Bindungsangst trifft Verlustangst
„Warum ziehe ich mich immer zurück, wenn es schön wird?“ – Jonas sitzt neben Lea, seiner Partnerin, und ringt um Worte. Seit 5 Jahren sind sie ein Paar, beruflich erfolgreich, ohne Kinder. Auf den ersten Blick wirken sie harmonisch: Sie lächeln sich an und berühren sich zärtlich. Doch schon in den ersten Minuten unseres Gesprächs zeigt sich die Spannung zwischen Nähe und Distanz, die beide zermürbt. „Wir lieben uns wirklich sehr“, sagt Lea leise, „aber wenn ich Nähe suche, zieht Jonas sich zurück. Dann fühle ich mich allein und klammere noch mehr.“ Jonas senkt den Blick: „Es ist, als würde ich innerlich erstarren, wenn sie mir zu nahe kommt. Ich brauche Abstand, aber das verletzt sie – und ich fühle mich schuldig.“
Es ist kein Mangel an Liebe, der dieses Paar in meine Praxis geführt hat. Die beiden sind in einem Kreislauf aus Bindungsangst und Verlustangst gefangen – zwei alte Schutzmechanismen, die aufeinanderprallen.
SCHATTEN DER VERGANGENHEIT
Jonas ist Einzelkind. Sein Vater war oft unterwegs, seine Mutter kämpfte mit Depressionen. Früh lernte der Junge, sich selbst zu versorgen und für seine Mutter da zu sein. Rückzug wurde als „verletzend“ empfunden, Gefühle mussten kontrolliert werden. Liebe bedeutete Verfügbarsein. Nähe ist für ihn ambivalent belegt: ein Wechselspiel aus Sehnsucht und Bedrohung. Bindungsmuster: vermeidend.
Lea wuchs in einem instabilen Umfeld auf. Streit der Eltern und Trennungsdrohungen prägten ihr Zuhause. Ihr Vater verließ die Familie schließlich, als sie 7 Jahre war. Nähe bedeutete Sicherheit, aber auch ständige Angst, verlassen zu werden. Bindungsmuster: ängstlich-ambivalent. Ihrer beider Erfahrungen wirken bis heute nach: Lea sucht Halt und Bestätigung, Jonas flieht vor emotionaler Vereinnahmung.
DYNAMIK IM ALLTAG
In den Sitzungen zeichnet sich eine wiederkehrende Spirale ab:
• Lea sucht Nähe und bittet um Aufmerksamkeit.
• Jonas fühlt sich eingeengt und reagiert mit Rückzug.
• Lea erlebt das als Liebesentzug und klammert stärker.
• Jonas zieht sich weiter zurück, bis er abschaltet.
„Ich will, dass er mich festhält“, sagt Lea unter Tränen. Jonas seufzt: „Ich will einfach atmen, ohne dass sie denkt, ich gehe.“ Ihre Reaktionen sind keine freien Entscheidungen, sondern Automatismen, tief im Nervensystem verankert.
THERAPIE
Wir arbeiten 12 Sitzungen mit einem integrativen Ansatz aus Bindungstheorie, Traumatherapie sowie Paarberatung. Ziele sind, die Muster zu verstehen, zu regulieren und durch neue Handlungsmöglichkeiten zu ersetzen.
PSYCHOEDUKATION
In der zweiten Sitzung erkläre ich das Bindungssystem und wie frühe Erfahrungen unser Nervensystem prägen. „Das erklärt, warum ich weglaufe, obwohl ich sie liebe“, sagt Jonas. „Und ich bin nicht zu anhänglich“, ergänzt Lea, „mein Körper reagiert nur so.“ Ein Reaktionstagebuch soll beiden helfen, Auslöser und Gefühle frühzeitig wahrzunehmen.
ARBEIT MIT DEM NERVENSYSTEM
Ich führe körperbasierte Techniken ein: Jonas lernt Bodenankerübungen und Atemtechniken, um Nähe ohne Fluchtimpuls zu ertragen. Lea übt Selbstberuhigungstechniken, z. B. das Hand-aufs-Herz-Legen, um Panikgefühle zu lindern. Auch eine Paarübung kommt zum Einsatz. Dabei sitzen beide Rücken an Rücken, atmen und spüren einander, ohne sich zu sehen. Dann sagen sie: „Ich bin hier. Du darfst da sein, ohne dass ich dich verliere.“
DIALOGTRAINING
In Rollenspielen lernen Lea und Jonas, ihre Bedürfnisse klar zu kommunizieren:
• Lea: „Ich fühle mich gerade unsicher. Kannst du mich kurz halten?“ • Jonas: „Ich brauche gerade Raum, hole dich aber gleich zu mir.“ Diese Transparenz senkt das Konfliktpotenzial.
ARBEIT MIT INNEREN ANTEILEN
Imaginationsübungen führen sie zu ihren verletzten kindlichen Anteilen: Lea begegnet dem verlassenen Mädchen, Jonas dem Jungen, der allein in seinem Zimmer verweilt. Er erkennt: „Ich ziehe mich nicht von Lea zurück, sondern von diesem alten Gefühl.“
RITUALE FÜR MEHR STABILITÄT
Wir etablieren einfache Rituale, die beiden Struktur und Sicherheit geben:
• ein tägliches 10-minütiges Check-in-Gespräch
• gemeinsames Abendessen ohne Handy
• ein Signalwort („Pause“) bei Eskalation
ERGEBNIS
Nach 12 Wochen berichten beide von deutlich weniger Streit und mehr Vertrauen. Jonas kann Nähe zulassen, ohne sich zu verlieren. Lea reagiert gelassener, wenn ihr Partner Raum für sich braucht. Ihre Beziehung wirkt ruhiger und echter. „Wir verstehen jetzt, dass wir nicht gegeneinander kämpfen“, sagt Lea, „wir kämpfen mit alten Gefühlen.” Jonas nickt: „Ich kann sagen, dass ich Abstand brauche, ohne dass sie denkt, ich gehe.“
FAZIT
Der Fall zeigt, wie stark Beziehungen von früheren Erfahrungen und daraus resultierenden Bindungs- und Verlustängsten geprägt werden können. Jonas und Lea haben gelernt, ihre Muster zu erkennen und Verantwortung für ihre Gefühle zu übernehmen. Ein integrativer Ansatz hat geholfen, dass sie ihre Beziehung heute neu gestalten können. Ziel war nicht, Nähe oder Distanz abzutrainieren, sondern Bewusstsein und Selbstregulation zu stärken. So wird Beziehung ein Ort der Heilung – frei von alten Ängsten.
