Herr P. (37 Jahre) kommt in meine Praxis. Er ist Staplerfahrer, zurzeit arbeitslos, und lebt mit seiner Partnerin (35) und deren 8-jährigem Sohn zusammen. Schon lange quälen ihn starke Schuldgefühle, die mit Depressionen und Wutanfällen einhergehen. Sein Wunsch ist, etwas Neues aus seinem Leben zu machen und etwas zu finden, das ihn fordert, auch beruflich.
Anamnese
Der Patient steht unter enormem Leidensdruck. Er hält selten Augenkontakt und kämpft um Worte. Immer wieder müsse er an ein schlimmes Ereignis seiner Kindheit denken. Es lasse ihn einfach nicht los, beginnt er zu erzählen:
Als 7-Jähriger habe er mit seinem älteren Bruder am Fluss gespielt. Sie seien in das Wasser gegangen, auf einmal habe sein Bruder geschrien und sei untergegangen. Zuhause habe er nichts erzählt, aus Angst vor seinem Vater, der oft geschrien und geschlagen habe. Nachts sei er von seinen Eltern, einem Polizisten und einem Arzt geweckt worden, die an seinem Bett gestanden und auf ihn eingeredet hätten, um von ihm zu erfahren, wo sein Bruder sei. Er habe nichts sagen können, nur geweint. Schließlich sei der Arzt allein bei ihm geblieben. Ihm habe er erzählen können, was geschehen war.
Bis heute hat er Schuldgefühle wegen dieses Erlebnisses. Außerdem drängen sich ihm mindestens 3x pro Woche die Bilder von dem Fluss und seinem Bruder auf. Besonders schlimm ist es, seit der Sohn seiner Lebensgefährtin ins gleiche Alter gekommen ist wie der Bruder des Patienten, als der schreckliche Badeunfall passierte. Mittlerweile vermeidet Herr P. es, den Jungen anzusehen.
Ruhe findet er nur mit Tabletten, die ihm verschrieben werden, Alkohol oder Ablenkungen.
Familien- und Sozialanamnese
Herr P. ist das jüngste von 3 Kindern. Der Vater war Schlosser, die Mutter Hausfrau. Strenge Erziehung und häufige Strafen vom Vater beherrschten den Alltag. Dennoch stand Herr P. diesem näher als seiner Mutter mit ihren „andauernden Vorwurfshaltungen“. Nach dem Unfalltod des Bruders erinnert sich Herr P. hauptsächlich an Schuldzuweisungen.
Er berichtet, dass er als 11-Jähriger wegen Konzentrationsschwäche von einem Kinderpsychiater 2 Jahre lang „irgendwelche Tabletten“ bekommen habe. Der Tod seines Bruders sei nicht thematisiert worden. In der Schule sei er schlecht gewesen, die Hauptschule habe er nicht abgeschlossen. Später habe er sich für keine Ausbildung entscheiden können – seine Zeit am Bau sowie in unsicheren Arbeitsverhältnissen verbracht und viel Alkohol getrunken, um sein Grübeln und die Bilder zu vertreiben.
Vor seiner Freundin, mit der er inzwischen 4 Jahre zusammen sei, habe er nie eine Beziehung gehabt.
Diagnose
F43.1 – Posttraumatische Belastungsstörung
Z61.3 – Ereignisse, die den Verlust des Selbstwertgefühls in der Kindheit zur Folge haben
Nicht nur das Verschwinden des Bruders, sondern auch die spätere Befragung durch die Erwachsenen wirkten auf den Jungen traumatisierend. Das Gespräch mit dem Arzt schien Herrn P. mehr Sicherheit zu bieten als die Gegenwart seiner Eltern – ein Zeichen für die schwache emotionale Bindung zwischen ihm und seinen Eltern. Es fehlten Wertschätzung, Geborgenheit und Verlässlichkeit. Dies ist eng verknüpft mit dem negativen Selbstbild des Patienten.
Bis heute kommt es zu Flashbacks, massiver Vermeidungshaltung auf Beziehungsebene und erheblichen Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen und beruflichen Bereich. Die Konzentrationsprobleme und Schuldgefühle haben zu starkem Leistungsabfall und stetiger Verschärfung der negativen Selbstattribuierung geführt.
Die Erfahrung, dass das Gedankenkarussell und einschießende Bilder mit den einhergehenden Emotionen durch Ablenkung und Alkohol ausgeblendet werden können, bestätigt und vermehrt diese kontraproduktiven Lösungsansätze.
Therapie
Trotz der chronifizierten Unsicherheit sowie des negativen Selbstbilds des Patienten gelingt es zeitnah, eine stabile Arbeitsbeziehung herzustellen. Insbesondere die Erklärungen zu Bindung und kindlichen Bedürfnissen verfolgt Herr P. mit großem Interesse. Es gelingt ihm schnell, seine eigene Rolle im Traumageschehen realistischer einzuschätzen, wonach Schuld- und Schamgefühle abnehmen. Hier sind die dialogische Herangehensweise, familiensystemische Zusammenhänge und das Spiegeln der Möglichkeiten eines 7-jährigen Kindes sehr hilfreich.
Verlauf
Die Psychoedukation zu den Themen Trauma und Bindungsstörung scheint ihn mehr und mehr davon zu überzeugen, dass sein Verhalten nicht „verrückt“ und er selbst kein Versager ist. Herr P. kann sich zunehmend besser entspannen. Seine kognitiven Kompetenzen entfalten sich. Vorhandene Ressourcen treten in den Vordergrund, z.B. große Empathie und die Fähigkeit, sich gut in die Bedürfnislage von Kindern hineinversetzen zu können. Herr P. wird offener und selbstsicherer. Aus seiner Umwelt und seinem Umfeld bekommt er positive Rückmeldungen.
Derzeit führe ich die Traumaexposition durch. Es scheint dem Patienten sehr zu helfen, das Geschehen endlich jemandem erzählen zu können, der ihn in seinem früherem Elend sieht und emphatisch „umfasst“. Dabei wird deutlich, wie tief sich die Vorwurfshaltung seiner Eltern eingebrannt bzw. wie stark er diese verinnerlicht hat.
Fazit
Fußen Bindungsmuster auf negativen Beziehungserfahrungen, kann sich die Fähigkeit, Emotionen und Affekte zu regulieren, nicht ausreichend entwickeln. Die Anfälligkeit für psychische Störungen ist erhöht, die Resilienz stark beeinträchtigt.
Der Fall zeigt, dass im traumatherapeutischen Kontext anamnestisch erfasste Bindungsstörungen dringlich betrachtet werden sollten, damit das Trauma komplett verstanden und angemessen bearbeitet werden kann. Besonderes Gewicht hat die Entwicklung einer stabilen, vertrauensvollen und dialogischen therapeutischen Beziehung.








