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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 03/2024

Unverständliches, Unverstandenes und Lektionen in Demut

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Die Klassische Homöopathie ist eine bemerkenswerte Disziplin, die unsere Kollegen aus der Schulmedizin mit mancherlei Unverständlichem konfrontiert. Wissen Sie noch, was die Loschmidt-Zahl von der Avogadro-Konstanten unterscheidet? Oder können Sie sich daran erinnern, wie wir versucht haben, das Ångström zu verstehen? Einst war diese Zahl Gegenstand einer Mediziner- oder Heilpraktiker-Prüfung, wenn man uns wirklich auf die Probe stellen wollte.

Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Diabetes mellitus und Diabetes insipidus? Das Repertorisieren der Klassischen Homöopathie kann selbst Störungen erfassen, die z.B. auf einem Mangel an ADH beruhen und das Symptom Polyurie erzeugen, auch wenn Adiuretin oder Antidiuretisches Hormon im Kent nicht vorkommen. Wir müssen nur wollen und uns die Zeit nehmen, um genau hinzuschauen. Aber genau daran mangelt es oft.

Ein Kollege, der Einzelmittel-Homöopathie betreibt, sagte mir, dass er für eine vollständige Repertorisation mit dem Kent zum Teil bis zu 6 Stunden brauche. Dass dafür bei den Krankenversicherungen unter der GOÄ-Nummer A806 nur ganze 70 Euro erstattet werden, das setzt ein hohes Maß an Liebe zur Homöopathie voraus. Und ohne die Hingabe, auf der so eine Liebe ruht, können wir sie sowieso nicht betreiben.

An dieser Stelle stoßen wir mit unserem Therapie-Angebot auch auf das recht skurrile Menschenbild der evidenzbasierten Medizin EBM. Haben Sie schon einmal versucht, einen Mitmenschen von einem anderen, komplementären Menschenbild zu überzeugen? Das geht fast gar nicht. Völlig unvoreingenommen kamen wir meist nur einmal zu einem Menschenbild, und zwar als wir das erste Mal über das Wesen des Menschen nachdachten. Aber wenn sich das Menschenbild verfestigt hat und wir schon wissen, was EBM bedeutet, dann ist diese Haltung der Unvoreingenommenheit kaum mehr möglich.

Wir haben uns also Gedanken gemacht und dann einen Punkt erreicht, an dem wir uns erleichtert zurückgelehnt und gedacht haben: So ist das also mit dem Menschen! Noch mal von vorne anfangen mit dem Nachdenken? Nein, lieber nicht. Zu komplex. Ansonsten verteidigen wir unsere Position gegen scheinbare Angriffe. Das ist zwar menschlich, leitet uns aber in eine Sackgasse hinein.

Der Mensch an sich ist, Achtung, überkomplex. Das bedeutet, es gibt so viele Seiten an uns, dass spontane Neuerungen entstehen können. Am Verstehen sind Neurologen, Psychologen, Philosophen, Theologen und andere beteiligt. Das Genie eines Wolfgang Amadeus Mozart wäre ja noch aus der Familie heraus zu erklären. Aber warum und zu welchem Zweck konnte Kim Peek 12000 Bücher Wort für Wort auswendig? Und wie viele Genies sind während der Steinzeit untergegangen, weil kein Mitmensch sie verstanden hat? Einstein, Bismarck, Bach und all die anderen, die werden ja nur noch in ihrem kulturellen Umfeld als Genies erkannt. Schon Piet Mondrian wird von vielen Zeitgenossen für einen Trottel gehalten, der nur Linien malen kann. Wer weiß, wer Stephen Wiltshire ist, der erst mit 9 Jahren anfing zu sprechen?

„Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der zerebralen Chemie – und wir geraten in eine andere Welt“, so beschreibt es der britische Neurologe und Schriftsteller Oliver Sacks. In eine andere Welt! Er hat nicht geschrieben „durcheinander“. Ich habe sein Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ mit viel Gewinn gelesen und empfehle es all meinen Studenten. Auch Ihnen. Dieses Buch lehrte mich Demut angesichts einer größeren, noch unverstandenen Sache. Und als ich mir diese Ausfälle genauer vorstellte, war ich voll des Staunens darüber, dass unser aller Gehirn diese Ausfälle nicht hat: Was es also ununterbrochen leistet, ohne dass wir das Geringste davon mitbekommen!

Auch die Endokrinologie konfrontiert uns mit allerlei unverständlichen Eigennamen, die ein sehr ausdifferenziertes Vokabular erfordern. Schon einmal von Panhypopituitarismus gehört? Die meisten Zeitgenossen werden schon vom Aussprechen ganz krank. Ja, schon gut, ich hör ja schon auf …

Thomas Schnura
Psychologe M.A., Heilpraktiker und Dozent
Thschnura@aol.com

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