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Erstellt: 26. Januar 2026

Interview

Naturheilkunde 5 Minuten
© Hendrik Steffens

IM DIALOG MIT DER POLITIK: DR. STEPHAN PILSINGER ÜBER DIE ZUKUNFT DES HEILPRAKTIKERBERUFS

Im September 2025 fand im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin ein offenes, konstruktives Gespräch zwischen dem Bundestagsabgeordneten Dr. Stephan Pilsinger (CSU) und drei Vertretern der Heilpraktikerschaft statt: Sonja Kohn, Vorstand des Verbandes Unabhängiger Heilpraktiker e. V. (VUH), Dr. paed. Werner Weishaupt, Vorstand des Verbandes Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e. V. (VFP), und Elvira Bierbach, Sprecherin der Gesamtkonferenz Deutscher Heilpraktikerverbände und Fachgesellschaften. 

Im Interview sprach Dr. Pilsinger, Gesundheitspolitiker und Arzt, über seine persönlichen Erfahrungen mit naturheilkundlichen Verfahren, das Verhältnis zwischen Politik und Heilpraktikerschaft sowie seine Vorstellungen einer modernen, qualitätsgesicherten Heilpraktikerpraxis. 

Heilpraktiker-Vertreter: Herr Dr. Pilsinger, falls Sie Erfahrungen mit naturheilkundlichen Verfahren gemacht haben – was ist Ihnen im Gedächtnis geblieben? Empfehlen Sie in Ihrer hausärztlichen Praxis auch naturheilkundliche Verfahren? 

Dr. Pilsinger: Ich nutze gerne hin und wieder Anwendungen der „Kneipp-Medizin“. Das tut mir gut. Außerdem habe ich schon verschiedenste Vorträge zur Naturheilkunde gehört. Ich stehe vielen Heilpraktiker-Verfahren offen gegenüber und empfehle sie als Arzt auch Patienten, bei denen ich mit meinen konventionellen Behandlungen nicht weiterkomme. Wenn‘s wirkt und hilft, ist es doch gut. 

Heilpraktiker-Vertreter: Wie ordnen Sie die politische Entwicklung bezüglich des Heilpraktikerberufs vor jenem Hintergrund des empirischen Gutachtens zur Tätigkeit der Heilpraktiker, das dem BMG vorliegt, ein? 

Dr. Pilsinger: Es war vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte und der Unsicherheit im Umgang mit Heilpraktiken gut und richtig, dass das BMG ein empirisch angelegtes Gutachten in Auftrag gab. Am Ende steht das gemeinsame Ziel – die Sicherheit aller Patienten – an dem doch auch die Heilpraktiker interessiert sind, im Vordergrund. Besonders zu klären wären die Fragen einer bundesweit einheitlichen Ausbildung mit vergleichbar hohen Qualitätsstandards, eine Klärung des Berufsstands selbst und einheitliche Zielvorgaben. Wenn wir der heilkundlichen Ausbildung ein staatliches Gütesiegel verpassen können und die heilkundlichen Befugnisse klar definieren, ist das Vertrauen in die Heilpraktikerschaft gleich noch größer. 

Heilpraktiker-Vertreter: Welche Rolle spielt der Heilpraktikerberuf aus Ihrer Sicht für die Erreichung nationaler Gesundheitsziele, etwa bei Prävention und Suizidprävention, in der wohnortnahen, niedrigschwelligen Versorgung sowie in gesundheitspolitischen Programmen? 

Dr. Pilsinger: Gerade in der Prävention, bei der Stärkung von Körper und Geist sowie in der niedrigschwelligen Versorgung räume ich Heilberufen eine wichtige Bedeutung ein, auch bei der Stärkung der Psyche. Nehmen wir nur die Akupunktur oder die Physiotherapie, die in der deutschen Gesundheitsversorgung nicht mehr wegzudenken sind. Mit ihren Verfahren und Anwendungen sorgen die vielen tausend Heilpraktiker für Linderung und Heilung – Tag für Tag. 

Heilpraktiker-Vertreter: Die Heilpraktiker für Psychotherapie gelten für viele Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen als wichtige Anlaufstelle. Wie bewerten Sie die Forderungen mancher, dieser Berufsgruppe die Psychotherapie zu untersagen?  

Dr. Pilsinger: Psychotherapie ist die Heilung der Seele. DieFrage ist nur, mit welchen Praktiken die Heilung zu erreichen versucht wird. Ich weiß, dass das Gros der Heilpraktiker sehr verantwortungsvoll mit ihren Formen der Psychotherapie umgeht und großartige Ergebnisse erzielt. Verbieten also keineswegs – regulieren ja, um einige schwarze Schafe von den Patienten wegzuhalten. Wenn es aber in den Bereich der Psychiatrie geht, dann brauchen die Patienten die Kenntnisse und Erfahrungen studierter und approbierter Ärzte. Da müssen wir eine Grenze ziehen. 

Heilpraktiker-Vertreter: Sie setzen sich ein für die Integrative Medizin. Unserer Meinung nach sollte dabei nicht vergessen werden, dass die Integrative Medizin ihre Wurzeln ja in den traditionellen Verfahren der Heilpraktikerschaft hat. Warum ist dieser Forschungsbereich so relevant, und wo sehen Sie die größten Potenziale? 

Dr. Pilsinger: Weil Integrative Medizin für mich komplementäre, also die „Schulmedizin“ ergänzende Medizin ist.Fälschlicherweise wird oft von „Alternativmedizin“ gesprochen, also ein Dualismus aufgemacht zwischen traditioneller Schulmedizin und progressiver Alternativmedizin. Dieses Denken halte ich für falsch. Da, wo konventionelle Medizin nicht weiterkommt, kann man es doch mit weiteren Methoden, z. B. aus der Naturheilkunde, probieren. Viele Menschen haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Warum soll ich diese zusätzlichen Möglichkeiten nicht ausprobieren, zumal nicht wenige Leute mit positiven Erfahrungen darauf schwören? Zu nennen sei hier v. a. die Homöopathie, die (wissenschaftlich durchgeführt) evidenzbasierten Nutzen mit sich bringt, ebenso die Chiropraktik und Osteopathie. 

Heilpraktiker-Vertreter: Viele Patienten verstehen unter Integrativer Medizin die Verbindung von Naturheilkunde und Schulmedizin, auch das Miteinander von Ärzten und Heilpraktikern, das vielerorts bereits gelebte Realität ist. Sehen Sie Chancen, die Zusammenarbeit künftig noch stärker zum Wohl der Patienten zu fördern? 

Dr. Pilsinger: Wie anfangs schon gesagt, versuche ich als Arzt, dieses Miteinander, dieses integrative Element, im Interesse meiner Patienten so oft wie möglich vorzuleben. Ich erlebe jedoch gerade bei älteren Patienten im ländlichen Raum, wo ich meine Praxis habe, eine gehörige Portion Skepsis der Integrativen Medizin gegenüber. Wenn wir aber die Ausbildungsreform und eine klare Regulierung des Berufsstands hinbekommen und so die paar schwarzen Schafe raushalten, die den ganzen Berufsstand schlechtmachen, können wir diese Skepsis minimieren. Darüber hinaus müssen alle Akteure im Gesundheitsbereich, von der Ärzteschaft über die Politik bis hin zu den Medien, positiver über die naturheilkundlichen Verfahren und Heilpraktiken reden, anstatt nur die wenigen Negativbeispiele zu beleuchten, die dann leider das Gesamtbild dieser für unser Gesundheitssystem auch wichtige Säule negativ prägen. Heilpraktiker sind Praktiker der Heilung, nicht der Täuschung.  

Herzlichen Dank an Dr. Stephan Pilsinger für das offene, sachkundige Gespräch. 

FAZIT – HEILPRAKTIKER ALS PARTNER IM GESUNDHEITSWESEN

Heilpraktiker handeln und verstehen sich als Teil des Gesundheitswesens. Der VUH setzt sich für die verantwortungsvolle Gestaltung der Berufsausbildung für Heilpraktiker ein. Wir teilen das Anliegen, Qualität und Sicherheit für Patienten sichtbar zu machen – zugleich ist uns wichtig, die gewachsene, eigenverantwortlich gestaltete Aus- und Weiterbildungsstruktur in Heilpraktikerschulen, Akademien, Fachgesellschaften, Berufsverbänden sowie die Eigenständigkeit des Berufs zu bewahren. 

Die Zukunft der Gesundheitsversorgung liegt in der Zusammenarbeit, in einem Miteinander von Ärzten, Heilpraktikern, Therapeuten und der Verbindung von wissenschaftlicher Erkenntnis mit praktischer Erfahrung. Wenn es gelingt, diesen Ansatz gemeinsam weiterzuentwickeln, kann ein Gesundheitswesen entstehen, das nicht nur Krankheiten behandelt, sondern Gesundheit gestaltet. 

Sonja Kohn

Heilpraktikerin, Zweiter Vorstand des VUH e.V.

info@heilpraktikerverband.de

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