Übersicht dieser Ausgabe    Alle Paracelsus Magazine

aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/1998

MindWalking – Persönlichkeitsanalytische Sitzung

Cover

In MindWalking-Sitzungen wird das psychische Modell Selbst-Geist-Seele-Körper durchgängig subjektiv erlebt und zwar spontan, d.h. ohne vorherige Einweisung. Damit erweist sich diese Aufgliederung als pragmatisch, d.h. als einer Lösung zuträglich. In diesem Sinne ist MindWalking den psychischen Modellen von Sigmund Freud und C.G.Jung verwandt, ebenso dem von Alfred Adler und Carl Rogers vertretenen humanpsychologischen Ansatz, weiterhin der Transpersonalen Psychologie nach Stanislav Groff und Charles Tart.

Seit die moderne Psychologie im Jahre 1879 mit dem psychologischen Labor Wilhelm Wundts ihren Anfang nahm, gab sie sich betont naturwissenschaftlich und experimentell. Was man unter den strengen Rahmenbedingungen des Experiments beobachten konnte, das galt; was man nur annehmen konnte – wie etwa das Vorhandensein von Psyche, Seele, Bewußtsein oder Unterbewußtsein – war als bloße Spekulation verpönt.

Auf diese Weise entwickelte sich die Psychologie von einer“Seelenlehre“ (was der Begriff ja eigentlich bedeutet) zu einer Verhaltenslehre. Entsprechend orientieren sich psychologische Therapien vornehmlich am beobachtbaren Verhalten und suchen dieses direkt zu beeinflussen, d.h. ohne den Umweg über das Tiefengedächtnis und das Unbewußte – wohingegen dieses Unbewußte bei Freud, Jung, Adler und seither der psychoanalytischen Schule im Vordergrund steht.

Psychotherapien entstanden übrigens erst in und seit den Nachkriegsjahren. Eine psychotherapeutisch flächendeckende Betreuung ist ein Phänomen der siebziger und achtziger Jahre. Wer in den Vierzigern und Fünfzigern geistige, seelische oder psychosomatische Beschwerden hatte, hatte außer Arzt, Pfarrer, Psychiater oder Psychoanalytiker keinen Ansprechpartner.

Wie angedeutet, geben sich Psychotherapien verhaltensorientiert. Die deutlichste Ausprägung dieser Tendenz findet sich in der Verhaltenstherapie, die letztlich auf die Konditionierungslehre Pawlows und Watsons zurückgreift und menschliches Verhalten als das Ergebnis sozialen Lernens auffasst – was zu dem therapeutischen Ansatz führt, Verhaltensänderung über Belohnung und Bestrafung einzuleiten.

Auch bei Psychodrama, Gestalttherapie und Transaktionsanalyse und neuerdings NLP wird dem sozialen Lernprozeß die entscheidende Rolle in der Verhaltensprägung zugeschrieben. Zwar akzeptiert man stillschweigend einen unbewußten und verdrängen Datenschatz, geht aber (mangels wissenschaftlicher Beweisbarkeit) nicht auf ihn ein, sondern befaßt sich im Rahmen der therapeutischen Begegnung lieber mit den unzweifelhaft wahrnehmbaren Manifestationen des unbeweisbaren Unbewußten. Gleiches gilt für den systemischen Ansatz der Familientherapie.

Die moderne Psychologie sieht den Menschen als ein von den Kräften der Umgebung beeinflußtes und gesteuertes Wesen. Die therapeutische Einwirkung auf sein Verhalten erfolgt vorzugsweise auf der Ebene der offenkundigen Manifestation. Man geht nicht auf Urgründe ein, man dringt nicht ins Tiefengedächtnis vor. Zugegeben gibt es Ausnahmen wie etwa Urschreitherapie und Rebirthing, doch verweist man den Klienten gewöhnlich auf das, was andere an ihm bzw. er an sich selbst im Rahmen der Therapieumgebung beobachten kann. Man läßt emotionale Staus durch z. B. Rollenspiel verpuffen und leitet Lernprozesse in Richtung auf erwünschtes Verhalten ein. Eher existentialphilosophisch angehauchte Vokabeln wie „Selbst“, „Persönlichkeit“, „Charakter“ erspart man sich, denn – wie die Geschichte der älteren Psychologie vor Wundt und der Blick in ein beliebiges psychologisches Wörterbuch der Gegenwart ja erweist – über deren Definitionen kann man endlos streiten.

Eine Sonderstellung nahm seit Mesmers Zeiten die Hypnose ein; sie tut es noch heute. Seit Mesmers sensationellen Auftritten Mitte des 18.Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein verlor die Hypnose nie etwas von ihrer Faszination, denn mit keinem anderen Mittel (es sei denn der Verabreichung von Psychodrogen) läßt sich ein Mensch so schnell in die tieferen Regionen seines Unbewußten hinunterbefördern.

So sehr die Hypnose traumatische Ereignisse heraufbeschwören und psychosomatische Erscheinungen entweder evozieren oder kurieren kann und so sehr sie (speziell durch die Milton Erickson-Schule) zu diesen Zwecken eingesetzt wird, so wenig fühlt sie sich bemüßigt, ihrer eigenen Wirkungsweise auf den Grund zu gehen und ein wissenschaftlich wasserdichtes Erklärungsmodell zurechtzuzimmern. Kein Wunder, denn es gibt sie schon bedeutend länger als die gestrenge Experimentalpsychologie. Hypnose funktioniert, und fertig. Ein praktischer und pragmatischer Standpunkt.

Bekanntlich war auch Sigmund Freud fasziniert von der Hypnose. Später ließ er sie fallen und entwickelte sein eigenes Modell der Psychoanalyse mit den bekannten Komponenten Ich, Es und Über-Ich, wobei das Ich als die Instanz betrachtet wird, die sich fortwährend mit den sexuellen Ansprüchen des Es und den moralischen Forderungen des Über-Ich auseinanderzusetzen hat und daher permanent in Spannungszuständen schwebt. Daß solche fundamentalen Konflikte unter der Ebene des Tagesbewußtseins ablaufen und durch Hypnose und später die assoziative Methode der Psychoanalyse ans Tageslicht befördert werden können, führte zur selbstverständlichen Annahme eines Unbewußten und eines Bewußtseins.

„Bewußtsein“ bei Freud und seinen Schülern ist ein rein geistig definiertes Phänomen. Die Hypothese der modernen, von neurologischen Befunden beeinflußten Psychiatrie und der davon abgeleiteten Psychologien, daß nämlich Bewußtsein das Ergebnis neurophysiologischer und biochemischer Vorgänge sei, macht offenkundig, wie groß die Kluft zwischen dem geisteswissenschaftlichen und dem naturwissenschaftlichen Lager geworden ist.

Man könnte Freud Einseitigkeit vorwerfen, insofern er menschliches Verhalten als vorrangig durch sexuelle Impulse aus dem Triebereservoir des Es motiviert sah. Doch blieb es nicht lange dabei. Schon bald entdeckte Freuds Schüler C. G. Jung das kollektive Unbewußte mit seinen „Archetypen“ und schob so die Grenzen des auf menschliches Verhalten wirkenden Einflußbereiches weiter hinaus. Das individuelle Unbewußte, erkannte Jung, stehe im Wechselspiel mit dem kollektiven Unbewußten. Hier sei das psychodynamische Spannungsfeld lokalisert. Beide Bereiche des Unbewußten, so Jung, gehörten miteinander integriert, und hier sieht die Jungsche Therapie ihre Aufgabe.

Einen weiteren Akzent setzte Alfred Adler. Nach Adler ist Verhalten durch vom Menschen selbstgesteckte Ziele zu begreifen, deren Nichterreichen zu Frustration führt, zu „Komplexen“ und deren „Kompensation“ – Begriffe, die in die Alltagssprache übernommen wurden.

Adler geht damit weit über das Unbewußt Triebhafte als Motor menschlichen Verhaltens hinaus. Indem er Ideale und Werte in den Vordergrund rückt, läuft sein Denkansatz bereits auf anderen als den von Freud vorgegebenen Schienen. Zusammen mit Abraham Maslow und Carl Rogers gehört er zu den Vertretern einer“dritten Kraft“ innerhalb der Psychologie, der“humanitären Psychologie“. Vertretern dieser Richtung war die Betonung positiver Dimensionen wie „Ideale „, „Ästhetik‘, „Wissen und Gewißheit“ wie auch der im Menschen schlummernde Wunsch nach persönlicher Entwicklung von größerer Wichtigkeit als die Neurosen und Psychosen der Psychoanalyse oder die sehr reduzierte Verhaltenslehre der Behavioristen.

Methodisch gesehen machte Rogers den radikalsten Schnitt mit der Vergangenheit: Weder deutete noch wertete er noch suchte er seine Klienten in ein Vorstellungsmodell hineinzuzwängen. Er ging davon aus, daß der Mensch die Lösung für seine Schwierigkeiten schon selbst finden werde, vorausgesetzt, man schenkt ihm nur Gehör und gibt ihm die entsprechende Zuwendung. (Daß man mit diesem Vorgehen in der gesprächstherapeutischen Praxis nicht allzu weit kommt, tut dem noblen Grundgedanken keinen Abbruch.)

In jüngerer Zeit (seit den sechziger Jahren) erlebte Jungs Vorstellung vom kollektiven Unbewußten mit den Arbeiten von Stanislav Grof und Charles Tart eine Neuauflage. Deren“Transpersonale Psychologie“ beruht auf der Erkenntnis, daß Menschen nicht lediglich durch soziale Konditionierung gesteuert, sondern darüber hinaus noch miteinander telepathisch vernetzt sind, sich also weit mehr und weit subtiler gegenseitig beeinflussen, als sich die Vertreter der systemischen Schulen und ihre Wechselwirkungslehre je träumen ließen.

Flankiert wird diese Sichtweise durch die Forschungsergebnisse des englischen Biologen Rupert Sheldrake aus den achtziger Jahren. Sheldrake erkannte, daß die Form eines Organismus zwar grundsätzlich von seinem Chromosomensatz vorgegeben ist, seine individuelle Ausprägung aber von einem morphogenetischen („gestaltbildenden“) Feld besorgt wird – womit die alte, von Hippokrates und Paracelsus vertretene Vorstellung einer intelligent agierenden, das Leben überwachenden Instanz wieder Aufwind bekommt – nämlich der“Vitalenergie“.

Mit diesem gedanklichen Ansatz öffnen sich dem praktizierenden Psychologen auf einmal Welten, die sich bislang nur in so bespöttelten und ausgegrenzten Bereichen wie dem Shamanismus, dem Mystizismus und (wenn auch in abgeflacher Form) der „New Age Esoterik“ vorfinden ließen.

Kommen wir damit zum MindWalking.

Das Freudsche Es z.B wäre zwar nach wie vor der Hort der Triebe und Instinkte, aber – versteht man es im Sinne von Hippokrates, Paracelsus und Sheldrake – auf bedeutend „feinsinnigere“ Weise als bei Freud beschrieben. Denn nicht nur um den Sexualtrieb geht es diesem Es (also der Vitalenergie bzw. dem morphogenetischen Feld), nein, auch um Wachstum und „Wartung“ kümmert es sich. Die Fortpflanzung ist nur eine seiner Funktionen.

Im Sinne der Transpersonalen Psychologie und auch des Huna (einer Form des Schamanismus auf Hawaii) sprechend, ist das morphogenetische Feld einer Person vernetzt mit den Feldern anderer Personen. Gleiches gilt natürlich auch für die Felder von Tieren und Pflanzen. Ein Es steht demnach nicht allein. Wie sich in MindWalking-Sitzungen durchgängig zeigt, ergeben sich hier Wechselwirkungen von schier unglaublicher Komplexität. Außerdem zeigt sich, daß man die morphogenetischen Datenbanken „öffnen“ und auf seinem „geistigen Bildschirm“ in Form von bildhaften Eindrücken ablesen kann – ohne Frage von größter Bedeutung für das Begreifen der psychosomatischen Schnittstelle.

Das Ich wäre, wie auch bei Freud, die Person in ihrem sozialen Selbstverständnis – im MindWalking allerdings mit der Erweiterung, daß dieses Ich rein geistiger Natur ist und den Körper lediglich bewohnt, etwa wie der Einsiedlerkrebs seine Muschel. Und so wie der Einsiedlerkrebs gelegentlich eine neue Muschel bezieht, so sucht sich das Ich nach Abscheiden des Körpers einen neuen. Selbst in dieser Sichtweise läßt sich das Ich unverändert als das Resultat sozialer Lernvorgänge betrachten, nur daß diese Lernvorgänge sich über einen weit längeren Zeitraum erstrecken als lediglich ab der Geburt. (Auch hier sei betont, daß Klienten in ihren Sitzungen von selbst auf diese Zusammenhänge stoßen, oft sogar gegen ihre eigene rationale Überzeugung.)

Auch auf geistiger Ebene finden sich Vernetzungen und Kreuz- und Queridentifikationen komplexester Art. Ähnlich wie das Es steht auch des Ich nicht alleine da. Was nicht weiter schlimm ist – außer wenn es einmal zu extremem Streß kommens sollte. Solche Moment (etwa Katastrophensituationen, Schützengrabenerlebnisse usw.) pflegen mit eingeschränkter bewusstheit einherzugehen und dies wiederum ermöglicht das Ankoppeln geistiger Verbindungen mit anderen Personen und Wesen.

So phantastisch dies wissenschaftsgeschulten Ohren klingen mag, so sehr zeigt es sich beim Mindwalking doch mit größter Verläßlichkeit. Erkennt ein Klient,daß seine Schwierigkeiten auf dramatische Situationen eines früheren Lebens oder die massive Kollision mit anderen zurückgehen, so pflegt dies mit dem Verschwinden dieser Schwierigkeiten einherzugehen. Ein innerer Widerstand gegen solche Erkenntnisse verstärkt dahingegen die Schwierigkeiten. (Daß dies kein wissenschaftlicher Beweis ist, sondern lediglich eine Erfahrungstatsache, versteht sich von selbst.)

Ein knapper Einwurf zur Methodik des MindWalking: Eine MindWalking-Sitzung ist aufs engste der Forderung von Carl Rogers verpflichtet, daß man den Klienten seine eigenen Wahrheiten finden lassen solle. Dies erweist sich in allen Fällen als goldene Regel. Allerdings wird die Sitzung beim MindWalking bedeutend straffer geführt als in der Gesprächstherapie (durch themengebundene kontrollierte Assoziation) und stößt so in nur wenigen Stunden in tiefste Tiefen vor.

Solche direkten Vorstöße entsprechen der Arbeitsweise der Hypnotherapie. Der Unterschied zum MindWalking besteht darin, daß hier mit vollem Wachbewußtsein gearbeitet wird und der Klient nach Sitzungsende alle Details rückerinnern kann.

Als letzte Besonderheit sei genannt, daß MindWalking resultatorientiert betrieben wird, nicht zeitorientiert. Mit anderen Worten, man beendet die Sitzung, wenn die Arbeit getan ist, und nicht, weil 45 oder 90 Minuten verstrichen sind. Solche Sitzungssequenzen können sich ohne weiteres über 5 bis 7 Stunden pro Tag erstrecken, wobei allerdings nur selten länger als zwei Tage gebraucht wird, um ein bestimmtes Thema zu „knacken“.

Zurück zum psychischen Modell und seiner letzten Komponente, dem Freudschen Überich: Anderenorts“höheres Selbst“, „Atman“ oder „reine Buddhanatur“ genannt, ist es nach aus vielen MindWalking-Sitzungen gewonnener Erkenntnis mehr als nur der Reflektor psychosozialer Normen. Vielmehr ist das Überich die Instanz von intuitivem Wissen und ethischer Wahrhaftigkeit. Es ist sich seiner selbst bewußt. Dieses Überich weiß, daß es denkt, fühlt und handelt. Es bezieht seine Werturteile aus zeit- und kulturübergreifenden Maßstäben.
Selbstverständlich sind auch hier, im nicht-zeitlichen und nicht-räumlichen Bereich, Vernetzungen gegeben. Aber – da sich das höhere Selbst ja seiner selbst bewußt ist – läßt sich glücklicherweise alles rückstandslos auflösen.

Auf einen Nenner gebracht, löst MindWalking die Fixiertheit mit Traumata der Vergangenheit und setzt so Kräfte zur Bewältigung der Gegenwart frei. Darüber hinaus entsteht als begleitender Lernprozeß eine zunehmende Bewußtheit der subtilen Kommunikationsquellen, mit denen man psychisch in Verbindung steht.

r9804_mw2 Ulrich Kramer
Postfach 1361
37677 Beverungen
Der Autor Ulrich Kramer, Jahrgang 48, Studium der klinischen Psychologie in Mainz und Münster/W., mehrjährige Auslandsaufenthalte und Weiterbildung zu Gesprächstherapie, Hypnotherapie, Yoga, Meditation, Aikido, Transpersonale Psychologie. Seit 1985 selbständig in privater Praxis.
International tätig in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und Unternehmensberatung, Entwicklung eines eigenen Verfahrens, des MindWalking. Bisherige Veröffentlichungen: „Der schmale Pfad – Handbuch für gutes Management‘, 1994

zurück zur Übersicht dieser Ausgabe
Paracelsus SchulenWir beraten Sie gerne
Hier geht's zur Paracelsus Schule Ihrer Wahl.
Menü