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Erstellt:7. September 2026

Wege aus der Einsamkeit

Psychotherapie9 Minuten

EINE UNTERSCHÄTZTE HERAUSFORDERUNG UNSERER ZEIT

Während Einsamkeit früher ein positiv konnotiertes Thema in Philosophie sowie Theologie war, ist sie im 20. Jahrhundert unter dem Einfluss von Soziologie, Psychologie und anderer Disziplinen zu etwas ausgesprochen Negativem geworden. Insbesondere während der „COVID-19-Pandemie“ war für viele Menschen erlebbar, wie stark sie auf soziale Kontakte angewiesen sind, und wie schmerzhaft es sein kann, wenn die Verbundenheit mit anderen eingeschränkt wird oder gar verloren geht. 

AUSLEGUNG

Einsamkeit ist nach heute gültiger Definition die Folge einer subjektiv wahrgenommenen Diskrepanz zwischen tatsächlichen und erwünschten Beziehungen. Sich einsam zu fühlen, ist ein schmerzhaft empfundenes Erleben, da das Bedürfnis nach sozialer Bindung quantitativ oder qualitativ nicht erfüllt ist. Auch wenn im alltäglichen Sprachgebrauch Einsamkeit oft synonym mit „Alleinsein“ verstanden wird, muss zwischen beiden Begriffen unterschieden werden: Während Einsamkeit das subjektive Gefühl betrifft, ist Alleinsein ein objektiver Zustand, welcher nicht zwingend mit Einsamkeit einhergehen muss, aber kann. 

URSACHEN

Vielfach herrscht in unserer Gesellschaft noch immer der Eindruck, Einsamkeit sei etwas, dem allein individuelle Ursachen zugrunde lägen. So sehen sich vereinsamte Menschen oft mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien selbst schuld an ihrer Not und müssten nur die vielen Möglichkeiten nutzen, welche die Gesellschaft ihnen bietet. Dann müssten sie sich nicht mehr einsam fühlen. Die Forschung zeigt jedoch, dass dies nicht der Realität entspricht. Tatsächlich tragen verschiedene Faktoren zur Einsamkeit bei. 

Alter, sexuelle Orientierung und Identität

Zu den Gründen, die dem Individuum zugeschrieben werden können, gehört das Alter – mit zwei Häufigkeitsgipfeln, wenn es um die Entstehung von Einsamkeit geht: Der eine markiert das hohe Alter. Hier ist der Kreis der Gleichaltrigen zusammengeschrumpft, Partner sind verstorben, körperliche Einschränkungen erschweren die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, und die betroffenen Personen werden mit der Endlichkeit ihres Lebens konfrontiert. Doch wird nicht jeder Mensch mit zunehmendem Alter automatisch einsamer. 

Der nächste Häufigkeitsgipfel findet sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit spezifischen, oft zu Einsamkeitsgefühlen führenden Problemen konfrontiert sind: Sie verlassen den Sicherheit vermittelnden Rahmen der Schule und des Elternhauses, treten in eine neue Lebensphase ein, die unbekannte Herausforderungen mit sich bringt, und sehen sich angesichts globaler politischer, ökonomischer und ökologischer Krisen mit großer Verunsicherung konfrontiert. 

Eine weitere Ursache für die Entstehung individueller Einsamkeitsgefühle sind von der Mehrheitsgesellschaft abweichende sexuelle Orientierungen (z. B. Homo-, Bi- und Asexualität) und Geschlechtsidentitäten (z. B. Trans-Identität, Genderfluidität). 

Zwischenmenschliches und Gesellschaft

Trennungen, Tod, Fehlen eines tragenden Beziehungsnetzes sowie gesellschaftliche Aspekte spielen bei der Entstehung von Einsamkeitsgefühlen wesentliche Rollen. Gerade der von Komplexität, Anonymität, geringerer Solidarität, sozialem Ungleichgewicht und unausgewogener Medienberichterstattung (Einsamkeit als „Monster“ vs. indirekte Schuldzuweisung an die Betroffenen) gekennzeichnete Charakter unserer heutigen Gesellschaft bildet häufig den Rahmen, der Menschen in eine Einsamkeit treibt. Schließlich hat die Pandemie erkennbar werden lassen, dass bei der Entstehung von Einsamkeitsgefühlen globale Ursachen zu berücksichtigen sind. 

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AUSWIRKUNGEN

Psychische Folgen

Eine der häufigsten Auswirkungen von Einsamkeitsgefühlen sind Depressionen. Keine befriedigenden sozialen Kontakte zu haben und daran zu leiden, dass man sich von der Umgebung nicht wertgeschätzt fühlt, führt zu einer gedrückten Stimmungslage und Selbstzweifeln, was aus diesen Gefühlen heraus weiteren Rückzug bedingt. Kommt die Meinung der Umgebung hinzu, die sich einsam fühlende Person sei selbst dafür verantwortlich, erfolgen Scham- und Schuldgefühle, wodurch sich jene Depression verstärken kann. Viele vereinsamte Menschen berichten von erheblichem Verheimlichungsstress, da sie sich schämen. Weitere Folgen können Suchtentwicklungen und Ausweichen auf virtuelle Kontakte sein. Die Verzweiflung vereinsamter Menschen kann bis zur Suizidalität führen. 

Psychosomatische Folgen

Unsere Forschung belegt, dass lang andauernde Einsamkeit zur deutlichen Steigerung von Morbidität und von Mortalität führt: Wer sich einsam fühlt, wird häufiger krank und stirbt deutlich früher. Die Resultate dieser Untersuchungen zeigen, wie wichtig soziale Kontakte für uns Menschen sind und dass anhaltende Einsamkeit erhebliche gesundheitliche Schäden zur Folge hat. Der durch Einsamkeitsgefühle bedingte Stress führt dazu, dass Menschen schlechter schlafen und weniger Erholung haben. Eine ungesündere Ernährung, geringere Bewegung und der Konsum von Alkohol und Nikotin tragen ihren Teil dazu bei. Darüber hinaus leiden Betroffene häufiger unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einem geschwächten Immunsystem und verminderter Lebensqualität. 

Soziale Folgen

Ein Resultat lang andauernder Einsamkeitsgefühle kann ein sozialer Abstieg sein. In diesem Zusammenhang ist es Armut mit ihren Folgeerscheinungen (Wohnungslosigkeit, Nicht-Teilhabe an sozialen und kulturellen Angeboten, Diskriminierung etc.), Migration sowie chronische psychische und körperliche Erkrankungen, die oft ursächlich für einen sozialen Abstieg sind. Betroffene sind dann nicht mehr in der Lage, ihr Leben in gewohnter Art weiterzuführen, und geraten immer tiefer in soziale Schwierigkeiten hinein. 

UMGANG MIT EINSAMKEIT

Trotz der beschriebenen, z. T. schwerwiegenden psychischen, körperlichen und sozialen Folgen stehen wir Einsamkeitsgefühlen nicht machtlos gegenüber. In der Praxis helfen in vielen Fällen bereits aktives Zuhören, wahrnehmende Wertschätzung und aufklärende Gespräche. 

Bewusstwerdung

Bei der Frage, was die unter Einsamkeitsgefühlen Leidenden selbst tun können, ist zu bedenken, dass es in unserer Gesellschaft viele Wege gibt, über die soziale Kontakte aufgebaut und unterhalten werden können. Um diese Angebote nutzen zu können, ist es essenziell, dass die Betroffenen sich ihrer Einsamkeitsgefühle bewusst werden. Oft besteht bei ihnen in Bezug auf ihre Befindlichkeit nur ein „diffuses“ negatives Gefühl. Erst, wenn sie sich darüber klar geworden sind, dass es um Einsamkeit geht, können sie sich Gedanken darüber machen, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen, sie abbauen und in Zukunft sogar vermeiden können. 

Hilfe von außen

Manche Betroffene sind anfangs nicht in der Lage, aus sich heraus Aktivität zu entwickeln, um Kontaktangebote zu nutzen. In diesem Fall können Bezugspersonen etwa mit „Zeit- Geschenken“ wichtige Unterstützung bieten, indem sie der einsamen Person Gesellschaft, Gespräche, einen Spaziergang oder ein gemeinsames Essen widmen. Helfer können Angehörige und Freunde auch sein, wenn es um die Suche nach Möglichkeiten für „Aktivitäten“ (z. B. Kurse, Beteiligung an Sport- und Aktivitätsgruppen) geht. Wichtig ist, dass die unter Einsamkeit leidende Person nicht bevormundet wird, sondern dass man ihre Eigeninitiative fördert und sie langsam wieder ihre eigenen Kräfte und Kompetenzen entdecken kann. 

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NUTZUNG VON ANGEBOTEN

Wir befinden uns in einer sehr privilegierten Situation, wenn es darum geht, sich über existierende Möglichkeiten zu informieren: Die Eingabe entsprechender Stichworte in Suchmaschinen des Internets führt innerhalb kurzer Zeit zu mannigfachen Ergebnissen. 

Bei den Angeboten staatlicher, kirchlicher und privater Träger unterscheiden wir zwischen Bring- und Hol-Angeboten: Erstere haben den Vorteil, dass die Person ihre gewohnte, Sicherheit vermittelnde Umgebung nicht verlassen muss (z. B. Lieferung von Mahlzeiten, Haushalts- und Administrationsassistenz). Bei Letzteren muss man in der Verfassung sein, sich selbst oder mithilfe einer anderen Person an den Ort des Geschehens zu begeben (z. B. Bildungs- und Informationsveranstaltungen, Aktivitätsgruppen, Vernetzungsangebote). Das gemeinsame Planen oder Wahrnehmen solcher Angebote kann Hürden und Hemmnisse abbauen und bietet den Vorteil, dass Betroffene sich „aufraffen“ müssen und in die Aktivität kommen. 

WISSENSERWERB UND -AUSTAUSCH

Da am Ursprung von Einsamkeitsgefühlen das Erleben einer Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich bestehenden sozialen Kontakten steht, ist zur Überwindung dieser Gefühle v. a. die Nutzung der sozialen Netzwerke im eigenen Lebensumfeld sowie die enorme Zahl an Selbsthilfegruppen von Bedeutung. Diese haben die Relevanz, dass dort Menschen zusammenkommen, die unter gleichen oder ähnlichen Problemen leiden und Auswege aus der Not suchen. Dabei können die Teilnehmer Solidarität erfahren und am Beispiel der anderen erleben, wie diese damit umgehen. Populärwissenschaftliche Literatur oder Biografien können hilfreich sein. Etwas über die eigenen Gefühle und Konflikte zu lesen und zu erfahren, was darüber bekannt ist und wie andere Personen damit umgehen, führt zu einer Distanz zu den eigenen Problemen, was einen konstruktiveren Umgang damit ermöglicht. Noch effektiver ist es, solche Literatur mit Vertrauten zu diskutieren, da das Gespräch einen weiteren Schritt aus der Einsamkeit bedeutet. Bei Veröffentlichungen, die „einfache Wege“ propagieren, sollte man skeptisch bleiben. 

UNTERSTÜTZUNG DURCH HAUSTIERE

Sollte die Problematik noch nicht fortgeschritten sein, hat sich das Halten eines Haustiers bewährt. Hierdurch können mehrere Ziele erreicht werden: Die unter Einsamkeit leidende Person hat ein Lebewesen in unmittelbarer Nähe, für das sie sorgen muss. Das kann sinnstiftend sein und den Abbau von Einsamkeitsgefühlen fördern. Je nach Art des Tiers kann es zum intensiven taktilen Kontakt kommen, was nachweislich positive Effekte mit sich bringt. Hundehalter müssen ihren Begleiter regelmäßig ausführen und bewegen sich so mehr, treffen beim Spaziergang andere Menschen und kommen leichter in zwanglosen Kontakt. 

Wichtiger Hinweis: Sind die Einsamkeitsgefühle schwerwiegend oder liegt bereits eine Depression vor, sollte im Einzelfall entschieden werden, ob die Anschaffung eines Haustiers im Sinne des Tierwohls, v. a. bei alleiniger Überlassung, gerechtfertigt werden kann. 

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BERATUNGS- UND THERAPIEANGEBOTE

Nicht zuletzt sollten Betroffene je nach Schwere ihrer Einsamkeitsgefühle professionelle Hilfe in Form von Psychologischer Beratung oder Psychotherapie in Anspruch nehmen. Leider besteht in unserer Gesellschaft noch vielfach die Vorstellung, dass dies ein Zeichen von Schwäche sei. Tatsächlich ist die Auseinandersetzung mit den Ursachen von Einsamkeitsgefühlen und die Suche nach Lösungsmöglichkeiten im Rahmen einer Beratung/Therapie ein Akt der Selbstfürsorge. 

BASISZIEL VON BERATUNG UND THERAPIE

Unabhängig aller Methoden geht es bei der Beratung oder Behandlung vereinsamter Menschen immer zuerst darum, Schamgefühle abzubauen – damit sie sich frei über ihr Erleben äußern können. Erst im zweiten Schritt gilt es, mit den Betroffenen individuelle Ursachen zu eruieren und Verflechtungen innerhalb ihres Lebensumfelds zu klären. Wichtig ist, größere Handlungsspielräume zu schaffen, die es vereinsamten Menschen erlauben, die in der Beratung bzw. Therapie erarbeiteten individuellen Bewältigungsstrategien im Alltag ein- und nachhaltig umzusetzen. 

FAZIT

Einsamkeit ist ein Problem, das uns alle in irgendeiner Weise und an irgendeinem Punkt unseres Lebens beschäftigt. Es gibt Gruppen von Menschen, die besonders vulnerabel sind, und gesellschaftliche Umstände, die wesentlich zur Entstehung von Einsamkeit mit all ihren unheilvollen psychischen, körperlichen und sozialen Folgen beitragen. Wir stehen diesen Entwicklungen aber nicht ohnmächtig gegenüber, sondern haben eine Fülle von Möglichkeiten, die uns Auswege aus der Einsamkeit eröffnen. Oft können einsame Menschen die dazu nötigen Schritte aber nicht allein gehen. Hier ist die tatkräftige Unterstützung von Angehörigen und nahestehenden Bezugspersonen notwendig. Nicht zuletzt bieten Beratungsund Therapieangebote mit ihren mannigfaltigen „Ansätzen“ die Möglichkeit, mehr Selbstmitgefühl, Selbstfürsorge sowie Bewältigungsstrategien zu erlernen, sodass Einsamkeitsgefühle ihr schmerzliches Gewicht verlieren können. 

BUCH-TIPP Udo Rauchfleisch: Einsamkeit – Die Herausforderung unserer Zeit. Patmos Verlag

PROF. EMER. DR. RER. NAT. UDO RAUCHFLEISCH

Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapeut mit Praxis in Basel, Preisträger der Dr. Margit Egnér-Stiftung

udo.rauchfleisch@unibas.ch

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