscheidet sie zwischen anerkannter Anwendung, die auf Studien beruht, und traditioneller Anwendung, die sich auf eine mindestens 30-jährige Nutzung stützt. 

Weißdorn

Weißdornblätter mit Blüten enthalten Flavonoide wie Hyperosid und Vitexin sowie oligomere Procyanidine. Die EMA führt sie als traditionelles Arzneimittel bei vorübergehenden nervösen Herzbeschwerden wie Herzklopfen, nachdem eine Ärztin oder ein Arzt ernsthafte Ursachen ausgeschlossen hat, sowie bei leichten Stresssymptomen [17]. 

Weiße Blüte des Eingriffeligen Weißdorns mit roten Staubbeuteln vor dunklem Hintergrund
Abbildung 7: Weißdornblüte (Crataegus monogyna). Blätter und Blüten werden als Arzneidroge genutzt. Foto: Ermell / Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0

Mariendistel

Die Früchte der Mariendistel enthalten Silymarin, ein Gemisch aus sogenannten Flavonolignanen. Die EMA erkennt Mariendistel als traditionelles Arzneimittel bei Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und zur Unterstützung der Leberfunktion an [18]. 

Violette Blüte einer Mariendistel mit stacheligen, weiß geaderten Blättern
Abbildung 8: Blühende Mariendistel (Silybum marianum). Arzneilich verwendet werden die Früchte. Foto: Jamain / Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0

Ginkgo

Ginkgo ist eine der wenigen Pflanzen, bei denen die EMA eine anerkannte Anwendung bestätigt: Ein standardisierter Trockenextrakt aus den Blättern wird bei altersbedingten kognitiven Einschränkungen und zur Verbesserung der Lebensqualität bei leichter Demenz eingesetzt [19]. Er ist auf einen bestimmten Gehalt an Flavonglykosiden eingestellt. 

Weitere flavonoidreiche Arzneipflanzen

  • Holunderblüten: traditionell bei ersten Anzeichen einer Erkältung [20] 

  • Birkenblätter und Orthosiphonblätter: traditionell zur Durchspülung bei leichten Harnwegsbeschwerden [21] 

  • Stiefmütterchenkraut: traditionell bei leichten Hautbeschwerden 

Leuchtend gelbe fächerförmige Ginkgoblätter im Herbstlicht
Abbildung 9: Ginkgoblätter im Herbst. Der Arzneiextrakt wird aus den grünen Blättern gewonnen. Foto: Wikimedia Commons (CC0)

Für Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker

Patientinnen und Patienten bringen häufig eigene Präparate mit, von Quercetin bis Grüntee-Extrakt. Fragen Sie in der Anamnese gezielt nach Nahrungsergänzungsmitteln und auch nach großen Mengen Tee. Gerade bei Menschen, die Blutdruckmittel, Gerinnungshemmer oder Hormonpräparate einnehmen, ist das wichtig. In der Ernährungsberatung ist die Botschaft „bunt und mit Schale“ meist wirksamer als jede Kapsel. 

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Chemische Einteilung der Flavonoide

Alle Flavonoide haben dasselbe Grundgerüst aus 15 Kohlenstoffatomen: zwei Benzolringe, verbunden über eine Brücke aus drei Kohlenstoffatomen (C6-C3-C6). Die Pflanze bildet daraus zunächst ein Chalkon. Je nachdem, wie sich der mittlere Ring schließt und wie stark er oxidiert ist, entstehen die verschiedenen Gruppen. 

In der Pflanze liegen Flavonoide meist als Glykoside vor, also mit einem angehängten Zuckermolekül. Der zuckerfreie Teil heißt Aglykon. Viele Flavonoide sind nach der Pflanze benannt, in der sie zuerst entdeckt wurden: Hesperidin nach der Zitrusgattung Hesperidium, Rutosid nach der Weinraute (Ruta). 

Strukturformeln von Chalkon, Flavanon, Flavanol, Flavon, Flavandiol, Flavonol, Flavanonol und Anthocyanidin
Abbildung 10: Grundstrukturen der wichtigsten Flavonoidgruppen, vom Chalkon bis zum Anthocyanidin.

Beispiele aus Lebensmitteln und Arzneipflanzen

Gruppe

Flavonole 

Aglykon

Quercetin 

Flavonoid

Rutosid 

Vorkommen

Weinraute, Weißdorn 

Gruppe

Flavonole 

Aglykon

Quercetin 

Flavonoid

Hyperosid 

Vorkommen

Weißdorn, Birke, Stiefmütterchen 

Gruppe

Flavonole 

Aglykon

Kaempferol 

Flavonoid

– 

Vorkommen

Grünkohl, Endivie 

Gruppe

Flavanonole 

Aglykon

Taxifolin 

Flavonoid

Silymarin (Flavonolignane) 

Vorkommen

Mariendistel 

Gruppe

Flavan-3-ole 

Aglykon

Catechin, Epicatechin 

Flavonoid

Procyanidin B-2 

Vorkommen

Weißdorn, Kakao 

Gruppe

Flavan-3-ole 

Aglykon

Epigallocatechin 

Flavonoid

EGCG 

Vorkommen

Grüner Tee 

Gruppe

Flavanone 

Aglykon

Hesperetin 

Flavonoid

Hesperidin 

Vorkommen

Orange, Zitrone 

Gruppe

Flavanone 

Aglykon

Naringenin 

Flavonoid

Naringin 

Vorkommen

Grapefruit 

Gruppe

Flavone 

Aglykon

Apigenin 

Flavonoid

Vitexin 

Vorkommen

Stiefmütterchen, Weißdorn 

Gruppe

Flavone 

Aglykon

Luteolin 

Flavonoid

Orientin 

Vorkommen

Passionsblume 

Gruppe

Anthocyanidine 

Aglykon

Malvidin, Delphinidin 

Flavonoid

– 

Vorkommen

Blaue Trauben, Johannisbeere 

Gruppe

Isoflavone 

Aglykon

Genistein 

Flavonoid

Genistin 

Vorkommen

Sojabohnen 

Gruppe

Isoflavone 

Aglykon

Formononetin 

Flavonoid

Ononin 

Vorkommen

Hauhechel 

Häufige Fragen

Flavonoide sind Farb- und Schutzstoffe von Pflanzen. Sie geben vielen Früchten und Blüten ihre gelbe, rote oder blaue Farbe und schützen die Pflanze vor UV-Licht und Fraßfeinden. Bekannt sind mehr als 6.000 verschiedene Flavonoide. 

Besonders reich sind Holunderbeeren, naturbelassenes Kakaopulver, frische Petersilie, Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren sowie schwarzer und grüner Tee. Auch Grünkohl, rote Zwiebeln, Zitrusfrüchte und Äpfel mit Schale tragen viel bei. 

Sie beeinflussen vermutlich Signalwege in Zellen und Blutgefäßen und werden teils von Darmbakterien umgewandelt. In großen Beobachtungsstudien geht eine flavonoidreiche Ernährung mit weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Belegt im engeren Sinn ist bisher nur, dass Kakaoflavanole die Elastizität der Blutgefäße unterstützen. 

Eine offizielle Empfehlung gibt es nicht. In einer großen dänischen Studie war der Zusammenhang mit einer geringeren Sterblichkeit bei etwa 500 mg am Tag am deutlichsten. Das entspricht zum Beispiel einer großen Tasse Tee, einer Handvoll Beeren, einem Apfel und einer Orange. 

Quercetin ist eines der häufigsten Flavonoide aus der Gruppe der Flavonole. Es steckt vor allem in Zwiebeln, Grünkohl, Apfelschalen und Beeren. Als Nahrungsergänzungsmittel wird es oft hoch dosiert angeboten; für eine längere Einnahme fehlen allerdings Sicherheitsdaten. 

Aus Lebensmitteln gelten sie als unbedenklich. Hoch dosierte Präparate können dagegen Probleme machen: Grüntee-Extrakt kann ab etwa 800 mg EGCG am Tag die Leber belasten, Isoflavone sind bei hormonabhängigen Erkrankungen ungeeignet, und mehrere Flavonoide können die Wirkung von Medikamenten verändern. 

Im Reagenzglas ja, im Körper kaum. Es gelangen zu wenige Flavonoide ins Blut, um dort nennenswert freie Radikale abzufangen. Die EU erlaubt deshalb keine Werbung mit einer antioxidativen Wirkung von Flavonoiden. 

Teilweise. Sie sind wasserlöslich und gehen beim Kochen ins Wasser über. Dünsten und Braten sind schonender. Wer Gemüse kocht, kann das Kochwasser für Suppen oder Soßen weiterverwenden. 

Zum Nachschlagen: Die Flavonoid-Datenbank des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) und die europäische Datenbank Phenol-Explorer listen die Gehalte von mehreren Hundert Lebensmitteln. Die Monographien der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zu Arzneipflanzen sind frei abrufbar. 

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Beschwerden oder vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln neben Medikamenten wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt, eine Apotheke oder eine Heilpraktikerin bzw. einen Heilpraktiker. Wie wir arbeiten, lesen Sie in unseren redaktionellen Grundsätzen. 

Quellen und Änderungshistorie

  1. USDA: Database for the Flavonoid Content of Selected Foods, Release 3.3 (2018).
  2. USDA: Database for the Isoflavone Content of Selected Foods, Release 2.1 (2015).
  3. Vogiatzoglou A et al.: Assessment of the dietary intake of total flavan-3-ols, monomeric flavan-3-ols, proanthocyanidins and theaflavins in the European Union. PLoS ONE 2015.
  4. Bondonno NP et al.: Flavonoid intake is associated with lower mortality in the Danish Diet Cancer and Health Cohort. Nature Communications 2019.
  5. Micek A et al.: Dietary flavonoids and cardiovascular disease: a comprehensive dose-response meta-analysis. Molecular Nutrition & Food Research 2021.
  6. Sesso HD et al.: Effect of cocoa flavanol supplementation for the prevention of cardiovascular disease events: the COSMOS randomized clinical trial. American Journal of Clinical Nutrition 2022.
  7. Yeh TS et al.: Long-term dietary flavonoid intake and subjective cognitive decline in US men and women. Neurology 2021.
  8. EFSA: Scientific Opinion on the substantiation of a health claim related to cocoa flavanols and maintenance of normal endothelium-dependent vasodilation. EFSA Journal 2012.
  9. EFSA: Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to various food(s)/food constituent(s) and protection of cells from premature aging, antioxidant activity. EFSA Journal 2010.
  10. EFSA: Scientific opinion on the safety of green tea catechins. EFSA Journal 2018.
  11. Bundesinstitut für Risikobewertung: Nahrungsergänzungsmittel mit isolierten Isoflavonen bei Einnahme in und nach den Wechseljahren. Mitteilung 043/2015.
  12. Andres S et al.: Safety aspects of the use of quercetin as a dietary supplement. Molecular Nutrition & Food Research 2018.
  13. Bailey DG et al.: Grapefruit-medication interactions: forbidden fruit or avoidable consequences? CMAJ 2013.
  14. Misaka S et al.: Green tea ingestion greatly reduces plasma concentrations of nadolol in healthy subjects. Clinical Pharmacology & Therapeutics 2014.
  15. Linus Pauling Institute, Oregon State University: Flavonoids.
  16. Crozier A et al.: Quantitative analysis of the flavonoid content of commercial tomatoes, onions, lettuce, and celery. Journal of Agricultural and Food Chemistry 1997.
  17. EMA: Crataegi folium cum flore (Weißdornblätter mit Blüten), Monographie.
  18. EMA: Silybi mariani fructus (Mariendistelfrüchte), Monographie.
  19. EMA: Ginkgo folium (Ginkgoblätter), Monographie.
  20. EMA: Sambuci flos (Holunderblüten), Monographie.
  21. EMA: Betulae folium (Birkenblätter), Monographie.

Änderungshistorie

  • 10/2026Vollständig überarbeitet: Lebensmitteltabelle mit Gehalten, Einordnung der Studienlage, Abschnitte zu Nahrungsergänzungsmitteln, Heilpflanzen und Alltagstipps ergänzt, Fotos und aktuelle Quellen aufgenommen
  • 11/2024Erstveröffentlichung im Paracelsus ABC

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