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Erstellt: 21. Januar 2026

Longevity

Naturheilkunde 8 Minuten
© Anastasiia I adobestock.com

GESUNDES, LANGES LEBEN BEGINNT IN DEN ZELLEN

Longevity ist weit mehr als der Wunsch, das Leben künstlich zu verlängern. Der moderne Ansatz möchte die Zeitspanne vergrößern, in der ein Mensch körperlich leistungsfähig, geistig klar und emotional stabil bleibt. Nicht das kalendarische Alter steht im Vordergrund, sondern die Jahre, in denen wir uns gesund fühlen und sind. In der Forschung spricht man deswegen vom „Healthspan“, der gesunden Lebensspanne, und grenzt diesen bewusst vom „Lifespan“, der Anzahl der Lebensjahre, ab. 

Damit Longevity kein abstrakter Begriff bleibt, wird untersucht, warum unsere Zellen überhaupt altern und welche inneren Mechanismen diesen Prozess antreiben. Dass wir altern, ist biologisch selbstverständlich. Aber wie schnell wir altern – und eben auch wie gut – hängt davon ab, wie stabil bestimmte Prozesse auf Zellebene funktionieren. Genau hier setzt die Wissenschaft an. 

Als Grundlage dienen die „Hallmarks of Aging“ (Merkmale des Alterns). Dabei handelt es sich um ein Modell, das die wichtigsten biologischen Veränderungen des Alterns beschreibt. Man kann sich diese Merkmale wie „Baustellen des Alterns“ vorstellen. Es sind die Bereiche, in denen der Körper mit zunehmendem Alter an Kraft und Effizienz verliert. Altern ist deshalb nicht ein einzelnes Problem, sondern ein Netzwerk von Veränderungen, die sich über die Jahre gegenseitig verstärken können. 

Longevity bedeutet also nicht, vor dem Alter davonlaufen zu wollen, sondern zu verstehen, wie der Körper funktioniert und was ihn schützt. Dieses Wissen ermöglicht es, Alterungsprozesse zu entschleunigen und den Organismus so zu unterstützen, dass er auch in höheren Lebensdekaden stabil, belastbar und anpassungsfähig bleibt 

HALLMARKS OF AGING

Wenn wir über Alterung sprechen, denken viele an graue Haare, Falten oder nachlassende Leistungsfähigkeit. Biologisch gesehen beginnt Alterung jedoch viel früher und subtiler. Sie ist kein plötzliches Ereignis, das mit einem bestimmten Geburtstag einsetzt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der jede Zelle von Anfang an begleitet. Streng genommen laufen viele der Prozesse (Hallmarks of Aging) ab dem ersten Lebenstag: Jede Zellteilung birgt ein minimales Risiko für Fehler, jede Stoffwechselreaktion erzeugt Stoffe, die repariert oder entsorgt werden müssen. 

Der Körper verfügt in jungen Jahren über sehr leistungsfähige Reparaturmechanismen, die diese Schäden praktisch vollständig ausgleichen. Doch mit zunehmendem Lebensalter verschiebt sich das Gleichgewicht: 

• Die Rate kleiner zellulärer Schäden bleibt im Durchschnitt konstant. 

• Die Reparaturmechanismen verlieren allmählich an Wirkung und Effizienz. 

• Der Körper reagiert stärker auf Umweltfaktoren, z. B. Stress, Ernährung, Schlaf oder Toxine. 

• Viele messbare Alterungsprozesse beginnen zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr. 

Die „Hallmarks of Aging“ beschreiben die zentralen Mechanismen, die zur Alterung beitragen. Man kann sie als biologische Checkliste verstehen, die zeigt, was sich in Zellen im Laufe des Lebens verändert. Dazu zählen: 

Genomische Instabilität

Im Kern jeder Zelle befindet sich unser Erbgut. Dort entstehen täglich Schäden, durch Stoffwechsel, Sonnenlicht oder Stress. Zwar wird vieles repariert, aber über die Jahre häufen sich Fehler an. 

Telomerverkürzung

Telomere sind „Schutzkappen“ an den Enden unserer Chromosomen. Mit jeder Zellteilung werden sie kürzer. Unterschreiten sie eine kritische Länge, geht die Zelle in Seneszenz oder aktiviert die Apoptose (Zelltod). 

Epigenetische Veränderungen

Nicht das Erbgut selbst, sondern dessen Schalter bestimmen, welche Gene aktiv sind. Mit zunehmendem Alter geraten diese durcheinander, vergleichbar mit einem Klavier, dessen Tasten sich verstimmen. 

Verlust der Proteostase

Proteine müssen korrekt gefaltet und recycelt werden. Wenn das System überlastet ist, sammeln sich defekte Eiweiße an, ein Kernmechanismus vieler neurodegenerativer Erkrankungen. 

Gestörte Autophagie

Autophagie ist die zentrale „Aufräum- und Recycling-Funktion“ der Zelle. Ihre Aktivität nimmt im Lauf des Lebens ab. Beschädigte Proteine, Organellen (inkl. Mitochondrien) und Aggregate werden schlechter abgebaut. 

Deregulierte Nährstoffsensorik

Systeme wie mTOR, AMPK, Insulin und Sirtuine regeln, wie Zellen Energie nutzen. Im Alter verlernen die Systeme ihre präzise Steuerung. Das wirkt sich u. a. auf Stoffwechsel, Gewicht, Entzündung und Regeneration aus. 

Mitochondriale Dysfunktion

Die „Kraftwerke“ der Zelle produzieren weniger Energie und mehr freie Radikale. Dieser Mechanismus gilt als der Motor des Alterns, weil Energie nunmal der limitierende Faktor jeder Reparaturreaktion ist. 

Zelluläre Seneszenz

Manche Zellen stellen ihre Teilung ein, verbleiben aber im Gewebe und senden entzündliche Signale aus. Diese „Zombie-Zellen“ beeinflussen ihre ganze Umgebung negativ und beschleunigen Alterungsprozesse. 

Stammzellerschöpfung

Reparaturgewebe verliert nach und nach die Fähigkeit, sich selbst zu erneuern. 

Gestörte interzelluläre Kommunikation

Hormone, Immunbotenstoffe sowie neuronale Signale verlieren an Feinabstimmung. Organsysteme arbeiten weniger synchron, Gewebe reagiert schlechter auf äußere Reize. 

MECHANISMEN FÜR ALTERUNG

Die genannten Merkmale werden in drei funktionelle Gruppen eingeteilt, die zeigen, warum Zellen im Lauf der Zeit an Leistungsfähigkeit verlieren: 

Primäre Mechanismen

Diese entstehen ab dem ersten Lebenstag. Sie sind Teil der normalen Biologie, werden aber mit der Zeit stärker. Dazu zählen die Faktoren genomische Instabilität, Telomerverkürzung, epigenetische Veränderungen, deaktivierte Makroautophagie und Verlust der Proteostase. Die primären Mechanismen sind wie das „Grundrauschen“ des Alterns: Zellen müssen damit umgehen, und zwar jeden Tag, von Beginn an. 

Antagonistische Mechanismen

Zellen verfügen über komplexe Stressantworten, die uns eigentlich schützen sollen. Doch wenn Stress dauerhaft wird oder die Systeme überlastet sind, kippen diese Prozesse in schädliche Muster. Zu ihnen zählen deregulierte Nährstoffsensorik, mitochondriale Dysfunktion und zelluläre Seneszenz. 

Integrative Mechanismen

Irgendwann wirken die primären und antagonistischen Mechanismen zusammen und führen zu funktionellen Einbußen, z. B. Stammzellerschöpfung und gestörter interzellulärer Kommunikation. Die integrativen Mechanismen umfassen ebenso Veränderungen des Mikrobioms und chronische niedriggradige Entzündungen, zwei zusätzliche Treiber des Alterns. 

BEEINFLUSSUNG DURCH VITALSTOFFE

Mehrere natürliche Moleküle greifen gezielt in die beschriebenen Prozesse ein (Membranen, Energieproduktion, Stressantwort, Entzündung, Genregulation, Autophagie) und können damit mehrere Merkmale des Alterns gleichzeitig positiv beeinflussen. In Kombination mit Ernährung, Bewegung und einem stabilen Lebensstil setzen sie an, wo Alterung biologisch entsteht: in den Zellen und ihren Organellen. Jede folgende Substanz wirkt an einem anderen Ort: im Zellkern, an der Membran, in den Mitochondrien, im Autophagie-System, an den seneszenten Zellen. 

Resveratrol

Resveratrol ist ein Polyphenol, das v. a. durch seine Fähigkeit bekannt wurde, Sirtuine zu aktivieren. Das sind Enzyme, die eng mit Langlebigkeit, Stressresilienz und mitochondrialer Gesundheit verbunden sind. Resveratrol wirkt im Zellkern, an der Mitochondrien-Biogenese und damit direkt an Mechanismen, die zahlreiche Merkmale des Alterns beeinflussen: Energiestoffwechsel, epigenetische Kontrolle, Proteostase und Entzündung. Es schaltet SIRT1 und AMPK an, zentrale Regulatoren der Zellreparatur, und fördert Autophagie, das Recycling alter Zellbestandteile. 

Polyphenole aus Olivenöl

Hydroxytyrosol und verwandte Olivenpolyphenole schützen die Mitochondrienmembran, eine der empfindlichsten Strukturen der Zelle. Sie neutralisieren reaktive Sauerstoffspezies (ROS), bevor sie Schaden anrichten, stabilisieren die Struktur der mitochondrialen Membran und dämpfen die chronische niedriggradige Entzündung des Alters (Inflammaging). Damit steigern sie die Robustheit der Mitochondrien gegen Stress und tragen zur besseren Energieproduktion bei. 

Spermidin

Dieses körpereigene Polyamin steuert den Prozess der Autophagie, das vielleicht wichtigste Regenerationsprogramm der Zelle. Ebenso fördert es die Mitophagie, die gezielte Entfernung defekter Mitochondrien, und reduziert die zelluläre Seneszenz. Spermidin wirkt damit direkt gegen mehrere Merkmale des Alterns: Verlust der Proteostase, nachlassende Makroautophagie/Mitophagie, mitochondrialen Verfall und sekundär auch Seneszenz. 

NAD+ (NMN, NR)

Nicotinamidadenindinukleotid, kurz NAD+, ist ein zentraler Co-Faktor für Energiegewinnung und DNA-Reparatur, dessen Spiegel im Alter deutlich absinken. Es wirkt in der mitochondrialen Energieproduktion und im Sirtuin-System. NAD+ versorgt die Atmungskette mit den notwendigen Elektronenakzeptoren, aktiviert Sirtuine, die Reparaturprozesse steuern, und unterstützt die DNA-Reparatur durch PARP-Enzyme. 

© pisotskii I adobestock.com

Coenzym Q10

Q10 ist ein natürlicher Bestandteil der Elektronentransportkette in den Mitochondrien. Mit zunehmendem Alter nimmt es ab. Es wirkt im Enzymkomplex I-III der Atmungskette, verbessert den Elektronentransport, stabilisiert die ATP-Produktion und reduziert die ROS-Entstehung. Q10 wird v. a. bei Erschöpfung und Herz-Kreislauf-Belastungen relevant. 

PQQ

Während Q10 die Energieproduktion ankurbelt, stößt PQQ (Pyrrolochinolinchinon) die Neubildung von Mitochondrien an. Der PGC-1α-Signalweg ist sein Wirkort. Es aktiviert den Masterregulator der Mitochondrien-Biogenese, erhöht die Anzahl funktionsfähiger Mitochondrien, unterstützt Energie, Stressresilienz und Regeneration. Q10 kombiniert mit PQQ ist eine effektive Doppelstrategie. 

Quercetin

Quercetin ist einer der am besten untersuchten senolytischen Pflanzenstoffe und wirkt in seneszenten Zellen. Zu seinen Besonderheiten zählt die Markierung alter, funktionsgestörter Zellen für den Abbau, die Reduktion entzündlicher Zytokine und die Entlastung des Gewebes von Dauerstress. Die Entfernung seneszenter Zellen gilt heute als einer der wichtigsten Longevity-Pfade überhaupt. 

LONGEVITY ALS SUMME VIELER FAKTOREN

Die Betrachtung des Alterns auf zellulärer Ebene ist deshalb so spannend, weil sie zeigt, dass Alterung kein unkontrolliertes Schicksal ist. Viele Prozesse, die Zellen aus dem Gleichgewicht bringen, lassen sich nachweislich modulieren. Die beschriebenen Substanzen können diese Mechanismen gezielt unterstützen, indem sie Mitochondrien schützen, Reparatursysteme stabilisieren oder entzündliche Signale reduzieren. Doch so wertvoll diese Werkzeuge sind: Sie funktionieren nur als Teil eines größeren Ganzen. 

Gesund altern bedeutet, an mehreren Stellschrauben gleichzeitig zu drehen. Ernährung spielt dabei eine zentrale Rolle. Eine pflanzenbetonte, mediterrane Kost reduziert Entzündungen, stabilisiert den Stoffwechsel und liefert die bioaktiven Moleküle, die unsere Zellen brauchen. Bewegung ist ein zweiter Grundpfeiler. Sie verbessert nicht nur den Energiestoffwechsel der Mitochondrien, sondern steigert zwei der stärksten Prädiktoren für gesundes Altern: VO₂max und Griffkraft. Beide Parameter sind eng mit Lebensqualität und Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden. Genauso entscheidend sind Schlaf, Regeneration und Stresskompetenz. 

Chronischer Stress beschleunigt nahezu jedes Merkmal des Alterns, während guter Schlaf Reparaturprozesse stärkt und Entzündungen senkt. Ebenso relevant sind soziale Beziehungen und gelebte Verbundenheit. Menschen mit stabilen Freundschaften, tragenden Partnerschaften oder starken Gemeinschaften zeigen konsistent bessere Gesundheitsparameter und ein langsameres biologisches Altern. Der persönliche Glaube bzw. ein spiritueller Anker kann eine messbare Schutzfunktion entfalten, indem er Selbstwirksamkeit fördert, Stress puffert und das Gefühl innerer Stabilität stärkt – ein Faktor, der häufig unterschätzt wird. 

FAZIT

Longevity ist kein rein mechanischer Ansatz. Wir sind keine Geräte, deren Bauteile man austauscht. Gesund alt werden bedeutet, sich in seinem Leben wohlzufühlen: körperlich belastbar, geistig klar, emotional stabil und sozial eingebunden. Die zelluläre Ebene liefert dafür die wissenschaftliche Grundlage. Gelebter Alltag macht daraus ein langes, gesundes und erfülltes Leben. 

Matthias Baum

Heilpraktiker mit Schwerpunkten klinische Psychoneuroimmunologie, funktionelle Labordiagnostik, Mikronährstofftherapie, Ernährungsberatung, Darmgesundheit und Physiotherapie, Gesundheitswissenschaftler, Dozent und Speaker

baum@gesundheitspraxis-altona.de

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