
FALLSTUDIE AUS DER TIERHEILKUNDLICHEN PRAXIS
Der Selle-Français-Wallach Marengo (21 J.) wird mir vorgestellt, weil er seit mehreren Wochen massive Schwierigkeiten hat, sich zum Schlafen abzulegen. Altersbedingte muskuläre Veränderungen, Stallwechsel und neue Umgebung führen dazu, dass er das notwendige Tiefschlafverhalten weitgehend einstellt. In der Folge entwickelt er eine Pseudonarkolepsie: Er „sackt“ im Stehen weg, verliert den Halt und verletzt sich dabei wiederholt. Sichtbar sind eine aufgeschlagene Unterlippe, Hautabschürfungen an Fessel- sowie Karpalgelenken, Prellungen im Bereich von Kopf und Hüfthöckern.
ANAMNESE UND VORGESCHICHTE
Marengo wohnt seit ein paar Monaten im neuen Stall. Trotz guter Betreuung sowie ruhiger Atmosphäre findet er in der veränderten Umgebung keine Sicherheit, um sich abzulegen. Seine Besitzer haben bereits verschiedene Maßnahmen ergriffen: eine andere Box, weichere Einstreu und Boxenmatten. Keine Anpassung brachte die erhoffte Entspannung oder eine Verbesserung des Schlafverhaltens. Die Besitzer sind besorgt, da Marengo körperlich und mental erschöpft wirkt.
BEFUND UND DIAGNOSE
Ich stelle während meiner Erstbehandlung eine ausgeprägte fasziale Spannung entlang der großen Muskelketten fest, v. a. im thorakolumbalen Übergang und im Beckenbereich. Die Bewegungsqualität ist reduziert, die Atmung flach, die Mimik wirkt müde und angestrengt. Es liegt eine Kombination aus faszialer Restriktion, energetischer Dysbalance und emotionaler Unsicherheit vor.
Ganzheitlich diagnostiziert, zeichnet sich folgendes Bild ab: Die funktionellen faszialen Einschränkungen verringern Marengos Bereitschaft, sich abzulegen. Das natürliche Ruhe- und Schlafverhalten wird behindert, was die Pseudonarkolepsie als sekundäre Erkrankung begünstigt.
THERAPIE UND VERLAUF
Die Behandlung erfolgt multimodal: Ich führe eine fasziale osteopathische Therapie mit Fokus auf Öffnen der Fasziengürtel durch. Diese Techniken lösen die tiefsitzenden Spannungsmuster und ermöglichen eine freiere Atembewegung sowie verbesserte Beckenmobilität – Voraussetzungen für entspanntes Hinlegen und Aufstehen.
Auch setze ich Akupunktur ein. Die Kombi „Die Vier Tore“ (Di4, Le3) dient der energetischen Öffnung und Harmonisierung. Unterstützend werden MP21 sowie abwechselnd Ma36, MP3, LG4 und LG20 behandelt, um den Muskeltonus zu balancieren sowie Erdung, Stabilität und mentale Klarheit zu fördern. Die Sitzungen finden in der ersten Woche täglich statt, um den Wallach möglichst schnell aus seinem Erschöpfungszustand herauszuführen.
Nach der zweiten Behandlung zeigt er erste Anzeichen tieferer Entspannung. Sein Blick wird weich, und er gähnt während der Akupunktur, was als Signal für fasziale und energetische Entlastung gedeutet werden kann.
STATUS QUO UND AUSBLICK
Nach nur drei Tagen legt sich Marengo wieder freiwillig und vollständig ab, um eine Tiefschlafphase einzuläuten. Seine Pseudonarkolepsie-Episoden verschwinden, die frischen Verletzungen können abheilen, seine Verfassung stabilisiert sich. Die Abstände zwischen den Behandlungen kann ich schnell auf drei Tage vergrößern. Im Verlauf reicht eine Kombi aus gezielten osteopathischen Nachbehandlungen und punktuell eingesetzter Akupunktur im zwei- bis vierwöchigen Rhythmus, um den Behandlungserfolg zu festigen.
FAZIT
Die Fallstudie zeigt, wie feinfühlig Pferde auf Veränderungen reagieren, und wie wichtig es ist, körperliche, energetische und emotionale Faktoren gleichermaßen zu berücksichtigen. Durch die Verbindung faszialer Osteopathie mit Akupunktur konnte Marengo innerhalb kürzester Zeit wieder in sein natürliches Schlafverhalten zurückfinden.


