
Der pflegeleichte Giersch ist bei Gartenbesitzern nicht sehr beliebt, weil er sich wegen seiner unterirdischen Ausläufer nur schwer verdrängen oder ausrotten lässt. Dabei bietet das vermeintliche Unkraut so viel mehr als vielen bewusst ist. Womöglich landet diese potente Wildpflanze noch als Lebens- und Heilmittel auf Ihrem Teller, wenn Sie den vorliegenden Artikel gelesen haben. Ich bin sicher, Sie werden Giersch künnftig mit anderen Augen sehen. Schließen wir Frieden mit dieser missverstandenen Pflanze.
GESCHICHTE
Giersch war in der Antike als wohlschmeckendes und heilkräftiges Wildgemüse beliebt. Die alten Römer bauten ihn an, um ihn u. a. gegen die Nachwirkungen rauschender Feste zu nutzen: Er lindert Gichtanfälle nach ausgiebigem Alkoholkonsum.
Die christlichen Mönche des Mittelalters weihten Giersch als „Herba Sancti Gerharde“ dem heiligen Gerhard im Glauben, er habe seine Gicht mit dieser Pflanze geheilt. Auch Hildegard von Bingen lobte Giersch, der in mittelalterlichen Klostergärten als Gemüse kultiviert wurde.
TRADITIONELLE VERWENDUNG
Sein lateinischer Name lautet Aegopodium podagraria. Dabei bedeutet Aegopodium „ziegenfüßig“ (griech. aigos = Ziege, podion = Füßchen), was auf die auffällige Form der jungen Blätter zurückzuführen ist. Diese haben der Pflanze den Namen Geißfuß eingebracht. Giersch wird auch als Zipperleinskraut oder Podagrakraut bezeichnet. Aufgrund seiner harntreibenden, krampflösenden, entzündungshemmenden sowie entsäuernden Wirkung kam er in der Volksmedizin bei der Behandlung diverser Krankheiten zum Einsatz. Die Pflanze wurde bei Gicht (Podagra = Gicht der großen Zehe) oder Rheuma als Alkoholauszug und Blättertee angewandt und äußerlich in Form von warmen Breiumschlägen auf die geschwollenen Gelenke gelegt (nicht in der Akutphase!). Bei Insektenstichen, Verbrennungen oder Ischiasbeschwerden packte man Giersch in Auflagen oder gab eine Abkochung aus gedörrten Gierschwurzeln ins Badewasser von Menschen, die an Gicht, Hämorrhoiden oder Krampfadern litten. In der Volksmedizin gilt Giersch als Heilmittel bei Durchfall und zur besseren Wundheilung. Auch in der Klassischen Homöopathie spielt die Pflanze als Mittel bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises (u. a. Gicht) eine wichtige Rolle.
BOTANIK
Der kleine, ausdauernde Doldenblütler wächst gerne unter Gebüsch und kriecht durch Zäune und Hecken. Wie jede Wildpflanze hat auch der Giersch einen ökologischen Nutzen: Er hält den Boden feucht und dient diversen Tieren als Futter.
Achtung: Verwechslungsgefahr besteht mit dem Schierling und der Hundspetersilie, beides sind Giftpflanzen. Allerdings hat der Giersch dreiteilige Blätter mit gefiederten Blatträndern, und im Gegensatz zu seinen giftigen Doppelgängern ist sein Stängel dreikantig und hohl.
Die mehrjährige Pflanze treibt im Frühjahr aus ihrem Wurzelgeflecht heraus neu aus. Die jungen Blätter sind hellgrün, glänzend und gefaltet. In diesem Stadium können sie roh oder im Salat genossen werden. Geschmacklich ähneln sie einer Mischung aus Sellerie, Möhre und Petersilie. Ausgewachsen werden die gefiederten, leicht gezähnten Blätter matt und dunkelgrün. Sie sitzen jeweils zu dritt verzweigt am charakteristischen dreikantigen Stiel.
Tipp: Wenn Sie Giersch in Ihrem Garten ab und zu mit der Sense oder Sichel abmähen, können Sie bis in den Herbst hinein junge, schmackhafte Blätter ernten. Im Juni und Juli erscheinen die Blütendolden an aufrechtstehenden Stängeln, die sich verzweigen und aus den Blattachseln weitere Stängel mit Blütendolden hervorbringen. Die Samen werden von Juli bis September gebildet und können frisch oder getrocknet in der Küche als schmackhaftes Gewürz verwendet werden.
INHALTSSTOFFE
Giersch gehört zu den proteinhaltigsten heimischen Wildpflanzen – er ist reich an Beta-Carotin, Vitamin C sowie Mineralstoffen, darunter Eisen, Kupfer, Mangan, Bor, Calcium und Magnesium. Außergewöhnlich hoch ist der Kaliumgehalt. Weitere sekundäre Pflanzenstoffe im Giersch, z. B. Harze, ätherische Öle und Polyphenole (z. B. Flavonoide und Phenolsäuren), unterstützen bei der Entgiftung, v. a. von Harnsäure, wirken antioxidativ, antibakteriell und antiviral.
KALIUMREICHSTE WILDPFLANZE EUROPAS
Eine besonders kaliumreiche Unterart, Aegopodium podagraria ssp. potassa, enthält mit bis zu 6,3 g/100 g besonders viel Kalium (etwa in Dreiblatt Kalium Granulat, Fa. Pandalis). Dieselbe Menge Kartoffeln, die als kaliumreich gilt, kommt im Vergleich nur auf ein Sechstel dieser Menge. Weiterhin werden auf dem Markt z. B. Giersch-Tropfen, Pflanzenauszüge auf Alkoholbasis, angeboten.
ZENTRALER BAUSTEIN VON GESUNDHEIT
Kalium zählt zu den wichtigsten Elektrolyten im Körper. Als Gegenspieler zu Natrium, das wir v. a. über (zu viel) Kochsalz aufnehmen, ist es wichtig für das Säure-Basen-Gleichgewicht, unser Energielevel sowie für eine gesunde Funktion von Herz und Muskeln. In Deutschland erreichen jedoch etwa 70% der Männer und 80% der Frauen nicht die von der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) als „angemessen“ betrachteten 4000 mg Kalium pro Tag, was gesundheitlich bedenklich ist: Verschiedene Krankheiten, z. B. Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Osteoporose, werden mit einem Mangel an Kalium in Verbindung gebracht. Dagegen sinkt z. B. das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit steigender Kaliumaufnahme rapide ab. Dies ergab eine große Studie, die in der renommierten medizinischen Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde.
Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Kalium in zu großen Mengen ungünstig bis gefährlich sein kann. Normalerweise wird eine Hyperkaliämie erst durch gleichzeitig bestehende Umstände verursacht, z. B. Nierenerkrankungen, die Einnahme bestimmter Medikamente und eine zu hohe Dosis von anorganischem Kalium in Supplementen. Eine Niereninsuffizienz kann auch allein für einen schweren Kaliumüberschuss sorgen, wohingegen bei gesunden Nieren eine hohe Kaliumaufnahme allein oft zu keinem Überschuss führt. In gebundener Form, wie sie in Pflanzen vorkommt, ist Kalium anders zu bewerten – hier ist eine Überdosierung ausgeschlossen.
ANWENDUNG IN DER KÜCHE
Giersch wird heute immer noch als nützliche Speisepflanze angesehen. In Russland bereitet man aus den Stielen eine Art Sauerkraut zu, trocknet die Blätter für Suppen und Eintöpfe, gibt die jungen Blätter in den Wildkräutersalat und macht aus den älteren Blättern Spinat, Aufläufe, Bratlinge und Suppen.
Ich empfehle die Blätter auch für grüne Smoothies, Pestos und Aufstriche, Pizzen, Quiche, Ravioli und Maultaschen, als Bestandteil von grünem Kartoffelpüree oder fein gehackt in pflanzlicher Kräuterbutter. Seine reifen Samen kann man wie Kümmel als Küchengewürz und die Blüten als essbare Dekoration von Speisen verwenden. Die Blütenknospen schmecken sehr würzig und leicht scharf.
Giersch ist einer der Hauptbestandteile der Neun-Kräuter-Suppe, die als eine der ersten Frühjahrsmahlzeiten zum Ende der vitaminarmen Zeit am Gründonnerstag („Grünkräutertag“) serviert wurde.
FAZIT
Für jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen. Das gilt auch für den Giersch, der seit alters her nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch als potente Heilpflanze eingesetzt wird. Lange wurde er als Schädling diffamiert. Heute erkennen wir wieder seine hilfreichen Eigenschaften, die bei verschiedenen Zivilisationserkrankungen sinnvoll angewandt werden können.
Warum in die Ferne schweifen – das Gute liegt so nah (frei nach Goethe). Nutzen wir den Giersch bewusst als Lebensmittel und interessantes Gewürz, dann finden wir zurück ins Gleichgewicht mit den Kräften der Natur.
LITERATUR
Strauß M: Die Wildpflanzen-Apotheke. Knaur Menssana, 2020 Mörsel JT: Kaliumgehalt in Lebensmitteln. UBF GmbH, 2018
Van Wyk BE: Handbuch der Nahrungspflanzen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2005
Storl WD: Die Unkräuter in meinem Garten. Gräfe & Unzer, 2018 de Jong T et al.: Das Helga Köhne Wildkräuterbuch. Einklang, 2023


