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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 03/2024

Fallstudie aus der naturheilkundlichen Praxis

Cover

Schwindel nach Fahrradsturz

Patientin

Eine 43-jährige Frau mit Schwankschwindel, der mit Panikattacken, Übelkeit und Kreislaufproblemen einhergeht, kommt in die Praxis. Sie gibt an, vor 10 Tagen von ihrem E-Bike gestürzt zu sein, jedoch ist sie zu keiner Zeit bewusstlos gewesen. Ihr Mann brachte sie in die Notaufnahme des nahegelegenen Krankenhauses. Der Arzt diagnostizierte neben ein paar Prellungen und Abschürfungen ein Schleudertrauma, jedoch keine Gehirnerschütterung. Ihr Hausarzt, den sie 2 Tage später wegen starker Übelkeit und Schwindelgefühle aufsuchte, verordnete ihr Vomex.

Anamnese

Die Patientin, guter Allgemeinzustand, berichtet von einer 3 Monate zurückliegenden Coronainfektion. Seitdem sei sie immer noch angeschlagen und leide ständig unter Ohrendruck. Wenn der Schwindel plötzlich auftrete, müsse sie sich hinlegen, es kämen Übelkeit und Panikattacken dazu. Vor dem Fahrradsturz habe sie keine Probleme gehabt.

Der Blutdruck ist mit 137/83 im Normbereich, die Pulsfrequenz deutlich erhöht mit 117 Schlägen pro Minute. Die Frage, ob der Druckausgleich in den Ohren funktioniere (Valsalva-Manöver), wird verneint. Während des Gesprächs gibt die Dame auch ein inneres Hitzegefühl an.

Zungendiagnostik

Da mein Praxisschwerpunkt die TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) ist, ist der Blick auf die Zunge ein Muss: Diese macht einen vitalen, jedoch zittrigen Eindruck. Sie ist groß, sehr rot und flach. Ein Belag fehlt komplett, und es gibt einen deutlichen Mittelriss. Entsprechend der TCM-Syndromdiagnostik deutet dies auf Hitze bzw. toxische Hitze, einen Nieren-Yin- und einen Blut-Mangel hin (auch Blut ist eine Yin-Energie). Die Hitze als pathogener Faktor hat das Nieren-Yin geschädigt und ist, wahrscheinlich durch die Coronainfektion, im Körper zurückgeblieben. Eine Schädigung des Nieren-Funktionskreises kann zu Lähmungen, Tremor oder Schwindel führen. Außerdem ist der Unfall ein Schock bzw. ein Trauma, was das Qi zerstreut sowie Herz und Niere beeinträchtigen kann. Eine Störung im Herz-Funktionskreis kann Schlafstörungen und Panikattacken nach sich ziehen.

Therapiemaßnahmen

Da die Patientin bei der Anamnese über Übelkeit klagt, wende ich zuerst die Ohrakupunktur (nach Thews) an und nadle folgende druckschmerzhaften Punkte: Punkt 82 (Point Zero, Ausgleich zwischen Yin- und Yang-Energie, hat eine starke psychische Wirkung), Point Jerome (zur allgemeinen Entspannung), Punkt auf der Schwindellinie und den Shen Men als Verstärkerpunkt. Nach einer Viertelstunde geht es der Patientin besser.

Ich setze noch einige Nadeln aus der Körperakupunktur: LG 20 (Bai Hui, bringt Halt ins Leben, verbessert die Benommenheit), Ni 3 (Tai Xi, tonisiert das Nieren-Yin, wirkt kühlend), Pe 6 (Nei Guan, bei Erbrechen), He 7 (Shen Men, beruhigt den Geist, klärt das Herz und ergänzt Pe6), 3E17 (als Nahpunkt bei Ohrenerkrankungen), Mi 10 (Xue Hai, tonisiert das Blut, dadurch können die Organe befeuchtet und die Hitze gelindert werden), Bl 17 (Ge Shu, als Tonisierungspunkt für das Blut) und Bl 20 (Pi Shu, indiziert bei Störungen des Blutes).

Behandlungsverlauf

Nach 3 Tagen erfolgt die nächste Behandlung. Die Patientin erzählt, dass es ihr bis zum Vorabend besser gegangen sei und sie keine Schwindelattacke mehr gehabt habe. Jetzt jedoch gehe es wieder von vorne los. Ich nadle an den folgenden 3 Terminen, jeweils im Abstand von 3-4 Tagen, dieselben Punkte am Körper, lasse die Ohrakupunktur jedoch weg, weil die Dame das nicht mehr wollte. Die Schwindelanfälle treten nach dem dritten Termin nicht wieder auf.

Zum fünften Termin kommt die Patientin mit massiv verstopfter Nase und Ohren. Aufgrund der Hitzesymptomatik und der durchgemachten Coronaerkrankung empfehle ich eine Vitamin-C-Hochdosis-Infusion plus 3 Ampullen Ginkgo-Injeel als Zugabe in die Infusion, um den Schwindel zu verbessern. Vitamin C in der TCM wirkt kühlend und adstringierend. Damit kann die bestehende Hitze gekühlt und mit der adstringierenden Eigenschaft das Qi wieder gesammelt und gefestigt werden. Ginkgo in der TCM beruhigt den Geist, wirkt auf das Herz (Panikattacken) und hat gleichzeitig einen Bezug zu den Ohren. Auch wird Ginkgo in verschiedenen Zubereitungen gegen Schwindel eingesetzt. Die Menge Vitamin C in der Hochdosis-Infusion beträgt 7,5 g. Zum Vergleich: Der empfohlene Tagesbedarf an Vitamin C liegt bei etwa 100 mg.

Ausblick

Nur 2 Tage später ruft die Frau an, um mir mitzuteilen, dass die Beschwerden komplett vergangen seien, der Druckausgleich im Ohr funktioniere wieder. Ich nadle noch 2-mal im Wochenabstand, um das Ergebnis zu festigen. Seitdem kommt die Patientin immer mal wieder, wenn gesundheitliche Probleme auftreten.

Fazit

Ich hätte gerne noch eine Kräutermischung verordnet, um die Resthitze auszuleiten und das Blut weiter zu tonisieren, leider hat die Patientin dies abgelehnt. Dennoch hat die Vitamin-C-Hochdosis-Infusion zusammen mit dem Ginkgo einen wichtigen Beitrag zum Therapieerfolg geleistet. Die Ohrakupunktur (nach Thews) als Sofortmaßnahme hat wieder einmal gezeigt, wie vielseitig sie einsetzbar ist und wie schnell sie wirken kann.

Heike Kopietz
Heilpraktikerin
info@heilpraxis-kopietz.de

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