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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 1/2020

Osteopathie kann Reflux-Babys helfen

Cover

Das Thema „Postprandialer Reflux bei Kindern nach Geburt aus Sectio cesarea oder Vacuumextraktion und dessen osteopathische Behandlung“ habe ich im Rahmen meiner Abschlussprüfung behandelt. Im Folgenden ist die Thematik vereinfacht und gekürzt dargestellt.

Einführung

Immer wieder leiden Säuglinge unter vermehrtem Reflux (Spucken bis hin zum Erbrechen, Aufstoßen, Schluckauf), Verdauungsstörungen, allgemeiner Unruhe und Unwohlsein. Typischerweise verstärken sich diese Symptome ca. 3-8 Wochen nach der Geburt. Schildern die Eltern massives Erbrechen nach den Mahlzeiten mit großer Unruhe und schmerzverzerrtem Gesicht, kann das auf eine Pylorusstenose hinweisen! In den meisten Fällen wird keine Ursache gefunden und die Diagnose „Frühkindlicher Reflux“ gestellt. Viele Familien finden sich schließlich nach dem Motto „Speikind – Gedeihkind“ mit dieser Situation ab, andere jedoch suchen einen Osteopathen auf, um Hilfe zu erhalten.

Die Anzahl der Säuglinge, die in meiner Praxis mit den entsprechenden Symptomen vorstellig werden, ist in letzter Zeit deutlich angestiegen. Die meisten dieser Kinder kamen per Kaiserschnitt, durch Saugglocke oder Zange zur Welt. In diesem Artikel stelle ich aus osteopathischer Sicht vor, welche Veränderungen eine Schnittentbindung oder vaginal-operative Geburt im kindlichen Gewebe erzeugen kann, und demonstriere anhand einer kleinen Patientin eine Behandlungsserie.

Relevante anatomische Strukturen

Für den Osteopathen sind mit Blick auf die Symptomatik folgende Strukturen wichtig:

  • Viszeral
  • Mund-Rachen-Raum
  • Ösophagus
  • Cardia
  • Magen

Nerval
Der Nervus vagus (X. Hirnnerv) tritt durch das Foramen jugulare und führt bis in die Brusthöhle. Klassischerweise tritt ein erhöhter Reflux mit Spucken bei einer Störung des N. vagus direkt oder kurz nach einer Mahlzeit auf.

Der Nervus phrenicus (entspringt zwischen C3 und C5) dient der nervalen Versorgung des Diaphragmas. Typisch ist hier, wenn Säuglinge zwischen oder längere Zeit nach den Mahlzeiten spucken und vermehrt Schluckauf haben.

Faszial
Alle Strukturen im Körper sind mit einem bindegewebigen, netzartigen Geflecht umgeben, das u.a. für Körperform und -spannung verantwortlich ist. Hier sind die Gurtungsbahnen nach Myers zu beachten (Anatomy Trains, Elsevier GmbH, 2. Aufl.). Für den Reflux bei Babys sind besonders relevant:

Die oberflächliche Rückenlinie zieht von der Plantarfaszie über die Körperrückseite bis über das Os occipitale und endet am Os frontale.

Die oberflächliche Frontallinie zieht von den Zeh-Extensoren über die Körpervorderseite bis zur Kopfschwarte und stellt den Gegenspieler zur oberflächlichen Rückenlinie dar. Bei Babys ist dies insofern wichtig, da ein physiologischer Ausgleich zwischen beiden Gurtungsbahnen eine gute motorische Entwicklung in Richtung Vierfüßler, Krabbeln und Laufen ermöglicht.

Die tiefe anteriore Gurtungsbahn spielt für die Stützfunktion des Körpers eine entscheidende Rolle. In der osteopathischen Arbeit ist sie als Kernfaszie von großer Bedeutung.

Gerade bei Reflux zeigen sich in diesen Bereichen häufig starke Spannungen und Verklebungen mit Festigkeiten.

Strukturelle und funktionelle Diaphragmen

Ein Diaphragma ist eine querverlaufende Struktur, die bestimmte Körperregionen voneinander trennt oder miteinander verbindet. Ein Beispiel ist das Zwerchfell.

Besondere Geburtsmodi aus osteopathischer Sicht

Sectio cesarea
Die „Bauchgeburt“ erfolgt durch einen kleinen Querschnitt in der Bikinizone der Mutter. Nach dem Eröffnen von Uterus und Fruchtblase wird das Kind gefasst und, je nach kindlicher Position, an Köpfchen, Po oder Beinen herausgezogen. Liegt das Kind schon sehr tief, sind große Hebelbewegungen und Zugkräfte erforderlich, um das bereits im kleinen Becken der Mutter befindliche Köpfchen hervorzuholen. Bis das Kind komplett geboren ist, wirken atypische Kräfte auf seinen Körper, speziell Wirbelsäule und Köpfchen. Neben diesen manchmal regelrecht gewalttätigen und für das Kind völlig überraschenden Entbindungen ist der Aspekt, dass sich das Baby aufgrund fehlender Zeit nicht mehr optimal in das Becken der Mutter in Richtung Geburtskanal eindrehen konnte, wichtig. Verschiedene Reflexe werden nicht ausgelöst (z.B. der tonische Labyrinth-Reflex und der spinale Galant-Reflex).

Vakuum-Extraktion
Die Saugglocke wird eingesetzt, wenn das Kind schon tief in das Becken der Mutter gerutscht ist, aber nun zügig auf die Welt geholt werden muss. Hier setzt der Arzt einen kleinen rundlichen Trichter an den Schädelkalotten links oder rechts an (meist im Bereich des postero-lateralen Os parietale) und zieht, sobald der Unterdruck aufgebaut ist, das Kind mit Hilfe der Wehen heraus. Zusätzlich wird häufig der Kristeller-Handgriff angewendet, mit dem das Kind durch kraftvollen Druck
auf den Oberbauch der Mutter hinausgepresst wird. Bei diesen Vorgängen wirken heftige Zugkräfte auf HWS und Köpfchen.

Forceps-Entbindung
Bei der nur noch seltenen Zangengeburt wird der kindliche Schädel im Geburtskanal mit zwei flachen Löffeln lateral der Ossa temporale und Ossa parietale gefasst und herausgezogen. Die Folgen können dieselben sein wie bei der Saugglockengeburt.

Zusammenhang zwischen Reflux und den speziellen Geburtsmodi

Ein Kind, das durch operative Entbindung oder prolongierte Spontangeburt (evtl. mit Kristeller-Unterstützung) auf die Welt kommt, hat nicht die Möglichkeit, die frühkindlichen Reflexe auszulösen. Um dem Drang des noch nicht vollbrachten Reflexes nachzugeben, versucht es nun post partum, die entsprechende Körperposition einzunehmen. Klassisch beobachtet man dabei eine starke Überstreckungstendenz, v.a. im Bereich der OAA (Occiput-Atlas-Axis). Die Extension zieht sich über die gesamte Wirbelsäule weiter nach caudal bis zum Sacrum. Daher gelingt es oft nicht, das Kind in eine „runde“ Position zu bringen, z.B. es in ein Tragetuch oder eine Tragehilfe hineinzusetzen, da hier eine aktive Dehnung aufgebracht werden müsste. Der Säugling überstreckt noch weiter nach hinten, wenn er schreit.

Die veränderten faszialen Züge wirken auf das Zwerchfell und setzen dieses unter starke Spannung. Kinder mit Reflux leiden oft unter häufigem und langanhaltendem, teils unangenehmem Schluckauf, schmerzhaftem Aufstoßen, Spucken bis hin zu Erbrechen. Auch der Nervus vagus steht unter Zug. Zudem zeigen sie häufig an den Suturen, v.a. im Bereich der Ossa temporale und der Schädelbasis, eine erhöhte Spannung. Entstanden einseitige cranielle Züge unter der Geburt oder ungleichmäßige Scherkräfte, findet man häufig nicht nur eine Extension in den oberen Kopfgelenken, sondern auch eine Lateralisierung der OAA.

Daraufhin kann das Kind eine Lieblingsseite entwickeln, was auf dieser Seite eine beginnende Abflachung des Hinterkopfes nach sich ziehen kann. Auch diese Haltung begünstigt das Weiterleiten der abnormen Faszienzüge in Richtung Oberkörper, Rumpf und Becken.

Osteopathische Behandlung

Wird ein Refluxkind vorstellig, gilt es zu Beginn, in einer gründlichen Anamnese Informationen einzuholen über Schwangerschaft, Lage des Kindes vor und unter der Geburt (Sternengucker, Beckenendlage etc.), Geburtsverlauf, v.a. den Geburtsmodus inkl. Dauer und erforderlicher Maßnahmen (Kristeller, Dammschnitt o.ä.), Wochenbett und Ernährung plus ggf. Probleme beim Stillen/Füttern. Sowie über Beginn, Art, Menge und Zeitpunkt des Spuckens (direkt nach den Mahlzeiten oder zeitlich versetzt).

Anschließend erfolgen die osteopathische Untersuchung und Therapie des Säuglings. Im Folgenden schildere ich meine Behandlungsansätze an einem Beispiel aus der Praxis.

Fallbeispiel

Vorstellig wurde die kleine Paulina 5 Wochen pp. nach einer traumatischen sekundären Sectio cesarea wegen Geburtsstillstand in der Austreibungsphase mit pathologischem CTG. Die Mutter berichtete über große Hektik im OP und eine schwierige Entwicklung ihrer Tochter. Die Kleine zeigte Anpassungsstörungen und benötigte eine kurze intensivmedizinische Überwachung mit Sauerstoffgabe. Daher gestalteten sich das Bonding und das primäre Stillen schwierig. Erst nach ein paar Tagen konnte Paulina voll gestillt werden. Zuhause entwickelte das kleine Mädchen nach einer zunächst entspannten Zeit Reflux-Symptome. Direkt nach den Mahlzeiten sowie bis zu 30 Minuten danach spuckte sie regelmäßig kleinere Mengen, und die Nahrung lief aus dem Mund heraus. Dabei war das Kind immer unruhig. Es trank hastig an der Brust, hatte vermehrt Schluckauf und zeigte v.a. beim Schreien, aber auch im Schlaf eine Überstreckungstendenz der Wirbelsäule, speziell der HWS und der oberen Kopfgelenke. Der Kinderarzt hatte soweit alles abgeklärt: normale Gewichtszunahme, keine auffälligen oder behandlungsbedürftigen Befunde.

Im Anschluss an die gründliche Anamnese nahm ich vorsichtig Kontakt über die Fußsohlen von Paulina auf, erfühlte die fasziale Spannung und begann mit der osteopathischen Behandlung. Die kleine Dame zeigte mir sofort ihr Spannungsmuster der Überstreckung (s. Abb.). Über verschiedene indirekte Techniken löste ich dieses Muster auf. Kinder werden klassischerweise indirekt behandelt, da direkte Techniken, wie z.B. eine Dehnung, das noch empfindliche und nicht ausgereifte Gewebe verletzen können und dadurch die Entstehung neuer fehlerhafter Spannungsmuster ermöglichen.

Zum Teil arbeitete ich mit Paulina auf der Matte, zum Teil auf meinem Schoß, auch an der Brust der Mutter, sodass immer eine ruhige und entspannte Atmosphäre herrschte. Ich behandelte Zwerchfell, Verdauungstrakt, die Übergänge von BWS zu LWS sowie von HWS zu BWS, die oberen Halswirbel-/Kopfgelenke bis hin zum Schädel. Eine meiner Lieblingstechniken bei Säuglingen ist die Kieferkompression. Der Kiefer hat Verbindungen zur Schädelbasis (der SSB) und über die Rachenfaszien bis zu Cardia und Magen. Paulinas Kiefergelenke waren beidseits deutlich fest, die M. maseter, die infrahyoidale Muskulatur und der Mundboden standen unter Spannung. Die Schädelbasis lässt sich bei den Kleinen durch Kontakt auf Occiput und Frontale mit dem Fokus auf die SSB behandeln. Schließlich galt es, den Nervus vagus in seinem Verlauf zu entspannen und das Foramen jugulare zu öffnen. Um das kindliche System nicht zu überstrapazieren, wählte ich als Abschlusskontakt eine Technik, mit der ich die cranialen Membranen entspanne, indem ich mit meinen an den Handgelenken geschlossenen Händen beide Os parietale sanft nach caudal schiebe und dadurch den fehlenden Durchtritt durch den Geburtskanal simuliere.

Nach 2 Wochen kam die Mutter mit Paulina wieder und berichtete von einer Besserung
mit deutlich weniger Spucken. Da die Kleine während der Behandlung sehr entspannt war, bot ich ihr zum Abschluss einen lösenden Kontakt für die vermutlich noch vorhandenen frühkindlichen Reflexe an, die sie wegen der Kaiserschnittgeburt nicht auslösen konnte. Hierzu nahm ich ein Yoga-Kissen, legte das Kind vorsichtig mit dem Occiput darauf ab und hielt den gesamten Körper sicher in meinen Händen. Nun bot ich dem Mädchen an, den vermeintlichen Weg durch das Becken erneut zu gehen. Nach kurzer Unruhe und wildem Drehen des Kopfes wurde sie ruhiger und zeigte eine Extension in das Kissen. Ich führte sie vorsichtig über das Kissen entlang in Richtung Matte. Auch hier vollführte Paulina mehrmals kleine, fast kreisende Bewegungen mit ihrem Köpfchen und suchte regelrecht Kontakt zum Kissen. Meine am Nacken anliegende Hand unterstützte sie in ihrem Extensionsversuch. Als das Kind auf der Matte ankam, folgte ein schönes Unwinding des gesamten Körpers, bis es auf der linken Seite entspannt zum Liegen kam.

Mit der Mutter vereinbarte ich einen erneuten Telefonkontakt 5 Tagen später. Sie berichtete mir von einer enormen Besserung der Spucksymptomatik. Paulina überstreckt sich kaum noch und lässt sich gut ablegen. Zudem trinkt sie gut und hat weniger Schluckauf. Insgesamt ist sie deutlich entspannter, kann im Tragetuch gehalten werden und wirkt weniger schreckhaft.

Bei der Verlaufskontrolle 4 Wochen später zeigte sich ein zufriedenes, aufgewecktes und
neugieriges Mädchen mit guter Gewichtszunahme und beginnender Greifmotorik. Es war keine Reflux-Symptomatik mehr vorhanden, die ganze Familie war glücklich.

Fazit

Die kleine Paulina ist ein gutes Beispiel dafür, welchen dramatischen Einfluss eine Sectio cesarea auf die empfindlichen kindlichen Strukturen nehmen kann. Durch wenige osteopathische Behandlungen ist es jedoch möglich, die aufgetretenen Folgen, wie z.B. einen massiven Reflux, zu lindern und Heilung zu ermöglichen. Schließlich lässt sich darüber eine gesunde und ausgewogene Entwicklung des Kindes erzielen.

Svenja HöseSvenja Höse
Osteopathin (Spezialgebiet Kinderosteopathie), Heilpraktikerin und Fachkinderkrankenschwester in eigener Praxis in Mittelfranken

info@hp-obermichelbach.de

Foto: ©Dmitry Naumov / stock.adobe.com

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