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Paracelsus Magazin Ausgabe 05/2026

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Naturheilkunde

Erstellt: 3. September 2026Aktualisiert: 16. Oktober 20267 Minuten

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Myalgische Encephalitis bzw. chronisches Fatigue-Syndrom verstehen und lindern

© Natalia S. I adobestock.com

Myalgische Encephalitis bzw. chronisches Fatigue-Syndrom verstehen und lindern

Mit Myalgischer Encephalitis oder Chronischem Müdigkeits-Syndrom (ME/CFS) wird ein persistierender Krankheitsverlauf beschrieben, der überwiegend nach unterschiedlichsten Virusinfektionen (z. B. EBV, Herpes, Zytomegalie, SARS-CoV-2) auftritt. Leitsymptom ist eine rasch auftretende, anhaltende Erschöpfung. Aufgrund vielfältiger und schwer einzuordnender zusätzlicher Symptome wurde die Erkrankung bisher meist Psychiatern und Psychologen zugewiesen. Dass die Psyche nicht primär ursächlich für ME/CFS ist, das weiß man heute. In diesem Artikel werden die eigentlichen Auslöser und geeignete therapeutische Schritte beleuchtet. 

Prävalenz

Der Begriff „Myalgische Encephalitis“ stammt aus dem Free Royal Hospital in London. Nach einer schweren Grippeepidemie im Jahre 1956 klagten dort viele Mitarbeiter über Muskel- und Kopfschmerzen, die man mit entzündlichen Veränderungen erklärte, welche aber nie nachgewiesen wurden. In Deutschland waren bis vor wenigen Jahren nur insgesamt ca. 250000 Personen (0,3% der Bevölkerung) von ME/CFS betroffen. Neben fehlenden pathologischen Organbefunden ist dies einer der Hauptgründe, weshalb das Krankheitsbild in Medizin und Forschung bisher vernachlässigt wurde. Infolge der „Covid-19-Pandemie“ kam es zu einer erheblichen Zunahme von Behandlungsfällen (aktuell schätzungsweise ca. 650000), weswegen ME/CFS nicht mehr als seltene Krankheit angesehen werden kann. Es ist zu hoffen, dass Ursachenforschung endlich gründlicher betrieben wird und Therapien effektiver werden. 

Symptome

Die Beschwerden von ME/CFS-Patienten sind äußerst vielfältig und meist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Im Vordergrund stehen starke Erschöpfung und chronische Müdigkeit. Hinzu kommen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Depressionen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit, erhöhtes Schmerzempfinden oder Herzrhythmusstörungen. Leitsymptom ist die Intoleranz gegenüber körperlicher BeExertionalie einen intensitätsabhängigen schweren Erschöpfungszustand auslöst, der Tage bis Wochen anhalten kann. Der Zusammenbruch nach einer zu starken Belastung wird als „Crash“ und die persistierende Erschöpfung als „Post Exertional Malaise“ (PEM) bezeichnet. Diese stammt daher, dass alle (zellulären) Energiereserven bei ME/CFS-Patienten vermindert sind, unter Belastung schnell aufgebraucht und nur sehr langsam wieder nachgebildet werden. Eine individuelle Belastungsgrenze darf keinesfalls überschritten werden, um den Patienten nicht zusätzlich zu gefährden. 

Damit Betroffene (v. a. in der Rehabilitation) vor schädlichen Verordnungen bewahrt werden, sollten die Begriffe Pacing (achtsamer Umgang mit den Energiereserven der Patienten), Crash sowie Post Exertional Malaise in allen Bereichen der Medizin, auch der Heilpraktikerschaft, bekannt sein. 

Das Zellenergie-Defizit-Syndrom

Ursächlich für die Erkrankung sind nicht spezielle Organleiden – deshalb bleibt die fachärztliche Diagnostik i. d. R. ohne krankhaften Befund. Die zentrale Drehscheibe der Erkrankung ist vielmehr ein zellulärer ATP-Mangel, sprich: ein Zellenergie-Defizit-Syndrom. Warum? Zum Erhalt ihrer Vitalität sowie Leistungskraft benötigen alle Körperzellen ausreichend Energie (ATP). Diese wird physiologisch durch den Abbau von Glukose, Fett- und Aminosäuren unter Verbrauch von Sauerstoff in den Mitochondrien hergestellt. Wird diese Produktion beeinträchtigt, sind auch geistige und körperliche Leistungsfähigkeit reduziert. Es kommt sehr schnell zu Erschöpfung, und unsere Regenerationszeit verlängert sich. 

Interessanterweise wird ca. die Hälfte des produzierten ATP von den Zellen selbst bzw. von den eingebetteten Ionenpumpen verbraucht. Mit deren Hilfe wird das überlebenswichtige Membranpotenzial aufgebaut und erhalten. Besondere Bedeutung hat es in erregbaren Zellen (Nerven- und Muskelzellen), wo es z. T. stark veränderlich ist und eine Reizweiterleitung (Informationstransport) ermöglicht. Können Zellen aufgrund eines ATP-Mangels nur ein sehr niedriges Membranpotenzial aufbauen (z. B. knapp über der Erregungsschwelle), so resultiert daraus nicht nur ein beeinträchtigter Zellstoffwechsel, es kommt bereits bei geringer Reizintensität zur Erregung von Nerven- und Muskelzellen. Das erklärt Lärm- und Lichtempfindlichkeit, erhöhtes Schmerzempfinden, Wadenkrämpfe, Herzrhythmusstörungen usw. 

Aus verminderten Membranpotenzialen infolge ATP-Mangel lassen sich annähernd alle ME/CFS-Symptome ableiten. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass dieser Erkrankung eine mitochondriale Dysfunktion mit einem grundsätzlichen zellulären ATP-Mangel zugrunde liegt. 

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© Монштейн I adobestock.com

Differenzialdiagnostik

Chronische Müdigkeit (syn. Fatigue) ist ein häufiges Begleitsymptom verschiedener Erkrankungen, z. B. Krebs, Herz- und Lungenkrankheiten, Leber- und Nierenleiden. Diese müssen im Vorfeld einer Therapie ausgeschlossen werden, da ansonsten deren Behandlung im Vordergrund steht. Finden sich keine Hinweise darauf, so muss ein postvirales Erschöpfungs-Syndrom (ME/CFS) in Betracht gezogen werden. 

Bisher gibt es in der universitären Medizin leider keine laborchemisch anerkannten Marker, welche das Vorliegen von ME/ CFS beweisen. Es stehen trotzdem genügend Parameter zur Verfügung, die Hinweise auf ein ATP-Defizit liefern können und so mit großer Sicherheit die Diagnosestellung „ME/CFS“ gestatten. Hierzu zählt, neben der Anamnese, hinsichtlich Belastungsintoleranz und PEM z. B. eine stündlich durchgeführte Handkraftmessung, die sich bei erkrankten Patienten zusehends verschlechtert. Zusätzlich können Labortests, z. B. die Bestimmung von ATP in Leukozyten, Pyruvat und Laktat im Serum sowie vom bioenergetischen Gesundheitsindex (bioenergetic health index, BHI), aufschlussreich sein. Zuletzt 

kommt einer Spiroergometrie diagnostische Bedeutung zu. Bis zur Diagnosestellung eines ME/CFS dauert es auch heute noch oft mehrere Jahre. Dabei ist ein früher Zeitpunkt dringend notwendig. Nur so werden Betroffene gut beraten und erhalten adäquate Therapien sowie faire sozialmedizinische Beurteilungen. Außerdem können sie nur so vor schädigenden Behandlungen geschützt werden. 

Ursachen einer Mitochondriopathie

Als potenzielle Auslöser für die verminderte ATP-Bildung in den Mitochondrien bei ME/CFS werden diskutiert: 

  • postvirale Autoimmunprozesse 

  • chronische Entzündungen 

  • oxidativer Stress 

  • intrazelluläre virale Angriffe auf die Mitochondrien 

  • Reaktivierung bislang stummer Viren im Organismus (z. B. EBV, Herpes, Zytomegalie) 

  • Mikronährstoffdefizite 

  • Mikrozirkulationsstörungen infolge von Kapillarschädigungen 

  • Mikrothrombosen 

Diese Ursachen können bei ME/CFS-Patienten einzeln oder in verschiedensten Kombinationen auftreten, was die unterschiedlichen Schweregrade und Verläufe erklärt. Tatsächlich handelt es sich bei ME/CFS um eine schwerwiegende Erkrankung: Zwei Drittel bleiben auf Dauer arbeitsunfähig, ein Viertel ist im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen, viele sind bettlägerig oder pflegebedürftig. Lediglich ein kleiner Teil kehrt wieder ins Erwerbsleben zurück, und nur sehr wenige Patienten überwinden die Erkrankung vollständig. Die Anzahl der Genesenen liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. 

Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss: Obwohl es keine speziellen Medikamente gibt, werden einzelne Patienten wieder gesund. Das sollte Anlass genug sein, ein ganzheitlichsystembiologisches Behandlungskonzept zur Förderung der Selbstheilungskräfte einzusetzen. 

Systembiologische Therapie

Zur Unterstützung der Selbstheilungskräfte müssen alle Faktoren, die Zell- und Mitochondrienfunktion beeinträchtigen, behoben werden. 

Bewegung: Täglich individuell angepasste körperliche Bewegung nach dem Pacing-Prinzip zur Vermeidung von PEM und Crash 

Ernährung: Gesunde, antientzündliche Ernährung entsprechend dem Logi-Konzept; hin und wieder Intervallfasten zur Förderung der Zell- und Mitochondrienregeneration 

Trinken: Ausreichend Flüssigkeit (Wasser, ungesüßter Kräutertee) zur Unterstützung der Ausleitung; weder Alkohol noch Süßgetränke 

Entgiftung: Ausleiten von Toxinen und Schwermetallen mit Zeolith (z. B. DetoxSan, Fa. Heck-Biopharma), Alpha-Liponsäure (z. B. Unilipon, Fa. Köhler Pharma), MSM usw. 

Mikronährstoffe: Anstreben von Normalwerten für Vitamin D (z. B. Deborah plus K2, Fa. Köhler Pharma), alle B-Vitamine, Zink, Selen, Magnesium, Kalium und Omega-3-Fettsäuren (z. B. Fa. Norsan), gute Versorgung mit Antioxidantien (Vitamine C und E, Polyphenole, Q10), sekundären Pflanzenstoffen, Spurenelementen sowie rechtsdrehender Milchsäure durch fermentiertes Obst und Gemüse (z. B. Rechtsregulat Bio, Fa. Niedermaier Pharma) 

Säure-Basen Regulierung: Bei Übersäuerung basische Kost, Basenfasten nach Wacker, basische Mineralien, Basenbäder Psychologische Betreuung: Bei vorherrschender psychischer Symptomatik psychosomatische Begleitung 

Stressmanagement: Stress reduzieren, Meditations- und Entspannungsmethoden einsetzen 

Chronobiologie und Schlaf: Einhaltung eines geregelten Tag-Nacht-Rhythmus; tagsüber genügend natürliches Licht zur Gewährleistung einer ausreichenden Melatoninproduktion in der Nacht, Schlafhygiene 

Sauerstoff: Viel frische Luft, normo-/hyperbare Sauerstofftherapie, Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie (HHT) 

Darmsanierung: Ernährungsumstellung, Zeolith, fermentierte Produkte (z. B. Rechtsregulat Bio), Probiotika (z. B. Darmflora plus select intens, Fa. Dr. Wolz) 

Physiotherapie: Vor dem körperlichen Training sollte der Muskelzellstoffwechsel durch Aktivierung der „Mikrozirkulation“ verbessert werden, etwa mit biomechanischer Stimulation, Ausstrich-/Bindegewebsmassage oder Faszienmobilisierung; die Intensität der Belastung ist dabei nach dem Pacing-Prinzip auszurichten 

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Fazit

ME/CFS ist in der Medizin immer noch wenig bekannt, weshalb bei vielen Patienten meist erst nach Jahren eine korrekte Diagnose gestellt wird. Bisher wurde davon ausgegangen, dass die Betroffenen ihr Leiden selbst verändern könnten, wodurch es schnell zu deren Stigmatisierung kam. Diese Fehleinschätzung verstärkte nicht nur die Neigung zu Depressionen, sondern führte erschwerend auch zu inadäquaten sozialmedizinischen Bewertungen und somit oft zu Problemen in der wirtschaftlichen Existenzsicherung. Heute weiß man es besser: ME/CFS ist primär eine körperliche Erkrankung, bei der eine Störung der mitochondrialen ATPBildung im Vordergrund steht. Sich weiter an der bisherigen Annahme, nach der ME/CFS vorwiegend psychisch bedingt sei, zu orientieren, erscheint vor dem beschriebenen Hintergrund oberflächlich, fast schon fahrlässig. Eine entsprechende therapeutische Vorgehensweise ist angesichts der aktuellen Erkenntnisse nicht mehr haltbar, und die Patienten werden hierdurch erheblich gefährdet. Deshalb wäre es für die Zukunft wünschenswert, dass die Erkrankung in ihrer Pathophysiologie allgemein bekannter, besser verstanden und intensiver erforscht wird. 

Bernhard Dickreiter

Bernhard Dickreiter

Facharzt für Innere, Physikalische und Rehabilitative Medizin sowie Naturheilverfahren, Experte für Klinische Geriatrie und Sozialmedizin, Autor

bernhard.dickreiter@yahoo.comAlle Beiträge von Bernhard Dickreiter

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