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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 2/2011

Glosse: Die verschwundene Abonnenten-Datei

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… mal wieder Pletsch

© envfx - Fotolia.com„Was is´n los, Väterchen Frost?“, fragte mich Anke eines Morgens, als sie meine schlechte Laune nicht länger ertragen konnte. Mein berühmtes taoistisches Lächeln, Zeichen meiner geistigen Reife und inneren Ausgeglichenheit, hing wie spröder Schneereif an meinen Lippen. Der Tee, den ich den Redaktionsdamen in den letzten Tagen serviert hatte, war meist lauwarm und selbst Anke, die meine Marotten in unserer Teeküche bisher mit einem Glucksen kommentiert hat, hatte die Nase voll.

Ich seufzte und füllte den Wasserkocher, während Anke ihren Stuhl zurecht rückte. „Du weißt“, begann ich, „dass ich als Adept des Golfweges stets um eine innere Balance in konzentrierter Gelassenheit bemüht bin. Schritt für Schritt gehe ich meinen Weg in harmonischem Einklang mit dem Universum …“

Anke gähnte. „Und?“

„Na ja“, seufzte ich. „Seit die Chefin mir aufgetragen hat, die Abonnenten-Datei neu zu ordnen, ist alles futsch.“

„Wie kam sie darauf, dass du das machen könntest?“

„Ich hatte ihr mal erzählt, dass ich vor Jahren als Programmierer im Silicon Valley an fraktalen Datenbanken gearbeitet habe.“

„DU? Wann denn das? Hast du nie von erzählt!“

„Och“, sagte ich mit der mir angeborenen Bescheidenheit. „Das ist lange her …“

„Und jetzt?“ Anke wackelte neugierig auf ihrem Stuhl.

„Jetzt fehlt mir jegliche Zeit, weil ich Tag und Nacht Adressen schreibe. Außerdem sind ein paar Dinge passiert, die … äh … die Chefin nicht unbedingt wissen sollte …“

Anke stutze. „Was denn? Komm, sag schon: Was hast du angestellt?“

„Zuerst wollte ich die Abo-Kartei nach kosmischen Prinzipien ordnen, was im Urknall des Servers und vollkommenen Datenchaos endete. Also versuchte ich, mir die gewünschte Datei beim Universum zu bestellen.“

„Das müsste bei deiner legendären Vorstellungskraft sofort geklappt haben“. Anke lächelte spöttisch.

„Nein, leider nicht.“

„Nein? Hast du eine Idee, warum nicht?“

„Dazu musst du die Prinzipien universeller Ordnung kennen, die leider gewisse Fehler hat. Ich kann das gerne ausführen, falls du Zeit hast?“

„Fehler in der universellen Ordnung?“, murmelte Anke, „eigentlich habe ich keine Zeit, aber los – erzähl!“

„Na gut.“ Ich schenkte uns Tee ein, setzte mich und begann: „Du kennst bestimmt das Gesetz, nach dem man stets die Dinge anzieht, die man auf keinen Fall möchte.“

Anke nickte und dachte dabei an einen gewissen Typen, der sie ständig nervte.

„Also“, fuhr ich fort, „sollten wir unsere Wünsche exakt visualisieren. Doch auch dann klappt es nicht immer. Ich habe mir zum Beispiel einen Lottogewinn im Detail ausgemalt, aber nichts passierte.“

„Die falschen Zahlen?“, warf Anke ein.

„Quatsch, wie denn. Ich hab gar keinen Lottoschein ausgefüllt. Woher soll ich denn die Zahlen wissen, die das Universum wählt? Nein, ich wünschte mir nur einen Lottogewinn. Aber offensichtlich ist das Universum ein ähnlich unzuverlässiger Logistikpartner wie Post und Bahn.“

„Oh“, warf Anke ein, „da kenne ich die Lösung: Du darfst dir vom Universum nichts erbitten. Du musst dich für das Gewünschte so bedanken, als wenn du es bereits bekommen hättest. Dann liefert das Universum.“

Ich nickte. „Kenne ich. Klappt aber auch nicht immer. Ein Kumpel von mir wünschte sich für seine Tochter ein Pony. Er hoppelte wie die ‚Ritter der Kokosnuss‘ mit zwei Schlagstöcken klappernd durch den Garten, um dem Universum vorzuspielen, er würde bereits ein Pony besitzen. Am nächsten Tag bekam er eine Tierarztrechnung.“

„Dumm gelaufen.“

„Genau. Deshalb glaube ich, dass die universellen Gesetze Fehler haben.“

„Da stellt sich die Frage: Warum ist die Welt, wie sie ist? Was ist das Leben überhaupt? Ist das Leben eine – um Dr. Köhnlein zu zitieren – sexuell übertragbare Krankheit, die nach einer durchschnittlichen Dauer von 73 Jahren zum Tode führt?“

„Wow, Anke! Eine interessante Frage!“

„Na gut, aber die eigentliche Frage war: Wo ist die Abo-Datei?“

„Äh, die ist weg.“

„Wie, weg?“

„Na – verschwunden. Alle Daten sind weg.“

„Oh je, wie das?“

„Ich vermute, es waren Cybermarder. Da hat mich mein altes Karma eingeholt.“

„Cybermarder?“, quiekte Anke.

„Ja, digitale Mutationen, die durch Netzwerke kriechen und Daten fressen.“

„Habe ich noch nie von gehört.“

„Das wird auch extrem geheim gehalten. Datenverluste werden meist auf Fehlbedienung oder Viren geschoben, aber das hat man sich nur ausgedacht, um zu verhindern, dass Panik ausbricht.“

„Ähnlich wie bei Ufos?“

„Genau! Cybermarder kriechen durch die Internetverbindungen und fressen alles, was sie finden können. Jetzt haben sie unsere Abo- Datei zernagt.“

„Und damit glaubst du bei der Chefin durchzukommen?“

„Moderne Kommunikationsmethoden werden unter Naturheilkundlern nach wie vor kontrovers diskutiert. Da ist ein gesunder innerer Widerstand vorhanden, den wir beachten sollten. Deshalb wollte ich der Chefin vorschlagen, alle Abo-Adressen für die nächste Ausgabe mit der Hand zu schreiben. Damit kann ich sie davon ablenken, dass die Abonnenten-Datei gefressen wurde.“

„Aber das sind Tausende von Adressen!“

„Tja, deshalb sitze ich auch schon seit Wochen dran. Gottlob hatte ich mir die Adressliste ausgedruckt, bevor die Cybermarder zuschlugen.“

„Du schreibst alle Adressen mit der Hand ab?“ Anke rollte ihre Kulleraugen.

„Ja, mittlerweile habe ich eine Nervenentzündung im Arm.“

„Du Ärmster. Aber bis zur nächsten Ausgabe wirst du alles abgeschrieben haben?“

„Das ist eine Frage der Zeit, und Zeit ist sehr knapp, seit sie schwindet.“

„Wie? Die Zeit schwindet?“

„Na und ob! Oder hast du zu viel Zeit?“

„So gut wie nie. Wird die auch von Cybermardern gefressen?“

„So ähnlich. Zeit wird von den digitalen Zeitdieben aufgesaugt“.

„Aufgesaugt?“

„Na gut, ich erklär´s dir, aber das ist noch geheimer – wirklich oberabsolut geheim.“

„Okay …“ Anke schaute misstrauisch.

„Wusstest du, dass die gesamte digitale Revolution der frühen 1980er Jahre auf Silikon-Vampirismus basiert?“

„Sili – was? Das klingt ja gruselig.“

„Ist es auch. Noch bevor bekannt wurde, dass Wasser Informationen speichert (und somit programmiert werden kann, siehe Masaru Emotos Arbeiten), entdeckte ich die Problematik der Bewusstseinsübertragung auf Silikon. 1982, ich war damals ein kleiner Programmierer in Silicon Valley, schrieb ich in einem Positionspapier: ‚Alle Menschen bei uns im Valley sind ausgebrannt. Die Köpfe sind leer. Wo ist das erweiterte Bewusstsein der 70er Jahre hin?‘ Ich vermutete, dass bei der Computerentwicklung große Mengen Bewusstsein von Chips, Speicherplatten und Programmen aufgesaugt werden. Das heißt: Jede neue Software-Generation hinterlässt eine Horde ausgebrannter Programmierer-Köpfe.“

Anke zitterte, ich fuhr fort: „Mir war aber auch aufgefallen, dass immer mehr Zeit fehlt, je schneller die Computerprogramme werden. Die eingesparte Rechenzeit, vermutlich auch die aufgewandte Programmierzeit, wird offensichtlich vom Cyberspace aufgesaugt und bleibt verschwunden. Mittlerweile fehlt weltweit jede Menge Zeit, ganz real jeder Hausfrau, die nicht mehr weiß, wann sie noch einkaufen soll. ‚Silicon sucks’ war eine bekannte Redewendung im Valley, aber meine Veröffentlichungen über den ‚digitalen Momo-Effekt’ wurden von Fachmagazinen verspottet. Microsoft, der größte Zeitdieb der Welt, dementierte natürlich alles. Also zog ich mich ziemlich frustriert an die kanadische Pazifikküste zurück, um Cybermarder zu züchten. Die Cybermarder sollten das Internet von Zeitdieben sauber halten. Leider mutierten sie, wurden bösartig und begannen alles aufzufressen, worin man Zeit investiert hat. Jetzt habe ich den Datensalat.“

„Was nun? Soll ich dir helfen, die Adressen aus der Abonnenten-Datei abzuschreiben?“

Bevor ich antworten konnte, stürzte die Chefin in die Teeküche.

„Aha, hier steckt er. Hat mal wieder alle Zeit der Welt. Kurze Frage: Hattest du dich schon mit der Abo-Datei beschäftigt?“

„Ich … äh …“

„Dachte ich mir schon. Vermutlich hast du dir beim Universum gewünscht, dass das jemand für dich regelt?“

„Grmmff … gnn … äh …“

„Na, jedenfalls kannst du die ganze Sache vergessen“. Die Chefin war schon wieder im Abflug. „Ich hatte dir aus Versehen eine alte Datei zur Bearbeitung gegeben. Die kannst du löschen. Die aktuelle Abo-Datei wurde mit einer neuen Software bearbeitet, die unglaublich viel Zeit spart. Die Adressaufkleber sehen jetzt übrigens aus wie mit der Hand geschrieben. Kommt bei unseren Lesern irgendwie besser an, dachte ich … aber ich muss los, keine Zeit …“

Anke lag auf dem Boden. Besorgt legte ich ihr ein kühles Tuch auf die Stirn. „Das kommt davon, wenn man beim Lachen hyperventiliert“, dachte ich.

 

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