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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 6/2021

Glosse: Ist denn schon wieder Weihnachten?

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Nein, noch nicht. Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, als wäre Weihnachten schon wieder vorbei. Stehen die Schokoladen-Nikoläuse und Lebkuchen doch sage und schreibe seit Ende August wieder in den Regalen der Supermärkte. Im Laden plärrt ein unerzogener Schreipimpf mitten im September strampelnd auf dem Boden, weil ihm seine Mutter keine Weihnachts-Schokoeier kauft. Eine Verkäuferin, die die Regale gerade auffüllt, bekommt daraufhin eine Abreibung. „Ihr habt doch alle einen Knall, es ist mitten im Sommer und ihr habt Weihnachtsartikel!“ Daraufhin der Schreipimpf zu seiner Mutter: „Du hast einen Knall!“ Köstlich. Recht haben beide, die Mutter und der Pimpf. Nur, die Mutter hat sich die falsche Adresse ausgesucht. Die Verkäuferin verzieht keine Miene, befreit einen Schokoladen-Weihnachtsmann schnurstracks von seiner Aluminiumhülle, würdigt Mutter und Pimpf eines unvergesslichen kurzen Blickes, beißt dem Weihnachtsmann den Kopf ab und geht von dannen. Eine krasse Szene, nur ein paar Sekunden, aber geradezu filmreif.

Gehören Sie zu denjenigen, die sich noch erinnern können: Dass wir uns als Kinder wie verrückt auf den Nikolaus am 6. und auf den Heiligen Abend am 24. Dezember gefreut haben. Dass der Vorfreudepegel schlagartig in die Höhe schoss, wenn Anfang Dezember die Schaufenster weihnachtlich dekoriert wurden. Plötzlich stand da ein lebensechter Nikolaus, der dir freundlich zunickte. Seine Rentiere hatten rote Nasen und zogen einen Schlitten mit Geschenken hinter sich her. Irgendwann begann es leicht zu schneien. Die Erde verwandelte sich in eine Traumwelt. Man spürte, dass das Christkind bald kommt. Die ersten Dezembertage waren stets die Zeit, während der das Aroma von frischem Gebäck tagelang durchs Haus zog. Es duftete nach Mandeln, Zitrone, Vanille, Kardamom, Nelken, Zimt etc. An Weihnachten gab es zu meiner Zeit ab und zu eine Weihnachtsgans. Wenn diese auch, selbst nach damaligen Maßstäben, eher trocken ausfiel. Hauptsache Weihnachtsgans! Anschließend war Bescherung.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte jedoch ist der Weihnachtsglanz immer mehr verblasst. Mit dem eigentlichen Weihnachtsgedanken, bei dem es einem früher warm ums Herz wurde, hat das nichts mehr zu tun. Im Mai dieses Jahres erzählte Ralf Möller, Mister Universum und Filmstar, bei Bettina Boettinger in der WDR-Talkshow, dass er am vergangenen Heiligen Abend Al Pacino, Silvester Stallone und gegen 1:30 Uhr auch noch Leonardo di Caprio in einer Bar angetroffen habe. Sie begrüßten sich mit den Worten: „Habt ihr keine Betten zuhause?“. Auch in den USA scheint die Zeit, in der Santa Claus seine Geschenke durch den Kamin gebracht hat, lange vorbei zu sein. Vielleicht ist er bereits vor Jahren besoffen in den Chimney des Trump-Tower gestürzt, hatte verständlicherweise keine Geschenke dabei und die Tragik nahm „top secret“ ihren Lauf. Wer weiß?!

Auch hierzulande wird seit vielen Jahren immer mehr Weihnachtszeit nach dem Motto „business as usual“ verbracht. Das Fest der Liebe droht im Getümmel zum bedeutungslosen Kommerz zu verkommen, die frohe Botschaft angesichts besorgniserregender gesellschaftlicher Entwicklungen aus dem Blick zu geraten. Reichtum und Armut wachsen gleichermaßen drastisch. Neben Radio- und Fernsehsendern versorgt uns v.a. das Internet mit Horror- und Fake-Meldungen rund um die Uhr. Hass, Gewalt und Terror nehmen weltweit gravierend zu. Während das eigene Land überaltert und man keinen würdigen Umgang mit diesem Thema findet, kommt es anderswo zu Völkerwanderungen. Hilfesuchende will man aber erst recht nicht vor der eigenen Tür sehen, unausweichliche Veränderungen auf unserem Planeten nicht anerkennen. Und aus Angst erhebt man sich über andere und hält seine Sicht der Dinge für die einzig wahre. Was für eine scheinheilige und verantwortungslose Welt. Das Problem sind nicht das Geld, die Krisenherde, das Virus oder das Klima per se, es ist das Verhalten der Menschen bzw. deren Umgang mit der alles bezwingenden Natur.

Kann es einem unter diesen Umständen noch warm ums Herz werden, auch wenn es noch so weihnachtet? Ja, es ist durchaus möglich. Denken wir an die Weihnachtsgeschichte, dann stellen wir fest, dass jene Zeit, zu der sie sich zugetragen hat, ebenfalls alles andere als gut war. Während die einen unter freiem Himmel hungerten und froren, hatten andere eine warme Unterkunft und genug zu essen. Und wie ist es heute? Sitzen wir nicht auch in beheizten Räumen vor einem Glas Punsch, während andere unter einer Brücke vor Kälte zittern und oft nicht wissen, wie sie die Nacht lebend überstehen sollen? Ich denke, das vergangene Dreivierteljahrhundert hat uns die bisher beste Zeit in der Geschichte beschert. Machen wir doch jenen Menschen, die weniger Glück im Leben hatten, eine Freude: mit einer Decke, damit sie in ihrem Unterschlupf nicht so arg frieren, einer Tüte Weihnachtsgebäck, ein paar belegten Broten, einem warmen Getränk etc. Und wenn es einem dabei warm ums Herz wird, dann ist Weihnachten.

Horst Boss
Heilpraktiker mit Schwerpunkten Magen-/Darmerkrankungen und Schmerztherapie, Medizinjournalist
kontakt@horstboss.de

Foto: © patrylamantia / adobe.stock.com

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