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Erstellt:30. Juli 2026

Osteopathische Kopfschmerzbehandlung

Osteopathie9 Minuten
© Drobot Dean I adobestock.com

NEBENSYMPTOME ALS WEGWEISER ZUR URSACHENFINDUNG

Rund 35% meiner Patienten vereinbaren einen Behandlungstermin aufgrund von Kopfschmerzen. Dabei scheinen Frauen aufgrund etwaiger hormoneller Einflüsse öfter Beschwerden zu haben als Männer. Die Zahl der Betroffenen nimmt stetig zu. Schmerzen im Kopf- und Nackenbereich zählen zu den häufigsten Gründen für Krankschreibungen. Als Gründe werden Stress, Wetterwechsel, Schlafprobleme oder mangelnde Flüssigkeitszufuhr angegeben. Wie unterschiedlich ursächliche Faktoren sein können und warum die Lokalisation elementar ist, zeige ich anhand von Patientenbeispielen auf.  

BEFUNDUNG UND DIAGNOSTIK

In Anamnese und Untersuchung finden sich wiederkehrend weitere Aspekte, die als Kopfschmerzauslöser infrage kommen und Patienten oftmals nicht bewusst sind. Deswegen ist eine gründliche Diagnostik unerlässlich, um die individuelle Ursache von Beschwerden aus einer Vielzahl von Möglichkeiten herauszufiltern. Wichtig ist die Abfrage von Nebensymptomen und Verhaltensmustern im Alltag, z. B. Verdauungsstörungen, Sehschwäche, emotionale Belastungen, Zahnbehandlungen oder Stressbelastungen. Über die anamnestische Eingrenzung lässt sich nachfolgend eine effiziente Untersuchung einleiten. 

Bei den hier vorgestellten Patientenbeispielen führe ich aus Gründen der Übersichtlichkeit nur die relevanten Untersuchungsergebnisse an, die zur „Ursachenerkennung“ geführt und aus denen sich die Behandlungsvorschläge abgeleitet haben. Die Fallstudien sollen einen ganzheitlichen Blick auf Kopfschmerzsymptome eröffnen und Anregungen für eine mögliche Therapie geben. 

Es hat sich bewährt, Patienten Eigenübungen an die Hand zu geben, damit diese sich im Bedarfsfall selbst zu helfen wissen und akute Beschwerden eigenverantwortlich in den Griff bekommen, ohne sofort auf Medikamente zurückgreifen zu müssen. Daher stelle ich zu jedem Behandlungsvorschlag eine Übung vor, die auch Sie Ihren Patienten empfehlen können. 

FALLSTUDIE 1

Olaf H. (45 Jahre, alleinerziehend, in Vollzeit berufstätig, finanzielle Sorgen, Rückenschl.fer) stellt sich in der Praxis mit morgendlichen Kopfschmerzen vor, die sich am Hinterhaupt manifestieren und im Lauf des Vormittags abnehmen. Er gibt an, morgens bisschen schlechter sehen zu können und sich insgesamt angespannt zu fühlen. Auf Nachfrage bekennt er, dass Stress eine große Rolle in seinem Alltag spiele. Abends, wenn die Kinder schlafen, gönnt er sich zum „Runterkommen“ zwei Gläser Wein und isst dabei gerne Chips und Weingummi. Außerdem hat er unregelmäßigen Stuhlgang. 

Verdachtsdiagnose

Das Hauptsymptom („Kopfschmerz morgens, während des Tages abnehmend“) lässt mich an eine Irritation des N. vagus im Bereich des Übergangs zwischen Kopf und Hals denken. Einige Nebensymptome stützen diese Vermutung: morgens schlechter sehen, Gefühl der Anspannung und unregelmäßiger Stuhlgang. 

Stützende Befundergebnisse

Die Membranen am Foramen jugulare beidseits fühlen sich fest, die Austrittsstellen des N. vagus dicht an. 

Anspannung und Stressbelastungen zeigen sich anhand von Zahnabdrücken an den Zungenrändern. M. masseter und M. pterygoideus lateralis sind beidseits hyperton. Auf eine mögliche Darmdysbiose weisen eine druckdolente Nackenrosette, ein aufgeblähtes Colon transversum und die Auskultation von Darmgeräuschen hin. 

Vorschlag Erstbehandlung

Als Hauptgrund für den Kopfschmerz wird eine Irritation des N. vagus an seinen Austrittspunkten am Foramen jugulare vermutet (ggf. durch nächtliche Liegeposition, zu feste Kopfunterlage). Deshalb stehen craniosacrale Release-Techniken am Foramen jugulare und am Ohr (Ear Pull) im Vordergrund. Ziel ist, das vegetative Nervensystem zu regulieren und akute Beschwerden zu lindern. Durch die vegetative Behandlung harmonisieren sich auch die Öffnungs- und Schließmechanismen der Magen-Darmklappen, sodass sich die Behandlung positiv auf den Verdauungstrakt auswirkt. 

Überlastete Nebenstrukturen – etwa die Kiefergelenks- und Nackenmuskulatur – sollen detonisiert werden. Dazu bieten sich Muskeldehn- und Release-Techniken der Nackenrosette in Rückenlage mit HWS-Extension an. So verbessern wir auch die Durchblutung im Hals- und Kopfbereich und stärken mögliche Abflussgebiete, z. B. die Venenwinkel. 

Eine Eigenübung soll meinem Patienten helfen, muskuläre Verspannungen am Kiefergelenk abzubauen und stärkeren Beschwerden entgegenzuwirken (Abb. 1). Hierbei wird die Kiefermuskulatur mit den Handknöcheln unterhalb des Jochbeins bis zum Kinn mit Druck ausgestrichen (5-10 Wiederholungen). Dazu muss der Mund leicht geöffnet sein. 

Abb. 1: Übung zur Entspannung der Kiefermuskulatur

Ergebnis

Um den Patienten aus seiner „Dauerstress-Spirale“ zu lösen, wird vereinbart, beeinträchtigende Lebenseinflüsse behutsam aufzulösen. Zunächst soll das Kopfkissen ausgetauscht sowie der Alkoholkonsum reduziert werden (Ziel: Entlastung Foramen jugulare und Muskelentspannung Nackenrosette). Der Patient soll sich täglich eine Mini-Auszeit gönnen. Bereits nach der ersten Behandlung geht es Olaf H. deutlich besser und er wacht am folgenden Morgen ohne Kopfschmerzen auf. Um das Ergebnis langfristig zu stabilisieren und den Patienten zu motivieren, seine Lebensmuster nachhaltig zu verändern, wird ein vierwöchiges Behandlungsintervall festgelegt. In der therapiefreien Zeit soll der Patient gewissenhaft Eigenübungen durchführen.  

FALLSTUDIE 2

Eine 38-jährige Lehrerin hat punktuelle Kopfschmerzen. Wo diese sitzen, kann sie genau zeigen. Zusätzlich berichtet sie von einem dumpfen Druckgefühl im Kopf. In ihrem Beruf muss sie viel am Schreibtisch sitzen. Sie isst unregelmäßig und vergisst immer wieder, ausreichend zu trinken. Momentan kann sie sich bei der Arbeit kaum konzentrieren. Ein Trauma oder Infekt, die Schmerzen auslösen könnten, werden verneint. Die Beweglichkeit der HWS ist unauffällig. 

Verdachtsdiagnose

Da meine Patientin genau ihren Schmerzpunkt zeigen kann, lautet meine Hypothese: verfestigte Sutur im Bereich ihres Schmerzareals und daraus resultierende Minderbeweglichkeit der Falx cerebri. Das Druckgefühl, die mangelnde Konzentrationsfähigkeit, eine geringe Flüssigkeitszufuhr und die freie HWS-Beweglichkeit unter Ausschluss gravierender muskulärer Verspannungen und knöcherner Blockaden untermauern dies. 

Stützende Befundergebnisse

Die Untersuchung der Schädelsuturen ergibt eine punktuelle Verhärtung der Sutura sagittalis nahe am Bregma (Orientierungspunkt am Schädel). 

Mein Listening offenbart eine Minderbeweglichkeit der Falx cerebri durch eine Fehlstellung vom Os ethmoidale als vermutlichem Auslöser für das Druckgefühl im Kopf. 

Vorschlag Erstbehandlung

Zur Schmerzlinderung erfolgt eine Mobilisation der Sutura sagittalis am Bregma. Um das Druckgefühl im Kopf zu mindern, mobilisiere ich das Os ethmoidale mit dem Ziel eines Release der Falx cerebri und entlaste das Ventrikelsystem mit craniosacralen Griffen (u. a. CV4-Technik). 

Zudem behandle ich die obere Thoraxapertur mithilfe von Muskeltechniken (Detonisierung M. sternocleidomastoideus und Mm. scaleni) und einer Release-Technik für die vordere Halsfaszie. Zur Verbesserung von Durchblutung und Lymphabfluss erfolgt eine Manipulation der ersten Rippe. 

Abschließend bekommt die Patientin eine Eigenübung gezeigt, mit welcher sie das Fließsystem im Bereich der Thoraxapertur eigenständig anregen kann (Abb. 2): Sie streicht 5-7x bei HWS-Extension und geöffnetem Mund vorne seitlich über ihre Fascia cervicalis. Danach massiert sie die Venenwinkel über den Schlüsselbeinen mit kreisenden Bewegungen nach hinten unten. So wird auch der lymphatische Abfluss im Kopf-Hals-Bereich aktiviert. 

Ergebnis

Im Anschluss an die Behandlung fühlt sich die Patientin sehr erschöpft. Nach drei Stunden Erholung sind ihre Beschwerden vollständig beseitigt. Sie wird angehalten, mehr Wasser zu trinken und im beruflichen Alltag darauf zu achten, öfter aktive Bewegungspausen einzubauen. Wir vereinbaren, dass sie sich bei Bedarf wieder vorstellt. 

Abb. 2: Massage der Halsfaszie und Venenwinkel

FALLSTUDIE 3

Ein 28-jähriger Patient konsultiert meine Praxis aufgrund von Kopfschmerzen, die sich hinter der Stirn manifestieren und seit vier Tagen bestehen. Seine Schmerzen treten episodenweise 1-2x pro Monat auf. Er berichtet von rezidivierenden Infekten (4x pro Jahr) und anhaltender Müdigkeit. Mit seinem Informatikstudium ist er nicht zufrieden, er würde gerne etwas Kreatives machen. Außerdem fällt ihm auf, dass er einen „Bierbauch“ ansetzt, obwohl er kaum Alkohol trinkt. 

Verdachtsdiagnose

Minderbeweglichkeit des Os frontale aufgrund einer viszeralen Überlastung (Leber). Müdigkeit, rezidivierende Infekte sowie Bauchansatz bestärken mich in dieser Annahme. 

Stützende Befundergebnisse

Müdigkeit ist ein Initialsymptom der Leber. Im Konzept der TCM gelten Kreativität und Selbstentfaltung ebenso als (energetische) Aspekte der Leber. Da der Patient davon berichtet, seine kreativen Seiten unterdrücken zu müssen und sich immer müde zu fühlen, richtet sich mein Untersuchungsfokus auf das große Drüsenorgan. Im Rahmen von Palpation und Listening zeigt sich eine gestaute Leber mit eingeschränkter Motilität. 

Die Leber ist über fasziale und energetische Ketten mit dem Os frontale verbunden – dessen Bewegungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. 

Stirn- sowie Nasennebenhöhlen sind klopfempfindlich. Auf Nachfrage gibt der Patient an, nicht gut durch die Nase atmen zu können, besonders während eines Infekts. 

Vorschlag Erstbehandlung

Es erfolgt eine Behandlung des Os frontale mittels cranialer Techniken (u. a. über Zug oder Rotation und Mobilisation angrenzender Suturen). Auch Os maxillare, Os nasale sowie Os ethmoidale werden mit cranialen Techniken adressiert. 

Weiter wird eine Leberdrainage durchgeführt, und relevante Abflussgebiete (z. B. Zwölffingerdarm, Zwerchfell, Omentum minus) werden behandelt. Die Leber wird indirekt über die Rippen (in drei Ebenen mit Zangengriff) mobilisiert. Auch hier empfehle ich eine Eigenübung (Abb. 3): Man legt die Hand auf die Stirn und zieht die Haut darunter mittig in die hohle Hand, als würde man ein Schröpfglas aufsetzen. 

Durch die sanfte Traktion öffnet sich die Sutur zwischen Osfrontale und Os nasale und bewirkt eine Druckentlastung im Bereich von Augen, Stirn und Nebenhöhlen. 

Ergebnis

Der Student empfindet eine sofortige Beschwerdelinderung. Es ist jedoch mit rezidivierenden Beschwerden zu rechnen. Daher sind Eigenübungen unbedingt notwendig, denn mit ihnen lassen sich beschwerdefreie Intervalle verlängern. Der Patient wird gebeten, sich damit zu befassen, ob er seinen Studiengang fortführen möchte. Womöglich lassen sich seine Kopfschmerzen erst dann nachhaltig beheben. Darüber hinaus sollte eine schulmedizinische und naturheilkundliche Diagnostik (u. a. Blutlabor) durchgeführt und eine Behandlung zur Stärkung des Immunsystems sowie zur Entlastung der Nasennebenhöhlen initiiert werden. Wir vereinbaren weitere Termine, wenn Ergebnisse vorliegen. Die erhobenen Blut- und Stuhlbefunde bestätigen die These einer Leberüberlastung (verminderte Gallensäure und Verdauungsrückstände, Cholinesterase erhöht). Der Patient erhält Injektionen zur Stärkung der Leberfunktion und Bittertropfen. 

Einmal pro Woche räumt er sich außerdem Zeit für kreative Arbeiten ein. So kann er besser abschalten, und es macht seinen Studiengang „erträglicher“ – er möchte diesen abschließen. Mit der Übung verfügt er über eine Soforthilfemaßnahme für den Fall, dass Kopfschmerzen einsetzen. 

Die Schmerzintervalle haben sich nun signifikant reduziert, der 28-Jährige wirkt zufriedener. Sein „Gamechanger“ war, zu verstehen, woher sein Kopfschmerz kommt, und sich dann eine bewusste Pause zu gönnen. 

Abb. 3: Druckentlastung im Bereich von Stirn, Augen und Nebenhöhlen

TIPP BEI UNBEKANNTEM AUSLÖSER

Falls sich keine Ursache finden lässt, so können die meisten Kopfschmerzarten durch Stressreduktion, ausreichend Schlaf und Erhöhung der Trinkmenge gelindert werden. Probieren Sie in solchen Fällen einen Therapieansatz zur Regulation des vegetativen Nervensystems aus – und zeigen Sie Ihren Patienten Übungen, mit denen sie eigenverantwortlich zum Behandlungserfolg beitragen können. Dadurch fühlen sie sich ihren Beschwerden gegenüber weniger ausgeliefert. Nach jeder Kopfschmerzbehandlung kann ein Glas Wasser angeboten werden. Die Flüssigkeitszufuhr dämpft nicht zuletzt unerwünschte Erstverschlimmerungen. 

FAZIT

Es ist nicht immer leicht, aus einer Vielzahl von Kopfschmerzsymptomen die tatsächliche Ursache zu filtern. Hilfreich ist, in der Anamnese auf geschilderte Nebensymptome zu achten, die mit den Kopfschmerzen in Verbindung gebracht werden und eine Verdachtsdiagnose stützen können. Je nach individuellem Befund können osteopathische Behandlungen sehr gut mit verschiedensten Methoden der integrativen Medizin und Naturheilkunde kombiniert werden (z. B. mit Akupunktur, Schröpftherapie, Wärmebehandlung oder Kinesiotaping), sodass dem spezifischen Kopfschmerz erfolgreich begegnet werden kann. 

BUCH-TIPP Friederike Reumann: Osteopathie für zu Hause. Riva Verlag

Friederike Reumann

Heilpraktikerin und Physiotherapeutin mit Schwerpunkten Osteopathie und Traditionelle Chinesische Medizin

mailbox@physioplus-neustadt.de

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