
WIE SOCIAL MEDIA DIE STRESSBELASTUNG JUNGER MENSCHEN VERSTÄRKT
Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nehmen belastungsassoziierte Beschwerden (ICD-11: 6B4Z) deutlich zu.(1,2) Die Gründe sind vielfältig: Veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen konfrontieren junge Menschen mit neuen Stressoren. Hinzu kommt die prägende Rolle sozialer Medien, welche die Stressexposition verstärken.
Die Shell-Jugendstudie 2024 zeigt, wie sich diverse Ängste in jener Altersgruppe von 12-25 Jahren in den letzten fünf Jahren verschoben haben.(3) So geben 81% der Jugendlichen an, Angst vor einem Krieg in Europa zu haben (zum Vergleich 2019: 46%), und 67% fürchten Armut (2019: 52%). Es folgen Sorgen vor Umweltverschmutzung mit 64% (2019: 71%), wachsender Feindseligkeit zwischen den Menschen mit 64% (2019: 56%) und sozialer Ungleichheit mit 63% (diese Kategorie wurde 2024 neu eingeführt). Besonders auffällig ist der starke Anstieg der Kriegsangst.
Dabei ist zweierlei anzumerken: Zum einen fehlt den Jugendlichen jegliche Möglichkeit, das befürchtete Gefahrenereignis selbst abzuwenden. Zum anderen orientiert sich ihre Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit meist ausschließlich an medialer Berichterstattung – nicht an eigener Erfahrung oder Kompetenz. Diese doppelte Ohnmachtsposition verstärkt das Belastungserleben erheblich. Im Folgenden beleuchte ich einige Aspekte sozialer Medien, die für das Entstehen belastungsassoziierter Beschwerden besonders relevant sind und im therapeutischen Kontext Beachtung finden sollten.
ROLLE VON SOCIAL MEDIA
Als Nachrichten- und Informationsquelle spielen die sozialen Medien in der betrachteten Alterskohorte bis 25 Jahre eine überragende Rolle. Natürlich sind auch die traditionellen Medienhäuser mit ihren Inhalten in den sozialen Medien vertreten. Die „Öffentlich-Rechtlichen“ betreiben zusätzlich z. B. das Funk-Netzwerk, das mit über 70 Formaten auf allen gängigen Plattformen publiziert. Trotzdem unterscheidet sich die Darbietungsform der Inhalte meist erheblich von einer Nachrichtensendung im Fernsehen, einem Artikel in einer Zeitung oder auf einer gewöhnlichen Website. In sozialen Medien dienen Inhalte in erster Linie dazu, die Nutzer möglichst lange an eine bestimmte App zu fesseln. Dazu werden in schneller Folge immer wieder neue personalisierte Informationshäppchen mit provokantem Inhalt präsentiert, um das Interesse der Nutzer wiederholt zu wecken. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die Netflix-Dokumentation „The social dilemma“, die einen Einblick in die Funktionsweise sozialer Netzwerke gibt.
DIE DIGITALE PARALLELWELT
Ich erinnere mich gut daran, dass meine Mutter mich „nach draußen“ schickte, wenn ich mit Freunden zu intensiv am Computer gespielt hatte. Damals war das noch ein einfacher Wechsel zwischen zwei Tätigkeiten (Computerspielen und Sich-draußen-Beschäftigen). Heute ist das völlig anders – und der Begriff „soziale Medien“ beschreibt diese Andersartigkeit nicht einmal annähernd.
Durch und innerhalb der sozialen Medien existiert eine digitale Parallelwelt mit eigenen Regeln, Beziehungsstrukturen, Werten und Realitäten. Die „Einreise“ erfolgt über TikTok, Instagram und WhatsApp – wer sämtliche Teile dieser Welt bereisen möchte, muss auch bei allen wesentlichen Plattformen angemeldet sein. Entziehen können sich die Jugendlichen kaum: Wer nicht in der WhatsApp-Gruppe der Klasse ist, ist von Terminabsprachen praktisch ausgeschlossen und kennt den aktuellen Klassentratsch nicht. Ohne TikTok versteht man nicht, worüber die Klasse lacht oder was die Challenge des Tages ist. Wer nicht drin ist, wird schnell zum Außenseiter und merkt nicht einmal, ob in Chat-Gruppen über ihn getuschelt wird oder ob ggf. diffamierende Fotos geteilt werden.(4)
Der Druck, dabei sein zu müssen, wird von außen verstärkt: An Schulen gibt es den Vertretungsplan nur noch über die schuleigene App, an Universitäten können Belegungspläne von Hörsälen nur durch Scannen eines QR-Codes aufgerufen werden, und die Getränkekarte in der Studentenkneipe ist nur noch über das Smartphone abrufbar. Wer das Handy nicht mitnehmen möchte, ist vielerorts aufgeschmissen.
SPIEL ODER REALITÄT
Es gehört heute zum guten Ton, den eigenen Online-Auftritt optimal zu gestalten. Wo früher ein „Selfie“ reichte, gibt es heute professionelle Studios, die sich auf Bilder für Instagram-Profile in entsprechenden Kulissen spezialisiert haben. Wem dazu das Geld fehlt, der muss sich mit den Filtern und KI-Hintergründen einschlägiger Apps begnügen. Die so gestaltete, digital öffentliche Persona ähnelt einem Avatar in einem Computerspiel, der teilweise erheblich vom realen Selbst abweicht. Manchmal existieren soziale Kontakte nur in der digitalen Welt, z. B. auf den Servern eines Online-Spiels, wo sich Gruppen von Spielern finden und über Wochen an gemeinsamen Missionen arbeiten. Nicht wenige Jugendliche geben an, bereits virtuelle Liebesbeziehungen mit jemandem gehabt zu haben, den sie nicht persönlich kennen.(5) Auch entwickeln Menschen bisweilen „romantische oder erotische Gefühle“ für eine KI, wenn etwa ChatGPT offenherzig auf Anfragen antwortet.
Wer die digitale Welt verlässt, wird wieder auf sein reales, nicht auf Hochglanz poliertes Selbst und in ein anderes soziales Umfeld zurückgeworfen.
EMOTIONALE VERSCHIEBUNG
Beleidigungen sowie Herabwürdigungen fallen im digitalen Raum leichter, da man das Gegenüber oft nur in Form seines Avatars wahrnimmt und den Menschen dahinter nicht sieht. Emotionale Reaktionen (z. B. Angst, Freude, Trauer, Enttäuschung, Wut) werden auf den digitalen Kanälen meist nicht übertragen und somit nicht in das eigene Erleben und Handeln eingespeist. Gefühle werden bestenfalls in Form von Emojis digitalisiert.
Eine neue Entwicklung der heutigen Zeit sind „TikTok-Challenges“. Hierbei handelt es sich um Mutproben, die in kurzen Videos angeregt und dokumentiert werden. Auch hier werden Grenzen des akzeptierten Verhaltens aufgeweicht, Hemmschwellen fallen weg. Neu ist allerdings, dass das ungünstig verschobene Sozialverhalten aus der digitalen in die reale Welt hineinschwappt. Wer die Challenge aufnimmt, soll ein Video davon aufnehmen und online teilen. Ein Beispiel könnte sein, die Schultoilette zu verwüsten.(6) Wer sich nicht in der digitalen Parallelwelt bewegt, versteht nicht, was am Tag der Challenge in die Jugendlichen gefahren ist. Ihr Verhalten wird im nicht-digitalen Alltag sanktioniert und in der digitalen Parallelwelt belohnt. Lerntheoretisch kommt es zu einer widersprüchlichen Verstärkung, in Folge ggf. zu einer kognitiven Dissonanz und einem Rollenkonflikt. Damit müssen Jugendliche umgehen.
DIGITALES DOPPELLEBEN
Viele Jugendliche führen somit eine Art Doppelleben, und jedes der beiden Leben fordert permanent Aufmerksamkeit. Während des Schulunterrichts sind keine Handys erlaubt, und doch läuft die digitale Existenz weiter. Vielleicht gelingt ab und zu ein heimlicher Blick auf das Display, ansonsten reicht die Pause kaum aus, um auf alle aufgelaufenen Nachrichten, lustigen Videos oder Wechsel im WhatsApp-Status angemessen zu reagieren. Wer den Anforderungen von realer und digitaler Welt nicht ständig gerecht werden kann, bei dem stellt sich schnell ein Insuffizienzerleben ein.
SYMPTOMATIK UND DIAGNOSTIK
Eltern, welche eine übermäßige Handynutzung ihrer Kinder beobachten, sprechen oft von „Handysucht“. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) beschreibt 2024 in einer Leitlinie die Internetnutzungsstörung (INS).(7) Die ICD-11 führt die Kategorie der Verhaltenssüchte ein, zu denen auch die Online-Spielsucht gezählt wird. (In der ICD-10 würde man unter „F63 – Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ kodieren.) Eine Studie aus 2023 kommt zum Ergebnis, „dass die Social-Media-Sucht eine Klassifizierung als eigenständige Pathologie rechtfertigt“.(8,9)
Nach den bisherigen Betrachtungen wird jedoch deutlich, dass die übermäßige Nutzung von sozialen Medien im weitesten Sinn ein soziales Phänomen ist. Verhaltenssüchte sind sicher ein Teil des Problemkomplexes – eine Beschränkung auf den Suchtaspekt greift allerdings zu kurz.
AUSPRÄGUNGEN IN DER PRAXIS
Bei jungen Erwachsenen, die sich in der Praxis vorstellen, stehen oft belastungsassoziierte, manchmal depressive Symptomatiken im Vordergrund. Patienten klagen über Ängste, Schlafprobleme, schnellere Ermüdbarkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder erhöhte Reizbarkeit. Ein Mann Anfang 20 beschreibt sein Digitalerleben so: Oftmals wolle er abends „nur mal eben“ ins Handy schauen und verbringe dann mehrere Stunden damit, Berichte zu aktuellen Ereignissen zu konsumieren. Aktuell beschäftige er sich stark mit dem Ukrainekrieg, schaue Fotos und Videos von der Front und diskutiere darüber in Chatgruppen. Das Thema belaste ihn. Früher sei er regelmäßig zum Sport gegangen, dazu fehle ihm aber jetzt die Energie. Auch Treffen mit Freunden sage er häufig ab, um sich dann lieber über das Smartphone zu „informieren“.
Eine 18-jährige Frau berichtet, dass sie sich unter Druck fühle, immer zeitnah alle Nachrichten von Freundinnen zu beantworten oder deren Fotos und Videos zu kommentieren. Oft könne sie Dinge, die sie sich vorgenommen habe, nicht erledigen. Das führe zu Frust. Allerdings sei es ihr wichtig, für ihre Freundinnen da zu sein und sie nicht zu enttäuschen. Obwohl beide übermäßig viel Zeit mit Social Media verbringen, sind die Hintergründe unterschiedlich. Während der Mann tatsächlich Kriterien einer Verhaltenssucht erfüllt und in der Folge erste depressive Symptome zeigt, hat die Frau Probleme, sich abzugrenzen und „Nein“ zu sagen.
THERAPEUTISCHE ANSÄTZE
Soziale Medien sind nicht mehr wegzudenken. Es kann deshalb nicht um Abstinenz gehen, sondern um kontrollierten Umgang. Ein Ansatz aus der kognitiven Verhaltenstherapie bietet sich an. Der Weg zur Lösung beginnt mit der Beschreibung des Problems. Die meisten jungen Erwachsenen kennen das Suchtpotenzial von Social Media in der Theorie. Wenn das eigene Nutzungsverhalten, z. B. in Form eines Nutzungstagebuchs, transparent gemacht wird, sorgt das oft für einen „Aha“-Effekt. Ein achtsamer Umgang mit dem Handy ist zunächst ein bewusster. Manchmal erfolgt der Griff zum Mobilgerät völlig unbewusst, so wie Raucher zur Zigarette greifen. Im nächsten Schritt können digitale Auszeiten im Tagesablauf eingeplant werden. Die letzte Stunde vor dem Schlafen verbringt man vielleicht mit einem Buch, nicht mit digitalen Nachrichten aus aller Welt. Beim Sport verzichtet man auf Kopfhörer und Podcast, sondern nimmt die anderen Sportler bewusst wahr. Im Restaurant sind Handys tabu, und man kommuniziert mit den Freunden am Tisch und nicht mit denen in der Chatgruppe.
Im Fall der vorgestellten jungen Frau ergibt ein Gespräch mit ihren Freundinnen sogar, dass sich die meisten genauso wie sie durch die Chatgruppe gestresst fühlen. Allein diese Erkenntnis wirkt entlastend, und die Freundinnen vereinbaren gemeinsame Auszeiten. Der junge Mann hat die einfache Idee, die Benachrichtigungsfunktion der meisten Apps abzuschalten. Er hatte sich daran gewöhnt, jede Tätigkeit sofort zu unterbrechen, sobald das Handy eine neue Nachricht meldete. Ohne die Benachrichtigungen fühlt er sich viel weniger fremdbestimmt oder gestresst. Nun kann er sich deutlich besser konzentrieren. Zudem stellt sich in einer Hypnosesitzung heraus, dass ihm der regelmäßige Nachrichten-Check das Gefühl gibt, die zugrunde liegende Situation, die ihn ängstigt, zu kontrollieren. Nachdem ihm das bewusst geworden ist, ist der Zwang, regelmäßig den Stand der Dinge zu prüfen, wesentlich reduziert. Auch ist es für ihn hilfreich, belastende Themen aus der Einsamkeit des digitalen Raums herauszuholen und mit einem Freund persönlich zu besprechen.
Es ist in der Regel sinnvoll, parallel eine Entspannungstechnik zu erlernen. Das können einfache Atemübungen, Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training sein. Wichtig ist, dass die Person die Technik als passend und wohltuend empfindet und gerne nutzt.
FAZIT
Die Herausforderungen im Umgang mit Social Media und der digitalen Parallelwelt kann ich in diesem Artikel nur anreißen. Auch soll nicht der Eindruck entstehen, digitale Medien seien per se problematisch. Für viele wirken WhatsApp-Gruppen verbindend – eine schöne Möglichkeit, auch räumlich entfernte soziale Kontakte zu pflegen, und somit eine gute Ergänzung (!) zum Leben in der nicht-digitalen Welt. Gleichzeitig zeigen die Beispiele aus der Praxis, dass soziale Medien für Jugendliche und junge Erwachsene erhebliche Belastungen mit sich bringen können: Der Druck zur ständigen Erreichbarkeit, die Verschmelzung von digitaler und realer Welt sowie die andauernde Konfrontation mit krisenhaften Inhalten tragen zu einer deutlichen Zunahme belastungsassoziierter Beschwerden bei. Therapeutisch kommt es darauf an, auf einen bewussten, reflektierten sowie selbstbestimmten Umgang mit der digitalen Präsenz hinzuarbeiten. Die Challenge scheint zu sein, kein Doppelleben zu führen, sondern digitale und nicht-digitale Welt sinnvoll miteinander zu verbinden.
LITERATUR
(1) Pronova BKK: Arbeiten 2023. Ergebnisse einer Befragung von Arbeitnehmern. pronovabkk.de (abgerufen: Sep 2025)
(2) Koletzko B: Kindergesundheitsbericht 2023, Fokus Jugendliche in Deutschland. Stiftung Kindergesundheit 2023
(3) Albert M et al.: Jugend 2024 – 19. Shell-Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Beltz Verlag, 2024
(4) Müller S: Wir verlieren unsere Kinder. Gewalt, Missbrauch, Rassismus – Der verstörende Alltag im Klassen-Chat. Droemer HC, 2023
(5) 7 Reasons Why Virtual Relationships Are Not As Bad As You Think. Ditch The Label. ditchthelabel.org (abgerufen: Sep 2025)
(6) Marjanov J: Verwüstung auf Schultoiletten – Ist eine TikTok-Challenge daran Schuld? Schwäbische. schwaebische.de (abgerufen: Sep 2025)
(7) Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e. V. et al.: S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen. AWMF e. V. awmf.org (abgerufen: Dez 2025)
(8) Eichenberg C: Social-Media-Sucht – Bindungsqualität und Mentalisierungsfähigkeit.
Deutsches Ärzteblatt. aerzteblatt.de (abgerufen: Sep 2025)
(9) Tullett-Prado D et al.: Conceptualising social media addiction – A longitudinal network analysis of social media addiction symptoms and their relationships with psychological distress in a community sample of adults. BMC Psychiatry 13 July 2023; 23 (1): 509.
