
WIE WIR KINDER UND FAMILIEN IN DER ERKÄLTUNGSZEIT OPTIMAL UNTERSTÜTZEN KÖNNEN
Für viele Therapeuten liegt die Herausforderung nicht darin, eine Verbindung zu Kindern herzustellen oder bei ihnen eine Therapie z. B. mit Phytopharmaka zu beginnen; vielmehr rückt oft die gesamte Familie in den Fokus, da auch das Energielevel der Eltern und deren Umgang mit der Erkrankung ihrer Schützlinge berücksichtigt werden muss. Wie man in der Naturheilpraxis vorgehen und Familien bestmöglich unterstützen kann, v. a. jetzt in der kalten und nassen Jahreszeit, stelle ich in diesem Artikel vor.
GRUNDSÄTZLICHE ÜBERLEGUNGEN
Kinder spüren die Besorgnis und die Aufregung ihrer Eltern, was ihre eigenen Ängste und Befürchtungen befeuert, eine schreckliche Krankheit zu haben. Unsere Aufgabe als Therapeuten ist es nicht nur, einen Praxisbesuch reibungslos zu gestalten, sondern neben der Beruhigung und Behandlung unserer kleinen Patienten auch deren Eltern zu begleiten und zu ermutigen, auf das Potenzial einer ganzheitlich ausgerichteten naturheilkundlichen Therapie und die Selbstheilungskräfte ihrer Kinder zu bauen. Wir können auch den Kindern beibringen, ihrem eigenen Körper zu vertrauen. Gerade der kindliche Organismus verfügt über ein hohes Reservoir an Selbstheilungskräften, die u. a. durch phytotherapeutische Reize aktiviert werden können, sodass die körpereigene Abwehr sich vollständig entfalten kann. Nicht zuletzt ist es für Eltern wertvoll zu wissen, dass wir z. B. im Rahmen der Phytotherapie kinderfreundliche Anwendungen anbieten, die sie selbst zubereiten können (z. B. Tee, Sirup, Einreibungen, Inhalation, Wickel, Bäder). Hand anlegen und ihren Kindern etwas Gutes bieten zu können, vermittelt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und tut auch den Eltern gut.
ERKRANKUNGEN FORDERN DIE GANZE FAMILIE
In den ersten sieben Lebensjahren kommt es bei den meisten Kindern sehr häufig zu Infekten. Dies ist ein völlig normales Phänomen, da der kindliche Organismus erst lernen muss, sich mit verschiedensten Erregern auseinanderzusetzen. Deshalb sollten wir immer daran denken, dass diese Entwicklungsphase nicht nur für die Kinder anstrengend ist, sondern auch für deren Eltern eine sehr fordernde Zeit darstellt, die oft mit schlaflosen Nächten und der Frage, ob sie denn alles richtig machen, einhergeht. Erschöpft und verunsichert verabreichen viele ihren Kindern synthetische Medikamente, damit diese schlafen und sie selbst endlich zur Ruhe kommen können. Ein weiterer Grund ist der verständliche Wunsch vieler Eltern, dass ihre Kinder nicht leiden müssen und ihre Symptome möglichst rasch loswerden.
GRIPPALER INFEKT VS. GRIPPE
Bei einer „Erkältung“ bzw. grippalem Infekt handelt sich meist um eine einfache Virusinfektion der oberen Luftwege. Hauptverursacher sind Rhino-, Parainfluenza- oder Adenoviren, die per Tröpfcheninfektion oder Aerosolinhalation übertragen werden. Der klassische Verlauf zeigt nach einer Inkubationszeit von 1-5 Tagen Schnupfen (erst wässrig, später schleimig bis eitrig), Halsschmerzen und Husten (trocken, später mit Sekret), die jeweils etwa 3 Tage anhalten. Begleitet werden die Symptome von Mattigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen sowie leichtem Fieber. Eventuell zeigen sich Magen-Darm-Probleme oder eine Konjunktivitis. Ein Schnupfen kann aber auch das einzige Symptom sein.
Eine Erkältung klingt meist innerhalb von 1-2 Wochen von allein ab. Sollte sich dieser Zustand nicht innerhalb weniger Tage zusehends verbessern, ist eine Abklärung hinsichtlich Lungenentzündung (Pneumonie), COVID-19 (SARS-CoV-2) und einer „echten Grippe“ (Influenzaviren) angeraten. Daraus können sich im schlimmsten Fall gefährliche Komplikationen entwickeln.
Eine echte Grippe lässt sich vom grippalen Infekt durch den deutlich schwereren und intensiveren Verlauf abgrenzen, der sehr schnell mit heftigen Krankheitssymptomen und hohem Fieber beginnt.
GESTALTUNG DES PRAXISBESUCHS
Helle sowie kindgerechte Räumlichkeiten gehören genauso dazu wie warme Hände und Geräte. Bequeme, gepflegte Kleidung statt eines weißen Kittels nimmt Kindern Berührungsängste und Hemmungen. Wichtig ist, genug Zeit für das Erstgespräch und die Anamnese anzubieten, den Kindern das Gefühl von Schutz und Sicherheit zu vermitteln und sie so oft wie möglich in die Abläufe einzubeziehen. Tipp: Bitten Sie die Eltern im Vorfeld, Symptome, Auffälligkeiten und Verhaltensmerkmale ihres Kindes aufzuschreiben, damit sie den Unterschied zum normalen Alltag erkennen und den Schweregrad der Erkrankung einschätzen können.
ANAMNESE
Im Rahmen der Anamnese sollten sowohl die Eltern als auch das Kind befragt werden – je nach Entwicklungsstand natürlich. Je älter das Kind ist, desto mehr Raum wird das Gespräch mit ihm einnehmen. In diesem Zusammenhang ist es elementar, das Gespräch mit Worten zu gestalten, die auch die Kinder gut verstehen können.
Allgemeine Anamnese
Aktuelle Beschwerden: Lokalisation, Art und Stärke der Beschwerden? Lokal begrenzt oder nicht? Symptomcharakter (z. B. bei Schmerzen – hell, dumpf, stechend)?
Modalität: Auslösende, verstärkende oder lindernde Faktoren (z. B. hilft die Wärmflasche oder verschlimmert diese die Beschwerden)? Bestehende Diagnosen: Allergien, Unverträglichkeiten o. Ä.? Befunde vom Kinderarzt oder anderen Therapeuten sowie Laborergebnisse, um aktuelle Beschwerden abgrenzen und einschätzen zu können.
Bisherige Therapien und Medikamente: Positive oder negative Ergebnisse bisheriger Behandlungen? Aktuell eingenommene Medikamente (konventionelle und naturheilkundliche Arzneimittel sowie Nahrungsergänzungen)?
Ernährung: Gestillt (ja/nein, wie lange)? Welche Ernährungsumstellungen seitdem? Allgemeine Informationen zum Essund Trinkverhalten?
Schlaf: Wann? Schlafqualität? Verhalten beim Aufstehen?
Impfstatus: Impfbuch zeigen lassen– wann erstmals geimpft? Welche Impfungen in welchen Abständen? Reaktionen oder Veränderungen nach der Impfung?
Schwangerschaft: Nicht unterschätzen! Bei der Erstaufnahme Mutterpass zeigen lassen.
Spezifische Anamnese bei Erkältung
Halsschmerzen: Kratzen im Hals? Probleme beim Schlucken (deutet auf gereizte Schleimhäute)?
Schnupfen: Wässrige oder klare Absonderungen? Allmähliche Entwicklung des Sekrets zu dickflüssigem Schleim, der die Nase verstopft?
Husten: Entwicklung von trockenem zu später schleimigem Husten?
Abgeschlagenheit: Schlapp? Erhöhtes Schlafbedürfnis?
Begleiterscheinungen: Kopfschmerzen? Bindehautentzündung? Appetitlosigkeit? Magen-Darm-Probleme (Erbrechen, Übelkeit, Durchfall)? Wie lange schon?
Allgemeines Unwohlsein: Reizbar oder quengelig (v. a. bei Säuglingen und Kleinkindern wichtig, da sie sich noch nicht äußern können, was ihnen fehlt)?
Folgende Symptome bedürfen je nach Ausprägung mitunter ärztlicher Abklärung oder notfallmedizinischer Versorgung:
Fieber: Leichtes, mittleres oder hohes Fieber? Fieber, das länger als 3 Tage anhält oder trotz fiebersenkender Mittel hoch bleibt, erfordert immer eine ärztliche Abklärung.
Heftige Symptome: Starker, quälender Husten? Anhaltende intensive Kopfschmerzen? Auch hier sind spezifische Untersuchungen angezeigt.
Atemprobleme: Atemnot, schnelle Atmung, pfeifende Atemgeräusche oder bläuliche Lippen? Denken Sie unbedingt an notärztliche Hilfe!
Verschlechterung des Allgemeinzustands: Apathisch oder schwer zu wecken? Weigerung zu trinken? Ärztliche Hilfe ist absolut notwendig.
KÖRPERLICHE UNTERSUCHUNG
Der körperliche Check-up des Kindes sollte so durchgeführt werden, dass keine Ängste geschürt werden. So können wir die Kleinen z. B. auf dem Schoß eines Elternteils untersuchen und sie mitwirken lassen. Bauen Sie Vertrauen auf, indem Sie dem Kind immer in einfachen Worten mitteilen, was Sie als Nächstes tun werden.
Inspektion: Äußerliche Auffälligkeiten – allgemein oder an Mund, Rachen und Ohren? „Kleinigkeiten“ (Zeckenbisse) oder minimale Verletzungen?
Palpation: Abtasten von Lymphknoten, Ober- und Unterbauch.
Perkussion: Lunge, Leber, Darm. Auskultieren: Herz, Lunge. Funktionsprüfung der Reflexe: Hier kommt es auf Ihr Feingefühl an. Lassen Sie das Kind aktiv bei diesen Untersuchungen mitarbeiten. Am Ende der Untersuchung kann es sinnvoll sein, eine kleine Belohnung bereitzuhalten.
KOMMUNIKATIONSSTRATEGIEN
Vertrauen gewinnen
Denken Sie immer daran, dass unangenehme Untersuchungen möglichst zum Schluss durchgeführt werden, nachdem Sie schon Vertrauen zum Kind aufgebaut haben. Um dieses zu gewinnen, sollte die Befragung auf einem kindlichen Niveau und in entspannter Atmosphäre stattfinden.
Kindgerechte Hilfsmittel
Für die Gestaltung der Anamnesegespräche ist es vorteilhaft, Beschäftigungsmöglichkeiten für die kleinen Patienten bereitzuhalten. Je nach Alter kommen Spielsachen, Bücher oder Mal-Utensilien in Betracht. Es ist darauf zu achten, dass diese am Ende in der Praxis bleiben müssen! Deshalb kann es ratsam sein, darauf hinzuweisen, dass besser eigene Spielsachen und Kuscheltiere mitgebracht werden sollen.
Direkte und einfache Ansprache
Stellen Sie möglichst offene, einfache Fragen und vermeiden Sie medizinischen Fachbegriffe. Wann immer es Ihnen möglich ist, binden Sie das Kind ins Gespräch ein und sprechen Sie es von Anfang an mit seinem Namen an. Die Kontaktaufnahme kann über ein Kuscheltier gelingen, indem nach dessen Namen gefragt wird. Auch Fragen zur getragenen Kleidung können das Eis zum Schmelzen bringen. Eine direkte Ansprache des Kindes fördert das Vertrauen.
Nutzen Sie die Gesprächsfähigkeit des Kindes und prüfen
Sie, ob es bestimmte Fragen schon beantworten kann, z. B.: Wie geht es dir? Weißt du, warum deine Eltern mit dir hierher gekommen sind? Tut dir etwas weh? Wie schlimm sind deine Beschwerden: sehr stark, ein bisschen oder fast gar nicht? Kannst du mir zeigen, wo es dir genau wehtut?
Kreative Alternativen finden
Bei Kommunikationsproblemen kann es hilfreich sein, das Kind seine Beschwerden malen zu lassen. So wird die Symptomatik klarer. Oft kommen weitere Probleme ans Tageslicht. Dem kleinen Patienten bereitet das Malen zudem meist Freude, was die Compliance erhöht. Dazu erfahren Sie etwas über die feinmotorischen Fähigkeiten des Kindes.
Hinter den Vorhang blicken
Solange das Kind erzählt, sollten Zwischenfragen nach Möglichkeit unterbleiben. Im Anschluss kann man notierte Fragen stellen und ggf. die Problematik vertiefen. Verwirrend, aber auch sehr aufschlussreich kann es sein, wenn sich Kind und Eltern in der Darstellung der Beschwerden deutlich widersprechen. Die Kunst in solchen Fällen ist es, die wichtigsten Botschaften zwischen den Zeilen zu lesen. Es kann vorkommen, dass Kinder versuchen, über chronische Beschwerden die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erlangen. In diesen Fällen muss der Frage nachgegangen werden, in welchem Kontext die Krankheit aufgetreten ist und sich verschlimmert. Nicht immer kann dies in Gegenwart des Kindes geklärt werden, da gewisse Informationen, z. B. partnerschaftliche Probleme, nicht für seine Ohren bestimmt sind. Vereinbaren sie ggf. einen weiteren (Telefon-)Termin mit den Eltern, um die Problematik zu klären.
BEHANDLUNGSVERBOT BEACHTEN
Schon bei Verdacht auf eine meldepflichtige Infektion besteht für Heilpraktiker Behandlungsverbot. Sie dürfen keine speziellen Untersuchungen anordnen oder durchführen, die auf meldepflichtige Erreger abzielen. Daher müssen Sie im Verdachtsfall umgehend an einen ärztlichen Kollegen verweisen und die Familie über diese Notwendigkeit aufklären. Nennenswerte meldepflichtige Infektionskrankheiten sind neben Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten und Windpocken auch Beschwerdekomplexe, die z. B. durch Salmonellen, Campylobacter, EHEC, Borrelien, Legionellen oder Meningokokken ausgelöst werden. Checkliste für Heilpraktiker bei Verdacht auf eine meldepflichtige Infektion:
• Meldung an das Gesundheitsamt
• Behandlungsverbot (nur Ärzte dürfen therapieren!)
• Keine speziellen Untersuchungen (die auf meldepflichtige Erreger abzielen)
• Aufklärungs- und Informationspflicht
Die Kenntnis dieser Pflichten ist entscheidend, da bei Nichteinhaltung rechtliche Konsequenzen und Strafen drohen!
SCHÄTZE AUS DER NATUR BEI ERKÄLTUNGEN
Eine phytotherapeutische Behandlung bietet sich bei Kindern in vielen Fällen an, da sie zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten auch für Zuhause bereithält. Zum Einsatz kommen z. B. Eibisch, Isländisches Moos, Huflattich, Königskerze, Malve, Spitzwegerich, Pfefferminz, Kapuzinerkresse und Meerrettich. Anwendungsformen sind u. a. Tees, Fertigpräparate zum Einnehmen, Erkältungssalben für Einreibungen sowie Zubereitungen für ansteigende Fußbäder, Waschungen, Wickel und Auflagen.
Achtung: Präparate mit Menthol, Eukalyptusöl oder Kampfer dürfen bei Säuglingen nicht im Bereich des Gesichts, speziell der Nase, auftragen werden, da es zum „Kratschmer-Reflex“ (Glottiskrampf) mit einer Atemdepression bis zum Ersticken kommen kann.
Puls- und Wadenwickel
Pulswickel sind besonders für Säuglinge und Kinder geeignet, die Wadenwickel nicht tolerieren. Korrekt angelegte Wadenwickel sind ab dem 6. Lebensmonat geeignet. Beide entziehen dem Körper Wärme, wirken fiebersenkend und bringen Erleichterung, denn sie entlasten Gehirn und Herz, stärken den Kreislauf und beruhigen.
DIY-Salben
Für den Hausgebrauch können Salben selbst hergestellt werden. Es empfiehlt sich, diese zu Beginn der Erkältungszeit im Vorrat zu haben. Das Grundrezept besteht aus 100 ml Öl (Olive, Mandel, Jojoba o. Ä.), 10 g Bienenwachs und 10 g getrockneten Kräutern.
Engelwurzsalbe: Für diese als schleimlösend geltende Salbe braucht es 100 ml Ringelblumenöl, 10 g Engelwurz und 10 g Bienenwachs. Schneiden Sie die Engelwurzel klein und lassen Sie diese 3 Wochen im Ringelblumenöl ziehen. Das Öl in einen Topf abgießen und mit der Wurzel 20 Minuten erwärmen (nicht kochen), danach abfiltrieren. Das Auszugsöl weiter leicht erwärmen und darin das Bienenwachs schmelzen, anschließend in eine Salbendose abfüllen. Den Bereich der Nebenhöhlen, Stirn, Nasenwurzel, Nase, Wangen sowie Kieferwinkel 2x täglich mit der Salbe einreiben.
ERNÄHRUNG
Fiebernde Kinder erhalten (leichte) Wunschkost. Je jünger ein Kind, desto labiler ist der Flüssigkeitshaushalt, daher unbedingt auf eine ausreichende Trinkmenge achten. Verdünnter Saft, (Erkältungs-)Tee oder Holundermilch eignen sich gut. Holundermilch: 1 Holunderblütendolde mit 1 Tasse Milch erhitzen, 10 Minuten ziehen lassen und abgießen. Nach Bedarf mit Ahornsirup oder Honig süßen. Erkältungstee: 25 g Mädesüßblüten, 15 g Lindenblüten, 5 g Kamillenblüten und 5 g Hagebuttenfrüchte mischen, davon 1 EL mit 150 ml kochendem Wasser übergießen und 10 Minuten überdeckt ziehen lassen; abgießen und 3-4 Tassen täglich trinken.
FAZIT
Häufig kranke Kinder zu pflegen, stellt viele Familien vor Herausforderungen. Die kalten Monate des Jahres und damit verbunden einsetzende Erkältungswellen bringen Eltern oft an ihre Grenzen. Gerade jetzt braucht es sensible und versierte Unterstützung für die ganze Familie. Als Heilpraktiker können wir mit einer ganzheitlichen naturheilkundlichen Therapie, die auf einer eingehenden Anamnese fußt und die Schätze der Natur sinnvoll nutzt, engmaschig und erfolgreich begleiten. Im Bedarfsfall ist eine Zusammenarbeit mit den behandelnden Kinder- oder Hausärzten zum Wohl des Patienten anzustreben. Eine Stärkung und Stabilisierung des Immunsystems sollte das langfristige Ziel sein.
