FALLSTUDIE AUS DER PSYCHOTHERAPEUTISCHEN PRAXIS
„Ich dachte, ich sterbe. Mein Herz hat gerast, und ich bekam keine Luft mehr.“ Marina K. (34) sitzt mir gegenüber und ringt um Fassung. Das erste Mal passierte es an der Supermarktkasse – ohne Vorwarnung: Herzrasen bis zum Hals, Schwindel, Schweißausbrüche, Todesangst. Der Notarzt hat nichts gefunden und dokumentiert eine „Panikattacke“.
Seitdem geht Marina nicht mehr einkaufen. Auch Autofahren wird schwieriger. Die Angst vor der nächsten Attacke bestimmt ihren Alltag. „Ich verstehe es nicht. Ich habe keinen Stress – mein Leben läuft gut“, meint sie in der ersten Sitzung. Aber ihr Körper erzählt etwas anderes.
ANAMNESE UND VORGESCHICHTE
Marina ist Grundschullehrerin, verheiratet und kinderlos. Ihr Ehemann arbeitet viel im Außendienst. Sie hat außerhalb der Schule nur wenige soziale Kontakte. Ein Jahr zuvor ist ihre Mutter überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. „Ich habe nicht richtig getrauert, musste ja funktionieren: Beerdigung organisieren, zur Arbeit, weitermachen“, erzählt die Patientin. Gefühle hat sie beiseitegeschoben.
Zu Lebzeiten hatte ihre Mutter wegen ihrer eigenen Angststörungen jahrelang Beruhigungsmittel genommen. Marina erinnert sich an Momente aus ihrer Kindheit, in welchen die Mutter plötzlich hyperventilierte. Dann habe sie sich immer um diese gekümmert. Ihre eigenen Gefühle seien „nicht so wichtig“ gewesen.
Körperlich ist die Patientin gesund. Hausarzt und Kardiologe haben gründlich untersucht: Schilddrüse, Herz, Blutbild – alles unauffällig. Die offiziele Diagnose lautet: „Panikstörung mit Agoraphobie“ (ICD-10: F41.0).
BEFUND
Es zeigen sich typische Symptome: wiederkehrende, unerwartete Panikattacken, ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten bezogen auf Supermärkte, Menschenmengen und Autofahren, Angst vor Kontrollverlust sowie ständige Anspannung und Erwartungsangst.
Ihre erste Attacke stellt den Höhepunkt einer Phase unterschwelliger Überlastung dar (unverarbeiteter Tod der Mutter, unterdrückte Trauer, hohe Selbstanforderungen).
THERAPIE UND VERLAUF
Wir arbeiten sechs Wochen mit Schwerpunkt auf Gesprächstherapie und Entspannungsmethoden.
Psychoedukation
Während der ersten beiden Sitzungen erkläre ich Marina das Zusammenspiel von Körper und Psyche bei Panikattacken. Diese seien keine Gefahr, sondern ein Fehlalarm. Ihr Nervensystem reagiere auf eine vermeintliche Bedrohung, obwohl es keine gebe. Allein das Verständnis für diesen Vorgang nimmt bereits Druck.
Wir führen ein Angst-Tagebuch ein. Die Patientin notiert Situationen, körperliche Symptome sowie Gedanken. Schnell zeigt sich ein Muster – Attacken kommen meist dann, wenn sie sich ausgeliefert fühlt: während sie im Stau steht, an der Supermarktkasse in der Schlange, in vollen Räumen.
Atemtechnik und Progressive Muskelentspannung
Marina K. erlernt die 4-6-Atmung: vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen. Die verlängerte Ausatmung aktiviert den Parasympathikus und beruhigt das Nervensystem. Anfangs fällt es ihr schwer, bei aufkommender Panik bewusst zu atmen. Wir üben es gemeinsam in der Praxis. Zusätzlich leite ich die Patientin in Progressiver Muskelentspannung nach Jacobson an. Sie übt täglich 15 Minuten. „Es hilft mir, meinen Körper zu spüren. Ich merke jetzt früher, wenn ich anspanne“, berichtet sie nach zwei Wochen.
Trauerprozess und Gefühlsarbeit
Ein wichtiger Punkt ist die unverarbeitete Trauer. Die junge Frau beginnt, über ihre Mutter zu sprechen, über deren Tod und die ambivalente Beziehung zu ihr: „Ich habe sie geliebt, war jedoch oft wütend auf sie. Sie hat mich gebraucht. Ich durfte nie schwach sein.“ Wir arbeiten daran, dass Marina K. sich erlaubt, zu fühlen, ohne sofort funktionieren zu müssen.

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Sie schreibt ihrer Mutter einen Brief. In den Sitzungen weint sie – zum ersten Mal seit dem Tod. Konfrontation und Selbstwirksamkeit Nach vier Wochen beginnen wir mit kleineren Expositionsübungen. Marina geht zunächst zu ruhigen Zeiten einkaufen, nur kurz, mit ihrer Atemtechnik als Werkzeug. Beim ersten Mal bricht sie ab. Beim zweiten Mal bleibt sie, und ihre Angst reduziert sich. Das Vermeidungsverhalten zu durchbrechen, gibt ihr Kontrolle zurück.
STATUS QUO
Nach sechs Wochen kommen keine Panikattacken mehr vor. Meine Patientin fährt wieder Auto und geht einkaufen, auch wenn noch Restanspannung vorhanden ist. Sie kann jetzt damit umgehen. Die Angst hat keine Macht mehr über sie. Sie praktiziert täglich die erlernte Atemtechnik und nimmt sich Zeit für ihre Trauer und Gefühle. Die Beziehung zu ihrem Mann hat sich verändert: Sie spricht nun mehr über ihre Bedürfnisse, anstatt alles herunterzuschlucken.
FAZIT
Der vorliegende Fall zeigt, dass Panikattacken oft Ausdruck unterdrückter Emotionen und unverarbeiteter Belastungen sind. Die Kombination aus Aufklärung, Entspannungstechniken und Trauerarbeit hat der Patientin geholfen, Vertrauen in ihren Körper zu entwickeln. Panik ist nämlich immer ein Signal. Mit den richtigen Werkzeugen kann man lernen, dieses zu verstehen und zu regulieren.


