
PODODERMATITIS BEI KANINCHEN UND MEERSCHWEINCHEN
Meerschweinchen und Kaninchen zählen zu den beliebtesten Heimtieren. Umso wichtiger ist es, diese artgerecht zu halten und ihre Gesundheit zu pflegen. Die Pododermatitis ist eine heimtückische und daher immer wieder unterschätzte Krankheit, die Therapeuten und v. a. Tierhalter kennen sollten und wogegen bereits präventiv geeignete Maßnahmen ergriffen werden sollten. Je nach Intensitätsgrad ist im Krankheitsfall zudem eine engmaschige Zusammenarbeit von Tierarzt und Tierheilpraktiker notwendig. In diesem Artikel gebe ich einen Überblick zu Ursachen, Krankheitsgeschehen, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten.
DEFINITION
Pododermatitis ist eine entzündliche Erkrankung der Fußsohlen, die häufig bei Heimtieren aufgrund von falscher Haltung und Pflege entsteht. Es werden verschiedene Schweregrade unterschieden: von oberflächlichen Hautreizungen bis hin zu tiefen Vereiterungen (u.U. mit Knochenbeteiligung). Betroffen sind v. a. Kaninchen und Meerschweinchen (Abb. 1, 2).




ANATOMISCHE BESONDERHEITEN
Anders als Hunde und Katzen, haben Kaninchen keine dick gepolsterten Ballen an ihren Pfoten. Zwar verfügen sie über eine schützende Fellschicht (Sohlenpolster) auf den Unterseiten der Pfoten, doch diese ist bei falscher Haltung anfällig. Rassebedingt zeigen Rex-Kaninchen aufgrund ihrer besonderen Fellstruktur eine Prädisposition für Pododermatitis. Dahingegen sind die Fußsohlen von Meerschweinchen mit kleinen, unbehaarten Ballen ausgestattet, wodurch sie dem Untergrund ausgesetzt sind. Das begünstigt eine erhöhte Anfälligkeit für Druckstellen und Hautreizungen. Hinzu kommt, dass Meerschweinchen Sohlengänger sind.
MULTIFAKTORIELLE URSACHEN
Falsche Haltung (v. a. Käfig-/Buchtenhaltung, Abb. 3) bewirkt, dass sich viele Heimtiere nicht ausreichend bewegen können. Gängige Käfige sowie Ställe sind viel zu klein und werden dem natürlichen Bewegungsradius der Tiere nicht gerecht. Infolge des gezwungenermaßen langen Herumsitzens kommt es zu einer vermehrten Belastung an den Pfoten. Das zu geringe Platzangebot und Bewegungsmangel begünstigen zudem Übergewicht, was Gelenke und Fußsohlen zusätzlich fordert und zu Fehlstellungen der Gliedmaßen führen kann. Mangelnde Hygiene, Feuchtigkeit (Nässe, Urin) oder ungeeignete Untergründe (Gitterboden, zu harter Boden) und falsche Einstreu (Pellets) sind weitere Negativeinflüsse. Hierdurch wird die Haut leichter gereizt, was deren Widerstandskraft herabsetzt, sodass schneller Druckstellen an den sehr empfindlichen Fußsohlen entstehen.
Vorerkrankungen können eine Pododermatitis ebenfalls begünstigen, da es hierbei durch Schmerzen zu Bewegungseinschränkungen sowie -unlust kommt. Daher müssen die Grunderkrankungen immer auch behandelt werden, damit dieser Kreislauf unterbrochen wird.
Unumgänglich ist eine Pflege der Krallen. Deren Länge beeinflusst Körperhaltung sowie Gliedmaßenstellung sehr. Bei zu langen Krallen (Abb. 4) kommt es zu einer unnatürlichen Aufwölbung der Mittelfußknochen, woraufhin die Fersen eine höhere Belastung erfahren. Druckstellen und Überbelastung sind vorprogrammiert, und Fehlstellungen der Zehen werden somit gefördert.
Die Füße wölben sich auf, wenn der Untergrund zu hart ist. Daher ist es empfehlenswert, auf eine abwechslungsreiche, weiche Bodenstruktur zu achten. Merke: In der Natur leben Wildkaninchen auf weichen Böden.


PATHOGENESE UND SYMPTOMATIK
Durch eine dauerhafte Druckbelastung kommt es zu Durchblutungsstörungen im Gewebe. Außerdem entstehen Hautreizungen, welche zu kleinsten Läsionen (Verletzungen) und Entzündungen an den Fußsohlen führen. Über die Wunden gelangen Bakterien aus der Umgebung in die Hautschichten. Bei weiterem Voranschreiten kann es zu einer Knochenbeteiligung (Osteomyelitis = Entzündung des Knochens) kommen.
Die Bildung von Eiter und Abszessen tritt ebenfalls häufig auf. Eine Besonderheit bei Kaninchen und Meerschweinchen ist, dass der von ihnen produzierte Eiter oft zäh und dickflüssig ist, weshalb eine gründliche Wundsäuberung wichtig ist. Betroffene Heimtiere können unter einer Vielzahl an Symptomen leiden:
Hautrötungen
Haarverlust an den Pfoten (Kaninchen)
Schwellung und Schmerz
Lahmheit, Bewegungsunlust und Schonhaltung
Offene, nässende Wunden oder Krustenbildung
Bakterielle Infektionen, Eiter und (in schweren Fällen) sogar Abszesse
Die Tiere können durch ein herabgesetztes Allgemeinbefinden auffallen. Da sie jedoch zu den Beutearten vieler anderer Spezies zählen, verbergen sie Schmerzen über lange Zeit sehr gut. Daher ist es essenziell, diese Tiere genau zu beobachten und regelmäßig zu kontrollieren.


DIAGNOSTIK
Untersuchung
Da Übergewicht oft ursächlich ist, sollten neben dem Allgemeinzustand Körpermasse und Zähne kontrolliert werden. Eine Inspektion der Pfoten auf Haarverlust an den Fußsohlen (Kaninchen), Rötung, Schwellung, Krusten, Abszesse sowie Ulzerationen sollte erfolgen, auch eine Beurteilung von Schmerzreaktion, Lahmheit und Schonhaltung.
Zytologie und Abstrich
Auf Grundlage einer Laboruntersuchung (Entzündung, mikrobiologische Differenzierung) folgt die Anfertigung eines Antibiogramms (Tiermedizin = Einsatz von Antibiotika) und/ oder eines Aromatogramms (Naturheilkunde = Einsatz ätherischer Öle). Staphylococcus spp. sowie Pseudomonas spp. sind typische Erreger.
Röntgen (Tierarzt)
Bei Verdacht auf Osteomyelitis sowie bei chronisch verlaufenden Fällen ist eine bildgebende Diagnostik anzuraten, um den Schweregrad prognostisch einschätzen zu können. Haltungsmanagement-Analyse Auf diesem Gebiet ist in mehreren Fällen die Ursache für das Krankheitsgeschehen zu finden. Jene Aspekte sollten abgefragt bzw. begutachtet werden:
Käfigböden (Gitter, zu hart)
Einstreu und Hygiene (zu hart, Unrat, Nässe)
Bewegungsmangel (zu kleine Käfige/Ställe)
Übergewicht (falsche Fütterung, Bewegungsmangel)
Sozialstruktur (Einzelhaltung) – Kaninchen und Meerschweinchen sind sehr sozial und müssen mit Artgenossen vergesellschaftet werden
Rasse/Genetik
Biopsie/Histopathologie (Tierarzt)
Dieser Schritt kann bei „therapieresistenten Fällen“ oder unklaren Veränderungen sowie bei Verdacht auf tumoröse Entwicklungen sinnvoll sein.
In der Praxis sehe ich immer wieder Kaninchen und Meerschweinchen mit Drucknekrosen aufgrund von ungeeigneter Haltung und Bewegungsmangel. Sekundäre bakterielle Infektionen oder Hautpilze, die zu schwereren Verläufen führen können, kommen oft hinzu. Leider chronifizieren viele Krankheitsgeschehen und können hartnäckig bestehen bleiben.
Eine tiefe Gewebebeteiligung ist in diesem Zuge möglich. Die Früherkennung ist der erste Schritt hin zum Therapieerfolg. Fortgeschrittene Stadien können oft nur noch schwer therapiert werden. Liegt eine Osteomyelitis vor, kann die Prognose sehr ungünstig ausfallen.
THERAPIE
Meine Auswahl von Behandlungsoptionen ist abhängig vom Ausmaß der vorliegenden Pododermatitis (z. B. Hautrötung oder tiefe Vereiterung). Die Basis einer jeden Therapie sollte immer die Anpassung der Haltungsbedingungen sein. Alles andere baut darauf auf.
Natürliche Wundbehandlung
Spülungen oder Pfotenbäder mit Kamille (Matricaria chamomilla) oder mit Salbei (Salvia officinalis) sind angeraten. Salbei eignet sich v. a. bei nässenden Wunden, da die enthaltenen Gerbstoffe eine zusammenziehende Funktion haben. Medizinischer Honig kann gut bei oberflächlichen bis mitteltiefen Wunden eingesetzt werden. Er wirkt keimhemmend, fördert die Wundheilung und spendet Feuchtigkeit.
Wundabdeckung
Unter der Voraussetzung, dass die Wunde gut gereinigt wurde und sich darin kein Dreck oder Einstreu mehr befindet, sollte ein Verband zur Wundabdeckung angelegt werden. Dieser schützt vor Verschmutzungen sowie negativen Umwelteinflüssen, bietet aber auch Druckentlastung.
Es kann mit normalem oder selbsthaftendem Verbandsmaterial gearbeitet werden. Geeignet sind z. B. selbsthaftende Zitzenverbände für Kühe. Egal, welche Art genutzt wird: Der Verband darf keinesfalls einschnüren, da dies die Durchblutung stören kann. Er sollte auch nicht zu locker sitzen, sodass er nicht verrutschen und die Haut reizen kann. Allgemein ist auf ausreichende Polsterung zu achten.
Praxis-Tipp: Es gibt auch Pfotenschuhe (v. a. für Kaninchen), die zur Stabilisierung des Verbands oder zusätzlichen Polsterung genutzt werden (Abb. 5, 6). Die Wundabdeckung muss regelmäßig gewechselt und trocken gehalten werden, da sich Bakterien in feuchtem Milieu besser vermehren. Außerdem kann die Haut aufquellen und ist dann weniger widerstandsfähig.
GRENZEN DER NATURHEILKUNDLICHEN THERAPIE
Jeder Tiertherapeut sollte auch bei einer Pododermatitis seine Grenzen kennen. Direkt an einen Tierarzt verweisen Sie bei:
(Verdacht auf) Knochenbeteiligung
Stark blutenden oder sehr tiefen Wunden
Stark geschwollenen Gliedmaßen
Heftigen Schmerzen
Vereiterungen/Infektionen
Hier ist es immer angebracht, einen Spezialisten hinzuzuziehen, da es in Extremfällen zu einer Sepsis oder Ausbreitung der Infektion in andere Gewebe kommen kann, was schwerste Entzündungen und u.U. Amputationen möglich macht.


PROGNOSE
Besteht eine Pododermatitis schon sehr lange oder ist diese weit fortgeschritten und es erfolgen keine nachhaltigen Haltungsverbesserungen, so liegt der therapeutische Fokus auf Symptomlinderung. Wird die Erkrankung in ihrem Frühstadium erkannt, ist oft noch Heilung möglich. Die Optimierung der Haltungsbedingungen bleibt maßgeblich für den Erfolg einer Behandlung, ist aber auch der Dreh- und Angelpunkt, wenn es um vorbeugende Maßnahmen geht.
PRÄVENTION
Um das Risiko für die Entstehung von Pododermatitis zu minimieren, sensibilisieren Sie bitte die Halter von Meerschweinchen und Kaninchen für Folgendes:
Wöchentlicher Check-Up: Allgemeinzustand, Gewichtskontrolle und .berprüfung der Pfoten auf Druckstellen (v. a. Fußsohlen)
Artgerechte Pfoten- und Krallenpflege (u. a. verfilztes Fell entfernen, Sohlenpolster bürsten)
Passendes Gehege mit geeignetem Untergrund, ausreichend Einstreu und abwechslungsreicher Einrichtung
Trockene, saubere Haltung
Sicherstellung von genügend Bewegung
Passende Partnertiere (Vergesellschaftung mit Artgenossen) – Kaninchen und Meerschweinchen gehören übrigens nicht zusammen
Gesunde, artgerechte Fütterung
Primär- und Begleiterkrankungen müssen behandelt werden
FAZIT
Die Pododermatitis ist übergeordnet eine z.T. schwere Hautkrankheit, bei näherer Betrachtung jedoch die tragische Folge falscher Haltung. Werden die Lebensbedingungen der Tiere nicht nachhaltig verbessert, bleibt die Rezidivneigung logischerweise sehr hoch und die Krankheit kann ungehindert fortschreiten. Eine artgerechte Haltung mit genügend Platz für Bewegung, gesunder Fütterung und gründlicher Hygiene sind die besten Voraussetzungen dafür, diese tückische entzündliche Erkrankung der Fußsohlen zu vermeiden.


