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Erstellt:4. September 2026

Renaissance der stillen Helfer

Naturheilkunde8 Minuten
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THERAPEUTISCHE ANWENDUNGSMÖGLICHKEITEN VON MEDIZINISCHEN BLUTEGELN

Auf so einige Menschen wirken Blutegel (Hirudo medicinalis) zunächst befremdlich oder unangenehm „schleimig“. In der naturheilkundlichen Praxis hingegen gelten die Tiere als hochwirksames Therapeutikum mit großem Potenzial. Blutegeltherapie zählt zu den ältesten Ausleitungsverfahren und erlebt seit einigen Jahrzehnten, sogar in der konventionellen Medizin, eine erneute „Aufwertung“. Was schulmedizinisch lange Zeit als überholt galt, wird heute differenziert betrachtet, nicht zuletzt aufgrund der Erkenntnisse über die bioaktiven Substanzen im Speichel der Egel. 

Diese rechtlich abgesteckte Anwendung ist zeitintensiv, bedarf einer guten Nachsorge und einer ausführlichen Patientenaufklärung. Deshalb wird sie häufig zugunsten anderer, „schnellerer“ Therapiemethoden hinten angestellt. Dennoch sollte sie v. a. bei chronischen, entzündlichen und schmerzhaften Erkrankungen immer als Alternative in Betracht gezogen werden. Im Artikel stelle ich den vielseitigen und wirkungsstarken Therapieansatz mit Blutegeln vor.  

HISTORISCHE ENTWICKLUNG

Die Anwendung von Blutegeln lässt sich über 3000 Jahre zurückverfolgen. Bereits im alten Ägypten finden sich Hinweise auf ihren therapeutischen Einsatz. Im Ayurveda ist die Blutegeltherapie als Bestandteil der Raktamokshana-Verfahren fest verankert. 

In Europa hatte sie im 18. und 19. Jahrhundert eine Hochphase („Vampirismus“). Damals entstanden sogar spezialisierte Berufszweige, etwa der Blutegelsammler, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente. Es wurden jährlich Millionen Blutegel verbraucht, was die natürlichen Bestände in Europa radikal reduzierte und in der Folge zur Gründung der ersten Zuchtbetriebe führte. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts geriet die Hirudo-Anwendung zusehends in Vergessenheit, was auf die Entdeckung krankheitsauslösender Keime, die Entwicklung modernerer Behandlungsverfahren und die damit einhergehende Neuausrichtung der Medizin zurückzuführen ist. Erst im Zuge des Wiederauflebens vieler naturheilkundlicher Verfahren und durch Fortschritte der biochemischen Forschung wurde der inzwischen sogar in Verruf geratene Behandlungsansatz neu bewertet und wieder in die therapeutische Praxis integriert. 

BIOLOGISCHE GRUNDLAGEN

Der Blutegel ist ein Ringelwurm, der sich von Blut ernährt. Während des Saugakts, der 30-60 Minuten dauert, in seltenen Fällen bis zu 90 Minuten, gibt er über seinen Speichel eine Vielzahl pharmakologisch aktiver Substanzen in das Gewebe seines „Opfers“ ab, um den Trinkvorgang für sich zu erleichtern. Dabei nimmt er mehrere Milliliter Blut auf. Nachdem er genug getrunken hat, fällt er von selbst ab. Anschließend ist eine mehrere Stunden anhaltende Nachblutung charakteristisch, die für den Wirt normalerweise unproblematisch und im therapeutischen Kontext erwünscht ist. 

WIRKMECHANISMEN

Die Wirkung der Blutegeltherapie beruht auf einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren. 

Pharmakologisch wirksame Substanzen

Neben Hirudin, das die Blutgerinnung hemmt, sind Calin (Verlängerung der Nachblutung), Eglin und Bdellin nennenswert. Letztere weisen entzündungshemmende Eigenschaften auf. Bedeutsam ist auch Hyaluronidase, da sie die Gewebedurchlässigkeit verbessert. 

Physiologische Effekte

Diese zeigen sich in Form einer verbesserten Mikrozirkulation und einer Entstauung des Gewebes. Gleichsam lassen sich antiphlogistische sowie analgetische Effekte, häufig bereits kurz nach der Behandlung, beobachten. Die Kombi aus lokalem Blutentzug und systemischer Wirkung macht ebendiesen besonderen therapeutischen Wert aus. 

INDIKATIONEN

In der Praxis hat sich Blutegeltherapie v. a. bei chronischen und stagnierenden Prozessen bewährt. Beliebte Indikationen sind: 

  • Bewegungsapparat 

  • Arthrosen (v. a. Knie) 

  • Tendopathien 

  • chronische Gelenkschmerzen 

  • Gefäßsystem 

  • chronische venöse Insuffizienz 

  • Varikose 

  • Hämatome (Einblutung ins Gewebe) 

  • Neurologie 

  • Neuralgien 

  • Migräne 

  • neuropathische Schmerzsyndrome 

  • HNO-Heilkunde 

  • Tinnitus 

  • chronische Otitis 

  • Durchblutungsstörungen 

  • Dermatologie 

  • schlecht anwachsende Hauttransplantate (Klinik) 

  • lokale Entzündungen 

  • Wundheilungsstörungen 

  • Narbenproblematiken 

KONTRAINDIKATIONEN UND RECHTSLAGE

Bevor wir die Blutegeltherapie bei Patienten näher in Betracht ziehen, müssen mögliche Kontraindikationen ausgeschlossen werden. 

Absolute Kontraindikationen:

  • Gerinnungsstörungen 

  • Antikoagulation 

  • schwere Anämie 

  • aktive schwere Infektionen 

  • ausgeprägte Immunsuppression 

Relative Kontraindikationen:

  • leichte bis mäßige Gerinnungsbeeinflussung (z. B. durch Ginkgo- oder Curcumin-Präparate) 

  • höheres Lebensalter 

  • Schwangerschaft und Stillzeit 

  • chronische Erkrankungen 

  • Hautprobleme im Behandlungsareal 

  • psychische Faktoren 

  • Keloidneigung 

  • fehlende Patienten-Compliance 

Achtung: Die aktuelle Rechtslage ist zu beachten! Bitte informieren Sie sich ausführlich über Anwendungsbeschränkungen und -vorschriften sowie den geltenden Tierschutz. 

PRAKTISCHE DURCHFÜHRUNG

Die Anwendung erfordert einiges an Geschick im Umgang mit den kleinen Helfern. Da es sich um lebende Tiere handelt, ist Ruhe und Geduld gefragt. Aus eigener Erfahrung (und in vielen Quellen nachzulesen) kann ich bestätigen, dass sich etwaige Unruhe des Therapeuten auf den Egel überträgt und dies das Ansetzen erschwert. Auch ist es möglich, dass die Tiere zu gewissen Tageszeiten oder Wetterlagen (Druckveränderungen) unterschiedlich „motiviert“ sind, zu beißen. 

Idealerweise ca. eine Woche vor der Behandlung sollten Patienten über einige Verhaltensregeln vor, während und nach der Anwendung aufgeklärt werden: Da Blutegel sehr geruchsempfindlich sind, ist es ratsam, im Vorfeld und am Behandlungstag auf duftende Cremes und Parfums zu verzichten. Dasselbe gilt für Nikotinkonsum und den Verzehr von Knoblauch. 

Am Behandlungstag kann es klug sein, wenn sich der Patient zur Praxis bringen und wieder abholen lässt. Es sollten keine Folgetermine vereinbart werden. 

Das Tragen weiter Kleidung ist zweckmäßig, um Platz für die umfassendere Wundversorgung zu bieten. Nach einer Einverständniserklärung des Patienten zur Durchführung der Therapie wird das Behandlungsareal gereinigt, und die Egel werden auf die betroffenen Regionen gesetzt. Damit die Tiere schnell beißen oder um sie, falls notwendig, dazu zu bringen, können einige Tricks angewendet werden: 

Es kann vorab z. B. ein heißes Tuch aufgelegt werden, um die Durchblutung an dieser Stelle zu fördern. Dies kann v. a. in schlecht durchbluteten Hautbereichen hilfreich sein. Außerdem kann das Areal vorher geschröpft oder die Haut mit einer Lanzette/Kanüle eröffnet werden. Nicht zuletzt lässt sich mit Lockstoffen arbeiten. 

Das Anbringen mit Applikator (Glasröhrchen), Zange, abgeschnittenen Spritzen oder Schröpfköpfen bedarf Erfahrung, kann aber in Seminaren erlernt und erlebt werden. Der Saugvorgang der Egel geschieht selbstständig. Manche Tiere verfallen währenddessen in eine Art Schlaf, sodass sie nochmals zum Trinken animiert werden müssen. Dies kann erfolgen, indem man mit einem Spatel leicht über den Kopf des Egels streicht, um den in der Natur vorkommenden Versuch eines Tiers, den Egel abzustreifen, nachzustellen. 

Der Egel fällt von selbst ab, sobald er genug Blut entnommen hat. Ein vorzeitiges aktives Entfernen sollte vermieden werden, da dies zu Komplikationen (z. B. Wundinfektionen) führen kann. Nach dem Abfallen ist mit der therapeutisch gewollten Nachblutung zu rechnen. Eine sorgfältige Wundversorgung im Anschluss ist unerlässlich. Während der Therapie werden zum Eigenschutz medizinische Handschuhe getragen. Blutegel sondern während des Saugvorgangs eine klare Flüssigkeit ab. Diese besteht größtenteils aus Wasser, ist jedoch potenziell infektiös. 

NEBENWIRKUNGEN UND RISIKEN

Eine gute Patientenauswahl und hygienisches Arbeiten sind entscheidend. Die Therapie gilt bei sachgemäßer Durchführung als sicher – dennoch sind mögliche Nebenwirkungen zu beachten. So kann eine verlängerte Nachblutung (bis zu 48 Stunden), eine lokale Infektion oder in sehr seltenen Fällen Narbenbildung vorkommen. Allergische Reaktionen sind äußerst rar, können jedoch bei Folgebehandlungen auftreten. 

Es kann zu einer dauerhafteren Verfärbung der Haut durch Pigmentveränderung kommen, was den Einsatz im Gesicht meiner Ansicht nach nur bei einem positiven Nutzen-Risiko-Verhältnis rechtfertigt. 

FALLSTUDIE GONARTHROSE

Eine Patientin Mitte 40 stellt sich mit seit Jahren bestehenden, therapieresistenten Beschwerden vor. Aufgrund mehrfacher Traumata, operativer Eingriffe und ausgeprägter Vernarbungen kann mit konventionellen Maßnahmen nur eine kurzfristige Linderung erzeugt werden. Weitere operative Schritte lehnt sie ab. Auf die Blutegeltherapie war sie durch Erfahrungen aus dem Reitsport aufmerksam geworden, da diese bei ihren Pferden sehr erfolgreich angewendet worden war. Deshalb möchte sie es gern selbst ausprobieren. 

Anwendung

Ich setze vier Blutegel um die Patella herum und einen Egel direkt darauf. Nach der Behandlung erfolgt eine Wundkontrolle. Die Patientin gibt an, keine Verbesserung zu verspüren, und kommt vorerst nicht wieder. Ich nehme zu diesem Zeitpunkt einen ausbleibenden Therapieerfolg an. 

Verlauf

Ein Jahr später stellt sich die Patientin erneut vor und berichtet vom Gegenteil: Zwei Wochen nach der Anwendung sei es zu einer deutlichen und anhaltenden Besserung gekommen. Die Beschwerden seien nahezu vollständig abgeklungen, und sie habe über einen Zeitraum von einem Jahr Beschwerdefreiheit erlebt. 

© antoineartaud I adobestock.com

FALLSTUDIE TINNITUS

Ein Ehepaar, beide Mitte 60, kommt mit Tinnitus-Symptomatik in die Praxis. Diese hat sich bei ihnen nach einem Infekt entwickelt. Da die Cortison-Behandlung erfolglos geblieben war, suchten sie nach einem Therapeuten, der Blutegelbehandlungen anbietet. Bei der Patientenaufklärung spreche ich die lange Dauer und ein potenzielles Therapieversagen an, was eine Blutegelanwendung bei Tinnitus mit sich bringen kann. Meine Patienten möchten es dennoch wagen. 

Anwendung

Bei beiden wurden am jeweils betroffenen Ohr drei Blutegel angebracht – je ein Tier am „Tor des Ohres“ (kleine Vertiefung knapp vor dem Ohr oberhalb des Kiefergelenks), am Processus mastoideus und unter dem Ohrläppchen (hinter dem Kieferwinkel). 

Verlauf

Die Behandlung wird sechs Mal im Abstand von je zwei bis vier Wochen durchgeführt. Der Mann berichtet von einer stetigen Verbesserung seiner Beschwerden, sodass hier von einem Erfolg gesprochen werden kann. Sein Tinnitus wird so leise, dass er nur noch bei extremer Konzentration leicht wahrnehmbar ist. Leider können wir bei seiner Frau keine nachhaltige Verbesserung erzielen. Zwar verändert sich der Tinnitus auch bei ihr nach jeder Behandlung in Intensität und Qualität, jedoch kann er nicht beseitigt werden. 

EVIDENZ

Der wissenschaftliche Forschungsstand zur Blutegeltherapie ist inhomogen. Für die Behandlung von Gonarthrose liegen Studien vor, die eine deutliche Schmerzreduktion zeigen. Für andere Indikationen, v. a. im HNO-Bereich, ist die Datenlage nur begrenzt belastbar. Der Einsatz basiert meist auf Erfahrungswerten und Einzelfallbeobachtungen. 

FAZIT

Die Anwendung von Blutegeln ist ein bewährtes, vielseitige und in zahlreichen Fällen wirkungsvolles Therapieverfahren. Bei Gelenkerkrankungen und Arthrosen ist der Effekt durch wissenschaftliche Studien belegt. Die Therapie anderer Erkrankungen (z. B. Tinnitus) bleibt trotz einzelner Erfolge naturheilkundlich sowie schulmedizinisch schwierig. Manche relativen Kontraindikationen und Nebenwirkungen machen eine Abwägung des Nutzens dieser Behandlung unerlässlich (z. B. Anwendung im Gesicht, Einnahme von Blutverdünnern). Bei der Nachsorge ist Achtsamkeit geboten, und nicht zuletzt sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz der Tiere zu beachten. 

Es lohnt sich, die Behandlung mit Blutegeln in Erwägung zu ziehen, v. a. wenn der Auslöser entzündlicher Natur oder durch eine Mikrozirkulationsstörung verursacht ist und eine gute Compliance des Patienten besteht. Für Heilpraktiker kann diese Therapiemethode besonders bei chronischen Beschwerden eine wertvolle Ergänzung ihres Behandlungsspektrums darstellen. 

BENJAMIN FÜRST

Heilpraktiker mit Schwerpunkten Schmerztherapie, Neuraltherapie und Blutegelbehandlung, Dozent der Paracelsus Gesundheitsakademien, Autor, Praxis in Nürnberg

praxis@hp-fuerst.de

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